Semaglutid: Pfunde runter, Penis rauf?
GLP-1-Analoga beeinflussen nicht nur Gewicht und Stoffwechsel positiv, sondern auch die Sexualität. Doch die Effekte auf Libido und erektile Dysfunktion sind nicht einheitlich. Was ist belegt, was ist unklar?
GLP-1-Rezeptoragonisten wurden ursprünglich zur Behandlung von Typ-2-Diabetes entwickelt, haben sich jedoch längst als zentrale Säule der modernen Adipositas-Therapie entwickelt. Sie fördern die Gewichtsreduktion, verbessern die Insulinsensitivität, wirken antiinflammatorisch und senken das kardiovaskuläre Risiko. Genau diese vielfältigen Effekte beeinflussen auch Mechanismen, die für unsere sexuelle Funktion von zentraler Bedeutung sind – darunter den Hormonhaushalt, die Gefäßfunktion und die fein austarierte Regulation der Hypothalamus-Hypophysen-Achse.
Steigender Testosteron-Spiegel
Testosteron ist der wichtigste hormonelle Treiber der männlichen Libido. Sein Spiegel scheint sich unter GLP-1-RA zu normalisieren. Die bislang umfassendste Evidenz liefert eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse in Andrology. Forscher haben sieben klinische Studien mit insgesamt 680 übergewichtigen oder adipösen Männern, überwiegend mit Typ-2-Diabetes, ausgewertet. Ihr Ergebnis: Unter GLP-1-RA kam es zu einem signifikanten Anstieg des Gesamt-Testosterons und des freien Testosterons, begleitet von höheren Spiegeln des Sexualhormon-bindenden Globulins (SHBG), des luteinisierenden Hormons (LH) und follikelstimulierenden Hormons (FSH). Das Gewicht, der Body Mass Index (BMI), der Taillenumfang (TU) und der HbA1c-Wert gingen, wie zu erwarten, nach unten. Die Autoren fanden dabei eine negative Korrelation zwischen Gewichtsverlust und Testosteronanstieg: Je stärker die Gewichtsabnahme ausfiel, desto ausgeprägter war der hormonelle Effekt.
Ein direkter stimulierender Effekt auf Leydig-Zellen, sprich interstitielle Zellen der Hoden, lässt sich aus den Daten aber nicht ableiten. Vielmehr könnte es sich um eine „Entlastung“ der hormonellen Achse handeln – aufgrund einer niedrigeren Aromatase-Aktivität im Fettgewebe, weniger Entzündung und einer besseren Insulinsensitivität. Damit wäre der Testosteron-Anstieg keine primäre pharmakologische Wirkung von GLP-1-RA, sondern eine Folge anderer Mechanismen.
Erektile Dysfunktionen bessern sich
Weitere Publikationen befassen sich mit der erektilen Dysfunktion (ED). Sie zählt zu den häufigen, aber vielfach unterschätzten mikrovaskulären Komplikationen des Diabetes mellitus. Schätzungen zufolge sind bis zu drei von vier Männern mit Diabetes betroffen. Das Risiko steigt mit zunehmendem Alter und mit der Dauer der Erkrankung.
Eine in Andrology veröffentlichte retrospektive Kohortenstudie schloss Männer mit Typ-2-Diabetes und erektiler Dysfunktion ein, die entweder Metformin allein oder Metformin plus GLP-1-RA bekommen hatten. In der GLP-1-RA-Gruppe verbesserten sich sowohl der IIEF-5-Score als auch die Testosteronwerte signifikant, unabhängig von vielen Begleitfaktoren. Der IIEF-5-Score (International Index of Erectile Function) ist ein kurzer, standardisierter Fragebogen zur Beurteilung der erektilen Funktion. Auch hier gilt, dass die Studie keine Kausalität belegt. Wahrscheinlich spielen verbesserte Endothelfunktionen, der Gewichtsverlust, die bessere glykämische Kontrolle und der steigende Androgenspiegel zusammen. Damit sind GLP-1-RA keine spezifischen Therapeutika für Patienten mit erektiler Dysfunktion. Vielmehr wirken sie, so die Vermutung der Autoren, indirekt.
Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Übersichtsarbeit in Biomolecules: Die meisten experimentellen und klinischen Studien sprechen für einen positiven Effekt auf die erektile Funktion, vor allem bei Männern mit metabolischer Belastung. Nur deuten einzelne Berichte darauf hin, dass es unter GLP-1-RA auch zu Verschlechterungen der erektilen Dysfunktion kommen kann; die Gründe sind unklar.
Libido, Körperbild, Psyche – die weichen Faktoren
Ein Aspekt, der in Studien oft zu kurz kommt, ist die Libido. Daten aus Nutzerberichten zeigen, dass manche Anwender nach der Einnahme von GLP-1-RA eine Zunahme der Libido berichten (oft in Verbindung mit Gewichtsverlust und verbessertem Körperbild), während andere über eine Abnahme des sexuellen Verlangens klagen. Die Angaben wurden von verschiedenen sozialen Plattformen erhoben und ausgewertet.
GLP-1-RA wirken zentral im Gehirn auf Sättigung, Belohnung und Impulskontrolle. Eine explorative Analyselegt nahe, dass GLP-1-Analoga zentrale Belohnungs- und Motivationsnetzwerke beeinflussen können. Dass diese Signalwege auch sexuelles Verlangen modulieren, ist neurobiologisch plausibel, bislang aber kaum systematisch untersucht.
Widersprüchliche Effekte bei Frauen
Die Studien befassten sich vor allem mit Männern. Bislang gibt es kaum Evidenz zu möglichen Effekten GLP-1-basierter Therapien auf die weibliche Sexualität. Zwei Fallberichte zeigen, dass die Wirkstoffe auch negative Folgen haben können.
In Sexual Medicine berichten Ärzte von einer 71-jährige postmenopausalen Patientin. Bei ihr entwickelte sich kurz nach Beginn ihrer Behandlung mit Liraglutid und später mit Semaglutid eine Anorgasmie. Zuvor hatte sie ein erfülltes Sexualleben. Umfangreiche internistische, neurologische und gynäkologische Untersuchungen blieben ohne Befund. Der zeitliche Zusammenhang spricht dafür, dass GLP-1-RA die Probleme ausgelöst haben. Als mögliche Ursachen diskutieren die Autoren periphere Effekte auf die glatte Muskulatur und die genitale Durchblutung. Auch eine zentrale Wirkung im Hypothalamus, wo GLP-1-Rezeptoren an der Regulation von Dopamin- und Noradrenalin-Signalwegen sowie von Lust- und Belohnungsprozessen beteiligt sind, halten sie für möglich. Nach der Umstellung auf Tirzepatid sind die Beschwerden rasch abgeklungen.
Ein weiterer Fallbericht beschreibt eine 36-jährige Frau mit Adipositas Grad III, bei der es unter Tirzepatid zu einem deutlichen Rückgang der sexuellen Lust, vaginaler Trockenheit und Orgasmusstörungen gekommen ist. Auch hier besserten sich die Beschwerden nach Absetzen des Medikaments. Sie traten nach erneuter Gabe wieder auf. Diskutiert werden neben hormonellen und metabolischen Veränderungen insbesondere neuroendokrine und psychologische Faktoren, etwa Veränderungen der zentralen Belohnungsverarbeitung, Stressreaktionen oder indirekte Effekte rascher Gewichtsveränderungen.
Die Sexualität bei GLP-RA ansprechen
Damit bleibt als Fazit: Semaglutid und andere GLP-1-RA bzw. duale Agonisten wirken sich auf die Sexualität aus – meist, aber nicht immer positiv. Die Datenlage spricht vor allem bei Männern mit Adipositas und metabolischen Störungen für Verbesserungen des Testosteronspiegels und der erektilen Funktion, überwiegend als Folge von Gewichtsverlust und optimierter Stoffwechsellage. Bei Frauen wiederum deuten Fallberichte auf mögliche Probleme hin. Es lohnt sich, bei den Therapien das Thema Sexualität aktiv anzusprechen, realistische Erwartungen zu vermitteln und bei anhaltenden Beschwerden differenziert nach hormonellen, medikamentösen und psychosozialen Ursachen zu suchen, aber auch an Effekte der Therapie zu denken.

