Wundheilung: Kuscheln kuriert

Zärtlichkeit tut nicht nur der Seele gut: Körperliche Nähe kann Heilungsprozesse fördern. Besonders kleine Wunden heilen dank Oxytocin schneller. Gehen Umarmungen also buchstäblich unter die Haut?

Dass stabile Beziehungen gesund sind, gilt heute als gut belegt. Menschen mit verlässlichen sozialen Bindungen leben im Durchschnitt längererkranken seltener und scheinen Belastungen und Stress besser zu verkraften. Doch große Bevölkerungsstudien zeigen meist „nur“ statistische Assoziationen. Damit bleibt eine entscheidende Frage offen: Wie genau wirkt sich körperliche Nähe physiologisch auf den Gesundheitszustand aus?

Genau dieser Mechanismus stand im Zentrum einer klinischen Studie, die ein Forschungsteam unter Leitung der Medizinischen Fakultät Heidelberg und des Universitätsklinikums Heidelberg gemeinsam mit Partnern aus Zürich, Freiburg und Chile durchgeführt hat. Ihre Ergebnisse: Körperliche Zuwendung innerhalb der Partnerschaft kann die Heilung kleiner Hautwunden messbar beschleunigen – besonders, wenn Teilnehmer zusätzlich Oxytocin erhalten. Da es sich um eine randomisierte Placebo-kontrollierte klinische Studie handelt, sind dabei nicht nur Assoziationen, sondern auch kausale Rückschlüsse möglich: Nähe und Zuwendung wirken demnach nicht nur „gefühlt“ positiv, sondern können Heilungsprozesse im Körper nachweisbar unterstützen.Das Kuschelhormon im RealitätscheckZum Hintergrund: Oxytocin ist ein Molekül, das oft als „Kuschelhormon“ bezeichnet wird. In der Wissenschaft gilt es als Botenstoff bei sozialer Bindung, Vertrauen und zur Stressregulation. Seit Jahren diskutieren Forscher, ob Oxytocin positive Beziehungserfahrungen in körperliche Vorteile übersetzt. Bisher gab es jedoch kaum belastbare Daten zur Frage, ob Oxytocin beim Menschen tatsächlich körperliche Prozesse beeinflusst, etwa die Wundheilung. Tierstudien deuteten darauf hin, lieferten aber kein klares Bild. Nun liegen erstmals Resultate einer aufwändigen Humanstudie vor.Für ihre Untersuchung rekrutierten Forscher 80 junge, gesunde, heterosexuelle Paare mit einem Durchschnittsalter von rund 28 Jahren. Insgesamt nahmen damit 160 Personen an der Studie teil. Im Labor erhielten sie kleine, standardisierte Hautverletzungen am Unterarm: sogenannte Suction-Blister-Wunden. Diese künstlich erzeugte Hautblasen entstehen durch Unterdruck (Suction). Dabei wird die Epidermis durch Sog von der darunterliegenden Dermis abgehoben. Es bildet sich eine Blase, gefüllt mit Wundflüssigkeit. Diese Methode ist in der Forschung etabliert, weil sie reproduzierbar ist und weil der Heilungsverlauf zuverlässig dokumentiert werden kann.

Kuscheln als Intervention

Nach dieser kontrollierten Ausgangssituation startete das eigentliche Projekt. Die Teilnehmer erhielten über mehrere Tage hinweg zweimal täglich ein Nasenspray – entweder mit Oxytocin oder ein wirkstofffreies Placebo. Weder die Paare noch die Forscher wussten, wer welches Spray bekam. Zusätzlich wurde die Hälfte der Teilnehmer zu einer kurzen, strukturierten Kommunikationsübung angeleitet, dem sogenannten Partner Appreciation Task, einem standardisierten Interaktionsformat für Paare.

Das vielleicht spannendste Element der Studie spielte sich jedoch nicht im Labor ab, sondern im Alltag. Mehrmals täglich dokumentierten die Teilnehmer per Smartphone, ob sie Kontakt mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin hatten – und in welcher Form. Dabei reichte das Spektrum von alltäglichen Gesprächen bis hin zu Konfliktsituationen. Besonders im Fokus standen zärtliche Berührungen und Sexualität. Parallel dazu erfasste das Forschungsteam die Stressbelastung subjektiv durch Selbstauskünfte und objektiv über Speichelproben zur Cortisol-Messung.

Der Schlüssel liegt im Zusammenspiel

Weder Oxytocin allein noch die Kommunikationsübung für sich genommen beschleunigten die Wundheilung in statistisch signifikanter Weise. Ein messbarer Effekt trat erst auf, wenn Oxytocin mit positiven sozialen Interaktionen zusammenkam. In den Hauptanalysen zeigte sich, dass Paare, die Oxytocin erhielten und zusätzlich an der strukturierten Wertschätzungsaufgabe teilnahmen, eine bessere Wundheilung aufwiesen als die Kontrollgruppen. Noch deutlicher wurde dieser Zusammenhang jedoch außerhalb des Labors – in der Alltagsrealität der Teilnehmer. Wenn die Oxytocin-Gabe mit Intimität zusammenfiel, also mit häufigen zärtlichen Berührungen und Sexualität, war die Wunde messbar weniger belastet und heilte schneller ab.

Die Forscher konnten nicht nur die Wundheilung erfassen, sondern auch den Stress der Teilnehmer im Alltag. Und auch hier zeigte sich ein Muster, das in dieselbe Richtung weist. Besonders auffällig waren die Cortisolwerte: Mehr Sexualität ging mit niedrigeren Cortisolspiegeln einher – ein deutlicher Hinweis darauf, dass intime Nähe den Körper biochemisch tatsächlich entlasten kann. Das ist relevant, weil Stress als einer der wichtigsten Gegenspieler der Wundheilung gilt. Er beeinflusst Immunreaktionen, bremst Regenerationsprozesse und kann entzündliche Abläufe verstärken. Wenn Nähe also Stress verringert, könnte genau darin ein indirekter Mechanismus liegen, über den partnerschaftliche Beziehungen buchstäblich „heilend“ wirken.

Die Auswertung spricht dafür, dass Intimität vor allem dann entsteht, wenn Menschen bereits entspannter sind: Eine niedrigere Stresswahrnehmung ging häufig zärtlichen Kontakten und Sexualität voraus. Das widerspricht nicht unbedingt der Vorstellung, dass Menschen in belastenden Situationen Nähe suchen. Es zeigt aber, wie sehr Intimität offenbar auch ein Gefühl von Sicherheit und Ruhe braucht.

Was sich daraus (noch) nicht ableiten lässt

So faszinierend die Ergebnisse auch sind, sie müssen mit der nötigen Vorsicht eingeordnet werden. Die Autoren weisen selbst auf mehrere Einschränkungen hin: So wurde die Wundheilung nur zu zwei Zeitpunkten gemessen. Auch nahmen nur junge, gesunde Paare an der Studie teil. Methodisch ist das sinnvoll, weil so medizinische Störfaktoren ausgeschlossen wurden. Gleichzeitig bedeutet das aber auch, dass sich die Resultate nicht ohne Weiteres auf ältere Menschen, chronisch Erkrankte oder Personen ohne stabile Partnerschaft übertragen lassen.

Hinzu kommt, dass die beobachteten Effekte insgesamt moderat ausfielen. Sie ändern nichts an dem medizinischen Grundprinzip, dass die Wundheilung ein hochkomplexer Prozess ist, der von Ernährung, Immunsystem, Infektionen, Schlaf und vielen weiteren Faktoren beeinflusst wird. Dennoch machen die Daten etwas sichtbar, das im Gesundheitssystem oft unterschätzt wird: Beziehungen sind ein ernstzunehmender Einflussfaktor für die Gesundheit.

Quellen:

Cohen et al.: Social ties and susceptibility to the common cold. JAMA, 1997. doi: 10.1001/jama.1997.03540480040036

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Schneider et al.: Intranasal Oxytocin and Physical Intimacy for Dermatological Wound Healing and Neuroendocrine Stress. JAMA Psychiatry, 2025. doi: 10.1001/jamapsychiatry.2025.3705

MacDonald et al.: Performing Suction Blister Skin Biopsies. Curr Protoc., 2025. doi: 10.1002/cpz1.1073

Olff et al.: The role of oxytocin in social bonding, stress regulation and mental health: an update on the moderating effects of context and interindividual differences. Psychoneuroendocrinology, 2013. doi: 10.1016/j.psyneuen.2013.06.019

Vitalo et al.: Nest Making and Oxytocin Comparably Promote Wound Healing in Isolation Reared Rats. PLOS One, 2009. doi: 10.1371/journal.pone.0005523