Bohren zwecklos: Dieser Zahnschmerz kam von Herzen
Eine 76-jährige Frau stellt sich mit persistierenden Schmerzen im Gingivabereich der Zähne 33 und 34 vor, die wiederholt von stechenden thorakalen Beschwerden begleitet werden. Nach etwa fünf bis sechs Minuten klingen die Schmerzen jeweils spontan ab, wie die Autoren des Falls im Fachmagazin Frontiers in Pain Research schreiben.
Die Beschwerden beginnen Monate zuvor als lokalisierter Gingivaschmerz, wie die Patientin angibt. Mehrere zahnärztliche Maßnahmen, darunter Extraktionen und prothetische Versorgung (Befundsituation), führten jedoch zu keiner Besserung. Klinisch und radiologisch gibt es keinen Hinweis auf eine odontogene Ursache. Auch initiale internistische Abklärungen mit EKG, Langzeit-EKG, Echokardiografie und Thorax-CT bleiben ohne richtungsweisenden Befund, erklären die Autoren weiter.
Mangels objektivierbarer Befunde stellen die Ärzte die Diagnose einer atypischen Odontalgie und leiten eine antidepressive Therapie ein. Ein klinischer Effekt stellt sich allerdings nicht ein. Parallel persistieren die Schmerzen unverändert fort.
Wendepunkt: Belastungsabhängige Symptomatik
Im weiteren Verlauf zeigt sich jedoch eine klare Dynamik: Die Patientin berichtet, dass Zahnschmerz und thorakale Beschwerden zunehmend belastungsabhängig auftreten, etwa beim Gehen oder Treppensteigen, und sich in Ruhe rasch zurückbilden. Analgetika zeigen weiterhin keine ausreichende Wirkung.
Diese Entwicklung markiert rückblickend den entscheidenden diagnostischen Wendepunkt, obgleich wiederholte kardiologische Basisuntersuchungen zunächst weiterhin unauffällig bleiben, schreiben die Autoren.
Diagnose erst durch spezialisierte Bildgebung
Erst eine weiterführende kardiologische Bildgebung bringt die Ursache schließlich ans Licht: Es zeigen sich hochgradige Stenosen (90–99 Prozent) sowohl der linken Vorderwandarterie als auch der rechten Koronararterie sowie ein linksventrikulärer Thrombus (Originalbefund). Mittels Koronarangiografie stellen die Ärzte die Diagnose einer instabilen Angina pectoris.
Die Patientin wird daraufhin umgehend herzchirurgisch versorgt. Es erfolgt eine linksventrikuläre Rekonstruktion zur Thrombusentfernung sowie eine koronare Bypassoperation.
Vollständige Beschwerdefreiheit nach kardialer Therapie
Nach dem Eingriff verschwinden sowohl die Zahnschmerzen als auch die thorakalen Beschwerden vollständig. Auch im Langzeitverlauf über mehr als ein Jahr zeigt sich kein Rezidiv.
Klinische Einordnung: Zahnschmerz als Warnzeichen einer Angina pectoris
Der Fall verdeutliche aus Sicht der Autoren eine seltene, aber klinisch relevante Form des übertragenen Schmerzes: einen Zahnschmerz kardialer Genese. Pathophysiologisch liege eine Konvergenz kardialer nozizeptiver Signale mit trigeminalen Afferenzen zugrunde, wodurch myokardiale Ischämie als orofazialer Schmerz fehlinterpretiert werde, ordnen die Autoren die möglichen Zusammenhänge näher ein.
Besonders relevant sei die diagnostische Verzögerung im vorliegenden Fall: Trotz typischer Warnsignale wie Belastungsabhängigkeit und fehlendes Ansprechen auf zahnärztliche Maßnahmen wird die kardiale Ursache erst spät erkannt.
Bedeutung für die Praxis
Die Autoren betonen abschließend, dass bei unklaren Zahnschmerzen mit begleitenden thorakalen Symptomen insbesondere bei älteren Patientinnen und Patienten frühzeitig eine kardiologische Abklärung erfolgen sollte. Entscheidend sei dabei weniger die Schmerzqualität als vielmehr das Muster: Belastungsabhängigkeit, fehlende dentale Ursachen und Therapieresistenz gelten demnach als zentrale Warnhinweise.
Originalpublikation: Maeda C et al., Case Report: A case of toothache of cardiac origin with a long-term clinical course. Frontiers in Pain Research 2025; 6:1625582
