Sind Kunststofffüllungen doch nicht so unbedenklich?
Kunststofffüllungen gelten als ästhetisch ansprechende und bewährte Alternative zu Amalgam. Doch ganz unbedenklich sind sie möglicherweise nicht. Eine aktuelle Übersichtsarbeit zeigt, dass aus den Kompositen u. a. Mikro- und Nanoplastik freigesetzt werden können.
Kompositmaterialien gehören weltweit zu den am häufigsten eingesetzten Werkstoffen für Zahnfüllungen. Sie bestehen aus einer organischen Kunststoffmatrix und anorganischen Füllstoffen, die für Stabilität und Abriebfestigkeit sorgen. Allerdings können bei unvollständiger Aushärtung, durch chemischen Abbau oder mechanischen Verschleiß Bestandteile des Materials in die Mundhöhle gelangen, erklären die Autoren in ihrer Übersichtsarbeit.
Das Forschungsteam hat die möglichen toxikologischen Auswirkungen dieser Substanzen näher untersucht. Für die im Fachjournal Frontiers in Public Healthveröffentlichte Arbeit werteten die Wissenschaftler Studien aus, die zwischen Januar 1990 und September 2025 erschienen waren. Im Mittelpunkt standen Untersuchungen zur Freisetzung von Kunststoffbestandteilen und deren Nachweis in biologischen Proben sowie mögliche lokale und systemische Gesundheitseffekte.
Chemische Substanzen gelangen in Speichel und Blut
Besondere Aufmerksamkeit widmeten die Autoren den Monomeren Bis-GMA, TEGDMA, HEMA und UDMA sowie Bisphenol A (BPA). Diese Substanzen können aus Kompositfüllungen freigesetzt werden und teilweise über die Mundschleimhaut oder den Verdauungstrakt in den Organismus gelangen.
Laboruntersuchungen zeigten zuvor, dass einzelne Monomere konzentrationsabhängig zellschädigende, entzündungsfördernde und genotoxische Wirkungen entfalten können. Zu den beschriebenen Mechanismen zählen oxidativer Stress, eine Verminderung der intrazellulären Glutathionkonzentration und die Aktivierung des programmierten Zelltods.
Auch klinische Untersuchungen belegten eine Freisetzung. In einer Studie stieg beispielsweise die BPA-Konzentration im Speichel unmittelbar nach dem Einbringen einer Kunststofffüllung auf durchschnittlich 385 ng/ml. Bereits eine Stunde später war sie auf 88,2 ng/ml und nach 24 Stunden auf 1,85 ng/ml gesunken.
Den Autoren zufolge handelt es sich somit überwiegend um eine kurzfristige Exposition. BPA werde mit einer biologischen Halbwertszeit von etwa sechs Stunden relativ rasch ausgeschieden.
Hinweise auf systemische Effekte – aber keine gesicherten Gesundheitsschäden
Dass Kunststoffbestandteile über die Mundhöhle hinaus nachweisbar sind, zeigen Biomonitoring-Studien. BPA und verwandte Substanzen wurden unter anderem in Urin, Blut, Muttermilch, Nabelschnurblut und Plazenta untersucht beziehungsweise nachgewiesen, wie es weiter heißt.
Besonders diskutiert werde das hormonell wirksame Potenzial von BPA. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hatte die tolerierbare tägliche Aufnahmemenge 2023 drastisch auf 0,2 ng/kg Körpergewicht gesenkt.
Einzelne Untersuchungen beschrieben zudem Veränderungen immunologischer Parameter bei Kindern sowie Hinweise auf DNA-Schädigungen in Blutzellen. Allerdings seien die Ergebnisse sehr heterogen. Andere Studien fanden nach dem Einbringen von Kompositfüllungen weder einen signifikanten Anstieg der BPA-Konzentration im Blut noch Veränderungen z. B. bei männlichen Geschlechtshormonen.
Entscheidend sei deshalb, zwischen einer nachweisbaren Exposition und einem tatsächlich bestehenden Gesundheitsrisiko zu unterscheiden. Die Autoren betonen, dass bislang keine überzeugenden klinischen Belege für relevante systemische Gesundheitsschäden durch die unter üblichen Bedingungen freigesetzten Mengen vorlägen.
Mikroplastik als zusätzliche Belastungsquelle?
Neben chemischen Substanzen rücke zunehmend ein weiteres Problem in den Fokus: Durch Abrieb, Hydrolyse und Materialalterung können Kompositfüllungen Mikro- und Nanoplastikpartikel freisetzen.
Experimentelle Untersuchungen lieferten hierzu erste Hinweise auf entzündliche und genotoxische Effekte solcher Partikel. Wie viele davon tatsächlich aus Zahnfüllungen in den menschlichen Organismus gelangen und welche gesundheitlichen Folgen daraus entstehen könnten, sei jedoch bislang kaum untersucht.
Die Autoren sehen hier erheblichen Forschungsbedarf, insbesondere hinsichtlich einer langfristigen Exposition.
Richtige Verarbeitung reduziert die Belastung
Aus den Ergebnissen lassen sich dennoch praktische Konsequenzen ableiten, schreiben die Autoren. Eine ausreichende Polymerisation gelte als entscheidender Faktor, um die Freisetzung nicht ausgehärteter Monomere zu begrenzen. Auch die sorgfältige Oberflächenbearbeitung, eine effektive Trockenlegung sowie das Ausspülen der Mundhöhle nach der Behandlung können die Exposition weiter reduzieren.
Besondere Aufmerksamkeit empfehlen die Wissenschaftler bei Kindern, Schwangeren und zahnmedizinischem Personal, das regelmäßig mit nicht ausgehärteten Materialien in Kontakt kommt.
Fazit
Kunststofffüllungen können biologisch aktive Substanzen und Kunststoffpartikel freisetzen. Während die kurzfristige Exposition gut dokumentiert sei, fehlten belastbare Daten zu langfristigen systemischen Gesundheisrisiken. Die Autoren sprechen sich deshalb nicht grundsätzlich gegen Kompositmaterialien aus, sondern plädieren vielmehr für eine möglichst expositionsarme Verarbeitung und weitere klinische Langzeitstudien.
Originalpublikation: Eliasz W et al., Dental composite-resin materials and oral-systemic health: clinical toxicology insights. Front Public Health 2026; 14: 1860620
