Ein erhöhtes Risiko für die Zahngesundheit

Semaglutid und Co. erobern die Praxen: Die Verschreibungen stiegen von 2019 bis 2024 um beeindruckende 587 Prozent. Während metabolische und kardiovaskuläre Vorteile gut belegt sind, bleibt eine Frage fast unerforscht: Was machen die Wirkstoffe im Mund? Eine aktuelle Übersichtsarbeit aus München beleuchtet Vor- und Nachteile für die Zähne.

Die Studie im Journal of Dental Research zeigt: Die Bilanz der vorhandenen Evidenz ist zwiespältig. Positiv ist, dass GLP1-Rezeptoragonisten (GLP1-RA) eine antiinflammatorische und osteoprotektive Wirkung auf parodontale und periimplantäre Gewebe haben. In Tiermodellen fördern sie die osteogene Differenzierung parodontaler Stammzellen, reduzieren den alveolären Knochenabbau bei Parodontitis und verbessern bei diabetischen Ratten sogar die Integration von Implantaten in den Knochen – Befunde, die für die zahnärztliche Praxis denkbar interessant wären. „Alles, was mit Entzündungen und Knochenstoffwechsel zu tun hat, scheint eher positiv beeinflusst zu werden“, erklärt Dr. Nils Werner von der Poliklinik für Zahnerhaltung, Parodontologie und digitale Zahnmedizin des LMU Klinikums in einer Mitteilung der Klinik.

Der Haken an der Sache 

Die Daten stammen jedoch ausschließlich aus Labor- und Tierstudien. Klinische Daten sind Mangelware und lediglich eine einzige retrospektive Studie liefert bisher begrenzte Evidenz. Prospektive Studien im Bereich der Zahnmedizin fehlen bislang.

Gleichzeitig wurden in Pharmakovigilanzanalysen insbesondere für Semaglutid eine Reihe von Nebenwirkungen erfasst: Mundtrockenheit (Xerostomie), Geschmacksstörungen (Dysgeusie) und Geruchsstörungen (Anosmie). Außerdem bergen die bekannten gastrointestinalen Nebenwirkungen – Übelkeit bei 15 bis 50 Prozent der Patienten, Erbrechen bei 5 bis 24 Prozent, gastroösophagealer Reflux – ein plausibles, aber bislang nicht quantitativ erfasstes Risiko für Zahnerosion und Sekundärkaries. „Wenn der Speichelfluss zurückgeht und zusätzlich Reflux oder Erbrechen auftreten“, so Werner, „kann das Zahnhartsubstanz und Zahnschmelz angreifen.“

Ferner könnten GLP1-RA auch einen Einfluss auf die orale Mikrobiota haben.

Regelmäßige Kontrollen 

Die Wissenschaftler empfehlen daher allen Menschen, die unter GLP1-RA sind, engmaschige zahnärztliche Betreuung – speziell auch vor dem Start einer Therapie. Ziel ist es, mögliche Schäden frühzeitig zu erkennen und Folgeschäden zu vermeiden. Zu den Maßnahmen gehören zudem auch individuelle Fluoridierungsprogramme und fluoridhaltige Mundspüllösungen.

Fazit: Thema wird an Bedeutung gewinnen

Das Fazit der Forschenden fällt deutlich aus: Angesichts der explosionsartigen Verbreitung dieser Wirkstoffklasse sei die zahnmedizinische Evidenzlage auffällig dünn. „[…] ein Einsatz allein aus zahnmedizinischer Sicht“, so der Münchner Zahnmediziner Werner, „wäre auch wegen ihrer möglichen Nebenwirkungen nicht gerechtfertigt.“  Für Zahnärzte und verschreibende Kollegen gleichermaßen dürfte dieses Thema in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen, vermuten die Forschenden.

 

Originalpublikation:
Werner N, Pitchika V, Bumm CV, Heck K, Folwaczny M, Schwendicke F. GLP-1 Receptor Agonists in Dentistry: Promise, Pitfalls, and Evidence Gaps. Journal of Dental Research. 2026;0(0). doi:10.1177/00220345261488338

 

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