IQ im freien Fall: Werden wir immer dümmer?

Die „Jugend von heute“ hat es traditionell schwer. Ihr wird Faulheit und schwindende Intelligenz vorgeworfen – vermutlich zu Unrecht. Ist jetzt erstmalig was dran?

Seit Jahrhunderten, nein Jahrtausenden, ereilt jede Generation das Gefühl, dass die nachfolgende Generation fauler, weniger leistungsstark, respektloser und weniger belastbar ist – also an die Grandiosität und Intelligenz der eigenen Generation nicht herankommt. Davon zeugen zahllose Aussagen, die meist mit den Worten „Die Jugend von heute“ beginnen. Dieses Phänomen lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Schon im Jahr 1.000 v. Chr. soll auf einer babylonischen Steintafel festgehalten worden sein:

Die heutige Jugend ist von Grund auf verdorben, sie ist böse, gottlos und faul. Sie wird niemals so sein wie die Jugend vorher, und es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten.

Dass die subjektive Wahrnehmung pauschal stimmt, erscheint unmöglich. Seit der Antike haben nachfolgende Generationen schließlich zu Genüge bewiesen, dass sie das Zeug haben, die Welt zu verändern, und das auf beeindruckende Weise und mit immer höher werdendem Tempo.

 

Dass dennoch jede Generation aufs Neue dieses Gefühl kennt, hat vermutlich weniger mit der tatsächlichen Intelligenz und Leistung der Jüngeren zu tun, und vielmehr mit der Art und Weise, wie das menschliche Gehirn funktioniert und welche Denkfehler es macht. Die eigene Jugend und damit die Orientierungslosigkeit werden in der Erinnerung verklärt. Gegenüber der nachfolgenden Generation besteht zudem häufig eine Art Unverständnis – und was der Mensch nicht versteht, wertet er gerne ab. Zudem werden Neulinge immer mit ihren Vorgängern verglichen, die kontinuierlich Wissen und Erfahrung dazugewonnen haben. Im Alltag fällt das nur wenig auf, im Kontrast zum Neuling dann schon – leider zu dessen Ungunsten.

Doch aktuell scheint das Gefühl des Verfalls von Intelligenz und Aufmerksamkeit drängender zu sein als in vergangenen Generationen. Der Grund: das Internet, soziale Medien und – nicht zuletzt – künstliche Intelligenz. Schlagen hier die gleichen Denkfehler zu wie in vergangenen Generationen oder ist es diesmal anders? Müssen wir uns jetzt wirklich Sorgen um die Intelligenz der Menschheit machen?

Der Versuch einer Definition

Eine eindeutige Definition des Begriffes Intelligenz gibt es nicht. Eine Definition, auf die sich zumindest ein Teil der Wissenschaftler einigen konnte, wurde 1994 von Linda Gottfredson formuliert. Sie schreibt:

Intelligenz ist eine sehr allgemeine geistige Fähigkeit, die unter anderem die Fähigkeiten umfasst, zu schlussfolgern, zu planen, Probleme zu lösen, abstrakt zu denken, komplexe Ideen zu verstehen, schnell zu lernen und aus Erfahrungen zu lernen.

Damit beschreibt sie vor allem den Teil der Intelligenz, der heutzutage als fluide Intelligenz bezeichnet wird und der – soweit das möglich ist – in Intelligenztests erfasst wird. Neben der fluiden Intelligenz gibt es zudem die sogenannte kristalline Intelligenz. Diese beschreibt angehäuftes Wissen und Erfahrungen sowie die Fähigkeit, dieses Wissen anzuwenden. Sie ist im Gegensatz zur fluiden Intelligenz stark von Kultur und Bildung abhängig. Daher spielt kristalline Intelligenz auch in Intelligenztests nur indirekt eine Rolle. Einige Quellen fassen den Begriff der Intelligenz sogar noch weiter und beziehen Fähigkeiten wie Kreativität oder emotionale Intelligenz mit ein – auch diese werden von Intelligenztests nicht erfasst.

Der Flynn-Effekt

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wird versucht, mittels Intelligenztests die kognitiven Fähigkeiten von Menschen systematisch zu erfassen (s. Infobox unten). Dafür gibt es verschiedene gut untersuchte Intelligenztests, die es erlauben, die Intelligenz einer Person in ein Verhältnis zur Bevölkerung zu setzen und je nach Abschneiden mit einem unterschiedlich hohen Intelligenzquotienten (IQ) zu beziffern. Schaut man sich nun die Entwicklung der gesellschaftlichen Verteilung der Intelligenz an, fällt bis Ende des 20. Jahrhunderts auf, dass der mittlere Intelligenzquotient stetig zunimmt – um etwa 0,3 IQ-Punkte pro Jahr, also 3 Punkte in 10 Jahren. Dieser Anstieg des IQ von Generation zu Generation wird nach seinem Erstbeschreiber James Flynn auch „Flynn-Effekt“ genannt.

Zur Erklärung des Phänomens werden verschiedene Gründe herangezogen. Dazu gehören Umweltfaktoren, wie eine bessere Ernährung durch steigenden Wohlstand, bessere Förderung von Kindern durch kleinere Familiengröße oder bessere Hygiene und Gesundheit durch medizinischen Fortschritt. Auch rein biologische Faktoren, wie eine Optimierung der Gene durch wiederholte Kreuzung, werden diskutiert. Am überzeugendsten ist jedoch die These, dass die Anforderungen an die Kognition sich gewandelt haben und Menschen eher mit der Denkart vertraut sind, die in Intelligenztests gefragt ist.

Was die Umwelt vom menschlichen Gehirn fordert

Früher war zum Überleben in erster Linie praktisches Denken nötig: beim Anbau von Getreide, bei der Verbesserung von Jagdtechniken oder beim Bauen von Häusern. Dinge wurden eher nach ihrem praktischen Nutzen beurteilt, weniger auf einer abstrakten Ebene. Seit Beginn der industriellen Revolution rückte abstraktes Denken jedoch mehr und mehr in den Vordergrund. Menschen begannen, die Welt zu kategorisieren und grundlegender zu ordnen. Die Arbeitswelt veränderte sich von vorrangig handwerklich-praktischen hin zu theoretisch-strategischen Berufen – also von der Werkbank an den Schreibtisch und später vor den Bildschirm.

Diese Entwicklung könnte schlicht und einfach dazu geführt haben, dass Menschen die Aufgaben in Intelligenztests – die abstraktes und nicht praktisches Denken fordern – besser bewältigen können. Sie sind entsprechend nicht grundlegend intelligenter, sondern einfach geübter in abstraktem Denken. Eine wichtige Rolle spielt entsprechend auch die bessere Schulbildung im Verlauf des 20. Jahrhunderts. Diese Vermutung wird zusätzlich dadurch gestützt, dass der Flynn-Effekt nur im Erwachsenenalter, nicht aber im Kindesalter beobachtet wurde.

Die Wende

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts scheint der Flynn-Effekt Geschichte zu sein. Stattdessen zeigen verschiedene Schätzungen, dass der IQ in der Bevölkerung eher zu sinken scheint. Einige sprechen schon vom Anti-Flynn-Effekt. Besonders betroffen sind dabei die Domänen abstrakte Problemlösung, räumliches Denken und die sprachlichen Fähigkeiten. Woran kann das liegen? Einige der Faktoren, die für den Flynn-Effekt des 20. Jahrhunderts verantwortlich gemacht werden – z. B. Bildung, Gesundheit und Familiengröße – haben sich nicht groß verändert, würden also allenfalls eine Stagnation erklären, nicht aber ein Absinken. Interessant wird es aber wiederum, wenn man sich die Anforderungen an unser Gehirn anschaut.

Nachdem schon im 20. Jahrhundert ein großer Wandel der Anforderungen an das menschliche Gehirn stattgefunden hat, hat dieser im 21. Jahrhundert nicht nachgelassen – im Gegenteil: Die Welt wird immer schneller, im Rekordtempo werden neue Technologien erfunden und auf der ganzen Welt verbreitet. Besonders beeindruckend ist die Flut an Informationen, der moderne Menschen tagtäglich ausgesetzt sind. Immer wieder liest man Aussagen, die behaupten, dass wir heutzutage an einem Tag so vielen Informationen ausgesetzt sind, wie Menschen früher in ihrem gesamten Leben. Wie korrekt solche Behauptungen sind, lässt sich schwer sagen. Klar ist jedoch: Man kann sich vor Informationen heute kaum retten. Musste man früher noch im Internet surfen – also aktiv nach Informationen suchen –, gleicht das Öffnen bestimmter Apps heutzutage dem Öffnen einer Schleuse. Die Nutzer werden vom Strom der Informationen einfach mitgerissen. Die Schleuse wieder zu schließen, wird von den Entwicklern mit Absicht schwer gemacht: Zu lukrativ ist das Geschäft mit der Aufmerksamkeit.

Welche Kompetenzen werden also heutzutage durch die Umwelt regelmäßig gefördert und trainiert? Vermutlich eher ein Filtern der Informationsflut nach relevanten Eindrücken als Problemlösung, abstraktes Denken und die gezielte Suche nach Informationen. Aber bedeutet das im Umkehrschluss, dass die Menschheit dadurch weniger intelligent wird? Nicht unbedingt. Es ist genauso vorstellbar, dass die Anforderungen des Alltags einfach nicht mehr so gut mit den Anforderungen eines Intelligenztests zusammenpassen, wie das Ende des 20. Jahrhunderts der Fall war. Sinkende IQ-Werte müssen nicht zwangsläufig auf einen realen Verlust geistiger Fähigkeiten hinweisen. Sie können einfach Ausdruck einer wachsenden Diskrepanz sein, zwischen dem, was gemessen wird, und dem, was im Alltag gefordert wird. Das Gehirn ist eben auch nur ein Pferd, das nicht höher springt, als es muss.

Auf den zweiten Blick trotzdem Grund zur Sorge

Das alleinige Absinken von IQ-Ergebnissen muss also erstmal nicht beunruhigen, zumal die Datenlage zum Anti-Flynn-Effekt deutlich weniger eindeutig ist als die für den vorangegangenen Flynn-Effekt. Gleichzeitig wäre es jedoch naiv, die beobachtete Entwicklung einfach als Messproblem abzutun. Was sich nämlich nicht wegdiskutieren lässt, ist die Tatsache, dass sich die Umwelt, in der menschliche Intelligenz entsteht und sich entfaltet, rasant ändert und mit ihr auch unsere Gehirne – Intelligenz hin oder her.

Die Struktur und damit die Funktion unserer Gehirne ist immer ein Produkt der Erfahrungen, die wir machen, der Reize, die wir verarbeiten, und der Gedanken, die wir denken. Das ist das Prinzip der Neuroplastizität: Werden Trampelpfade im Gehirn viel begangen, werden sie zu Feldwegen und später zu gut ausgebauten Straßen. Es ist unter diesem Gesichtspunkt nicht anders vorstellbar, als dass die andauernde Informationsflut – sei es in den sozialen Medien, auf Leuchtreklame oder in Nachrichten-Apps – unsere Gehirne mitformt, und zwar anders, als das noch im letzten Jahrhundert der Fall war.

Die Jugend von heute ist selbstkritisch

Erschreckend viele junge Menschen geben heutzutage selbst an, dass sie sich nicht ausreichend konzentrieren können. Selbst kurze Videos von weniger als 30 Sekunden werden häufig nicht zu Ende geschaut, über ganze Bücher möchte man gar nicht erst nachdenken. Ähnlich fasst es auch James Flynn selbst im Interview zusammen: „Die moderne Welt stellt alle zehn Minuten ein Stimulans bereit, einen Mord im Videospiel etwa. Wie kann man von jungen Leuten noch erwarten, Charles Dickens zu lesen, wenn es manchmal über 400 Seiten keine Verfolgungsjagd gibt? Da geht uns etwas verloren.“

Was dabei verloren geht, ist durchaus beunruhigend. Wer gewohnt ist, Inhalte im 10-Sekunden-Format auf den Punkt gebracht zu konsumieren, dem fehlt die kognitive Ausdauer, ein Thema in der Tiefe zu verstehen. Das Weltbild wird aus Schlagzeilen, kurzen Anlesern und Instagram-Reels zusammengeflickt. Differenzierte Betrachtungen passen in diese Formate aber nicht rein. Stattdessen bleiben verkürzte Statements hängen, die in erster Linie Emotionen ansprechen und radikaler sind, als die differenzierten Analysen aus dem Politikteil anspruchsvoller Zeitungen.

Die Welt ist aber nicht weniger kompliziert geworden – im Gegenteil. Und eine komplizierte Welt verlangt nach komplexen Antworten, nicht nach vereinfachten, emotional aufgeladenen Statements. Die Fähigkeit zur tiefen Auseinandersetzung mit komplexen Fragestellungen, die möglicherweise Ende des 20. Jahrhunderts noch besser gelang, ist eine zentrale Voraussetzung für Wissenschaft und Demokratie. Der Fokus der Diskussion um die gesellschaftliche Intelligenz sollte also weniger auf den gemessenen IQ-Werten liegen. Wichtiger ist es, darauf aufmerksam zu machen, welche Formen von Intelligenz die moderne Welt fördert – und welche nicht.