Parodontitis: Tumorgefahr im Taschenformat
Rauchen, zunehmendes Alter und schlechte Luft sind typische Risikofaktoren für Lungenkrebs. Doch eine weitere Gefahrenquelle sitzt ausgerechnet im Mund: Zeit, der Parodontitis auf den Zahn zu fühlen.
Lungenkrebs gilt weltweit weiterhin als die zweithäufigste Krebserkrankung und zugleich als die häufigste Ursache für krebsbedingte Todesfälle. Je genauer man hinschaut, desto deutlicher wird, dass die Krankheit nicht nur in der Lunge beginnt. Manchmal beginnt sie deutlich weiter oben – im Mund. Ein alter Bekannter der Zahnmedizin rückt dabei immer stärker in den Fokus der Ursachen: die Parodontitis. Was lange als rein lokales Problem der Mundhöhle galt, entpuppt sich zunehmend als systemischer Störfaktor mit weitreichenden Folgen.
Mehrere Studien (hier, hier, hier, hier, hier und hier) haben bereits gezeigt, dass ein Zusammenhang zwischen Parodontitis und Lungenkrebs besteht – selbst dann, wenn klassische Risikofaktoren wie Alter oder Tabakkonsum berücksichtigt werden. Die Frage ist also nicht mehr, ob es eine Verbindung gibt, sondern wie relevant sie tatsächlich ist und was wir daraus lernen können.
Was wir längst wissen – und was wir übersehen
Eine aktuelle Untersuchung, die Daten der Health, Aging, and Body Composition Studie (Health ABC) nutzt, bringt hier Klarheit. Besonders hervorzuheben ist die untersuchte Bevölkerungsgruppe von älteren Erwachsenen zwischen 70 und 79 Jahren. Damit rückt eine Alterskohorte in den Fokus, die in früheren Studien oft unterrepräsentiert war. Hinzu kommt ein entscheidender methodischer Vorteil: Die Bewertung der Mundgesundheit umfasste eine vollständige parodontale Untersuchung und eine Untersuchung des Weich-und Hartgewebes durchgeführt von ausgebildeten Parodontologen.
Die Ergebnisse sind klar formuliert: Personen, bei denen mindestens zehn Prozent der Messstellen eine Sondierungstiefe von sechs Millimetern oder mehr aufwiesen, hatten ein signifikant höheres Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken oder daran zu sterben. Tiefe Zahnfleischtaschen sind damit nicht nur ein Zeichen fortgeschrittener Parodontitis, sondern offenbar auch ein Marker für systemische Risiken. Im Mittelpunkt der Studienergebnisse steht nicht der klinische Attachmentverlust, der vor allem vergangene Krankheitsprozesse widerspiegelt, sondern die Sondierungstiefe als Marker für ein aktives Entzündungsgeschehen. Parodontale Taschen mit einer Sondierungstiefe (PD) ≥ 6 mm weisen normalerweise ein erhöhtes Entzündungsniveau auf und können Quellen proinflammatorischer Mediatoren sein, die alle zu systemischen Entzündungen beitragen können.
Vom Zahnfleisch ins Tumormilieu
Genau hier setzen die biologischen Erklärungsmodelle an: Aus pathophysiologischer Sicht ist eine Parodontitis mit einer systemischen Erhöhung proinflammatorischer Mediatoren wie Interleukin-6, Tumornekrosefaktor-α und C-reaktivem Protein verbunden. Diese Mediatoren sind in der Onkologie als Modulatoren tumorfördernder Signalwege etabliert und stehen mit einer erhöhten Lungenkrebsinzidenz in Verbindung. Chronische systemische Entzündungen infolge von Parodontitis können also zur Karzinogenese beitragen, indem sie reaktive Sauerstoff- und Stickstoffspezies induzieren und tumorfördernde Signalwege, einschließlich NF-κB, aktivieren. In der Lunge, einem Organ, das ohnehin durch Umweltfaktoren wie Rauch besonders vulnerabel ist, können diese Prozesse fatale Folgen haben. Daraus ergibt sich, dass erhöhte Ausgangswerte von IL-6 und CRP mit einem gesteigerten Lungenkrebsrisiko verbunden sind.
Ein weiterer relevanter Mechanismus ist die bakterielle Translokation. Tiefe parodontale Taschen beherbergen ein dysbiotisches subgingivales Mikrobiom mit pathogenen Spezies wie Porphyromonas gingivalis und Fusobacterium nucleatum. Durch Mikroaspiration können diese Bakterien in die Lunge gelangen und dort ein chronisch entzündliches Mikromilieu etablieren, das Tumorwachstum begünstigt. Der Nachweis parodontaler Pathogene in Lungenkrebsgewebe stützt diese Hypothese zusätzlich.
Die Gefahr in der Zahnfleischtasche
Der Zusammenhang zwischen Zahnverlust und Lungenkrebs erfordert daher eine differenzierte Interpretation. Während eine reduzierte Anzahl natürlicher Zähne bei Lungenkrebspatienten häufiger beobachtet wird, ist Zahnverlust in einzelnen Analysen mit einer geringeren Lungenkrebsinzidenz assoziiert. Dies legt nahe, dass nicht der Zahnverlust per se, sondern das Fortbestehen entzündlich aktiver parodontaler Läsionen von Bedeutung ist. Die Entfernung persistierender Entzündungsherde könnte somit die systemische Entzündungsbelastung reduzieren.
Parodontitis sollte nicht ausschließlich als zahnmedizinische Erkrankung verstanden werden, sondern als potenziell relevanter Bestandteil systemischer Entzündungsprozesse. Eine frühzeitige Erkennung und adäquate Therapie parodontaler Entzündungen könnte daher einen Beitrag zur Reduktion systemischer Risiken leisten und sollte sowohl in der zahnärztlichen als auch in der internistischen Versorgung stärker berücksichtigt werden.
Prävention beginnt am Gingivasaum
Es ist es an der Zeit, Mundgesundheit noch mehr als Bestandteil der allgemeinen Gesundheitsvorsorge zu betrachten. Die Mehrzahl entzündlicher Prozesse in der Mundhöhle beginnt im Bereich des marginalen Gingivalsaums und in den Approximalräumen. Dort bildet sich bakterieller Biofilm, der bei Verbleiben eine immunologische Reaktion auslöst. Eine systematische Reinigung des Gingivalsaums mit weichen Borsten und adäquater Technik ist erforderlich, um die bakterielle Last dauerhaft zu reduzieren. Regelmäßige zahnärztliche Kontrollen sowie professionelle Zahnreinigungen dienen der frühzeitigen Diagnostik und Therapie parodontaler Veränderungen. Aus zahnärztlicher Sicht wissen wir, dass die parodontale Pflege weit mehr ist als eine Frage des Zahnerhalts. Sie hat das Potenzial, ein Baustein der Krebsprävention zu sein. Manchmal beginnt Prävention eben dort, wo man sie „täglich übersieht“: zwischen Zahn und Zahnfleisch.
Quellen:Baima et al.: Periodontitis and Risk of Cancer: Mechanistic Evidence. Periodontology, 2024. doi: 10.1111/prd.12540 Mai et al.: History of Periodontal Disease Diagnosis and Lung Cancer Incidence in the Women’s Health Initiative Observational Study. Cancer Causes & Control, 2014. doi: 10.1007/s10552-014-0405-3 Michaud et al.: Periodontal Disease, Tooth Loss, and Cancer Risk. Epidemiologic Reviews, 2017. doi: 10.1093/epirev/mxx006 Verma et al.: Correlation Between Chronic Periodontitis and Lung Cancer: A Systematic Review With Meta-Analysis. Cureus, 2023. doi: 10.7759/cureus.36476 Wang et al.: Relationship Between Periodontal Disease and Lung Cancer: A Systematic Review and Meta-Analysis. Journal of Periodontal Research, 2020. doi: 10.1111/jre.12772 Zeng et al.: Periodontal Disease and Incident Lung Cancer Risk: A Meta-Analysis of Cohort Studies. Journal of Periodontology, 2016. doi: |
