Vorsicht bei Saftkuren!

Entzündender Saft: Kuren mit Zerstörungspotenzial

Ob Apfel, Orange oder Maracuja – Saftkuren sind besonders im Frühjahr hoch im Kurs und sollen dem Körper beim „Entschlacken“ helfen. Warum sich das Mikrobiom aber so gar nicht über die Zusatzliter freut.

Jedes Frühjahr dieselbe Situation: Kunden betreten die Apotheke mit der festen Überzeugung, ihrem Körper mit einer Saftkur etwas Gutes zu tun. „Ich mache wieder meine Entgiftungskur!“, heißt es dann. „Ich brauche 100 Gramm Glaubersalz zur Darmreinigung.“ Der Vorsatz ist löblich – aber ist eine solche Kur tatsächlich gesund? Und welchen Einfluss hat der einseitige Konsum von Frucht- und Gemüsesäften auf den Organismus? Eine aktuelle Studie aus dem Fachjournal Nutrients untersucht, wie sich eine Saftkur auf das Darm- und Mundmikrobiom auswirkt. Das Ergebnis ist sehr interessant und zeigt neben den Vorteilen auch die Risiken einer solchen Frühjahrskur auf, die vielen Saftkuren-Anhängern vielleicht gar nicht bewusst sind.

Wie funktioniert eine klassische Saftkur?

Bei einer typischen Saftkur verzichten Menschen für mehrere Tage – teilweise sogar für wenige Wochen – auf feste Nahrung. Stattdessen konsumieren sie ausschließlich frisch gepresste Obst- und Gemüsesäfte. Die Annahme dahinter: Der Körper könne durch die flüssige Ernährung „entgiften“, sich von „Schlacken“ befreien und regenerieren. Während wissenschaftlich gesehen keine Belege für die Existenz von „Schlacken“ existieren, zeigen sich viele Saftkur-Anhänger dennoch überzeugt von den positiven Effekten: Sie berichten von gesteigertem Wohlbefinden, besserer Verdauung und mehr Energie. Doch sind diese Effekte wirklich nachhaltig – oder hat eine solche Kur auch Schattenseiten?

 

Der Einfluss auf das Mikrobiom

Die Studie untersuchte die Auswirkungen einer mehrtägigen Saftkur auf das Darm- und Mundmikrobiom. Das Mikrobiom ist in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus der medizinischen Forschung gerückt, da es eine entscheidende Rolle für die allgemeine Gesundheit spielt – von der Immunabwehr über die Verdauung bis hin zur psychischen Verfassung.

Das Studiendesign umfasste eine kontrollierte Intervention mit insgesamt 14 Teilnehmern:

  • Teilnehmer: 14 gesunde Erwachsene im Alter von 18 bis 35 Jahren, die aus einer Gruppe von 143 Teilnehmern mit einem BMI zwischen 18,5 und 30 kg/m2 ausgesucht wurden.
  • Intervention: Die Probanden wurden in drei Gruppen aufgeteilt: Eine Gruppe konsumierte ausschließlich Säfte, eine weitere Gruppe kombinierte Säfte mit fester Nahrung, und die dritte Gruppe ernährte sich ausschließlich pflanzenbasiert. Vor der Intervention durchliefen alle Gruppen eine Eliminationsdiät.
  • Methodik: Mikrobiotaproben (Stuhl-, Speichel- und Wangenabstriche) wurden zu mehreren Zeitpunkten entnommen: vor der Intervention, nach einer Eliminationsdiät, direkt nach der Saftkur und 14 Tage danach.
  • Analysemethoden: Die Forscher nutzten eine 16S-rRNA-Sequenzierung, um die Veränderungen in der Bakterienzusammensetzung im Darm- und Mundmikrobiom zu erfassen.

Die Ergebnisse zeigten, dass sich insbesondere das Speichelmikrobiom als Reaktion auf die Eliminationsdiät signifikant veränderte. Es wurde eine deutliche Reduktion von Firmicutes und eine Zunahme von Proteobakterien festgestellt. Auch nach der Saftkur waren im Mundraum Veränderungen erkennbar, besonders in der relativen Häufigkeit entzündungsfördernder Bakterienfamilien.

Im Gegensatz dazu zeigte das Darmmikrobiom insgesamt keine signifikanten Verschiebungen in der Zusammensetzung. Allerdings nahmen bakterielle Taxa, die mit Darmpermeabilität, Entzündungen und kognitivem Verfall assoziiert sind, in der relativen Häufigkeit zu. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass kurzfristiger Saftkonsum potenziell vor allem negative Auswirkungen auf die Mikrobiota haben kann.

Fluch oder Segen für die Gesundheit?

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass eine kurzfristige Saftkur keinen langfristig positiven Effekt auf das Mikrobiom hat und stattdessen sogar eher das Potenzial für negative Auswirkungen birgt:

  • Veränderungen in der Mundflora: Durch den hohen Zuckergehalt und die Säure der Säfte wurden entzündungsfördernde Bakterien begünstigt, während schützende Bakterienstämme reduziert wurden.
  • Keine nachhaltige Verbesserung der Darmflora: Während eine pflanzenbasierte Ernährung positive Effekte auf die Mikrobiota zeigte, führte der Saftkonsum nicht zu einer langfristigen Erhöhung der bakteriellen Vielfalt.
  • Erhöhte Entzündungsmarker: Bestimmte Bakterienfamilien, die mit Entzündungsprozessen in Verbindung stehen, nahmen nach der reinen Saftkur zu, was auf eine potenzielle Beeinträchtigung der Darmgesundheit hinweisen könnte.

Die Rolle der Apotheke: Beratung statt Hype

Saftkuren sind ein – vor allem saisonal – wiederkehrendes Thema in der Apothekenberatung. Viele Kunden suchen gezielt nach Produkten zur Unterstützung ihrer Kur – seien es Abführmittel, Darmbakterienpräparate, Elektrolyte oder weitere Nahrungsergänzungsmittel. Hier haben Apothekenmitarbeiter die Möglichkeit, fundierte Aufklärung zu betreiben:

  • Individuelle Eignung prüfen: Nicht jeder Mensch profitiert von einer Saftkur. Bei Diabetikern, älteren Menschen oder Patienten mit Verdauungsproblemen ist besondere Vorsicht geboten.
  • Mikronährstoffmangel vorbeugen: Wer über mehrere Tage nur Säfte zu sich nimmt, sollte auf eine ausreichende Zufuhr essenzieller Nährstoffe achten. Eiweißreiche Ergänzungen oder gezielt eingesetzte Nahrungsergänzungsmittel können helfen.
  • Ballaststoffe integrieren: Ein Smoothie statt eines Saftes kann eine bessere Alternative sein, da hierbei die Ballaststoffe erhalten bleiben.
  • Mundhygiene nicht vernachlässigen: Kunden sollten darauf hingewiesen werden, dass der Säuregehalt von Säften den Zahnschmelz angreifen kann. Ein einfaches Mittel: Nach dem Trinken mit Wasser nachspülen, um die Säurekonzentration zu reduzieren.

Kritische Betrachtung der Studie

Obwohl die Ergebnisse dieser Studie interessante Erkenntnisse liefern, gibt es einige Kritikpunkte, die berücksichtigt werden sollten. So basiert die Untersuchung auf nur 14 Teilnehmern, was ihre statistische Aussagekraft begrenzt. Eine größere Stichprobe wäre notwendig, um fundiertere Schlussfolgerungen zu ermöglichen. Zudem wurde die Studiendauer auf wenige Tage beschränkt, sodass langfristige Effekte einer Saftkur, insbesondere auf die Darmflora, nicht untersucht wurden. Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die individuelle Variabilität des Mikrobioms. Da jedes Mikrobiom einzigartig ist, könnten Unterschiede durch vorbestehende Ernährungsgewohnheiten oder genetische Faktoren eine Rolle spielen, die in der Studie nicht detailliert berücksichtigt wurden.

Zudem fokussiert sich die Untersuchung ausschließlich auf mikrobiologische Veränderungen, ohne subjektiv wahrgenommene Effekte wie gesteigerte Energie oder verbessertes Wohlbefinden zu erfassen. Kritiker könnten auch anmerken, dass die getestete Saftkur nicht repräsentativ für alle Detox-Konzepte ist, da viele Programme zusätzliche Maßnahmen wie Darmreinigungen oder Nahrungsergänzung beinhalten, die möglicherweise andere Ergebnisse liefern könnten. Schließlich bleibt unklar, ob regelmäßige Saftkuren langfristig positive oder negative Auswirkungen auf das Mikrobiom haben, da nach 14 Tagen eine Rückkehr zur Ausgangszusammensetzung festgestellt wurde.

Saftkur: Ja oder Nein?

Die aktuelle Forschung legt nahe, dass eine kurzfristige Umstellung auf eine rein flüssige Ernährung keine nachhaltigen positiven Effekte auf das Mikrobiom hat. Während eine pflanzenbasierte Ernährung durchaus vorteilhaft sein kann, birgt eine reine Saftkur das Risiko von Blutzuckerschwankungen, Zahnproblemen und Veränderungen im Mikrobiom, die mit Entzündungsprozessen in Verbindung stehen könnten. Wer sich dennoch für eine Saftkur entscheidet, sollte gesund sein, dies bewusst tun und sich über potenzielle Risiken im Klaren sein.