Darmbakterium half bei Übergewicht
Ein Nahrungsergänzungsmittel aus einem Darmbakterium half Menschen mit Übergewicht, nach dem Abnehmen ihr neues Gewicht besser zu halten als mit einem Placebo. Das ist das Ergebnis einer randomisiert kontrollierten Studie aus den Niederlanden, auf die das Science Media Center Germany (SMC) nun hinweist.
Für die Studie, die im Fachjournal „Nature Medicine“ veröffentlicht wurde, verwendeten die Forschenden laut SMC-Angaben einen Stamm des Darmbakteriums Akkermansia muciniphila, welches sie pasteurisierten, um es gegen Temperatur, Sauerstoff und Säure stabiler zu machen, ohne die Wirkung zu verlieren. A. muciniphila wird wissenschaftlich als Indikator für Darmgesundheit untersucht.
Methodik: 8 Wochen Diät, dann Bakterien
Das getestete Bakterienpräparat stammte vom Hersteller „The Akkermansia Company“. Die bei der Firma angestellten Forschenden untersuchten in der aktuellen Studie, ob ihr Akkermansia -Nahrungsergänzungsmittel „MucT” tatsächlich eine Wirkung auf das Körpergewicht hat.
Die Studie begann den Angaben zufolge mit 90 erwachsenen Probanden. Alle hatten Übergewicht oder Adipositas ohne Diabetes Typ 2 und ohne Darmerkrankungen. Alle Teilnehmenden, die nach einer achtwöchigen Diät mit täglich 900 Kilokalorien mindestens acht Prozent ihres Gewichts abgenommen hatten (84 Personen) wurden dann zufällig in zwei Gruppen für eine Erhaltungsphase eingeteilt: Eine Gruppe bekam 24 Wochen lang dreimal täglich das Bakterienpräparat als Kapsel (MucT-Gruppe), die andere ein Placebo. Während dieser Zeit sollten die Teilnehmenden versuchen, ihr Gewicht zu halten und bekamen als Hilfestellung eine regelmäßige Ernährungsberatung. Primärer Endpunkt war die Gewichtsveränderung während der Erhaltungsphase. Zusätzlich untersuchten die Forschenden noch Stuhlproben, Stoffwechselparameter wie den Blutzuckerspiegel, und Proben aus dem Fettgewebe der Teilnehmenden.
„Bakterien“-Gruppe hält Gewicht besser
Die Ergebnisse: Die MucT-Gruppe nahm mit durchschnittlich 1,2 Kilogramm statistisch signifikant (P-Wert 0,012) weniger Gewicht wieder zu als die Placebogruppe mit 3,2 Kilogramm. 16 Teilnehmende der MucT-Gruppe nahmen sogar weiterhin Gewicht ab, in der Placebogruppe nur zwei. „MucT“ hatte auch einen positiven Einfluss auf die Insulinsensitivität. Eine Subgruppenanalyse zeigte: Menschen mit weniger A. muciniphila im Stuhl profitierten besonders von der Behandlung mit „MucT“. Schwerwiegende Nebenwirkungen durch die Behandlung wurde nicht beobachtet.
Fazit: „ein relevantes Ergebnis“
Das Science Media Center Germany hat Fachleute in Deutschland um eine Einschätzung der Ergebnisse gebeten. „Die Forschungsarbeit ist methodisch sehr hochwertig, aber aufgrund der kleinen Fallzahl und der sehr spezifischen Testbedingungen nicht generalisierbar. Es braucht weitere Studien, um das Ergebnis bestätigen zu können. Eine automatische Empfehlung für Nahrungsergänzungsmittel ergibt sich daraus nicht“, sagt beispielsweise Dr. Stefan Kabisch vom Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD).
Zudem müsse man betonen, „dass der Wirkungsnachweis eben nur für dieses spezielle Studiendesign gilt: nämlich für den Gewichtserhalt nach einer Formuladiät bei mittelalten Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas, aber ohne Typ-2-Diabetes.“ Der Wirkungsnachweis gelte nicht für die Gewichtsreduktion selbst und auch nicht für den Gewichtserhalt nach anderen Diäten. „Es gilt auch nur für exakt diese Bakterien in dieser Variante und dieser Dosierung.“
Prof. Dr. Stephan Bischoff, Leiter des Instituts für Ernährungsmedizin und Prävention an der Uni Hohenheim sagte dem SMC: „MucT ist ein erstes Nahrungssupplement, für das eine Wirkung auf den Gewichtserhalt nach erfolgreicher Gewichtsreduktion bei Erwachsenen mit Adipositas in einer wissenschaftlichen Studie gezeigt werden konnte. Das ist ein relevantes Ergebnis, weil Gewichtserhalt eine der großen Herausforderungen in der Adipositasbehandlung ist, für die es nur begrenzt wirksame Konzepte gibt.“
Therapieempfehlungen?
„Wer darüber nachdenkt, pasteurisiertes A. muciniphila zur Gewichtserhaltung einzunehmen, sollte wissen: Es handelt sich bislang um ein Nahrungsergänzungsmittel ohne Zulassung als Medikament, für das eine einzige kontrollierte Studie mit moderatem Effekt und erheblichen Interessenkonflikten vorliegt“, sagte PD Dr. Rima Chakaroun, Fachärztin für Innere Medizin am Uniklinikum Leipzig. „Auf dieser Grundlage eine allgemeine Empfehlung auszusprechen, wäre wissenschaftlich nicht vertretbar. Die Daten legen nahe, dass Personen mit bereits niedrigem endogenen Akkermansia-Spiegel am stärksten profitieren könnten. Aber eine Stuhltestung auf Akkermansia ist weder standardisiert noch klinisch etabliert.“
Quelle: Science Media Center Germany (SMC)
Originalpublication:
Mount S et al. (2026): Pasteurized Akkermansia muciniphila MucT for weight loss maintenance in people with overweight and obesity: a controlled randomized trial. Nature Medicine. DOI: 10.1038/s41591-026-04394-7.
