Hypertonie und Zähne
Hypertonikern auf den Zahn gefühlt
Entzündungen im Mundraum stehen seit Langem im Verdacht, auch die Gesundheit des Herz-Kreislauf-Systems zu beeinflussen. Doch gilt ein solcher Zusammenhang auch für Karies und Hypertonie? – eine aktuelle Studie klärt auf.
Lässt sich möglicherweise anhand des Zustands der Zähne erkennen, ob ein Patient unter Bluthochdruck leidet? Dieser Frage gingen Wissenschaftler um Karpal Singh Sohal in ihrer Untersuchung an einer universitären Zahnklinik in Daressalam, Tansania, nach.
Das Ergebnis: Zwar fanden sich bei Patientinnen und Patienten mit Hypertonie tendenziell höhere Karieswerte, eine statistisch signifikante Beziehung zwischen dem Schweregrad der Zahnerkrankung und Bluthochdruck ließ sich damit jedoch nicht nachweisen.
Jeder dritte Zahnarztpatient hatte Bluthochdruck
Für ihre Querschnittstudie untersuchten die Wissenschaftler insgesamt 1.365 erwachsene Patientinnen und Patienten im Alter zwischen 18 und 90 Jahren. Frauen waren dabei deutlich häufiger vertreten als Männer. Das Geschlechterverhältnis betrug etwa 1,74 zu 1.
Neben soziodemografischen Angaben erfassten die Forschenden den Zahnstatus der Teilnehmenden nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Zur Beurteilung der Karieserfahrung verwendeten sie den sogenannten DMFT-Index, der die Anzahl kariöser, aufgrund von Karies fehlender und gefüllter Zähne sowie die Gesamtzahl der Zähne berücksichtigt. Zusätzlich wurde bei allen Teilnehmenden der Blutdruck gemessen. Um zufällige Schwankungen zu reduzieren, bildeten die Untersucher jeweils den Mittelwert aus drei Messungen.
Die Ergebnisse verdeutlichen zunächst die erhebliche Krankheitslast innerhalb der untersuchten Patientengruppe: Bei 592 Personen (43,4 Prozent) stellten die Wissenschaftler eine besonders ausgeprägte Karies fest. Gleichzeitig wiesen 457 Teilnehmende (33,5 Prozent) einen erhöhten Blutdruck beziehungsweise eine Hypertonie auf. Damit war etwa jeder dritte untersuchte Zahnarztpatient von Bluthochdruck betroffen.
Schwacher Zusammenhang ohne prognostischen Nutzen
Bei der statistischen Auswertung zeigte sich zunächst ein kleiner Unterschied: Patientinnen und Patienten mit Hypertonie hatten im Durchschnitt etwas höhere DMFT-Werte als Teilnehmende ohne Bluthochdruck. Allerdings fiel der statistische Zusammenhang ausgesprochen schwach aus. Der Korrelationskoeffizient betrug lediglich r = 0,145 (p = 0,01).
Entscheidend war jedoch ein anderer Befund, wie die Autoren weiter schreiben. Zwischen dem Schweregrad der Karies und dem Vorliegen einer Hypertonie bestand keine nachweisbare statistisch signifikante Beziehung (p ≥ 0,05). Damit ließ sich die ursprüngliche Vermutung der Wissenschaftler nicht bestätigen. Eine besonders ausgeprägte Karies war in dieser Untersuchung kein verlässlicher Indikator dafür, dass ein Patient oder eine Patientin gleichzeitig unter Bluthochdruck litt, und umgekehrt.
Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass beide Erkrankungen bestimmte soziodemografische Risikofaktoren teilen. Ein paralleles Auftreten müsse deshalb nicht zwangsläufig auf einen unmittelbaren biologischen Zusammenhang zurückzuführen sein.
Was bedeuten die Ergebnisse für die Praxis?
Die Aussagekraft der Untersuchung sei aber auch durch ihr Studiendesign begrenzt, erklären die Autoren zum Abschluss. Da es sich um eine Querschnittstudie handelt, ließen sich weder zeitliche noch kausale Beziehungen zwischen Karies und Hypertonie bestimmen. Hinzu komme, dass ausschließlich Patientinnen und Patienten einer universitären Zahnklinik untersucht wurden. Die Ergebnisse lassen sich deshalb womöglich nicht ohne Weiteres auf die Allgemeinbevölkerung übertragen.
Dennoch liefere die Arbeit aber einen wichtigen Hinweis für die klinische Einordnung, denn der Zustand der Zähne allein eigne sich offenbar nicht dazu, Patientinnen und Patienten mit Bluthochdruck zuverlässig zu identifizieren, wie es heißt.
Fazit
Karies und Hypertonie können bei denselben Patientinnen und Patienten auftreten und haben in der Regel gemeinsame Risikofaktoren. Aus dem Ausmaß der Zahnschäden lasse sich indes nicht zuverlässig auf einen Blutdruck schließen. Die Autoren kommen daher zu dem Schluss, dass der Schweregrad einer Karies nicht als Prädiktor für das Vorliegen einer Hypertonie angewendet werden könne.
Originalpublikation: Sohal KS et al., Can the Severity of Dental Caries Predict Hypertension in Adult Patients? Health Science Reports. 2026. DOI: 10.1002/hsr2.72336
