Brust- und Hodenkrebs: Steigt mit der Cannabisnutzung auch das Krebsrisiko?

Die Inzidenz von Brust-, Hoden- und anderen Krebsarten stieg in den letzten Jahrzehnten bei jungen Menschen in den USA und Kanada deutlich an. Mögliche Erklärungen umfassen Lebensstilfaktoren, Adipositas und genetische Prädisposition, doch eine neue Studie fokussierte sich nun auf einen anderen Faktor: die zunehmende Nutzung von Cannabis.

Die zunehmende Legalisierung und Nutzung von Cannabis könnte mit dem Anstieg von Brust- und Hodenkrebs bei jungen Erwachsenen zusammenhängen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse von Krebsregisterdaten aus den USA und Kanada, die in Academia Oncology veröffentlicht wurde.

Für die Studie untersuchten die Forschenden die Entwicklung der Krebsinzidenz bei jungen Menschen in Nordamerika und verglichen diese mit der Ausweitung der Cannabis-Legalisierung. Im Fokus standen Brustkrebs bei Frauen im Alter von 20 bis 34 Jahren sowie Hodenkrebs bei Männern zwischen 15 und 39 Jahren. Die US-Daten stammten aus dem Krebsregisterprogramm SEER (Surveillance, Epidemiology, and End Results), für Kanada wurden Daten des Institute for Health Metrics and Evaluation ausgewertet.

Paralleler Anstieg von Krebsfällen und Cannabis-Legalisierung

  • Die Forschenden fanden eine deutliche Korrelation zwischen den jährlichen Veränderungen der Brust- und Hodenkrebsinzidenz mit der Ausweitung der Legalisierung (Pearson-Korrelationskoeffizient r = 0,95).
  • Zudem stiegen die Erkrankungsraten in Staaten mit legalem Cannabis deutlich stärker an als in Staaten ohne entsprechende Gesetzgebung.
  • Bei Brustkrebs nahm die Inzidenz in den Legalisierungsstaaten um insgesamt 26 Prozent zu, verglichen mit 17 Prozent in den übrigen Staaten. Auch bei Hodenkrebs fiel der Anstieg mit 24 Prozent gegenüber 14 Prozent deutlich stärker aus.
  • Die statistische Analyse zeigte für beide Tumorarten signifikante jährliche Zuwachsraten in den Cannabis-Legalisierungsstaaten. In Staaten ohne Legalisierung verlief der Anstieg schwächer; für Hodenkrebs zeigte sich dort über längere Zeiträume sogar keine signifikante Zunahme.
  • Noch ausgeprägter war die Entwicklung in Kanada. Dort stiegen die Inzidenzen von Brust- und Hodenkrebs in den untersuchten Altersgruppen stärker als in den USA. Die Autoren sehen darin einen möglichen Hinweis auf die frühere und umfassendere Liberalisierung des Cannabiskonsums in Kanada.
  • Darüber hinaus fanden sie sowohl in Kanada als auch in den USA Zusammenhänge zwischen der Häufigkeit von Cannabisgebrauchsstörungen in verschiedenen Altersgruppen und den jeweiligen Krebsraten.

Cannabis als möglicher Risikofaktor

„Die Erkenntnisse aus unserer Studie zeigen, dass Cannabis ein potenzieller ätiologischer Faktor ist, der zur steigenden Inzidenz von Brustkrebs bei jungen Frauen und Hodenkrebs bei älteren Jugendlichen und jungen erwachsenen Männern beiträgt“, wird die Erstautorin Dr. Johnson in einer Mitteilung in ASCO Post zitiert. „Und es beunruhigt, dass die krebserregende Wirkung von Cannabis auf junge Menschen schnell zu sein scheint und innerhalb weniger Jahre nach der Exposition gegenüber diesem Medikament zu Krebs führt.“

Johnson erklärt, dass Cannabis zum einen als endokriner Disruptor gelte, zudem hätten experimentelle Arbeiten auf genotoxische und möglicherweise krebserregende Effekte von Cannabinoiden hingewiesen.

Forderung nach weiterer Forschung

Die Autoren sehen Hinweise darauf, dass Cannabis ein bislang unterschätzter Risikofaktor für bestimmte Tumorerkrankungen sein könnte. Gleichzeitig betonen die Forschenden, dass die Studie keinen kausalen Zusammenhang beweisen kann. Die Analyse basiert auf Bevölkerungsdaten und zeigt statistische Assoziationen, nicht jedoch, dass Cannabis unmittelbar die Ursache der beobachteten Tumoren ist. Andere Einflussfaktoren könnten die Ergebnisse ebenfalls mit beeinflusst haben. Dennoch sehen die Autoren angesichts der zunehmenden Verbreitung hochpotenter Cannabisprodukte und der fortschreitenden Legalisierung Handlungsbedarf. Das mögliche Krebsrisiko von Cannabis verdiene eine umfassende wissenschaftliche und gesundheitspolitische Bewertung.

Originalpublikation:
Johnson RH, Speckhart A, Chien F, et al: Emerging evidence links cannabis use to increased risk of breast and testicular cancer in young Americans. Acad Oncol https://doi.org/10.20935/acadonco7758, 2026.