Enorale Zoster-Manifestation als Warnsignal
Atypische Manifestationen des Herpes zoster können ein früher Hinweis auf eine bislang unerkannte Immunsuppression sein. Darauf weist dieser Fallbericht hin, der im Rahmen des 68. Kongresses der Deutschen STI-Gesellschaft in Berlin vorgestellt wurde.
Den Autoren zufolge stellt sich eine 55-jährige transgeschlechtliche Patientin mit seit fünf Tagen bestehenden einseitigen Belägen im Bereich von Zunge und Rachen sowie einer schmerzhaften Zungenschwellung und Dysphagie vor. Vorerkrankungen seien nicht bekannt, anamnestisch ergeben sich keine Hinweise auf relevante Noxen oder Medikamenteneinnahmen.
Klinisch zeigen sich im Versorgungsgebiet des Nervus trigeminus (V2/V3 rechts) weißlich-gelbliche, teils pseudomembranöse Beläge mit fötidem Geruch. Die Zunge ist erythematös geschwollen, pharyngeal bestehen zusätzlich Vesikel, während das übrige Integument unauffällig bleibt.
Virologische Diagnostik und Zufallsbefund HIV
Mittels PCR kann eine Infektion mit Varizella-Zoster-Virus gesichert werden. Parallel wird eine ulzerative Stomatitis bei oraler Candidose diagnostiziert. Andere virale Ursachen, darunter Herpes-simplex-Viren, MPXV sowie Coxsackie-Viren, werden ausgeschlossen.
Im Rahmen der weiterführenden Diagnostik zeigt sich jedoch eine bislang nicht bekannte HIV-Infektion mit einer Viruslast von 276.000 Kopien/ml sowie einer ausgeprägten CD4-T-Zell-Lymphopenie von 0,25/µl (17 Prozent). Ergänzende serologische Untersuchungen, unter anderem auf Kryptokokken, Treponema pallidum, Toxoplasmose sowie Hepatitis B und C, bleiben negativ.
Komplexer klinischer Verlauf unter Therapie
Initial erhält die Patientin eine intravenöse antivirale Therapie mit Aciclovir sowie eine antimykotische Behandlung mit Amphotericin B und antiseptische Mundspülungen. Im weiteren Verlauf kommt es allerdings zu einer akuten Verschlechterung der Nierenfunktion mit einem Kreatininanstieg auf 6,54 mg/dl und einer GFR < 15 ml/min, woraufhin die Aciclovir-Dosis angepasst und eine intravenöse Flüssigkeitstherapie eingeleitet wird. Eine Dialyseindikation besteht indes nicht. Sonographisch zeigt sich ein Harnstau zweiten Grades, der eine Katheteranlage erforderlich macht.
Aufgrund einer vorübergehenden Verwirrtheit erfolgt eine neurologische Abklärung mit unauffälligem Schädel-CT, während in der Liquordiagnostik oligoklonale Banden nachgewiesen werden. Nach klinischer Stabilisierung beginnt die Patientin eine antiretrovirale Therapie mit Dolutegravir, Darunavir und Ritonavir. Bis zur Entlassung sinkt die Viruslast auf 176.000 Kopien/ml, gleichzeitig bessern sich die Nierenfunktion sowie die neurologische Symptomatik.
Früher Hinweis auf Immunsuppression
Die Autoren betonen, dass erosive Veränderungen der Mundschleimhaut und das klinische Bild einer Stomatitis eine sorgfältige differenzialdiagnostische Abklärung erfordern. Neben häufigen Ursachen sollten auch seltene Entitäten berücksichtigt werden, darunter eine isoliert enorale Manifestation eines Herpes zoster.
Insbesondere bei bestehender oder bislang nicht diagnostizierter Immundefizienz könne die Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus atypisch verlaufen und als frühes klinisches Zeichen fungieren.
Fazit
Der Fall verdeutliche, dass ungewöhnliche oder isolierte orale Zoster-Manifestationen als potenzieller Hinweis auf eine zugrundeliegende Immunsuppression gewertet werden sollten. Den Autoren zufolge sollte bei atypischen Verläufen frühzeitig eine HIV-Diagnostik in die initiale Abklärung einbezogen werden, um eine Infektion rechtzeitig zu erkennen und frühestmöglich zu behandeln.
Originalquelle: Sammons M.K. et al., P02: Enorale Herpes zoster-Manifestationen als Ersthinweis auf eine Immunsuppression. 68. Kongress der Deutschen STI-Gesellschaft 2026, Berlin
