Entzündungen im Mund setzen auch den Ovarien zu
Infertilität
Chronische orale Entzündungen wie Parodontitis wurden bereits mit verschiedenen systemischen Erkrankungen in Verbindung gebracht. Darüber hinaus können sie direkt die weibliche Fertilität beeinflussen. Wie genau, das war bisher nicht ausreichend verstanden. In einem Tiermodell mit Mäusen und Titanimplantaten kamen Forschende den Ursachen auf den Grund.
Die Studie von Forschenden der Hebrew University of Jerusalem und des Hebrew University-Hadassah Medical Center fand heraus, dass eine anhaltende orale Entzündung systemische Immunreaktionen auslösen kann, die bis zu den Eierstöcken reichen und dort die Eizellreifung sowie die ovarielle Funktion beeinträchtigen. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Journal of Dental Research veröffentlicht.
Mausmodell mit Zahnimplantaten
Untersucht wurde in einem Mausmodell eine chronische Entzündungsreaktion im Zusammenhang mit Zahnimplantaten – ein Szenario, das auch klinisch häufig vorkommt. Den Tieren wurden zunächst Zähne extrahiert und anschließend Titanimplantate eingesetzt. Vier Wochen später analysierten die Autoren lokale und systemische Immunreaktionen sowie Auswirkungen auf Ovarien, Eizellen und Fertilität.
Zum Einsatz kamen unter anderem Durchflusszytometrie, quantitative PCR, ELISA, Immunfluoreszenz sowie histologische Untersuchungen der Ovarien.
Entzündliche Signale breiten sich systemisch aus
Die Implantation führte zu einer verstärkten lokalen Entzündungsreaktion in der periimplantären Mukosa. Gleichzeitig stieg die Expression entzündlicher Zytokine in Lymphknoten und Milz an. Parallele Veränderungen fanden sich auch in den Ovarien. Dort beobachteten die Forschenden eine veränderte Zytokinexpression sowie Verschiebungen in den Populationen von Immunzellen. Diese immunologischen Veränderungen gingen mit erhöhtem oxidativem Stress im Ovargewebe einher. In der Folge war die Follikelentwicklung beeinträchtigt, und auch die Qualität der Eizellen nahm ab.
Verminderte Geburtenrate im Tiermodell
Die biologischen Veränderungen hatten auch direkte Auswirkungen auf die Fortpflanzung. Unter chronischen Entzündungsbedingungen sank die Geburtenrate der Tiere deutlich. Darüber hinaus fanden die Forschenden Hinweise auf tiefgreifende zelluläre Veränderungen in den Eizellen. Diese wiesen DNA-Schäden und epigenetische Veränderungen auf, die laut den Autoren an Prozesse der reproduktiven Alterung erinnern. Dies könnte erklären, wie chronische Entzündungen den Verlust der Fruchtbarkeit beschleunigen.
Klinische Studien sollten folgen
„Entzündungen werden oft als lokales Geschehen betrachtet, aber unsere Ergebnisse zeigen, dass sie systemische Folgen bis hin zum Reproduktionssystem haben können“, erklärte Studienleiter Prof. Michael Klutstein. Die Daten deuteten darauf hin, dass chronische orale Entzündungen ein bislang unterschätzter Faktor weiblicher Infertilität sein könnten. Die Studie liefere damit einen weiteren Hinweis darauf, dass Mundgesundheit möglicherweise eine größere Rolle für die reproduktive Gesundheit spielt als bislang angenommen.
Nach Einschätzung der Autoren sind nun klinische Untersuchungen notwendig, um zu klären, inwieweit sich die Beobachtungen aus dem Tiermodell auf den Menschen übertragen lassen. Sollten sich die Ergebnisse bestätigen, könnten sich neue Ansätze für Diagnostik und Therapie ergeben – etwa durch antiinflammatorische oder antioxidative Behandlungsstrategien zur Verbesserung der Fertilität.
Originalpublikation:
P. Kles, S. Ameho, […], and A. Wilensky +10, Chronic Oral Inflammation Impairs Female Reproduction in a Murine Model, Journal of Dental Research, OnlineFirst, https://doi.org/10.1177/00220345251412768
