Gedächtnisstörungen im Alter
Neue Hinweise aus dem Darm
Wenn im Alter das Gedächtnis nachlässt, drängt sich oft eine Frage auf: Bleibt es bei gelegentlichen Aussetzern oder steckt mehr dahinter? Britische Forschende haben untersucht, ob sich der weitere Verlauf mit einer überraschend einfachen Methode abschätzen lässt.
Die leichte kognitive Beeinträchtigung (Mild Cognitive Impairment, MCI) gilt als möglicher Vorläufer einer Demenz, führt jedoch nicht bei allen Betroffenen zu einer fortschreitenden Verschlechterung. Welche Patienten einen raschen kognitiven Abbau entwickeln, lässt sich bislang nur eingeschränkt vorhersagen.
Forschende der Cardiff University und des Imperial College London untersuchten deshalb, ob Darmbakterien und Stoffwechselprodukte im Stuhl Hinweise auf das Vorliegen und den Verlauf einer leichten kognitiven Beeinträchtigung liefern können. Die Ergebnisse wurden in MedComm veröffentlicht.
„Unsere Studie legt nahe, dass der Darm einen Einblick in das Geschehen im Gehirn während der frühesten Stadien des kognitiven Abbaus ermöglichen könnte“, erklärte Studienautor Paul Morgan in einer Pressemitteilung der Cardiff University.
Stuhlproben von 35 älteren Menschen untersucht
An der britischen Studie nahmen 35 ältere Erwachsene teil, von denen 18 Personen eine leichte kognitive Beeinträchtigung aufwiesen und 17 kognitiv gesund waren. Unter ihnen befanden sich 16 zusammenlebende Paare, bei denen jeweils ein Partner betroffen war. Durch diesen Ansatz wollten die Forschenden mögliche Einflüsse gemeinsamer Umwelt- und Lebensbedingungen verringern.
Die zu Hause gewonnenen Stuhlproben wurden auf ihre bakterielle Zusammensetzung und enthaltene Stoffwechselprodukte untersucht. Anschließend entwickelten die Forschenden mithilfe von Machine Learning-Verfahren Modelle zur Unterscheidung zwischen einer leichten kognitiven Beeinträchtigung und kognitiv gesunden Personen.
Die kognitive Leistungsfähigkeit von 17 Betroffenen wurde nach einem Jahr erneut anhand standardisierter Tests erfasst, um zu untersuchen, ob die ursprünglichen Stuhlbefunde mit dem weiteren Verlauf zusammenhingen.
Bakterien und Stoffwechselprodukte unterschieden die Gruppen
Bei Personen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung fanden die Forschenden höhere Konzentrationen des Stoffwechselprodukts Prolin und geringere Konzentrationen von Fumarsäure. Gleichzeitig waren bestimmte Darmbakterien, darunter Ruminococcus und Lachnospira, seltener vertreten, während Izemoplasmataleshäufiger nachgewiesen wurde.
Aus diesen drei Bakteriengruppen und zwei Stoffwechselprodukten entwickelten die Forschenden ein kombiniertes Modell, das Personen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung mit hoher Genauigkeit von kognitiv gesunden Menschen unterscheiden konnte. Dabei erzielte die Kombination bessere Ergebnisse als Modelle, die ausschließlich Bakterien oder Stoffwechselprodukte berücksichtigten. Die Aussagekraft ausgewählter bakterieller Merkmale wurde zusätzlich anhand eines unabhängigen Datensatzes untersucht.
Bestimmte Stoffwechselprodukte waren mit rascherem Abbau assoziiert
Für die Verlaufsanalyse verglichen die Forschenden jeweils sechs Patienten mit besonders rascher beziehungsweise langsamer kognitiver Verschlechterung. Dabei zeigte sich, dass die Patienten mit rascherer Verschlechterung bereits zu Studienbeginn höhere Konzentrationen der Stoffwechselprodukte Arginin, Asparaginsäure und Hypoxanthin im Stuhl aufwiesen.
Auch bei der Zusammensetzung der Darmbakterien fanden sich Unterschiede zwischen den Gruppen. Für die Vorhersage des weiteren kognitiven Verlaufs erwiesen sich die drei Stoffwechselprodukte jedoch als aussagekräftiger und die zusätzliche Berücksichtigung der bakteriellen Merkmale verbesserte die Vorhersage im untersuchten Kollektiv kaum.
Nicht invasiver Test als langfristige Perspektive
Die Aussagekraft wird durch die geringe Teilnehmerzahl eingeschränkt, insbesondere die Verlaufsanalyse, die auf nur zwölf Personen beruhte. Auch wurde die Vorhersage des kognitiven Verlaufs bislang nicht an einer unabhängigen Patientengruppe überprüft.
Trotz dieser Einschränkungen sehen die Forschenden in der Stuhlanalyse einen möglichen Ansatz für die frühere Diagnostik kognitiver Beeinträchtigungen. „Dies war eine kleine Studie, und die Ergebnisse müssen in größeren Gruppen bestätigt werden. Sie deuten jedoch auf einfache, nicht invasive Tests hin, die eines Tages eine frühere Diagnose unterstützen könnten“, erklärte Studienautor You Zhou.
Originalpublikation: Zhang B et al. Profiling Gut Microbiome and Metabolites Aids Diagnosis and Prediction of Progression in Mild Cognitive Impairment. MedComm. 2026. DOI: 10.1002/mco2.71045
