Ist das Mannsein einfach eine zu große Belastung?

Männer sterben im Durchschnitt früher als Frauen und tragen weltweit eine höhere Krankheitslast. Drei neue Beiträge in „The Lancet“ untersuchten, welche Rolle dabei gesellschaftliche Erwartungen und Männlichkeitsnormen spielen könnten. Fachleute sehen darin einen wichtigen Perspektivwechsel.

Warum Männer im Durchschnitt früher sterben, lasse sich nicht mit einem einzigen Faktor erklären, heißt es in einer aktuellen Mitteilung des Science Media Centers Deutschland. Biologische Unterschiede spielten wohl ebenso eine Rolle wie Gesundheitsverhalten, Arbeitsbedingungen und soziale Lebenslagen. Eine neue Lancet-Serie schlägt vor, diese Einflüsse gemeinsam zu betrachten. Sie fragt daher auch, wie gesellschaftliche Vorstellungen davon, was als „männlich“ gilt, Gesundheit und Krankheit beeinflussen können.

Die drei Beiträge setzen dabei unterschiedliche Schwerpunkte. Der erste entwickelt ein theoretisches Modell, das biologische Faktoren, soziale Position und den Zugang zu Macht und Ressourcen zusammenführt. Der zweite vergleicht die Krankheitslast von Männern und Frauen weltweit anhand von Daten der Global Burden of Disease Study 2023. Der dritte diskutiert, wie Männergesundheit stärker in Gesundheitspolitik und Gesundheitsversorgung berücksichtigt werden könnte.

Dabei gehe es nicht darum, Männlichkeit grundsätzlich als gesundheitsschädlich zu bewerten. Der Psychotherapieforscher Prof. Dr. Andreas Walther von der Universität Graz fasst es so zusammen: „Nicht Männlichkeit an sich macht Männer krank, sondern insbesondere starre Vorstellungen davon, wie ein Mann zu sein hat.“ Solche Erwartungen könnten etwa den Umgang mit psychischen Beschwerden beeinflussen, wenn Männer glauben, stets stark, unabhängig und emotional kontrolliert sein zu müssen.

Mehr Krankheitslast durch frühe Todesfälle

Die epidemiologische Analyse zeigt schließlich: Weltweit lag die Krankheitslast bei Männern, gemessen in sogenannten Disability-Adjusted Life Years (DALYs), um 16 Prozent höher als bei Frauen. Für Deutschland, Österreich und die Schweiz betrug der Abstand rund 14, 16 beziehungsweise 4 Prozent. DALYs bilden im Wesentlichen zwei Aspekte ab: Lebensjahre, die durch einen frühen Tod verloren gehen, und Jahre, die Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen leben.

Der Unterschied ging der Analyse zufolge vor allem auf die vorzeitige Sterblichkeit von Männern zurück. Bei den mit Einschränkungen gelebten Jahren lag der Wert hingegen bei Frauen höher. Zu den Ursachen, die besonders zu den Geschlechterunterschieden beitrugen, gehörten Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Unfälle, Krebs sowie Selbstverletzung und Gewalt durch andere.

Die Zahlen beschreiben Unterschiede, erklären aber nicht, wodurch diese entstehen. Walther bezeichnet die Analyse als „umfassende und wertvolle deskriptive Analyse“, die jedoch „keine eindeutigen kausalen Schlussfolgerungen“ zulasse. Aus den Daten lasse sich nicht zuverlässig bestimmen, welcher Anteil der Unterschiede biologisch und welcher gesellschaftlich bedingt sei. Beides könne zusammenwirken.

Normen wirken je nach Lebenslage

Die Beiträge lenken den Blick aber ebenfalls auf Situationen, in denen gesellschaftliche Erwartungen zusätzlichen Druck erzeugen können. Wenn etwa von Männern erwartet werde, die Familie finanziell zu versorgen, könne Arbeitslosigkeit besonders belastend sein. Auch rigide Vorstellungen von Selbstständigkeit könnten dazu beitragen, dass manche Männer gesundheitliche Beschwerden spät ansprechen oder Hilfe erst spät in Anspruch nehmen.

Solche Zusammenhänge seien jedoch nicht für alle Männer gleich. Die Fachleute verweisen auf Unterschiede nach sozialer Lage, Beruf, Region und weiteren Lebensbedingungen. Auch dieselbe Norm könne in einem Umfeld anders wirken als in einem anderen. Eine starke Wettbewerbsorientierung könnte etwa im Beruf Vorteile bringen, während sie in persönlichen Beziehungen wohl eher Konflikte begünstige.

Zudem seien die Belege für einen direkten Einfluss von Männlichkeitsnormen begrenzt. Viele Studien zeigten statistische Zusammenhänge, könnten aber nicht erklären, ob eine Norm die Gesundheit verschlechtert oder ob andere Faktoren dahinterstecken.

Männergesundheit nicht isoliert betrachten

Die Beiträge stoßen bei den befragten Fachleuten auf Zustimmung, aber auch auf Kritik. Die Sozialwissenschaftlerin Prof. Dr. Silvia Krumm vom Universitätsklinikum Ulm sieht eine wichtige Botschaft darin, dass die einfache Gegenüberstellung von Männern und Frauen Unterschiede innerhalb der Männergruppe verdecken könne. Zugleich warnt sie davor, den Blick nur auf benachteiligte Männer zu richten: Auch Männer, die gesellschaftlich privilegiert sind, könnten unter starren Männlichkeitsnormen leiden.

Krumm plädiert außerdem dafür, Männergesundheit nicht getrennt von Frauengesundheit zu diskutieren. Der Anspruch, daraus keine Konkurrenz zu machen, sei wichtig, sagt auch Walther: „Es reicht nicht aus, Männern zu sagen, dass sie sich mehr Hilfe suchen sollen.“ Präventionsangebote und Behandlungen müssten Männer tatsächlich besser erreichen und ihren Bedürfnissen entsprechen.

Die Lancet-Serie liefert damit einen Rahmen, um soziale und biologische Einflüsse gemeinsam zu untersuchen. Sie belegt nicht, dass Männlichkeitsnormen die höhere Sterblichkeit von Männern verursachen. Ihr Impuls liegt vielmehr darin, genauer zu fragen, welche Faktoren in welchen Lebenslagen eine Rolle spielen (könnten) – und wie Prävention und Versorgung darauf eingehen sollten.

 

Originalpublikationen: 

Studie 1: Tolhurst R et al., Men’s health: an intersectional and multilevel framework for understanding syndemic patterns of health. The Lancet 2026

Studie 2: Catto JWF et al., A global men’s health epidemiology within an intersectional framework. The Lancet 2026

Studie 3: Hawkes SJ et al., Charting a course to men’s health and wellbeing: applying a lens of power and politics to improve men’s health outcomes. The Lancet 2026

Originalquelle: Science Media Center Germany

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