Karzinom“ verschwindet unter Antibiotika

Ein junger Mann wird mit dem Verdacht auf ein Oropharynxkarzinom zur weiteren Diagnostik stationär aufgenommen. Erst seine Vorgeschichte gibt Hinweise darauf, dass eine Biopsie der großen Zungengrundläsion wohl nicht vonnöten ist.

Ein 29-jähriger Mann stellt sich nach Überweisung durch seinen Hausarzt in einer HNO-Klinik vor, da er seit rund drei Monaten unter Ohrenschmerzen und Schmerzen beim Schlucken leidet. Zusätzlich berichtet er über wechselnd ausgeprägte rechtsseitige zervikale Lymphknotenschwellungen sowie eine Episode mit blutigem Auswurf. Allgemeinsymptome wie Fieber, Nachtschweiß, Hautausschläge oder ungewollter Gewichtsverlust verneint der Mann. Seine medizinische Vorgeschichte umfasst eine oropharyngeale Chlamydieninfektion, zudem besteht eine Raucheranamnese von fünf Packungsjahren, täglicher Marihuanakonsum sowie gelegentlicher Alkoholkonsum.

Ulzerierende Läsion plus Lymphknoten

Bei der klinischen Untersuchung zeigen sich mehrere vergrößerte, derbe, nicht druckschmerzhafte zervikale Lymphknoten rechts mit einer Größe von bis zu etwa drei Zentimetern, berichten die Autoren des Fallberichts in der Fachzeitschrift Case Reports in Otolaryngology. Zusätzlich tastet sich eine derbe Raumforderung am rechten Zungengrund, die sich in der flexiblen Laryngoskopie als etwa vier Zentimeter große ulzerierende Läsion darstellt. Aufgrund des Befundes besteht zunächst der Verdacht auf ein Malignom des Oropharynx.

Die kontrastmittelgestützte CT des Halses bestätigt multiple vergrößerte zervikale Lymphknoten beidseits auf Level II, rechts bis 22 mm und links bis 16 mm groß, jedoch ohne zentrale Nekrosen. Weitere auffällige Veränderungen im Bereich von Pharynx oder Larynx finden sich nicht.

Infektionsdiagnostik zeigt den wahren Hintergrund

Während die Planung einer Biopsie erfolgt, werden ergänzend serologische Untersuchungen auf infektiöse Ursachen durchgeführt. Dabei fällt ein positiver Treponemen-Antikörpertest auf: Der RPR-Titer beträgt 1:64, womit die Diagnose einer Syphilis gestellt werden kann. Ein HIV-Test bleibt negativ.

Der Patient erhält daraufhin leitliniengerecht eine empirische Therapie mit intramuskulärem Penicillin G gemäß den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation. Bereits innerhalb von zwei Wochen bilden sich die Beschwerden sowie die zervikale Lymphadenopathie vollständig zurück. Aufgrund der raschen klinischen Besserung entscheidet sich der Patient gegen die geplante Biopsie und für engmaschige Verlaufskontrollen.

Drei Wochen nach Therapiebeginn sinkt der RPR-Titer deutlich von 1:64 auf 1:2. Die erneute klinische Untersuchung und Kontrolllaryngoskopie zeigen eine stabile Rückbildung der Läsion am Zungengrund. Da sowohl die Raumforderung als auch die Lymphadenopathie komplett regredient sind, wird auf eine Gewebeentnahme verzichtet.

Der große Imitator 

Der Fall zeigt, dass Syphilis – gerne auch als „Großer Imitator“ bezeichnet – im Kopf-Hals-Bereich klinisch ein Oropharynxkarzinom nachahmen kann. Die Autoren ordnen den Befund am ehesten einer sekundären Syphilis zu, da hohe RPR-Titer, das Fehlen eines klassischen Primäraffekts und die ausgeprägte Lymphadenopathie dafür sprechen. Die Läsion am Zungengrund könne dabei Ausdruck einer lymphatischen Beteiligung oder eines Condyloma lata gewesen sein. Die sekundäre Syphilis entsteht durch die systemische Ausbreitung der Infektion und kann sich unter anderem mit Hautausschlägen an Handflächen und Fußsohlen, Fieber, Abgeschlagenheit, Condylomata lata und generalisierter Lymphadenopathie manifestieren. Eine tertiäre Syphilis betrifft hingegen vor allem das Herz-Kreislauf- oder Nervensystem und kann granulomatöse Gewebeveränderungen (Gummen) verursachen.

Differenzialdiagnostisch kommen bei ulzerierenden Läsionen und zervikaler Lymphadenopathie unter anderem Plattenepithelkarzinome, Lymphome, atypische Mykobakteriosen, Sarkoidose oder Lupus erythematodes infrage.

Die Diagnose der Syphilis erfolgt primär serologisch.

Infektiöse Ursachen im Blick behalten

Sexuell übertragbare Infektionen sind wieder auf dem Vormarsch und sind auch in der Differenzialdiagnose von Kopf-Hals-Läsionen relevant – insbesondere vor dem Hintergrund steigender Inzidenzen sowohl der Syphilis als auch HPV-assoziierter Oropharynxkarzinome. Die Autoren betonen, dass sexuell aktive Patientinnen und Patienten mit Risikofaktoren daher auch auf infektiöse Ursachen wie Syphilis untersucht werden sollten.

Eine frühe Abklärung könne invasive Maßnahmen vermeiden, da die Erkrankung unter Penicillintherapie meist rasch regredient sei, raten die Autoren abschließend.

 

Originalpublikation:
Serena F. Pu, Kevin J. Carlson, Jonathan R. Mark, Benjamin J. Rubinstein, Oropharyngeal Syphilis Presenting as Tongue Base Ulcer With Lymphadenopathy, Case Reports in Otolaryngology
First published: 19 May 2026, https://doi.org/10.1155/crot/2673365