Viele würden sich heute nicht mehr niederlassen

Immer mehr niedergelassene Ärztinnen und Ärzte zweifeln an ihrer Berufsentscheidung.

Eine änd-Leserumfrage zeigt:

Viele Niedergelassene denken über einen Wechsel ins Ausland nach – besonders häufig fällt der Blick auf die Schweiz.

Die Niederlassung verliert für manche Ärztinnen und Ärzte offenbar ihren Reiz. Viele Praxisinhaber denken zumindest gedanklich über einen beruflichen Neustart im Ausland nach – besonders häufig fällt dabei der Blick auf die Schweiz. Das hat eine änd-Leserumfrage ergeben, an der sich 826 Ärztinnen und Ärzte beteiligten.

Ein Drittel gab an, in den vergangenen zwei Jahren mehrfach ernsthaft über einen beruflichen Wechsel ins Ausland nachgedacht zu haben. Weitere 22 Prozent berichten von entsprechenden Überlegungen ohne konkrete Schritte. Lediglich 41 Prozent erklärten, sich mit einem solchen Szenario bislang nicht beschäftigt zu haben.

Auch die Einschätzung der eigenen Berufsentscheidung fällt bemerkenswert kritisch aus. Auf die Frage, ob sie sich heute noch einmal für eine Niederlassung in Deutschland entscheiden würden, antworteten nur 16 Prozent mit einem klaren Ja. 21 Prozent würden sich „eher“ wieder niederlassen. Demgegenüber stehen 63 Prozent, die ihre Entscheidung rückblickend eher oder eindeutig infrage stellen.

Das spiegelt sich auch in der Zukunftsperspektive wider. Zwar hält knapp die Hälfte der Befragten eine Tätigkeit im Ausland für eher unwahrscheinlich. Doch 21 Prozent bewerten die Wahrscheinlichkeit eines Auslandswechsels in den kommenden fünf Jahren mit vier oder fünf auf einer Fünferskala – also als eher oder sehr wahrscheinlich.

Schweiz mit Abstand das attraktivste Ziel

Wenn es um konkrete Zielregionen geht, ergibt sich ein klares Bild. 62 Prozent der Befragten nennen die Schweiz als mögliches Zielland für einen beruflichen Neuanfang. Dahinter folgen Österreich (39 Prozent) sowie skandinavische Länder wie Norwegen, Schweden oder Dänemark (31 Prozent). Bei dieser Frage waren Mehrfachnennungen möglich.

Noch deutlicher wird das Bild bei der Frage nach der ersten Wahl: 39 Prozent der Befragten würden sich im Falle eines Wechsels für die Schweiz entscheiden. Österreich folgt mit 14 Prozent, die skandinavischen Länder mit 12 Prozent.

Entsprechend haben sich bereits viele Befragte mit dem Nachbarland beschäftigt: 21 Prozent geben an, sich sehr konkret mit der Schweiz als Arbeitsort auseinandergesetzt zu haben, weitere 37 Prozent zumindest oberflächlich.

Familie und Praxis binden viele an Deutschland

Was macht die Schweiz aus Sicht vieler Ärztinnen und Ärzte so attraktiv? An erster Stelle – auch hier waren Mehrfachnennungen möglich – steht das höhere Einkommen, das von 63 Prozent genannt wird. Dahinter folgen weniger Bürokratie (46 Prozent), höhere Lebensqualität (50 Prozent) und eine größere Wertschätzung (54 Prozent). Auch mehr ärztliche Autonomie und eine bessere Work-Life-Balance spielen für viele eine Rolle.

Trotz dieser Attraktivität bleiben viele Ärztinnen und Ärzte in Deutschland. Wichtigster Grund (Mehrfachnennungen möglich) ist das persönliche Umfeld: 64 Prozent nennen Familie oder soziales Umfeld als entscheidende Hürde für einen Wechsel. Auch die Bindung an die eigene Praxis und an die Patienten spielt eine große Rolle (41 Prozent).

Bürokratie und Vergütungssystem als Haupttreiber

Bei den Gründen für Wechselüberlegungen dominieren strukturelle Probleme des deutschen Gesundheitssystems. Am häufigsten genannt werden Budgetierung und Vergütungssystem (29 Prozent) sowie politische Rahmenbedingungen (27 Prozent). Bürokratie und regulatorische Eingriffe folgen mit deutlichem Abstand.

Ein Blick in die offenen Antworten zeigt zudem, was viele Praxisinhaber im Alltag am meisten belastet: immer wieder genannt werden überbordende Bürokratie, Budgetierung, mangelnde Wertschätzung und eine dysfunktionale Telematikinfrastruktur.
An der Online-Umfrage beteiligten sich vom 4. bis zum 10. März 2026 insgesamt 826 änd-Mitglieder, Haus- und Fachärzte aus dem gesamten Bundesgebiet.