Xylit erhöht Kardio-Risiko
Birkenzucker statt Haushaltszucker – vermeintlich die gesündere Wahl. Doch jetzt gibt es neue unbequeme Daten: Das Süßungsmittel könnte dem Herzen mehr schaden als bislang gedacht.
Eine neue Studie sorgt für Aufsehen: Der Verzehr von Xylit könnte mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen einhergehen. Darauf deutet eine Langzeitanalyse von Patientendaten aus Kanada und Europa hin. Durchgeführt wurde die Untersuchung von einem Forschungsteam der Berliner Charité. Die Ergebnisse wurden auf dem diesjährigen Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) in München vorgestellt.
Bunte Welt der Süßungsmittel
| Zuckerersatzstoffe sind Substanzen, die Lebensmitteln einen süßen Geschmack verleihen und als Alternative zu herkömmlichen Zuckerarten (z. B. Haushalts- und Rohrzucker) oder natürlich süßenden Zutaten (z. B. Honig oder Ahornsirup) eingesetzt werden. In der Praxis unterscheidet man zwei Gruppen von Zuckerersatzstoffen, die unter dem Oberbegriff „Süßungsmittel“ zusammengefasst werden. Dazu gehören zum einen die nicht nutritiven Süßstoffe (NNS), die keine verwertbare Energie liefern, aber eine hohe Süßkraft besitzen. Sie können daher nur in sehr geringen Mengen eingesetzt werden. Typische Vertreter sind Aspartam, Cyclamat, Sucralose und Steviolglykoside. Davon abgegrenzt werden die mehrwertigen Zuckeralkohole (Polyole), die herkömmliche Zuckerarten mengenmäßig ersetzen können und deren Energiegehalt bei etwa 2,4 kcal pro Gramm liegt. Zu dieser Kategorie gehören die Zuckeralkohole Xylit, Sorbit, Mannit, Maltit, Lactit, Isomalt und Polyglycitolsirup. Als kalorienhaltige Süßungsmittel müssen sie in die Brennwertberechnung einbezogen werden (Ausnahme: Erythrit hat mit 0,2 kcal pro Gramm nahezu keine Kalorien).
Süßungsmittel können aus Pflanzen gewonnen, chemisch synthetisiert oder biotechnologisch hergestellt werden. In der Europäischen Union sind derzeit 21 Süßungsmittel als Lebensmittelzusatzstoffe zugelassen, 13 nicht nutritive Süßstoffe (E 950–E 969) und 8 Zuckeralkohole (E 420–E 421; E 952–E 968). Sie wurden von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und der amerikanischen Zulassungsagentur (FDA) allgemein als sicher anerkannt und zugelassen („GRAS“-Status: generally recognized as safe). In der Zutatenliste von verpackten Lebensmitteln müssen Süßungsmittel mit ihrem Stoffnamen oder ihrer E-Nummer aufgeführt werden. Süßungsmittel gelten als vermeintlich gesündere Alternative zu herkömmlichen Zuckerarten bzw. natürlich süßenden Zutaten und werden auch so beworben. Ein Trugschluss, wie sich nun herausstellt. Die vorliegende Studie der Berliner Wissenschaftler legt nahe, dass mit dem Konsum des trendigen Zuckerersatzstoffs Xylit ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen einhergehen könnte. Zweifel an der UnbedenklichkeitDie Wissenschaftler um M. Witkowski analysierten die Daten von 17.710 Teilnehmern aus zwei prospektiven Beobachtungsstudien. Aus der kanadischen Langzeituntersuchung „Canadian Longitudinal Study on Aging (CLSA)“ stammten 7.651 Probanden und aus einer britischen Teilkohorte der „European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition (EPIC)-Norfolk“ gingen 10.059 Probanden in die Analyse ein. Untersucht wurde der Zusammenhang zwischen den Xylit-Plasmakonzentrationen und den neu aufgetretenen schweren kardiovaskulären Ereignissen, definiert als Tod, Herzinfarkt oder Schlaganfall. Personen mit Xylit-Werten im obersten Viertel der Messungen hatten ein signifikant höheres Risiko für schwere unerwünschte kardiovaskuläre Ereignisse im Vergleich zu Personen mit Xylit-Spiegeln im untersten Quartil. In der CLSA-Kohorte lag das relative Risiko für ein schweres unerwünschtes kardiovaskuläres Ereignis während der sechsjährigen Nachbeobachtung bei den Personen mit den höchsten Werten um 47 % höher als bei den Personen mit den niedrigsten Werten (adjustierte HR 1,47; 95-%-KI 1,15–1,86; p = 0,002). Dabei wurde für etablierte Risikofaktoren wie Alter, Geschlecht, Raucherstatus, Blutfettwerte, Diabetes und Bluthochdruck adjustiert. In der EPIC-Norfolk-Kohorte war das relative Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse während der 30-jährigen Nachbeobachtung bei den Personen mit den höchsten Werten um 18 % höher als bei den Personen mit den niedrigsten Werten (adjustierte HR 1,18; 95-%-KI 1,09–1,27; p < 0,0001). In der Gesamtauswertung fanden die Forscher zudem eine dosisabhängige Beziehung: Mit steigenden Xylit-Konzentrationen nahm auch die Häufigkeit von Herzinfarkten, Schlaganfällen und kardiovaskulären Todesfällen zu. Der Zusammenhang blieb auch nach Berücksichtigung zahlreicher Störfaktoren bestehen. Befunde geben Anlass zur SorgeDie vorliegenden Ergebnisse stehen in Einklang mit Befunden aus früheren Studien der gleichen Arbeitsgruppe. In einer kleineren Kohorte mit 1.157 Menschen mit bestehenden Herz-Kreislauf-Risiken konnte bereits 2023 gezeigt werden, dass hohe Xylit-Konzentrationen im Blut zu einer deutlich höheren Rate schwerwiegender kardiovaskulärer Ereignisse in den folgenden drei Jahren führten. Der Befund wurde in einer zweiten Kohorte mit 2.149 Menschen, die sich wegen Herz-Kreislauf-Problemen zu einer kardiologischen Untersuchung vorgestellt hatten, bestätigt. Das relative Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse während der 3-jährigen Nachbeobachtung war bei den Personen im obersten Terzil um 57 % höher als bei den Personen im untersten Drittel (adjustierte HR 1,57; 95-%-KI 1,12–2,21; p < 0,01). |
