Longevity: Botschaften aus der Mundhöhle

Gesundheitsgurus optimieren Schlaf, Ernährung und Herzratenvariabilität – und vergessen dabei konsequent den Mund. Dabei spuckt genau der gerade ziemlich interessante Antworten auf einige Longevity-Fragen aus.

Longevity ist derzeit überall: Podcasts, Kongresse, Internisten und Lifestyle-Medizin werden nicht müde, das Thema durchzukauen. Dabei geht es längst nicht mehr primär darum, das Leben zu verlängern, sondern vor allem darum, die gesund verbrachten Lebensjahre – die sogenannte Healthspan – zu maximieren. Das Ziel ist, Alterungsprozesse biologisch günstig zu beeinflussen, chronische Entzündungen zu reduzieren und funktionelle Fähigkeiten möglichst lange zu erhalten. Während in diesem Zusammenhang vor allem kardiovaskuläre, metabolische und neurodegenerative Prozesse intensiv untersucht werden, rückt zunehmend auch die Mundhöhle in den Fokus.

Die Zahnmedizin befindet sich aktuell in einem bemerkenswerten Wandel; weg von einer rein lokal-restaurativen Zahnmedizin hin zu einem integralen Bestandteil moderner Präventions– und Systemmedizin. Die Mundhöhle wird heute nicht mehr isoliert betrachtet, sondern als hochaktives biologisches System mit engem Einfluss auf Entzündung, Stoffwechsel, Immunregulation und funktionelles Altern gesehen. Dass orale Gesundheit essenziell für gesundes Altern ist, überrascht nicht, da schließlich die Mastikation, Sprache, soziale Interaktion und Ernährung unmittelbar von ihr abhängen.

Inflammaging und Parodontitis

Biologisch ist Altern unter anderem durch chronische niedriggradige Entzündungsprozesse geprägt, das sogenannte „Inflammaging“. Genau hier wird die Relevanz der Mundhöhle besonders deutlich. Sie zählt zu den mikrobiell komplexesten und immunologisch aktivsten Regionen des menschlichen Körpers. Chronische orale Erkrankungen, insbesondere die Parodontitis, können über bakterielle Dysbiose, endotheliale Aktivierung und persistierende Zytokinfreisetzung eine dauerhafte systemische Entzündungsbelastung erzeugen. Die Vorstellung, Parodontitis sei lediglich ein lokales Problem des Zahnhalteapparates, wird aus heutiger Sicht nicht mehr unterstützt. Vielmehr zeigen zahlreiche Studien Zusammenhänge zwischen parodontalen Entzündungen und kardiovaskulären Erkrankungen, Diabetes mellitus, dem metabolischen Syndrom und Sarkopenie sowie neurodegenerativen Erkrankungen. Proinflammatorische Mediatoren wie Interleukin-6TNF-α oder CRPspielen dabei sowohl in der Parodontologie als auch in zentralen Mechanismen des biologischen Alterns eine wesentliche Rolle.

Oral Frailty: Funktioneller Abbau im Mund

In diesem Zusammenhang gewinnt auch das Konzept der sogenannten „oral frailty“ zunehmend an Bedeutung. Beschrieben wird dadurch der altersassoziierte Verlust oraler funktioneller Integrität, etwa durch reduzierte Kaufunktion, verminderte Okklusionskraft, DysphagieXerostomieoder eingeschränkte orofaziale Motorik. Was früher häufig als beinahe unvermeidliche Begleiterscheinung des Alters betrachtet wurde, wird heute deutlich anders gesehen. Aktuelle Arbeiten (hier und hier) zeigen, dass die orale Frailty signifikant mit Sarkopenie, kognitivem Abbau, Demenz, Pflegebedürftigkeit und erhöhter Mortalität assoziiert ist. Der Zustand der Mundhöhle scheint anders als bisher angenommen erstaunlich viel darüber zu verraten, wie resilient ein Organismus insgesamt altert.

Kauen ums Altern

Auch die funktionelle Dentition erhält in diesem Kontext eine neue Bedeutung. Entscheidend ist nicht allein die Anzahl der vorhandenen Zähne, sondern die effiziente Kaufähigkeit und damit die Fähigkeit zu einer adäquaten Nährstoffaufnahme. Studien zeigen (hier und hier), dass funktionelle Zahnpaare mit erhöhter Lebenserwartung korrelieren, während Zahnverlust eher mit erhöhter Mortalität in Verbindung gebracht werden kann. Im klinischen Alltag wird das oft unterschätzt: Wer schlecht kauen kann, ernährt sich häufig schlechter, verliert Muskelmasse und funktionelle Reserven – ein zentraler Mechanismus im Frailty-Syndrom.

Parallel dazu erlebt das orale Mikrobiom geradezu eine wissenschaftliche Renaissance. Die Mundhöhle beherbergt eines der komplexesten mikrobiellen Ökosysteme des Körpers. Dysbiotische Veränderungen der oralen Flora werden mittlerweile mit atherosklerotischen Prozessen, metabolischen Erkrankungen, neuroinflammatorischen Mechanismen und Autoimmunerkrankungen in Verbindung gebracht. Was vor wenigen Jahren noch futuristisch klang, entwickelt sich zunehmend zu einem spannenden Forschungsfeld, nämlich der Entwicklung sogenannter „oral aging clocks“, bei denen mikrobielle Signaturen genutzt werden könnten, um biologisches Alter und Frailty-Risiken besser einzuschätzen.

Speicheldiagnostik – die Liquid Biopsy der Zukunft?

Ähnlich dynamisch entwickelt sich auch die Speicheldiagnostik. Speichel wird heute längst nicht mehr nur als diagnostisches Nebenprodukt betrachtet, sondern zunehmend als nichtinvasive Biomarkerplattform für systemische Alterungsprozesse verstanden: Speichelbasierte extrazelluläre Vesikel (sEVs), inflammatorische Marker wie IL-10, IL-6, IL-1β oder CRP sowie proteomische und metabolomische Signaturen (u. a. Oxidationsmarker, Polyamine, Lipidperoxidationsprodukte) zeigen enge Zusammenhänge mit biologischem Alter, Oral Frailty und systemischer inflammatorischer Last. Sie könnten künftig eine präzisere Einschätzung biologischer Alterungsprozesse ermöglichen. Des Weiteren korrelieren Veränderungen von MMP-8– und TIMP-Profilen im Speichel mit parodontaler Progression und systemischer Inflammation. Dadurch könnten frühe systemische Risikoprofile abgebildet werden (hierhierhier und hier).

Parallel dazu entwickeln sich intraorale Biosensoren und KI-gestützte Diagnostiksysteme rasant weiter. Ziel ist die Echtzeitmessung inflammatorischer und metabolischer Marker direkt im oralen Milieu. Damit bewegt sich auch die Zahnmedizin zunehmend in Richtung daten- und biomarkerbasierter Präzisionsmedizin.

Mundhygiene nicht nur um der Zähne willen

Aktuelle Studien (hierhier und hier) bestätigen, dass langfristige orale Gesundheit vor allem auf konsequenter Biofilmkontrolle, regelmäßiger Fluoridexposition oder Alternativen und entzündungsfreien parodontalen Verhältnissen basiert. Es wird gezeigt, dass elektrische Zahnbürsten sowie tägliche Interdentalreinigung Plaque und Gingivitis signifikant effektiver reduzieren als alleinige manuelle Zahnreinigung. Ergänzend tragen geringe Zuckerfrequenz, ausreichender Speichelfluss und Rauchverzicht wesentlich zur Prävention von Karies, Parodontitis und Zahnverlust bei.

Dennoch deutet vieles auf einen Paradigmenwechsel innerhalb der Zahnmedizin hin. Die Mundhöhle wird dabei zunehmend nicht mehr als isolierter Bereich betrachtet, sondern als wichtige Schnittstelle zwischen Umwelt, Mikrobiom, Immunsystem und allgemeiner Gesundheit. Ziel ist nicht nur die Behandlung oraler Erkrankungen, sondern die aktive Mitgestaltung eines gesunden, funktionellen und resilienten Alterns. Ehrlich gesagt, das haben wir Zahnmediziner doch immer schon ein bisschen geahnt.

 

Quellen:

Patel et al.: Oral health for healthy ageing. Lancet Healthy Longevity. 2021. doi: 10.1016/S2666-7568(21)00142-2

Sahab et al.: Oral Health and Healthy Ageing: A Systematic Review of Longitudinal Studies. Gerodontology. 2025. doi: 10.3390/dj13070303

Duan et al.: Tooth loss progression and mortality among older adults. BMC Geriatrics. 2025. doi: 10.1186/s12877-025-06419-1

Foo et al.: Oral frailty and outcomes: A scoping review. Proceedings of Singapore Healthcare. 2025. doi: 10.1177/20101058251355290

Yu et al.: Oral frailty in older adults: risk factors, adverse outcomes, and interventions. BMC Geriatrics. 2026. doi: 10.1186/s12877-026-07470-2

Watanabe et al.: Oral health for achieving longevity. Geriatrics & Gerontology International. 2020. doi: 10.1111/ggi.13921

Martínez-García et al.: Periodontal Inflammation and Systemic Diseases: An Overview. Front Physiol. 2021. doi: 10.3389/fphys.2021.709438

Nurkolis et al.: Can salivary and skin microbiome become a biodetector for aging-associated diseases? Current insights and future perspectives. Frontiers in Aging. 2024. doi: 10.3389/fragi.2024.1462569

Regueira-Iglesias et al.: The salivary microbiome as a diagnostic biomarker of periodontitis: a 16S multi-batch study before and after batch correction. Frontiers in Cellular and Infection Microbiology. 2024. doi: 10.3389/fcimb.2024.1405699

Cui et al.: New frontiers in salivary extracellular vesicles: transforming diagnostics, monitoring, and therapeutics in oral and systemic diseases. Journal of Nanobiotechnology. 2024. doi: 10.1186/s12951-024-02443-2

Zhao et al.: Advancements and Challenges in Salivary Metabolomics for Early Detection and Monitoring of Systemic Diseases. 2025. doi: 10.1002/mco2.70395

Relvas et al.: Salivary IL-1β, IL-6, and IL-10 Are Key Biomarkers of Periodontitis Severity. Int J Mol Sci., 2024. doi: 10.3390/ijms25158401

Albagieh et al.: Evaluation of Salivary Diagnostics: Applications, Benefits, Challenges, and Future Prospects in Dental and Systemic Disease Detection. Cureus. 2025. doi: 10.7759/cureus.77520

Unterbrink et al.: Fluoride-Free Toothpastes for Caries Prevention: A Systematic Review of Clinical Evidence on Active Ingredients. Clin Cosmet Investig Dent. 2026. doi: 10.2147/CCIDE.S586895

Seuntjens et al.: Plaque scores after 1 or 2 minutes of toothbrushing – A systematic review and meta-analysis. Int J Dent Hygiene. 2025. doi: 10.1111/idh.12840

Gandhi et al.: Efficacy of oral irrigators compared to other interdental aids for managing peri-implant diseases: a systematic review. BDJ Open, 2025. doi: 10.1038/s41405-025-00301-3