Brust- und Hodenkrebs: Steigt mit der Cannabisnutzung auch das Krebsrisiko?

Die Inzidenz von Brust-, Hoden- und anderen Krebsarten stieg in den letzten Jahrzehnten bei jungen Menschen in den USA und Kanada deutlich an. Mögliche Erklärungen umfassen Lebensstilfaktoren, Adipositas und genetische Prädisposition, doch eine neue Studie fokussierte sich nun auf einen anderen Faktor: die zunehmende Nutzung von Cannabis.

Die zunehmende Legalisierung und Nutzung von Cannabis könnte mit dem Anstieg von Brust- und Hodenkrebs bei jungen Erwachsenen zusammenhängen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse von Krebsregisterdaten aus den USA und Kanada, die in Academia Oncology veröffentlicht wurde.

Für die Studie untersuchten die Forschenden die Entwicklung der Krebsinzidenz bei jungen Menschen in Nordamerika und verglichen diese mit der Ausweitung der Cannabis-Legalisierung. Im Fokus standen Brustkrebs bei Frauen im Alter von 20 bis 34 Jahren sowie Hodenkrebs bei Männern zwischen 15 und 39 Jahren. Die US-Daten stammten aus dem Krebsregisterprogramm SEER (Surveillance, Epidemiology, and End Results), für Kanada wurden Daten des Institute for Health Metrics and Evaluation ausgewertet.

Paralleler Anstieg von Krebsfällen und Cannabis-Legalisierung

  • Die Forschenden fanden eine deutliche Korrelation zwischen den jährlichen Veränderungen der Brust- und Hodenkrebsinzidenz mit der Ausweitung der Legalisierung (Pearson-Korrelationskoeffizient r = 0,95).
  • Zudem stiegen die Erkrankungsraten in Staaten mit legalem Cannabis deutlich stärker an als in Staaten ohne entsprechende Gesetzgebung.
  • Bei Brustkrebs nahm die Inzidenz in den Legalisierungsstaaten um insgesamt 26 Prozent zu, verglichen mit 17 Prozent in den übrigen Staaten. Auch bei Hodenkrebs fiel der Anstieg mit 24 Prozent gegenüber 14 Prozent deutlich stärker aus.
  • Die statistische Analyse zeigte für beide Tumorarten signifikante jährliche Zuwachsraten in den Cannabis-Legalisierungsstaaten. In Staaten ohne Legalisierung verlief der Anstieg schwächer; für Hodenkrebs zeigte sich dort über längere Zeiträume sogar keine signifikante Zunahme.
  • Noch ausgeprägter war die Entwicklung in Kanada. Dort stiegen die Inzidenzen von Brust- und Hodenkrebs in den untersuchten Altersgruppen stärker als in den USA. Die Autoren sehen darin einen möglichen Hinweis auf die frühere und umfassendere Liberalisierung des Cannabiskonsums in Kanada.
  • Darüber hinaus fanden sie sowohl in Kanada als auch in den USA Zusammenhänge zwischen der Häufigkeit von Cannabisgebrauchsstörungen in verschiedenen Altersgruppen und den jeweiligen Krebsraten.

Cannabis als möglicher Risikofaktor

„Die Erkenntnisse aus unserer Studie zeigen, dass Cannabis ein potenzieller ätiologischer Faktor ist, der zur steigenden Inzidenz von Brustkrebs bei jungen Frauen und Hodenkrebs bei älteren Jugendlichen und jungen erwachsenen Männern beiträgt“, wird die Erstautorin Dr. Johnson in einer Mitteilung in ASCO Post zitiert. „Und es beunruhigt, dass die krebserregende Wirkung von Cannabis auf junge Menschen schnell zu sein scheint und innerhalb weniger Jahre nach der Exposition gegenüber diesem Medikament zu Krebs führt.“

Johnson erklärt, dass Cannabis zum einen als endokriner Disruptor gelte, zudem hätten experimentelle Arbeiten auf genotoxische und möglicherweise krebserregende Effekte von Cannabinoiden hingewiesen.

Forderung nach weiterer Forschung

Die Autoren sehen Hinweise darauf, dass Cannabis ein bislang unterschätzter Risikofaktor für bestimmte Tumorerkrankungen sein könnte. Gleichzeitig betonen die Forschenden, dass die Studie keinen kausalen Zusammenhang beweisen kann. Die Analyse basiert auf Bevölkerungsdaten und zeigt statistische Assoziationen, nicht jedoch, dass Cannabis unmittelbar die Ursache der beobachteten Tumoren ist. Andere Einflussfaktoren könnten die Ergebnisse ebenfalls mit beeinflusst haben. Dennoch sehen die Autoren angesichts der zunehmenden Verbreitung hochpotenter Cannabisprodukte und der fortschreitenden Legalisierung Handlungsbedarf. Das mögliche Krebsrisiko von Cannabis verdiene eine umfassende wissenschaftliche und gesundheitspolitische Bewertung.

Originalpublikation:
Johnson RH, Speckhart A, Chien F, et al: Emerging evidence links cannabis use to increased risk of breast and testicular cancer in young Americans. Acad Oncol https://doi.org/10.20935/acadonco7758, 2026.

 

Diabetes ist mit Zahn- und Implantatverlust verbunden

Menschen mit Diabetes haben ein erhöhtes Risiko für Parodontitis und Zahnverlust. Auch das Risiko für Entzündungen und Knochenverlust an Zahnimplantaten war höher. Dies sind die Ergebnisse einer Analyse aus Schweden.

Die Studie – eine Dissertation an der Uni Göteborg –­ basiert der Uni zufolge „auf einem umfassenden Datensatz aus sieben schwedischen Registern, der einen langen Zeitraum abdeckt und einen hohen Grad an Vollständigkeit aufweist“. Im Vergleich zu früheren Studien sei „die Stichprobe auffallend groß, insbesondere für Typ-1-Diabetes“, so die Uni. Konkret befasst sich die Arbeit mit dem Zusammenhang zwischen Diabetes und oralen Erkrankungen wie Parodontitis, Zahnverlust und Periimplantitis.

Ergebnisse: Zahnverlust und Diabetes

Die Analyse ergab, dass Menschen mit Typ-1-Diabetes und schlechter Blutzuckerkontrolle ein erhöhtes Risiko für Parodontitis und Zahnverlust hatten, verglichen mit einer Kontrollgruppe ohne Diabetes. Bei Personen mit kontinuierlich guter Blutzuckerkontrolle waren jedoch keine derartigen Unterschiede festzustellen. Bei Typ-2-Diabetes war das Risiko für Parodontitis und Zahnverlust unabhängig von der Blutzuckerkontrolle erhöht. Der Zusammenhang war am stärksten, wenn die Blutzuckerkontrolle schlecht war. Umgekehrt war Parodontitis bei beiden Diabetes-Typen mit einem erhöhten Risiko für diabetesbedingte Augen- und Nierenkomplikationen verbunden.

Bei vorhandenen Zahnimplantaten haben Diabetiker ein höheres Risiko für Periimplantitis und Implantatverlust: Das Risiko eines vollständigen Zahnverlusts war besonders hoch bei Diabetikern, die zudem sozioökonomisch benachteiligt waren (geringeres Einkommen, kürzere Schulbildung).

Fazit: Zahnpflege Teil der Diabetes-Prävention

Die Dissertation untermauert nach Ansicht der Uni frühere Belege für einen Zusammenhang zwischen Diabetes und Munderkrankungen und „betont die Bedeutung einer engen Zusammenarbeit zwischen Gesundheits- und Zahnpflegeanbietern“. Die konkreten Erkenntnisse zu Zahnimplantaten seien hingegen „neuartig“. „In der Zahnmedizin sind sich die meisten des Zusammenhangs zwischen Diabetes und beeinträchtigter Mundgesundheit bewusst. Unsere Daten stützen die Auffassung, dass Zahnpflege Teil von Diabetes-Präventionsstrategien sein sollte“, erklärt die Autorin Dr. Anna Trullenque Eriksson.

Die Ergebnisse im Detail:

Typ-1-Diabetes (Analysen basierend auf 86.273 Personen; Durchschnittsalter 43 Jahre)

  • 33,9 % hatten über einen Zeitraum von 10 Jahren einen oder mehrere Zähne verloren (25,3 % bei denjenigen mit guter Blutzuckerkontrolle; 43,5 % bei denjenigen mit schlechter Kontrolle). In der Vergleichsgruppe ohne Diabetes kam es bei 29,0 % zu Zahnverlust.
  • 3,1 % hatten über einen Zeitraum von zehn Jahren fünf oder mehr Zähne verloren (gute Kontrolle: 1,0 %; schlechte Kontrolle: 5,6 %). Der entsprechende Wert für die Vergleichsgruppe lag bei 1,9 %.

Typ-2-Diabetes (Analysen basierend auf 786.305 Personen; Durchschnittsalter 60 Jahre)

  • 46,1 % hatten über einen Zeitraum von 10 Jahren einen oder mehrere Zähne verloren (44,0 % bei denjenigen mit guter Blutzuckerkontrolle; 54,9 % bei denjenigen mit schlechter Kontrolle). Bei den passenden Kontrollpersonen ohne Diabetes kam es bei 37,8 % zu Zahnverlust.
  • 7,0 % hatten über einen Zeitraum von zehn Jahren fünf oder mehr Zähne verloren (gute Kontrolle: 5,7 %; schlechte Kontrolle: 12,6 %). Der entsprechende Wert für die Kontrollgruppe lag bei 3,7 %.

Originalpublikation:

Thesis: Periodontal research using nationwide registry data

Quelle: Universität Göteborg

 

Bilateral verkürzte Zahnreihe

Erste Leitlinie zur prothetischen Versorgung

Erstmals gibt es eine S3-Leitlinie zur prothetischen Versorgung von bilateral verkürzten Zahnreihen. Sie soll als „evidenz- und konsensbasierte Entscheidungsgrundlage“ praxisrelevante Handlungsempfehlungen formulieren und Informationen zum „Überleben und Risiken der Versorgungsoptionen“ vergleichend darstellen.

vornehmlich an Zahnärzte, Fachzahnärzte für Kieferorthopädie, Fachzahnärzte für Parodontologie, Fachärzte für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und zahnmedizinisches Fachpersonal. Federführende Fachgesellschaften sind die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) und die Deutsche Gesellschaft für Prothetische Zahnmedizin und Biomaterialien (DGPro).

Patientenzielgruppe sind dem Autorenteam zufolge „erwachsene Patienten mit bilateral verkürzter Zahnreihe im Unter- und/oder Oberkiefer, entsprechend der Definition des Shortened Dental Arch nach Käyser“. Daraus ergebe sich, dass für diese Leitlinie die Zahnreihenverkürzung bis maximal zum zweiten Prämolaren betrachtet wird.

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick (im Wortlaut der Leitlinie)

  • Für Patienten mit beidseits verkürzter Zahnreihe, die mit herausnehmbaren Teilprothesen mit Molarenersatz versorgt werden können, soll die Patientenpräferenz (shared decision making) bei der Therapieplanung beachtet werden, da im Vergleich zu festsitzend versorgten bilateral verkürzten Zahnreihen ohne Molarenersatz kein Unterschied in der Verbesserung der mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität (OHRQoL) festzustellen ist.
  • Vor dem Hintergrund des hohen Anteils der Ästhetik an der allgemeinen Patientenzufriedenheit soll bei Patienten mit beidseits verkürzter Zahnreihe, die mittels herausnehmbaren Teilprothesen mit Molarenersatz versorgt werden sollen, ebenso wie bei festsitzend versorgten bilateral verkürzten Zahnreihen ohne Molarenersatz, im Vorfeld der Therapieplanung das Hauptanliegen der Patienten erfasst werden.
  • Je länger sich festsitzender Zahnersatz zur Versorgung der bilateral verkürzten Zahnreihe, im Sinne eines SDA-Konzeptes, in situ befindet, desto höher steigt die Wahrscheinlichkeit eines Pfeilerzahnverlustes, was einen Hauptgrund für das biologische Versagen darstellt, wie auch bei den herausnehmbaren Teilprothesen mit Molarenersatz. Dies soll bei der Planung des Zahnersatzes berücksichtig werden
  • Für Patienten mit beidseits verkürzter Zahnreihe, die im Sinne des SDA-Konzepts festsitzend, ohne Molarenersatz versorgt werden können, soll die Patientenpräferenz (shared decision making) bei der Therapieplanung beachtet werden, da im Vergleich zu herausnehmbaren Teilprothesen mit Molarenersatz kein Unterschied in der Verbesserung der mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität (OHRQoL) festzustellen ist.
  • Aufgrund der auftretenden biologischen Komplikationen bei der Therapie der bilateral verkürzten Zahnreihe mit implantatgetragenem Zahnersatz mit Molarenersatz soll ein entsprechend angepasstes Nachsorgeintervall gewählt werden.
  • Aufgrund der positiven Ergebnisse zur mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität (OHRQoL) bei Versorgungen der bilateral verkürzten Zahnreihe mittels Implantat-gestütztem Zahnersatz, soll im Zuge der Therapieentscheidung über die Anwendung von Implantaten aufgeklärt werden.

Zur Leitlinie:

S3-Leitlinie Prothetische Versorgung der bilateral verkürzten Zahnreihe

 

Entzündungen im Mund setzen auch den Ovarien zu

Infertilität

Chronische orale Entzündungen wie Parodontitis wurden bereits mit verschiedenen systemischen Erkrankungen in Verbindung gebracht. Darüber hinaus können sie direkt die weibliche Fertilität beeinflussen. Wie genau, das war bisher nicht ausreichend verstanden. In einem Tiermodell mit Mäusen und Titanimplantaten kamen Forschende den Ursachen auf den Grund.

 

Die Studie von Forschenden der Hebrew University of Jerusalem und des Hebrew University-Hadassah Medical Center fand heraus, dass eine anhaltende orale Entzündung systemische Immunreaktionen auslösen kann, die bis zu den Eierstöcken reichen und dort die Eizellreifung sowie die ovarielle Funktion beeinträchtigen. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Journal of Dental Research veröffentlicht.

Mausmodell mit Zahnimplantaten

Untersucht wurde in einem Mausmodell eine chronische Entzündungsreaktion im Zusammenhang mit Zahnimplantaten – ein Szenario, das auch klinisch häufig vorkommt. Den Tieren wurden zunächst Zähne extrahiert und anschließend Titanimplantate eingesetzt. Vier Wochen später analysierten die Autoren lokale und systemische Immunreaktionen sowie Auswirkungen auf Ovarien, Eizellen und Fertilität.

Zum Einsatz kamen unter anderem Durchflusszytometrie, quantitative PCR, ELISA, Immunfluoreszenz sowie histologische Untersuchungen der Ovarien.

Entzündliche Signale breiten sich systemisch aus

Die Implantation führte zu einer verstärkten lokalen Entzündungsreaktion in der periimplantären Mukosa. Gleichzeitig stieg die Expression entzündlicher Zytokine in Lymphknoten und Milz an. Parallele Veränderungen fanden sich auch in den Ovarien. Dort beobachteten die Forschenden eine veränderte Zytokinexpression sowie Verschiebungen in den Populationen von Immunzellen. Diese immunologischen Veränderungen gingen mit erhöhtem oxidativem Stress im Ovargewebe einher. In der Folge war die Follikelentwicklung beeinträchtigt, und auch die Qualität der Eizellen nahm ab.

Verminderte Geburtenrate im Tiermodell

Die biologischen Veränderungen hatten auch direkte Auswirkungen auf die Fortpflanzung. Unter chronischen Entzündungsbedingungen sank die Geburtenrate der Tiere deutlich. Darüber hinaus fanden die Forschenden Hinweise auf tiefgreifende zelluläre Veränderungen in den Eizellen. Diese wiesen DNA-Schäden und epigenetische Veränderungen auf, die laut den Autoren an Prozesse der reproduktiven Alterung erinnern. Dies könnte erklären, wie chronische Entzündungen den Verlust der Fruchtbarkeit beschleunigen.

Klinische Studien sollten folgen

„Entzündungen werden oft als lokales Geschehen betrachtet, aber unsere Ergebnisse zeigen, dass sie systemische Folgen bis hin zum Reproduktionssystem haben können“, erklärte Studienleiter Prof. Michael Klutstein. Die Daten deuteten darauf hin, dass chronische orale Entzündungen ein bislang unterschätzter Faktor weiblicher Infertilität sein könnten. Die Studie liefere damit einen weiteren Hinweis darauf, dass Mundgesundheit möglicherweise eine größere Rolle für die reproduktive Gesundheit spielt als bislang angenommen.

Nach Einschätzung der Autoren sind nun klinische Untersuchungen notwendig, um zu klären, inwieweit sich die Beobachtungen aus dem Tiermodell auf den Menschen übertragen lassen. Sollten sich die Ergebnisse bestätigen, könnten sich neue Ansätze für Diagnostik und Therapie ergeben – etwa durch antiinflammatorische oder antioxidative Behandlungsstrategien zur Verbesserung der Fertilität.

 

Originalpublikation:
P. Kles, S. Ameho, […], and A. Wilensky +10, Chronic Oral Inflammation Impairs Female Reproduction in a Murine Model, Journal of Dental Research, OnlineFirst, https://doi.org/10.1177/00220345251412768

 

Longevity: Botschaften aus der Mundhöhle

Gesundheitsgurus optimieren Schlaf, Ernährung und Herzratenvariabilität – und vergessen dabei konsequent den Mund. Dabei spuckt genau der gerade ziemlich interessante Antworten auf einige Longevity-Fragen aus.

Longevity ist derzeit überall: Podcasts, Kongresse, Internisten und Lifestyle-Medizin werden nicht müde, das Thema durchzukauen. Dabei geht es längst nicht mehr primär darum, das Leben zu verlängern, sondern vor allem darum, die gesund verbrachten Lebensjahre – die sogenannte Healthspan – zu maximieren. Das Ziel ist, Alterungsprozesse biologisch günstig zu beeinflussen, chronische Entzündungen zu reduzieren und funktionelle Fähigkeiten möglichst lange zu erhalten. Während in diesem Zusammenhang vor allem kardiovaskuläre, metabolische und neurodegenerative Prozesse intensiv untersucht werden, rückt zunehmend auch die Mundhöhle in den Fokus.

Die Zahnmedizin befindet sich aktuell in einem bemerkenswerten Wandel; weg von einer rein lokal-restaurativen Zahnmedizin hin zu einem integralen Bestandteil moderner Präventions– und Systemmedizin. Die Mundhöhle wird heute nicht mehr isoliert betrachtet, sondern als hochaktives biologisches System mit engem Einfluss auf Entzündung, Stoffwechsel, Immunregulation und funktionelles Altern gesehen. Dass orale Gesundheit essenziell für gesundes Altern ist, überrascht nicht, da schließlich die Mastikation, Sprache, soziale Interaktion und Ernährung unmittelbar von ihr abhängen.

Inflammaging und Parodontitis

Biologisch ist Altern unter anderem durch chronische niedriggradige Entzündungsprozesse geprägt, das sogenannte „Inflammaging“. Genau hier wird die Relevanz der Mundhöhle besonders deutlich. Sie zählt zu den mikrobiell komplexesten und immunologisch aktivsten Regionen des menschlichen Körpers. Chronische orale Erkrankungen, insbesondere die Parodontitis, können über bakterielle Dysbiose, endotheliale Aktivierung und persistierende Zytokinfreisetzung eine dauerhafte systemische Entzündungsbelastung erzeugen. Die Vorstellung, Parodontitis sei lediglich ein lokales Problem des Zahnhalteapparates, wird aus heutiger Sicht nicht mehr unterstützt. Vielmehr zeigen zahlreiche Studien Zusammenhänge zwischen parodontalen Entzündungen und kardiovaskulären Erkrankungen, Diabetes mellitus, dem metabolischen Syndrom und Sarkopenie sowie neurodegenerativen Erkrankungen. Proinflammatorische Mediatoren wie Interleukin-6TNF-α oder CRPspielen dabei sowohl in der Parodontologie als auch in zentralen Mechanismen des biologischen Alterns eine wesentliche Rolle.

Oral Frailty: Funktioneller Abbau im Mund

In diesem Zusammenhang gewinnt auch das Konzept der sogenannten „oral frailty“ zunehmend an Bedeutung. Beschrieben wird dadurch der altersassoziierte Verlust oraler funktioneller Integrität, etwa durch reduzierte Kaufunktion, verminderte Okklusionskraft, DysphagieXerostomieoder eingeschränkte orofaziale Motorik. Was früher häufig als beinahe unvermeidliche Begleiterscheinung des Alters betrachtet wurde, wird heute deutlich anders gesehen. Aktuelle Arbeiten (hier und hier) zeigen, dass die orale Frailty signifikant mit Sarkopenie, kognitivem Abbau, Demenz, Pflegebedürftigkeit und erhöhter Mortalität assoziiert ist. Der Zustand der Mundhöhle scheint anders als bisher angenommen erstaunlich viel darüber zu verraten, wie resilient ein Organismus insgesamt altert.

Kauen ums Altern

Auch die funktionelle Dentition erhält in diesem Kontext eine neue Bedeutung. Entscheidend ist nicht allein die Anzahl der vorhandenen Zähne, sondern die effiziente Kaufähigkeit und damit die Fähigkeit zu einer adäquaten Nährstoffaufnahme. Studien zeigen (hier und hier), dass funktionelle Zahnpaare mit erhöhter Lebenserwartung korrelieren, während Zahnverlust eher mit erhöhter Mortalität in Verbindung gebracht werden kann. Im klinischen Alltag wird das oft unterschätzt: Wer schlecht kauen kann, ernährt sich häufig schlechter, verliert Muskelmasse und funktionelle Reserven – ein zentraler Mechanismus im Frailty-Syndrom.

Parallel dazu erlebt das orale Mikrobiom geradezu eine wissenschaftliche Renaissance. Die Mundhöhle beherbergt eines der komplexesten mikrobiellen Ökosysteme des Körpers. Dysbiotische Veränderungen der oralen Flora werden mittlerweile mit atherosklerotischen Prozessen, metabolischen Erkrankungen, neuroinflammatorischen Mechanismen und Autoimmunerkrankungen in Verbindung gebracht. Was vor wenigen Jahren noch futuristisch klang, entwickelt sich zunehmend zu einem spannenden Forschungsfeld, nämlich der Entwicklung sogenannter „oral aging clocks“, bei denen mikrobielle Signaturen genutzt werden könnten, um biologisches Alter und Frailty-Risiken besser einzuschätzen.

Speicheldiagnostik – die Liquid Biopsy der Zukunft?

Ähnlich dynamisch entwickelt sich auch die Speicheldiagnostik. Speichel wird heute längst nicht mehr nur als diagnostisches Nebenprodukt betrachtet, sondern zunehmend als nichtinvasive Biomarkerplattform für systemische Alterungsprozesse verstanden: Speichelbasierte extrazelluläre Vesikel (sEVs), inflammatorische Marker wie IL-10, IL-6, IL-1β oder CRP sowie proteomische und metabolomische Signaturen (u. a. Oxidationsmarker, Polyamine, Lipidperoxidationsprodukte) zeigen enge Zusammenhänge mit biologischem Alter, Oral Frailty und systemischer inflammatorischer Last. Sie könnten künftig eine präzisere Einschätzung biologischer Alterungsprozesse ermöglichen. Des Weiteren korrelieren Veränderungen von MMP-8– und TIMP-Profilen im Speichel mit parodontaler Progression und systemischer Inflammation. Dadurch könnten frühe systemische Risikoprofile abgebildet werden (hierhierhier und hier).

Parallel dazu entwickeln sich intraorale Biosensoren und KI-gestützte Diagnostiksysteme rasant weiter. Ziel ist die Echtzeitmessung inflammatorischer und metabolischer Marker direkt im oralen Milieu. Damit bewegt sich auch die Zahnmedizin zunehmend in Richtung daten- und biomarkerbasierter Präzisionsmedizin.

Mundhygiene nicht nur um der Zähne willen

Aktuelle Studien (hierhier und hier) bestätigen, dass langfristige orale Gesundheit vor allem auf konsequenter Biofilmkontrolle, regelmäßiger Fluoridexposition oder Alternativen und entzündungsfreien parodontalen Verhältnissen basiert. Es wird gezeigt, dass elektrische Zahnbürsten sowie tägliche Interdentalreinigung Plaque und Gingivitis signifikant effektiver reduzieren als alleinige manuelle Zahnreinigung. Ergänzend tragen geringe Zuckerfrequenz, ausreichender Speichelfluss und Rauchverzicht wesentlich zur Prävention von Karies, Parodontitis und Zahnverlust bei.

Dennoch deutet vieles auf einen Paradigmenwechsel innerhalb der Zahnmedizin hin. Die Mundhöhle wird dabei zunehmend nicht mehr als isolierter Bereich betrachtet, sondern als wichtige Schnittstelle zwischen Umwelt, Mikrobiom, Immunsystem und allgemeiner Gesundheit. Ziel ist nicht nur die Behandlung oraler Erkrankungen, sondern die aktive Mitgestaltung eines gesunden, funktionellen und resilienten Alterns. Ehrlich gesagt, das haben wir Zahnmediziner doch immer schon ein bisschen geahnt.

 

Quellen:

Patel et al.: Oral health for healthy ageing. Lancet Healthy Longevity. 2021. doi: 10.1016/S2666-7568(21)00142-2

Sahab et al.: Oral Health and Healthy Ageing: A Systematic Review of Longitudinal Studies. Gerodontology. 2025. doi: 10.3390/dj13070303

Duan et al.: Tooth loss progression and mortality among older adults. BMC Geriatrics. 2025. doi: 10.1186/s12877-025-06419-1

Foo et al.: Oral frailty and outcomes: A scoping review. Proceedings of Singapore Healthcare. 2025. doi: 10.1177/20101058251355290

Yu et al.: Oral frailty in older adults: risk factors, adverse outcomes, and interventions. BMC Geriatrics. 2026. doi: 10.1186/s12877-026-07470-2

Watanabe et al.: Oral health for achieving longevity. Geriatrics & Gerontology International. 2020. doi: 10.1111/ggi.13921

Martínez-García et al.: Periodontal Inflammation and Systemic Diseases: An Overview. Front Physiol. 2021. doi: 10.3389/fphys.2021.709438

Nurkolis et al.: Can salivary and skin microbiome become a biodetector for aging-associated diseases? Current insights and future perspectives. Frontiers in Aging. 2024. doi: 10.3389/fragi.2024.1462569

Regueira-Iglesias et al.: The salivary microbiome as a diagnostic biomarker of periodontitis: a 16S multi-batch study before and after batch correction. Frontiers in Cellular and Infection Microbiology. 2024. doi: 10.3389/fcimb.2024.1405699

Cui et al.: New frontiers in salivary extracellular vesicles: transforming diagnostics, monitoring, and therapeutics in oral and systemic diseases. Journal of Nanobiotechnology. 2024. doi: 10.1186/s12951-024-02443-2

Zhao et al.: Advancements and Challenges in Salivary Metabolomics for Early Detection and Monitoring of Systemic Diseases. 2025. doi: 10.1002/mco2.70395

Relvas et al.: Salivary IL-1β, IL-6, and IL-10 Are Key Biomarkers of Periodontitis Severity. Int J Mol Sci., 2024. doi: 10.3390/ijms25158401

Albagieh et al.: Evaluation of Salivary Diagnostics: Applications, Benefits, Challenges, and Future Prospects in Dental and Systemic Disease Detection. Cureus. 2025. doi: 10.7759/cureus.77520

Unterbrink et al.: Fluoride-Free Toothpastes for Caries Prevention: A Systematic Review of Clinical Evidence on Active Ingredients. Clin Cosmet Investig Dent. 2026. doi: 10.2147/CCIDE.S586895

Seuntjens et al.: Plaque scores after 1 or 2 minutes of toothbrushing – A systematic review and meta-analysis. Int J Dent Hygiene. 2025. doi: 10.1111/idh.12840

Gandhi et al.: Efficacy of oral irrigators compared to other interdental aids for managing peri-implant diseases: a systematic review. BDJ Open, 2025. doi: 10.1038/s41405-025-00301-3

Allergie gegen Lokalanästhetika mit simplem Test abklären

Lokalanästhetika gehören zum Alltag in der Kinderzahnheilkunde. Bei Beschwerden nach der Injektion wird rasch eine Allergie vermutet – echte SoforttyReaktionen sind jedoch selten. Eine Studie zeigt, wie sich der Verdacht zuverlässig klären lässt.

Die Forschenden analysierten die Daten von 88 Kindern im Alter von durchschnittlich 8,5 Jahren, die zwischen Januar 2019 und August 2024 nach vermuteten unmittelbaren Reaktionen auf Lokalanästhetika vorgestellt wurden.

Auffällig war jedoch, dass in 67 Prozent der Fälle das konkret verwendete Präparat nicht eindeutig dokumentiert war. Bei bekanntem Wirkstoff handelte es sich am häufigsten um Articain oder Lidocain – zwei in der Zahnmedizin gängige Substanzen, wie die Autoren schreiben.

Schrittweise Teststrategie

Die Diagnostik folgte einem klaren, dreistufigen Schema. Zunächst führten die Ärzte einen Haut-Prick-Test durch. Fiel dieser negativ aus, schloss sich ein Intradermaltest in einer 1:10-Verdünnung an. War auch dieser unauffällig, wurde abschließend ein subkutaner Provokationstest vorgenommen.

Dieses stufenweise Vorgehen sollte das Risiko minimieren und gleichzeitig eine sichere Aussage ermöglichen, erklären die Autoren ihr Vorgehen.

Intradermaltest mit hoher Sicherheit

Bei 11 der 88 Kinder (12,5 Prozent) zeigte der Intradermaltest eine positive Reaktion. Am häufigsten betraf dies Articain, seltener Prilocain oder Lidocain.

Noch entscheidender für die Praxis sei jedoch ein anderer Wert: Der Intradermaltest in 1:10-Verdünnung hatte nämlich eine sehr hohe negative Vorhersagekraft von 99 Prozent. War also der Test negativ, konnte mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine echte Soforttyp-Allergie ausgeschlossen werden.

Viele vermeintliche „Allergien“ beruhten nach Aussage der Autoren auf ganz anderen Ursachen, wie etwa Angstreaktionen, vasovagalen Synkopen oder toxischen Effekten. Ohne klare Diagnostik führe ein einmal geäußerter Allergieverdacht häufig zu langfristigen Einschränkungen bei künftigen Behandlungen.

Bedeutung für die Praxis

„Die Ergebnisse sprechen dafür, unser beschriebenes Stufenschema standardisiert anzuwenden. Besonders der Intradermaltest in 1:10-Verdünnung nach negativem Prick-Test erweist sich als zentraler Baustein der Diagnostik“, fassen die Autoren zum Abschluss kurz zusammen.

Auch bei Kindern mit schwerer Reaktionsanamnese, einschließlich anaphylaktischer Symptome, zeigt sich dieses Vorgehen als praktikabel und verlässlich. Eine strukturierte Teststrategie könne letztlich dabei helfen, echte Allergien sicher zu identifizieren und gleichzeitig unnötige Therapieeinschränkungen zu vermeiden.

 

Originalpublikation: Aslan S et al., Evaluation of diagnostic tests for immediate-type allergic reactions to amide group local anesthetics in children. PAI 2025; 36(4): e70085 

Bohren zwecklos: Dieser Zahnschmerz kam von Herzen

Eine 76-jährige Frau stellt sich mit persistierenden Schmerzen im Gingivabereich der Zähne 33 und 34 vor, die wiederholt von stechenden thorakalen Beschwerden begleitet werden. Nach etwa fünf bis sechs Minuten klingen die Schmerzen jeweils spontan ab, wie die Autoren des Falls im Fachmagazin Frontiers in Pain Research schreiben.

Die Beschwerden beginnen Monate zuvor als lokalisierter Gingivaschmerz, wie die Patientin angibt. Mehrere zahnärztliche Maßnahmen, darunter Extraktionen und prothetische Versorgung (Befundsituation), führten jedoch zu keiner Besserung. Klinisch und radiologisch gibt es keinen Hinweis auf eine odontogene Ursache. Auch initiale internistische Abklärungen mit EKG, Langzeit-EKG, Echokardiografie und Thorax-CT bleiben ohne richtungsweisenden Befund, erklären die Autoren weiter.

Mangels objektivierbarer Befunde stellen die Ärzte die Diagnose einer atypischen Odontalgie und leiten eine antidepressive Therapie ein. Ein klinischer Effekt stellt sich allerdings nicht ein. Parallel persistieren die Schmerzen unverändert fort.

Wendepunkt: Belastungsabhängige Symptomatik

Im weiteren Verlauf zeigt sich jedoch eine klare Dynamik: Die Patientin berichtet, dass Zahnschmerz und thorakale Beschwerden zunehmend belastungsabhängig auftreten, etwa beim Gehen oder Treppensteigen, und sich in Ruhe rasch zurückbilden. Analgetika zeigen weiterhin keine ausreichende Wirkung.

Diese Entwicklung markiert rückblickend den entscheidenden diagnostischen Wendepunkt, obgleich wiederholte kardiologische Basisuntersuchungen zunächst weiterhin unauffällig bleiben, schreiben die Autoren.

Diagnose erst durch spezialisierte Bildgebung

Erst eine weiterführende kardiologische Bildgebung bringt die Ursache schließlich ans Licht: Es zeigen sich hochgradige Stenosen (90–99 Prozent) sowohl der linken Vorderwandarterie als auch der rechten Koronararterie sowie ein linksventrikulärer Thrombus (Originalbefund). Mittels Koronarangiografie stellen die Ärzte die Diagnose einer instabilen Angina pectoris.

Die Patientin wird daraufhin umgehend herzchirurgisch versorgt. Es erfolgt eine linksventrikuläre Rekonstruktion zur Thrombusentfernung sowie eine koronare Bypassoperation.

Vollständige Beschwerdefreiheit nach kardialer Therapie

Nach dem Eingriff verschwinden sowohl die Zahnschmerzen als auch die thorakalen Beschwerden vollständig. Auch im Langzeitverlauf über mehr als ein Jahr zeigt sich kein Rezidiv.

Klinische Einordnung: Zahnschmerz als Warnzeichen einer Angina pectoris

Der Fall verdeutliche aus Sicht der Autoren eine seltene, aber klinisch relevante Form des übertragenen Schmerzes: einen Zahnschmerz kardialer Genese. Pathophysiologisch liege eine Konvergenz kardialer nozizeptiver Signale mit trigeminalen Afferenzen zugrunde, wodurch myokardiale Ischämie als orofazialer Schmerz fehlinterpretiert werde, ordnen die Autoren die möglichen Zusammenhänge näher ein.

Besonders relevant sei die diagnostische Verzögerung im vorliegenden Fall: Trotz typischer Warnsignale wie Belastungsabhängigkeit und fehlendes Ansprechen auf zahnärztliche Maßnahmen wird die kardiale Ursache erst spät erkannt.

Bedeutung für die Praxis

Die Autoren betonen abschließend, dass bei unklaren Zahnschmerzen mit begleitenden thorakalen Symptomen insbesondere bei älteren Patientinnen und Patienten frühzeitig eine kardiologische Abklärung erfolgen sollte. Entscheidend sei dabei weniger die Schmerzqualität als vielmehr das Muster: Belastungsabhängigkeit, fehlende dentale Ursachen und Therapieresistenz gelten demnach als zentrale Warnhinweise.

 

Originalpublikation: Maeda C et al., Case Report: A case of toothache of cardiac origin with a long-term clinical course. Frontiers in Pain Research 2025; 6:1625582

Natürlich tödlich: Schattenseiten der Alternativmedizin

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Karzinom“ verschwindet unter Antibiotika

Ein junger Mann wird mit dem Verdacht auf ein Oropharynxkarzinom zur weiteren Diagnostik stationär aufgenommen. Erst seine Vorgeschichte gibt Hinweise darauf, dass eine Biopsie der großen Zungengrundläsion wohl nicht vonnöten ist.

Ein 29-jähriger Mann stellt sich nach Überweisung durch seinen Hausarzt in einer HNO-Klinik vor, da er seit rund drei Monaten unter Ohrenschmerzen und Schmerzen beim Schlucken leidet. Zusätzlich berichtet er über wechselnd ausgeprägte rechtsseitige zervikale Lymphknotenschwellungen sowie eine Episode mit blutigem Auswurf. Allgemeinsymptome wie Fieber, Nachtschweiß, Hautausschläge oder ungewollter Gewichtsverlust verneint der Mann. Seine medizinische Vorgeschichte umfasst eine oropharyngeale Chlamydieninfektion, zudem besteht eine Raucheranamnese von fünf Packungsjahren, täglicher Marihuanakonsum sowie gelegentlicher Alkoholkonsum.

Ulzerierende Läsion plus Lymphknoten

Bei der klinischen Untersuchung zeigen sich mehrere vergrößerte, derbe, nicht druckschmerzhafte zervikale Lymphknoten rechts mit einer Größe von bis zu etwa drei Zentimetern, berichten die Autoren des Fallberichts in der Fachzeitschrift Case Reports in Otolaryngology. Zusätzlich tastet sich eine derbe Raumforderung am rechten Zungengrund, die sich in der flexiblen Laryngoskopie als etwa vier Zentimeter große ulzerierende Läsion darstellt. Aufgrund des Befundes besteht zunächst der Verdacht auf ein Malignom des Oropharynx.

Die kontrastmittelgestützte CT des Halses bestätigt multiple vergrößerte zervikale Lymphknoten beidseits auf Level II, rechts bis 22 mm und links bis 16 mm groß, jedoch ohne zentrale Nekrosen. Weitere auffällige Veränderungen im Bereich von Pharynx oder Larynx finden sich nicht.

Infektionsdiagnostik zeigt den wahren Hintergrund

Während die Planung einer Biopsie erfolgt, werden ergänzend serologische Untersuchungen auf infektiöse Ursachen durchgeführt. Dabei fällt ein positiver Treponemen-Antikörpertest auf: Der RPR-Titer beträgt 1:64, womit die Diagnose einer Syphilis gestellt werden kann. Ein HIV-Test bleibt negativ.

Der Patient erhält daraufhin leitliniengerecht eine empirische Therapie mit intramuskulärem Penicillin G gemäß den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation. Bereits innerhalb von zwei Wochen bilden sich die Beschwerden sowie die zervikale Lymphadenopathie vollständig zurück. Aufgrund der raschen klinischen Besserung entscheidet sich der Patient gegen die geplante Biopsie und für engmaschige Verlaufskontrollen.

Drei Wochen nach Therapiebeginn sinkt der RPR-Titer deutlich von 1:64 auf 1:2. Die erneute klinische Untersuchung und Kontrolllaryngoskopie zeigen eine stabile Rückbildung der Läsion am Zungengrund. Da sowohl die Raumforderung als auch die Lymphadenopathie komplett regredient sind, wird auf eine Gewebeentnahme verzichtet.

Der große Imitator 

Der Fall zeigt, dass Syphilis – gerne auch als „Großer Imitator“ bezeichnet – im Kopf-Hals-Bereich klinisch ein Oropharynxkarzinom nachahmen kann. Die Autoren ordnen den Befund am ehesten einer sekundären Syphilis zu, da hohe RPR-Titer, das Fehlen eines klassischen Primäraffekts und die ausgeprägte Lymphadenopathie dafür sprechen. Die Läsion am Zungengrund könne dabei Ausdruck einer lymphatischen Beteiligung oder eines Condyloma lata gewesen sein. Die sekundäre Syphilis entsteht durch die systemische Ausbreitung der Infektion und kann sich unter anderem mit Hautausschlägen an Handflächen und Fußsohlen, Fieber, Abgeschlagenheit, Condylomata lata und generalisierter Lymphadenopathie manifestieren. Eine tertiäre Syphilis betrifft hingegen vor allem das Herz-Kreislauf- oder Nervensystem und kann granulomatöse Gewebeveränderungen (Gummen) verursachen.

Differenzialdiagnostisch kommen bei ulzerierenden Läsionen und zervikaler Lymphadenopathie unter anderem Plattenepithelkarzinome, Lymphome, atypische Mykobakteriosen, Sarkoidose oder Lupus erythematodes infrage.

Die Diagnose der Syphilis erfolgt primär serologisch.

Infektiöse Ursachen im Blick behalten

Sexuell übertragbare Infektionen sind wieder auf dem Vormarsch und sind auch in der Differenzialdiagnose von Kopf-Hals-Läsionen relevant – insbesondere vor dem Hintergrund steigender Inzidenzen sowohl der Syphilis als auch HPV-assoziierter Oropharynxkarzinome. Die Autoren betonen, dass sexuell aktive Patientinnen und Patienten mit Risikofaktoren daher auch auf infektiöse Ursachen wie Syphilis untersucht werden sollten.

Eine frühe Abklärung könne invasive Maßnahmen vermeiden, da die Erkrankung unter Penicillintherapie meist rasch regredient sei, raten die Autoren abschließend.

 

Originalpublikation:
Serena F. Pu, Kevin J. Carlson, Jonathan R. Mark, Benjamin J. Rubinstein, Oropharyngeal Syphilis Presenting as Tongue Base Ulcer With Lymphadenopathy, Case Reports in Otolaryngology
First published: 19 May 2026, https://doi.org/10.1155/crot/2673365

 

Honig: die wohl süßeste Kariesprävention

Honig gilt bereits seit Jahrhunderten als Naturheilmittel. Eine aktuelle Übersichtsarbeit im FachjournalCureus untersuchte nun systematisch, ob die antibakteriellen Eigenschaften des Honigs auch zur Prävention von Zahnkaries beitragen können – mit durchaus differenziert zu betrachtendem Ergebnis.

Zahnkaries ist eine multifaktorielle, biofilmvermittelte Erkrankung, bei der insbesondere säurebildende Bakterien wie Streptococcus mutans eine zentrale Rolle spielen. Vor diesem Hintergrund analysierte die vorliegende Übersichtsarbeit die potenzielle Rolle von Honig als ergänzendes Mittel in der präventiven Zahnmedizin.

Den Autoren zufolge weise Honig eine komplexe Zusammensetzung mit über 200 bioaktiven Substanzen auf, darunter Wasserstoffperoxid, Polyphenole und antimikrobielle Peptide. In vitro konnte bis dato wiederholt gezeigt werden, dass Honig das Wachstum kariogener Bakterien hemmen und die Bildung von Biofilmen reduzieren könne. Besonders wirksam erscheinen bestimmte Honigsorten wie Manuka-, Buchweizen- oder Honigtauhonig, wobei die antibakterielle Aktivität stark von Herkunft, Konzentration und Zusammensetzung abhänge, so die Autoren weiter.

Ein wesentlicher Wirkmechanismus scheint die Bildung von Wasserstoffperoxid zu sein, dessen enzymatische Inaktivierung die antibakterielle Wirkung deutlich reduziere. Zusätzlich tragen sogenannte exosomenähnliche Vesikel im Honig zur Membranschädigung von Bakterien bei und verstärken auf diese Weise zusätzlich den antimikrobiellen Effekt.

Wirkung auf Biofilm und Plaque

Neben der direkten antibakteriellen Aktivität zeige Honig auch Effekte auf dentale Biofilme. In experimentellen Studien konnte die metabolische Aktivität von Bakterien in bestehenden Biofilmen reduziert werden, während die Gesamtstruktur des Biofilms weitgehend erhalten blieb. Die Ergebnisse legen aus Sicht der Autoren nahe, dass Honig vor allem präventiv wirke, indem er die initiale Biofilmbildung hemmt, weniger jedoch bestehende Biofilme auflöst.

Klinische Studien lieferten allerdings bislang eher ein heterogenes Bild. Einige randomisierte Studien berichteten über eine Reduktion der Plaque, der bakteriellen Last und Gingivitis durch honigbasierte Mundspüllösungen. Allerdings zeigte sich konsistent, dass etablierte Antiseptika wie Chlorhexidin überlegen waren.

Interessant sei zudem die Beobachtung, dass Honig trotz seines Zuckergehalts eine weniger ausgeprägte und kürzer anhaltende pH-Absenkung verursache als beispielsweise die Saccharose. Die Autoren interpretieren dies als Hinweis auf ein möglicherweise geringeres kariogenes Potenzial im Vergleich zu herkömmlichen Zuckern.

Einfluss auf Zahnschmelz: Uneinheitliche Datenlage

Die Auswirkungen von Honig auf die Zahnhartsubstanz sind überdies bislang nicht eindeutig geklärt. In vitro zeigten einige Studien eine Verbesserung der Schmelzhärte und eine Reduktion der Oberflächenrauigkeit nach Anwendung honighaltiger Präparate, mit Effekten vergleichbar zum Fluorid.

Demgegenüber berichteten andere Untersuchungen über eine potenzielle Demineralisierung, insbesondere unter Bedingungen mit niedrigen pH-Werten und bakterieller Fermentation. Entscheidend scheine hierbei jedoch auch der Kontext zu sein: Faktoren wie Speichel, Expositionsdauer und mikrobielle Aktivität beeinflussten maßgeblich die Wirkung auf den Zahnschmelz.

Limitationen und klinische Relevanz

Ein zentrales Problem der aktuellen Evidenz liege in der fehlenden Standardisierung der untersuchten Honigprodukte. Unterschiede in botanischer Herkunft, physikochemischen Eigenschaften und Darreichungsform erschwerten die Vergleichbarkeit der Studien und limitierten letztlich die Übertragbarkeit auf die klinische Praxis, erklären die Autoren.

Zudem handele es sich überwiegend um Kurzzeitstudien oder experimentelle Designs. Langfristige klinische Daten zur Kariesinzidenz fehlten weitgehend. Die Autoren betonen daher zum Abschluss die Notwendigkeit gut konzipierter randomisierter Studien mit standardisierten Endpunkten und längeren Beobachtungszeiträumen.

Fazit

Die vorliegenden Daten legen nahe, dass Honig über relevante antibakterielle und antibiofilmaktive Eigenschaften verfügt und somit als ergänzendes Mittel in der oralen Prävention in Betracht gezogen werden könnte. Seine klinische Wirksamkeit bleibe jedoch hinter etablierten Maßnahmen wie Fluoridierung und Chlorhexidin zurück.

Aufgrund der heterogenen Datenlage und potenziell auch schmelzschädigender Effekte unter bestimmten Bedingungen sei ein routinemäßiger Einsatz in der Kariesprävention derzeit dennoch nicht gerechtfertigt.

 

Originalpublikation: Valente P et al., The Role of Honey in Dental Caries Prevention: A Narrative Review. Cureus 2026; 18(4): e106948