Natürlich tödlich: Schattenseiten der Alternativmedizin
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Ein junger Mann wird mit dem Verdacht auf ein Oropharynxkarzinom zur weiteren Diagnostik stationär aufgenommen. Erst seine Vorgeschichte gibt Hinweise darauf, dass eine Biopsie der großen Zungengrundläsion wohl nicht vonnöten ist.
Ein 29-jähriger Mann stellt sich nach Überweisung durch seinen Hausarzt in einer HNO-Klinik vor, da er seit rund drei Monaten unter Ohrenschmerzen und Schmerzen beim Schlucken leidet. Zusätzlich berichtet er über wechselnd ausgeprägte rechtsseitige zervikale Lymphknotenschwellungen sowie eine Episode mit blutigem Auswurf. Allgemeinsymptome wie Fieber, Nachtschweiß, Hautausschläge oder ungewollter Gewichtsverlust verneint der Mann. Seine medizinische Vorgeschichte umfasst eine oropharyngeale Chlamydieninfektion, zudem besteht eine Raucheranamnese von fünf Packungsjahren, täglicher Marihuanakonsum sowie gelegentlicher Alkoholkonsum.
Ulzerierende Läsion plus Lymphknoten
Bei der klinischen Untersuchung zeigen sich mehrere vergrößerte, derbe, nicht druckschmerzhafte zervikale Lymphknoten rechts mit einer Größe von bis zu etwa drei Zentimetern, berichten die Autoren des Fallberichts in der Fachzeitschrift Case Reports in Otolaryngology. Zusätzlich tastet sich eine derbe Raumforderung am rechten Zungengrund, die sich in der flexiblen Laryngoskopie als etwa vier Zentimeter große ulzerierende Läsion darstellt. Aufgrund des Befundes besteht zunächst der Verdacht auf ein Malignom des Oropharynx.
Die kontrastmittelgestützte CT des Halses bestätigt multiple vergrößerte zervikale Lymphknoten beidseits auf Level II, rechts bis 22 mm und links bis 16 mm groß, jedoch ohne zentrale Nekrosen. Weitere auffällige Veränderungen im Bereich von Pharynx oder Larynx finden sich nicht.
Infektionsdiagnostik zeigt den wahren Hintergrund
Während die Planung einer Biopsie erfolgt, werden ergänzend serologische Untersuchungen auf infektiöse Ursachen durchgeführt. Dabei fällt ein positiver Treponemen-Antikörpertest auf: Der RPR-Titer beträgt 1:64, womit die Diagnose einer Syphilis gestellt werden kann. Ein HIV-Test bleibt negativ.
Der Patient erhält daraufhin leitliniengerecht eine empirische Therapie mit intramuskulärem Penicillin G gemäß den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation. Bereits innerhalb von zwei Wochen bilden sich die Beschwerden sowie die zervikale Lymphadenopathie vollständig zurück. Aufgrund der raschen klinischen Besserung entscheidet sich der Patient gegen die geplante Biopsie und für engmaschige Verlaufskontrollen.
Drei Wochen nach Therapiebeginn sinkt der RPR-Titer deutlich von 1:64 auf 1:2. Die erneute klinische Untersuchung und Kontrolllaryngoskopie zeigen eine stabile Rückbildung der Läsion am Zungengrund. Da sowohl die Raumforderung als auch die Lymphadenopathie komplett regredient sind, wird auf eine Gewebeentnahme verzichtet.
Der große Imitator
Der Fall zeigt, dass Syphilis – gerne auch als „Großer Imitator“ bezeichnet – im Kopf-Hals-Bereich klinisch ein Oropharynxkarzinom nachahmen kann. Die Autoren ordnen den Befund am ehesten einer sekundären Syphilis zu, da hohe RPR-Titer, das Fehlen eines klassischen Primäraffekts und die ausgeprägte Lymphadenopathie dafür sprechen. Die Läsion am Zungengrund könne dabei Ausdruck einer lymphatischen Beteiligung oder eines Condyloma lata gewesen sein. Die sekundäre Syphilis entsteht durch die systemische Ausbreitung der Infektion und kann sich unter anderem mit Hautausschlägen an Handflächen und Fußsohlen, Fieber, Abgeschlagenheit, Condylomata lata und generalisierter Lymphadenopathie manifestieren. Eine tertiäre Syphilis betrifft hingegen vor allem das Herz-Kreislauf- oder Nervensystem und kann granulomatöse Gewebeveränderungen (Gummen) verursachen.
Differenzialdiagnostisch kommen bei ulzerierenden Läsionen und zervikaler Lymphadenopathie unter anderem Plattenepithelkarzinome, Lymphome, atypische Mykobakteriosen, Sarkoidose oder Lupus erythematodes infrage.
Die Diagnose der Syphilis erfolgt primär serologisch.
Infektiöse Ursachen im Blick behalten
Sexuell übertragbare Infektionen sind wieder auf dem Vormarsch und sind auch in der Differenzialdiagnose von Kopf-Hals-Läsionen relevant – insbesondere vor dem Hintergrund steigender Inzidenzen sowohl der Syphilis als auch HPV-assoziierter Oropharynxkarzinome. Die Autoren betonen, dass sexuell aktive Patientinnen und Patienten mit Risikofaktoren daher auch auf infektiöse Ursachen wie Syphilis untersucht werden sollten.
Eine frühe Abklärung könne invasive Maßnahmen vermeiden, da die Erkrankung unter Penicillintherapie meist rasch regredient sei, raten die Autoren abschließend.
Originalpublikation:
Serena F. Pu, Kevin J. Carlson, Jonathan R. Mark, Benjamin J. Rubinstein, Oropharyngeal Syphilis Presenting as Tongue Base Ulcer With Lymphadenopathy, Case Reports in Otolaryngology
First published: 19 May 2026, https://doi.org/10.1155/crot/2673365
Honig gilt bereits seit Jahrhunderten als Naturheilmittel. Eine aktuelle Übersichtsarbeit im FachjournalCureus untersuchte nun systematisch, ob die antibakteriellen Eigenschaften des Honigs auch zur Prävention von Zahnkaries beitragen können – mit durchaus differenziert zu betrachtendem Ergebnis.
Zahnkaries ist eine multifaktorielle, biofilmvermittelte Erkrankung, bei der insbesondere säurebildende Bakterien wie Streptococcus mutans eine zentrale Rolle spielen. Vor diesem Hintergrund analysierte die vorliegende Übersichtsarbeit die potenzielle Rolle von Honig als ergänzendes Mittel in der präventiven Zahnmedizin.
Den Autoren zufolge weise Honig eine komplexe Zusammensetzung mit über 200 bioaktiven Substanzen auf, darunter Wasserstoffperoxid, Polyphenole und antimikrobielle Peptide. In vitro konnte bis dato wiederholt gezeigt werden, dass Honig das Wachstum kariogener Bakterien hemmen und die Bildung von Biofilmen reduzieren könne. Besonders wirksam erscheinen bestimmte Honigsorten wie Manuka-, Buchweizen- oder Honigtauhonig, wobei die antibakterielle Aktivität stark von Herkunft, Konzentration und Zusammensetzung abhänge, so die Autoren weiter.
Ein wesentlicher Wirkmechanismus scheint die Bildung von Wasserstoffperoxid zu sein, dessen enzymatische Inaktivierung die antibakterielle Wirkung deutlich reduziere. Zusätzlich tragen sogenannte exosomenähnliche Vesikel im Honig zur Membranschädigung von Bakterien bei und verstärken auf diese Weise zusätzlich den antimikrobiellen Effekt.
Wirkung auf Biofilm und Plaque
Neben der direkten antibakteriellen Aktivität zeige Honig auch Effekte auf dentale Biofilme. In experimentellen Studien konnte die metabolische Aktivität von Bakterien in bestehenden Biofilmen reduziert werden, während die Gesamtstruktur des Biofilms weitgehend erhalten blieb. Die Ergebnisse legen aus Sicht der Autoren nahe, dass Honig vor allem präventiv wirke, indem er die initiale Biofilmbildung hemmt, weniger jedoch bestehende Biofilme auflöst.
Klinische Studien lieferten allerdings bislang eher ein heterogenes Bild. Einige randomisierte Studien berichteten über eine Reduktion der Plaque, der bakteriellen Last und Gingivitis durch honigbasierte Mundspüllösungen. Allerdings zeigte sich konsistent, dass etablierte Antiseptika wie Chlorhexidin überlegen waren.
Interessant sei zudem die Beobachtung, dass Honig trotz seines Zuckergehalts eine weniger ausgeprägte und kürzer anhaltende pH-Absenkung verursache als beispielsweise die Saccharose. Die Autoren interpretieren dies als Hinweis auf ein möglicherweise geringeres kariogenes Potenzial im Vergleich zu herkömmlichen Zuckern.
Einfluss auf Zahnschmelz: Uneinheitliche Datenlage
Die Auswirkungen von Honig auf die Zahnhartsubstanz sind überdies bislang nicht eindeutig geklärt. In vitro zeigten einige Studien eine Verbesserung der Schmelzhärte und eine Reduktion der Oberflächenrauigkeit nach Anwendung honighaltiger Präparate, mit Effekten vergleichbar zum Fluorid.
Demgegenüber berichteten andere Untersuchungen über eine potenzielle Demineralisierung, insbesondere unter Bedingungen mit niedrigen pH-Werten und bakterieller Fermentation. Entscheidend scheine hierbei jedoch auch der Kontext zu sein: Faktoren wie Speichel, Expositionsdauer und mikrobielle Aktivität beeinflussten maßgeblich die Wirkung auf den Zahnschmelz.
Limitationen und klinische Relevanz
Ein zentrales Problem der aktuellen Evidenz liege in der fehlenden Standardisierung der untersuchten Honigprodukte. Unterschiede in botanischer Herkunft, physikochemischen Eigenschaften und Darreichungsform erschwerten die Vergleichbarkeit der Studien und limitierten letztlich die Übertragbarkeit auf die klinische Praxis, erklären die Autoren.
Zudem handele es sich überwiegend um Kurzzeitstudien oder experimentelle Designs. Langfristige klinische Daten zur Kariesinzidenz fehlten weitgehend. Die Autoren betonen daher zum Abschluss die Notwendigkeit gut konzipierter randomisierter Studien mit standardisierten Endpunkten und längeren Beobachtungszeiträumen.
Fazit
Die vorliegenden Daten legen nahe, dass Honig über relevante antibakterielle und antibiofilmaktive Eigenschaften verfügt und somit als ergänzendes Mittel in der oralen Prävention in Betracht gezogen werden könnte. Seine klinische Wirksamkeit bleibe jedoch hinter etablierten Maßnahmen wie Fluoridierung und Chlorhexidin zurück.
Aufgrund der heterogenen Datenlage und potenziell auch schmelzschädigender Effekte unter bestimmten Bedingungen sei ein routinemäßiger Einsatz in der Kariesprävention derzeit dennoch nicht gerechtfertigt.
Originalpublikation: Valente P et al., The Role of Honey in Dental Caries Prevention: A Narrative Review. Cureus 2026; 18(4): e106948
Ein Nahrungsergänzungsmittel aus einem Darmbakterium half Menschen mit Übergewicht, nach dem Abnehmen ihr neues Gewicht besser zu halten als mit einem Placebo. Das ist das Ergebnis einer randomisiert kontrollierten Studie aus den Niederlanden, auf die das Science Media Center Germany (SMC) nun hinweist.
Für die Studie, die im Fachjournal „Nature Medicine“ veröffentlicht wurde, verwendeten die Forschenden laut SMC-Angaben einen Stamm des Darmbakteriums Akkermansia muciniphila, welches sie pasteurisierten, um es gegen Temperatur, Sauerstoff und Säure stabiler zu machen, ohne die Wirkung zu verlieren. A. muciniphila wird wissenschaftlich als Indikator für Darmgesundheit untersucht.
Methodik: 8 Wochen Diät, dann Bakterien
Das getestete Bakterienpräparat stammte vom Hersteller „The Akkermansia Company“. Die bei der Firma angestellten Forschenden untersuchten in der aktuellen Studie, ob ihr Akkermansia -Nahrungsergänzungsmittel „MucT” tatsächlich eine Wirkung auf das Körpergewicht hat.
Die Studie begann den Angaben zufolge mit 90 erwachsenen Probanden. Alle hatten Übergewicht oder Adipositas ohne Diabetes Typ 2 und ohne Darmerkrankungen. Alle Teilnehmenden, die nach einer achtwöchigen Diät mit täglich 900 Kilokalorien mindestens acht Prozent ihres Gewichts abgenommen hatten (84 Personen) wurden dann zufällig in zwei Gruppen für eine Erhaltungsphase eingeteilt: Eine Gruppe bekam 24 Wochen lang dreimal täglich das Bakterienpräparat als Kapsel (MucT-Gruppe), die andere ein Placebo. Während dieser Zeit sollten die Teilnehmenden versuchen, ihr Gewicht zu halten und bekamen als Hilfestellung eine regelmäßige Ernährungsberatung. Primärer Endpunkt war die Gewichtsveränderung während der Erhaltungsphase. Zusätzlich untersuchten die Forschenden noch Stuhlproben, Stoffwechselparameter wie den Blutzuckerspiegel, und Proben aus dem Fettgewebe der Teilnehmenden.
„Bakterien“-Gruppe hält Gewicht besser
Die Ergebnisse: Die MucT-Gruppe nahm mit durchschnittlich 1,2 Kilogramm statistisch signifikant (P-Wert 0,012) weniger Gewicht wieder zu als die Placebogruppe mit 3,2 Kilogramm. 16 Teilnehmende der MucT-Gruppe nahmen sogar weiterhin Gewicht ab, in der Placebogruppe nur zwei. „MucT“ hatte auch einen positiven Einfluss auf die Insulinsensitivität. Eine Subgruppenanalyse zeigte: Menschen mit weniger A. muciniphila im Stuhl profitierten besonders von der Behandlung mit „MucT“. Schwerwiegende Nebenwirkungen durch die Behandlung wurde nicht beobachtet.
Fazit: „ein relevantes Ergebnis“
Das Science Media Center Germany hat Fachleute in Deutschland um eine Einschätzung der Ergebnisse gebeten. „Die Forschungsarbeit ist methodisch sehr hochwertig, aber aufgrund der kleinen Fallzahl und der sehr spezifischen Testbedingungen nicht generalisierbar. Es braucht weitere Studien, um das Ergebnis bestätigen zu können. Eine automatische Empfehlung für Nahrungsergänzungsmittel ergibt sich daraus nicht“, sagt beispielsweise Dr. Stefan Kabisch vom Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD).
Zudem müsse man betonen, „dass der Wirkungsnachweis eben nur für dieses spezielle Studiendesign gilt: nämlich für den Gewichtserhalt nach einer Formuladiät bei mittelalten Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas, aber ohne Typ-2-Diabetes.“ Der Wirkungsnachweis gelte nicht für die Gewichtsreduktion selbst und auch nicht für den Gewichtserhalt nach anderen Diäten. „Es gilt auch nur für exakt diese Bakterien in dieser Variante und dieser Dosierung.“
Prof. Dr. Stephan Bischoff, Leiter des Instituts für Ernährungsmedizin und Prävention an der Uni Hohenheim sagte dem SMC: „MucT ist ein erstes Nahrungssupplement, für das eine Wirkung auf den Gewichtserhalt nach erfolgreicher Gewichtsreduktion bei Erwachsenen mit Adipositas in einer wissenschaftlichen Studie gezeigt werden konnte. Das ist ein relevantes Ergebnis, weil Gewichtserhalt eine der großen Herausforderungen in der Adipositasbehandlung ist, für die es nur begrenzt wirksame Konzepte gibt.“
Therapieempfehlungen?
„Wer darüber nachdenkt, pasteurisiertes A. muciniphila zur Gewichtserhaltung einzunehmen, sollte wissen: Es handelt sich bislang um ein Nahrungsergänzungsmittel ohne Zulassung als Medikament, für das eine einzige kontrollierte Studie mit moderatem Effekt und erheblichen Interessenkonflikten vorliegt“, sagte PD Dr. Rima Chakaroun, Fachärztin für Innere Medizin am Uniklinikum Leipzig. „Auf dieser Grundlage eine allgemeine Empfehlung auszusprechen, wäre wissenschaftlich nicht vertretbar. Die Daten legen nahe, dass Personen mit bereits niedrigem endogenen Akkermansia-Spiegel am stärksten profitieren könnten. Aber eine Stuhltestung auf Akkermansia ist weder standardisiert noch klinisch etabliert.“
Quelle: Science Media Center Germany (SMC)
Originalpublication:
Mount S et al. (2026): Pasteurized Akkermansia muciniphila MucT for weight loss maintenance in people with overweight and obesity: a controlled randomized trial. Nature Medicine. DOI: 10.1038/s41591-026-04394-7.
Eine auf der Tagung „Global 2026“ der European Society of Clinical Microbiology and Infectious Diseases (ESCMID) in München vorgestellte Studie zeigte, wie eine durch vergleichsweise einfache Verbesserung der Mundhygiene bei stationär untergebrachten Klinikpatienten das Risiko nosokomialer, nicht beatmungsassoziierter Pneumonien drastisch gesenkt werden konnte.
Die sogenannte HAPPEN-Studie (Hospital Acquired Pneumonia Prevention), an der über 8.000 Patienten beteiligt sind, ist der ESCMID zufolge die bislang einzige multizentrische randomisierte kontrollierte Studie (RCT) im Krankenhausumfeld, die diesen Ansatz evaluiert.
Studienleiter Prof. Brett Mitchell von der Avondale University in Australien erklärt, warum eine verbesserte Mundhygiene das Risiko einer Lungenentzündung verringern kann: „Eine nosokomiale Lungenentzündung entsteht typischerweise dadurch, dass Flüssigkeiten aus Mund oder Rachen in die Lunge gelangen.“
Krankenhausbedingte Atemwegserreger würden häufiger bei Patienten nachgewiesen, die ihre Speichelsekrete nicht selbstständig abhusten können. Man gehe davon aus, dass diese Infektionen hauptsächlich durch die körpereigene Mundflora und weniger durch Übertragung von Mensch zu Mensch verursacht werden. Mitchell: „Eine verbesserte Mundhygiene trägt dazu bei, diese Erreger im Mund zu reduzieren und somit potenziell das Risiko einer nachfolgenden Infektion zu senken.“
Die HAPPEN-Studie ist eine multizentrische, gestufte Cluster-RCT (randomisierte, kontrollierte Studie) auf neun Stationen in drei australischen Krankenhäusern über einen Zeitraum von zwölf Monaten bis August 2025. Auf jeder Station wurde die Intervention alle drei Monate eingeführt. Insgesamt nahmen 8.870 Patienten an der Studie teil, von denen sich 4.347 während des Interventionszeitraums auf Station befanden.
n der Interventionsphase erhielten die Patienten bei der Aufnahme eine Zahnbürste, Zahnpasta, Informationsmaterialien und Zugang zu zusätzlichen Online-Ressourcen. Das Gesundheitspersonal wurde vor Ort geschult und erhielt ebenfalls Zugang zu Online-Ressourcen sowie praktische Unterstützung zur Verbesserung der Mundpflege. Die Kontrollgruppe entsprach der üblichen Praxis.
Das Programm führte zu einer deutlichen Verbesserung der Mundhygiene bei Krankenhauspatienten. Der Anteil der Patienten, die Mundpflege erhielten, stieg von 15,9 Prozent in der Kontrollgruppe auf 61,5 Prozent in der Interventionsgruppe. Überprüfungen ergaben, dass die Mundpflege durchschnittlich 1,5 Mal täglich durchgeführt wurde. Die Teilnahme an der Intervention ging mit einer statistisch signifikanten Reduktion des Risikos für nosokomiale Pneumonie einher. Die Inzidenz sank von 1,00 auf 0,41 Fälle pro 100 stationäre Behandlungstage – was einer Reduktion von etwa 60 Prozent entspricht.
Mit Blick auf die Zukunft erklärte Mitchell: „Die Leitlinien erkennen bereits die Bedeutung der Mundpflege bei der Prävention von nosokomialer Pneumonie an, doch die Evidenz für diese Empfehlungen war bisher begrenzt. Unsere Studie liefert nun aussagekräftige Erkenntnisse aus dem Krankenhausumfeld. Der nächste Schritt besteht darin, besser zu verstehen, wie strukturierte Programme effektiv implementiert und auf allen Krankenhausstationen nachhaltig etabliert werden können.“
Hier geht’s zur HAPPEN-Studie.
Die oralen Schäden im Endstadium einer chronischen Nierenerkrankung (Stadium 5) sind bereits von zahlreichen Studien untersucht worden. Für die früheren Phasen der Erkrankung wurde der Schwergrad der Mundgesundheitsprobleme hingegen noch nicht systematisch analysiert, schreiben die Autoren einer vor Kurzem im „International Dental Journal“ erschienenen Studie zu oralen Folgen der chronischen Nierenerkrankung.
Diese Lücke soll nun geschlossen werden – insbesondere im Hinblick auf die notwendige interdisziplinäre Zusammenarbeit von Nephrologen und Zahnmedizinern bei betroffenen Patienten. Ziel der Arbeit war es, orale Parameter in den Erkrankungsstadien 1–4 zu evaluieren, um frühzeitige degenerative Prozesse zu erkennen und Grundlagen für nierenspezifische Zahnbehandlungen zu schaffen.
Die Autoren führten eine Literaturrecherche in den Datenbanken PubMed, Web of Science, ClinicalTrials.gov und Cochrane bis Juni 2025 durch. Aus 1.584 Treffern wurden 24 Studien in die quantitative Metaanalyse eingeschlossen. Die Auswertung zeigte signifikante Defizite bei Niereninsuffizienz-Patienten im Vergleich zu Gesunden:
Entzündungen: Es zeigte sich eine ausgeprägte Zahnfleischentzündung mit erhöhten Werten im Gingiva-Index und vermehrter Blutung bei Sondierung (Bleeding on Probing, BOP).
Speichel: Patienten hatten einen signifikant höheren Speichel-pH-Wert bei gleichzeitig stark reduzierter Speichelflussrate.
Im Ergebnis stellen die Autoren fest: „Es besteht ein starker Zusammenhang zwischen chronischer Nierenerkrankung (CKD) im Früh- und Spätstadium und verstärkter oraler Entzündung, Plaquebildung und reduzierter Speichelflussrate“. Sie empfehlen eine frühzeitige zahnmedizinische Integration in die Behandlung: „Um eine Verschlechterung der Zahngesundheit dieser Patienten zu verhindern, ist eine frühzeitige Überweisung an einen Zahnarzt im Verlauf der Erkrankung unerlässlich. Basierend auf dem Wissen über die Auswirkungen der CKD auf die Mundgesundheit wird der Zahnarzt anschließend ein individuelles Kontrollintervall für den jeweiligen Patienten festlegen“.
Niederau C. et al., Oral Health in Early and Advanced Stages (1-4) of Chronic Kidney Disease: A Systematic Review and Meta-Analysis, International Dental Journal, Volume 76, Issue 4, 2026, ISSN 0020-6539, https://doi.org/10.1016/j.identj.2026.109610
Der trockene Mund zählt zu den häufigsten Leitsymptomen in der klinischen Praxis. Die Ursachen reichen von funktionellen Beschwerden bis zu Autoimmunerkrankungen. Entscheidend ist die klare Trennung zwischen subjektiver Xerostomie und objektivierbarer Hyposalivation.
Der Begriff Xerostomie beschreibt ausschließlich das subjektive Empfinden eines trockenen Mundes. Dieses Symptom ist häufig und betrifft in Bevölkerungsstudien etwa zwanzig Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Entscheidend ist, dass dieses Empfinden nicht zwingend mit einer verminderten Speichelproduktion einhergeht.
Subjektive Beschwerden und objektive Messwerte zeigen nur eine schwache Korrelation, sodass eine alleinige Symptombeschreibung für die ätiologische Einordnung nicht ausreicht.
Zur Differenzierung zwischen subjektiver Xerostomie und einer tatsächlichen Hyposalivation ist die Messung der Speichelflussrate erforderlich. In der klinischen Praxis kann dies mithilfe eines standardisierten Kautests erfolgen. Als Orientierungswert gelten etwa 3,5 g Speichel innerhalb von zwei Minuten als normal.
Untersuchungen zeigen, dass ein relevanter Anteil symptomatischer Patienten eine normale Speichelproduktion aufweist, während umgekehrt eine objektive Hyposalivation auch ohne ausgeprägte Beschwerden bestehen kann. Symptomatik und Messwert müssen daher unabhängig voneinander bewertet werden.
In der Mehrzahl der Fälle liegt keine organische Erkrankung zugrunde. Häufige Auslöser sind Stress, depressive Erkrankungen oder vegetative Dysregulationen. Die Mundtrockenheit ist dabei oft Teil eines generalisierten Trockenheitsgefühls mit begleitenden Symptomen wie trockenen Augen oder Fatigue.
Eine echte Reduktion der Speichelproduktion findet sich häufig unter medikamentöser Therapie, insbesondere bei
Auch Polypharmazie im höheren Lebensalter stellt einen relevanten Risikofaktor dar.
An ein Sjögren‑Syndrom sollte bei persistierender Mundtrockenheit in Kombination mit trockenen Augen oder systemischen Beschwerden gedacht werden. Die serologische Diagnostik umfasst insbesondere Autoantikörper gegen SSA/Ro und SSB/La. Ein relevanter Anteil der Patienten bleibt seronegativ. In diesen Fällen kann eine Speicheldrüsenbiopsie zur Diagnosesicherung beitragen. Aufgrund der begrenzten Spezifität muss der histologische Befund stets im klinischen Kontext interpretiert werden.
Unabhängig von der Ursache profitieren viele Patienten von Basismaßnahmen, darunter:
Xerostomie ist mit einem erhöhten Risiko für Karies und orale Infektionen assoziiert.
Bei gesichertem Sjögren‑Syndrom stellt Pilocarpin die bislang wirksamste symptomatische Therapie dar. Als muskarinerger Agonist steigert es die Speichelproduktion deutlich, erfordert jedoch aufgrund möglicher cholinerger Nebenwirkungen ein langsames Auftitrieren.
Immunsuppressiva, einschließlich DMARDs, zeigten bislang keinen konsistenten Effekt auf die Drüsenfunktion.
Neue Therapieansätze zielen auf die B‑Zell‑Modulation, da diese eine zentrale Rolle in der Pathogenese des Sjögren‑Syndroms spielt. In aktuellen Studien zeigten selektierte Patientengruppen mit erhaltener Restdrüsenfunktion Verbesserungen der Speichelproduktion. Eine Zulassung neuer Substanzen wird erwartet.
Die Xerostomie ist ein häufiges, jedoch unspezifisches Symptom. Entscheidend ist die strukturierte Abklärung mit klarer Trennung zwischen subjektiver Beschwerde und objektiver Hyposalivation. Funktionelle Ursachen und Medikamente stehen im Vordergrund, während das Sjögren‑Syndrom nur bei passender Klinik gezielt abgeklärt werden sollte. In vielen Fällen führen bereits Basismaßnahmen zu einer relevanten Symptomlinderung.
Eine wöchentliche Semaglutid-Injektion konnte in einer randomisierten Studie aus Dänemark den Alkoholkonsum bei Menschen mit Alkoholabhängigkeit und Adipositas deutlich senken: Unter Semaglutid reduzierte sich „die Anzahl der Tage mit starkem Alkoholkonsum in den letzten 30 Tagen um durchschnittlich etwa 12 Tage“, teilt der Elsevier Verlag (London) mit, der die Studie im Fachblatt The Lancetveröffentlicht hat.
In der Placebo-Gruppe betrug die beobachtete Reduzierung den Angaben zufolge etwa acht Tage. Die Studie mit 108 Erwachsenen mit Adipositas, die sich wegen Alkoholabhängigkeit in Behandlung begeben hatten, fand in einem Zentrum für psychische Gesundheit in Dänemark statt. Allen Teilnehmern wurde zudem eine kognitive Verhaltenstherapie angeboten. Jeweils die Hälfte der Teilnehmer erhielt eine wöchentliche Dosis Semaglutid oder ein Placebo. Die Studie ist laut Verlag die erste randomisierte kontrollierte Studie, die untersucht, ob GLP-1-Präparate den Alkoholkonsum bei Patienten mit Adipositas senken können, welche sich wegen einer Alkoholabhängigkeit in Behandlung begeben.
Ergebnis: Deutlicher Unterschied
Zu Beginn der Studie hatten die Patienten in den letzten 30 Tagen durchschnittlich 17 Tage mit starkem Alkoholkonsum, so der Verlag. Nach sechs Monaten zeigte sich ein deutlicher Unterschied: In der Semaglutid-Gruppe wurde im Durchschnitt an etwa fünf Tagen von 30 Tagen stark getrunken. In der Placebo-Gruppe waren es neun Tage. Zudem hatten die Teilnehmer zu Beginn der Studie im Durchschnitt etwa 2200 g Alkohol in den vorangegangenen 30 Tagen konsumiert, was nach sechs Monaten unter Semaglutid auf etwa 650 g/30 Tage und unter Placebo auf 1175 g/30 Tage sank.
Einschränkung: kleine Studie
Die Autoren weisen dem Verlag zufolge auf „wichtige Einschränkungen“ wie die geringe Teilnehmerzahl und das Fehlen einer Nachbeobachtung hin. Dennoch zeige die – unter anderem vom dänischen Pharmaunternehmen Novo Nordisk finanzierte – Studie „die wachsende Evidenz für den Einsatz von GLP-1-Analoga bei Alkoholabhängigkeit“, von der angesichts der weltweiten Prävalenz von Alkoholabhängigkeit und Adipositas potenziell Millionen Menschen weltweit betroffen seien.
Originalpublikation:
Mette Kruse Klausen et al., Once-weekly semaglutide versus placebo in patients with alcohol use disorder and comorbid obesity: a randomised, double-blind, placebo-controlled trial (https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(26)00305-3/fulltext)
Es gibt eine neue S3-Leitlinie „Zahnimplantate bei medikamentöser Behandlung mit Knochenantiresorptiva (inkl. Bisphosphonate)“. Die nun vorliegende Fassung adressiert den beteiligten Fachgesellschaften zufolge eine „bislang bestehende Lücke im Bereich der kaufunktionellen Rehabilitation“.
Die Leitlinie richtet sich neben den betroffenen Patienten an Zahnärzte, Zahnärzte mit Tätigkeitsschwerpunkt Implantologie, Fachzahnärzte für Oralchirurgie sowie Fachärzte für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie. Federführende Fachgesellschaften sind die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) und die Deutsche Gesellschaft für Implantologie im Zahn-, Mund- und Kieferbereich (DGI).
Ziel der überarbeiteten Handlungsempfehlungen ist es laut den Fachgesellschaften, „einen therapeutischen Korridor für den praktisch tätigen Implantologen zu formulieren, indem Bereiche soliden und abgesicherten Wissens beschrieben werden und andererseits Bereiche offengehalten werden, in denen bislang noch keine definitive Stellungnahmen formuliert werden können, da die wissenschaftliche Datenlage unzureichend ist“.
Nichts Neues, aber mehr Evidenz
Nach aktualisierter Literaturrecherche sind die Empfehlungen der Leitlinie nun „durch deutlich mehr Evidenz gestützt als dies bei der ersten Version der Fall war“, schreiben die Autoren. Praktische Folgen hat das aber nicht: „Selbst vor dem Hintergrund dieser stärkeren Evidenz ergeben sich keine relevanten inhaltlichen Änderungen in den Empfehlungen und Statements“.
Zur Leitlinie:
Sowohl die Koloskopie als auch der FIT (fäkaler immunchemischer Test) sind etabliertere Screening-Werkzeuge für die Früherkennung eines kolorektalen Karzinoms. Ob der FIT die Darmspiegelung in einer älter werdenden Bevölkerung womöglich künftig ersetzen könne, darüber sprach Prof. Christian Pox aus Bremen beim diesjährigen DGIM-Kongress in Wiesbaden.
Erfahrungsgemäß ist die Akzeptanz der Darmspiegelung in der Bevölkerung nicht sonderlich hoch und begegnet immer wieder Vorbehalten, weswegen der FIT (fäkaler immunchemischer Test) als Alternative angeboten wird. Und auch vor dem Hintergrund einer alternden Bevölkerung sowie den Überlegungen, das Alter für Darmspiegelungen zu Vorsorgezwecken auf 45 Jahre zu senken, gewinnt der FIT – auch iFOBT (immunological Faecal Occult Blood Test) genannt – an Bedeutung.
Die COLONPREV-Studie aus dem vergangenen Jahr, publiziert in The Lancet, verglich aus diesem Grund die Vorsorge-Koloskopie mit der alle zwei Jahre durchgeführten FIT über 10 Jahre (5 Tests). „Die Ergebnisse der Studie sind nicht so berauschend“, leitete Prof. Pox, der auch an der Erstellung der Leitlinie zum Kolorektalen Karzinom beteiligt war, seinen Vortrag ein.
In die Studie wurden 57.404 Patientinnen und Patienten zwischen 50 und 69 Jahren aus Spanien eingeschlossen und auf zwei Gruppen randomisiert, die entweder zur Koloskopie oder zum FIT eingeladen wurden. Von diesen nahmen 31,1 Prozent die Einladung zu einer Darmspiegelung wahr, 39,9 Prozent unterzogen sich den regelmäßigen FIT.
Non-Inferiority des FIT
Pox setzt ein Zwischenfazit: Der populationsbedingte Effekt von FIT und Koloskopie auf die KRK-bedingte Mortalität und Inzidenz sei weitgehend vergleichbar. Die per-Protokoll-Analyse zeige jedoch Vorteile für die Mortalität und Inzidenz, wobei der Vorteil durch die bessere Teilnahmerate beim FIT-Screening aufgehoben werde. Das zeige sich auch in einem Modellversuch von Seergev et al., der ein Mehrstufen-Simulationsmodell verwendete, um die Effektivität der Screeningverfahren zu vergleichen. Mit dem Ergebnis: Beide in Deutschland angebotenen Verfahren seien hochwirksam und ähnlich effektiv.
Was heißt das für die Praxis?
Die Koloskopie alleine erreiche nie ausreichend Menschen, um einen schützenden Effekt zu erreichen. Daher seien die Empfehlungen der Leitlinie – eine Koloskopie alle zehn Jahre oder FIT alle ein bis zwei Jahre – ein zielführender Weg. Zumal: „Irgendwann wird der FIT schließlich positiv und dann folgt die Darmspiegelung.“
Auch die NordICC-Studie spreche für eine Darmspiegelung, da sie eine 30-prozentige Reduktion der Inzidenz des KRK nachweisen konnte. Außerdem sei seit Einführung des Koloskopie-Screenings die Inzidenz des KRK um 30 Prozent gesunken und auch die Sterberate konnte deutlich reduziert werden.
Zusammenfassung
Zusammenfassend betonte Pox: „Die Koloskopie ist weiterhin zeitgemäß“, auch wenn die Effekte von FIT und Koloskopie nach zehn Jahren weitgehend vergleichbar seien. Denn abgesehen davon, dass die per-Protokoll-Analyse Vorteile hinsichtlich Mortalität und Inzidenz zeigte, habe die Koloskopie auch die höchste Sensibilität und Spezifität für Neoplasien. Ferner sehe man den Vorteil eines längeren Wiederholungsintervalls – womöglich sogar nur alle 15 Jahre –, denn an die Wiederholung des FIT alle zwei Jahre müsse auch gedacht werden. Noch sei zudem nicht klar, ob der FIT eine Möglichkeit der Primärprävention biete. Im Gegensatz zur Darmspiegelung sei ein primärpräventiver Effekt dort eindeutig nachgewiesen.
Sinnvoll, so Pox, ist das Angebot beider Verfahren, denn am Ende sei die Teilnahmerate von entscheidender Bedeutung. „The best screening is the one that gets done“, sagte der Professor zu Abschluss des Vortrags.
Vortrag „Ist die Koloskopie noch zeitgemäß?“, 132. Kongress der DGIM, 18. bis 21. April, Wiesbaden.