Koloskopie: Dem Tod (k)ein Schnippchen schlagen
Die Darmspiegelung gilt als Goldstandard in puncto Krebsvorsorge. Jetzt wird ihre Wirksamkeit infrage gestellt. Denn auch, wenn die Zahl der Erkrankten sinkt – die Todesfälle reduziert das nicht.
Die Koloskopie gilt seit Jahrzehnten als Goldstandard der Darmkrebsvorsorge. Fachgesellschaften gingen bislang davon aus, dass sie nicht nur die Zahl der Neuerkrankungen deutlich senkt, sondern auch Todesfälle verhindern kann. Diese Einschätzung stützte sich vor allem auf Beobachtungsstudien und Modellrechnungen. Hochwertige randomisierte Studien waren rar. Genau hier setzt die internationale NordICC-Studie (Northern-European Initiative on Colorectal Cancer Trial) an; Ergebnisse wurden jetzt in The Lancet veröffentlicht.
Zwar bestätigt die Untersuchung, dass Darmspiegelung dazu beitragen können, Darmkrebs zu verhindern. Doch einige Fragen bleiben: Wie stark lässt sich die Sterblichkeit durch die Vorsorge tatsächlich senken und welche Rolle sollte die Koloskopie künftig in Screeningprogrammen spielen?
Praxisnahes Studiendesign
Ein Blick auf Details: An der NordICC-Studie nahmen insgesamt mehr als 84.000 symptomfreie Frauen und Männer im Alter von 55 bis 64 Jahren aus Norwegen, Polen und Schweden teil. Sie wurden randomisiert entweder einer Gruppe zugeteilt, die eine Einladung zur Darmspiegelung erhielt, oder einer Kontrollgruppe ohne Screening-Angebot. Der Beobachtungszeitraum erstreckte sich über 13 Jahre. Bemerkenswert ist, dass nur 42 Prozent der eingeladenen Personen die Untersuchung tatsächlich wahrgenommen haben. Gerade das macht die Studie besonders praxisnah: Sie bildet die Realität von Screeningprogrammen wesentlich besser ab als kontrollierte Studien mit außergewöhnlich motivierten Probanden und hoher Beteiligung.
Erkenntnis 1: Weniger Darmkrebs durch Vorsorge – mit Unterschieden
Nach 13 Jahren ist in der Gruppe mit Screening-Einladung seltener Darmkrebs aufgetreten, das war zu erwarten. Das Erkrankungsrisiko lag bei 1,46 Prozent gegenüber 1,80 Prozent in der Kontrollgruppe. Dies entspricht einer relativen Risikoreduktion von 19 Prozent. Anders ausgedrückt: Rund 294 Personen mussten zu einer Darmspiegelung eingeladen werden, um innerhalb von 13 Jahren einen Fall von Darmkrebs zu verhindern
Bei Männern sank das Darmkrebsrisiko um 23 Prozent, bei Frauen lediglich um 13 Prozent. Hier war der Effekt statistisch nicht signifikant. Während die Koloskopie bei den 60- bis 64-Jährigen das Darmkrebsrisiko relativ um 25 Prozent senkte (1,68 Prozent vs. 2,25 Prozent), zeigte sich bei den 55- bis 59-Jährigen nur eine Risikoreduktion von relativ 9 Prozent (1,26 Prozent vs. 1,38 Prozent), die statistisch nicht signifikant war.
Erkenntnis 2: Kein klarer Vorteil bei der Sterblichkeit
Überraschenderweise zeigte sich jedoch kein statistisch signifikanter Rückgang der Darmkrebs-Mortalität. In der Screening-Gruppe starben 0,41 Prozent der Teilnehmer an Darmkrebs, in der Kontrollgruppe 0,47 Prozent. Dieser Unterschied war statistisch nicht signifikant. Auch bei der Gesamtsterblichkeit fanden Wissenschaftler praktisch keine Unterschiede zwischen beiden Gruppen. Die Wahrscheinlichkeit, innerhalb des Beobachtungszeitraums zu sterben, lag in beiden Gruppen bei rund 16 Prozent. Diese Ergebnisse stehen teilweise im Gegensatz zu früheren Studien mit anderen Screeningverfahren, etwa Stuhltests auf okkultes Blut, die teilweise deutliche Rückgänge der Darmkrebssterblichkeit gezeigt hatten.
Bessere Therapien verändern die Bedeutung der Vorsorge
Nach Ansicht der Gastroenterologin Aasma Shaukat, New York University, liegt die wichtigste Erkenntnis möglicherweise nicht in der begrenzten Wirkung des Screenings, sondern in Fortschritten der modernen Onkologie. Als die NordICC-Studie vor rund zwei Jahrzehnten geplant worden war, erwarteten die Forscher deutlich höhere Mortalitätsraten durch Darmkrebs. Tatsächlich lag die Darmkrebssterblichkeit in der Kontrollgruppe nach 13 Jahren jedoch nur etwa halb so hoch wie ursprünglich prognostiziert. Gleichzeitig entsprach die Zahl der Neuerkrankungen weitgehend den Erwartungen.
Shaukat erklärt den marginalen Effekt auf die Mortalität mit Verbesserungen in der Chirurgie, Arzneimitteltherapie und Nachsorge. Damit seien die Überlebenschancen von Patienten mit Darmkrebs erheblich verbessert worden, schreibt sie. Wenn immer mehr Patienten auch nach einer Diagnose erfolgreich behandelt werden, sinkt zwangsläufig der zusätzliche Nutzen, den ein Screening hinsichtlich der Sterblichkeit noch erzielen kann.
Konsequenzen für die Gesundheitspolitik
Koloskopien sind deswegen aber nicht nutzlos. Im Gegenteil: Die Untersuchungen verhindern nachweislich zahlreiche Darmkrebs-Fälle und ersparen vielen Menschen belastende Behandlungen sowie langfristige gesundheitliche Folgen. Dennoch ist die Frage legitim, wie groß der tatsächliche Nutzen im Verhältnis zu Aufwand, Kosten und verfügbaren Ressourcen ist. In Zeiten begrenzter Gesundheitsbudgets könnte es in manchen Ländern sinnvoll sein, andere Präventionsmaßnahmen stärker zu berücksichtigen. Etwa Programme zur Tabakkontrolle, Bekämpfung von Adipositas, Förderung eines gesunden Lebensstils oder zur Optimierung der Onkologie.
Alles in allem liefert die NordICC-Studie einen wichtigen Realitätscheck für die Darmkrebsvorsorge. Die Darmspiegelung bleibt ein wirksames Instrument zur Krebsprävention. Die neuen Daten zeigen jedoch, dass ihre Vorteile differenzierter betrachtet werden müssen als lange Zeit angenommen: Sie verhindert Krebsfälle zuverlässig. Ihr Einfluss auf die Sterblichkeit scheint im Zeitalter moderner Therapien jedoch geringer zu sein als erwartet.
| Quellen
Kaminski et al.: Long-term effects of colonoscopy screening on colorectal cancer incidence and mortality: A multicountry, population-based randomised controlled trial. The Lancet, 2026. doi: 10.1016/S0140-6736(26)00508-8 Shaukat: Colonoscopy, cancer prevention, and the new arithmetic of benefit. The Lancet, 2026. doi: 10.1016/S0140-6736(26)00794-4
|
