Semaglutid: Gelenkiger Alleskönner?

Arthrose und metabolisches Syndrom treten oft gemeinsam auf. Zufall? Keineswegs! Wie GLP-1-Rezeptoragonisten dem Knorpel eine zweite Chance geben könnten. 

 

n einer aktuellen Studie wurden die metabolischen Wirkungen von Semaglutid auf arthrotisch veränderte Gelenke untersucht. Laut WHO sind circa 7 % der Weltbevölkerung von Arthrose betroffen. Dabei steigt die Prävalenz bei über 55-jährigen auf 73 % an. Neben altersbedingten Gelenkveränderungen nimmt auch die Bedeutung von Stoffwechselstörungen bei Erwachsenen zwischen 30 und 44 Jahren zu. So entstand der Begriff der metabolischen Arthrose – darunter versteht man die Entwicklung degenerativer Gelenkveränderungen im Rahmen eines metabolischen Syndroms mit AdipositasDiabetesDyslipidämie und Hypertonie.

Erklärt werden Knorpelschädigungen mit einer verminderten Nährstoff- und Sauerstoffversorgung, einer Akkumulation von Lipiden, fortgeschrittenen Glykationsendprodukten und einer Adipositas-bedingten erhöhten mechanischen Belastung.

Glykationsendprodukte (Advanced Glycation Endproducts = AGEs) entstehen als komplexe Verbindungen durch die Reaktion von Glukose oder Fruktose mit Proteinen oder Fetten ohne Beteiligung von Enzymen, was zu einer Verzuckerung der Gewebe führt. AGEs können endogen bei dauerhaft erhöhtem Blutzuckerspiegel gebildet werden. Dabei gehen Zuckermoleküle eine Verbindung mit körpereigenen Proteinen ein. So gibt der bekannte Laborwert HbA1c die Verzuckerung des Hämoglobins wieder.

AGEs gelangen aber auch exogen durch die Nahrung in den menschlichen Körper. Beispielsweise durch den Verzehr von stark erhitzten Lebensmitteln mit brauner Kruste, wie sie beim Braten, Grillen oder Rösten entsteht. Erhöhte AGE-Spiegel können Kollagen und Elastin schädigen. Dadurch verringert sich die Elastizität der Haut, und die Faltenbildung wird begünstigt. Sie können auch Gefäßentzündungen verursachen, Arterienverkalkungen fördern und werden verdächtigt, an der Entstehung von Diabetes-Folgeschäden, Nierenerkrankungen und neurodegenerativen Krankheiten beteiligt zu sein.

GLP-1: Stoffwechselregulation mit therapeutischem Potenzial

Eine wichtige Rolle in der Regulation des Glukosestoffwechsels und des Körpergewichts spielt der Glucagon-like Peptide-1-Rezeptor (GLP-1R). In den letzten zwei Jahrzehnten sind GLP-1R-Agonisten wie Semaglutid, Liraglutid und Dulaglutid entwickelt worden, die die Wirkung des endogenen Hormons GLP-1 imitieren und dadurch eine Gewichtsabnahme unterstützen.

 

Das Forscherteam um Qin untersuchte systematisch die Effekte einer 12-wöchigen Semaglutid-Gabe bei Mäusen mit metabolischer Arthrose in Bezug auf Knorpeldegeneration, Osteophytenbildung, Schweregrad der Synovialläsion und Schmerzempfindlichkeit. Mit fortschreitender Arthrose verändern die Chondrozyten ihren Stoffwechsel vom Ruhe- in einen Aktivierungszustand, um den erhöhten Energiebedarf für die Biosynthese der extrazellulären Matrix, die Zellproliferation und das Überleben zu decken. Das Gleichgewicht zwischen Glykolyse und oxidativer Phosphorylierungist entscheidend für die Arthroseentwicklung und die Linderung der Symptome. Die Forscher konnten nachweisen, dass der glykolytische Aktivitätsgrad der Chondrozyten in einem entzündlichen Milieu signifikant erhöht ist, aber durch eine Behandlung mit Semaglutid leicht gesenkt werden kann. Die Ergebnisse zeigten, dass GLP-1R für eine starke chondroprotektive Wirkung von Semaglutid bei Arthrose essenziell ist.

Mehr Knorpel, aber keine Schmerzreduktion

Anschließend wurde eine klinische Pilotstudie zum Wirksamkeitsnachweis bei 20 Patienten im Alter von 50 bis 75 Jahren mit Gonarthrose und Adipositas durchgeführt. Nach 1:1-Randomisierung erhielten die Teilnehmer (7 Männer und 13 Frauen) in der 24-wöchigen Behandlungsphase entweder Natriumhyaluronat (HA) allein oder in Kombination mit Semaglutid (SG). Bei der Auswertung zeigten sich bezüglich der Schmerzlinderung im WOMAC-Schmerzscore und bei der Gelenksteifigkeit keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Anders sah es bei der Dicke der Knorpelschicht aus: MRT-Analysen ergaben bei den Patienten mit Kombinationsbehandlung (HA + SG) eine um 17 % verdickte Knorpelschicht mit verbesserter Abgrenzung an der Knorpel-subchondralen Knochengrenze, die als reparierte Knorpelstruktur interpretiert wurde. Dagegen erhöhte sich die Knorpeldicke in der Patientengruppe mit HA-Monobehandlung um weniger als 1 %. Die quantitative Analyse der Knorpeldicke ergab durch die Kombinationsbehandlung einen wirksamen Schutz vor Knorpelverlust aufgrund von Arthrose und Adipositas. Die Effekte waren dabei unabhängig vom Gewichtsverlust.

Zusammenfassend konnte die Studie einen gewichtsverlustunabhängigen und GLP-1R-vermittelten Mechanismus identifizieren, durch den Semaglutid vielfältige chondroprotektive Vorteile aufweist und Gonarthrose lindert. Aufgrund der niedrigen Probandenzahl liefert die Studie eine gute Hypothese. Diese sollte jedoch durch klinische Studien mit größeren und aussagekräftigeren Stichproben sowie hochauflösenden Bildgebungsverfahren validiert werden.

 

Quelle:
Qin et al.: Semaglutide ameliorates osteoarthitis progression through a weight loss-independent metabolic restoration mechanism. Cell Metabolism, 2026. doi: 10.1016/j.cmet.2026.01.008

Kaffee, Kippe, Wein: Was ärztlicherseits gerne übersehen wird

Der morgendliche Kaffee, die Zigarette zwischendurch, das Glas Rotwein am Abend – für viele Alltag. Doch diese Gewohnheiten können den Arzneistoffmetabolismus erheblich beeinflussen. Welche Interaktionspartner man im Blick haben sollte.

Arzneimittelinteraktionen werden im klinischen Alltag häufig zwischen zwei Medikamenten gesucht. Dabei können auch nichtmedikamentöse Faktoren den Arzneistoffmetabolismus relevant beeinflussen. Substanzen wie KoffeinTabakrauch oder Alkohol modulieren verschiedene Cytochrom-P450-Enzyme und können dadurch Pharmakokinetik und Wirkspiegel zahlreicher Arzneistoffe verändern.

Besonders relevant sind Veränderungen im Konsumverhalten – solche Faktoren werden in der Anamnese jedoch häufig nicht systematisch erfasst.

Koffein: CYP1A2-Substrat mit Interaktionspotenzial

Koffein zählt zu den weltweit am häufigsten konsumierten pharmakologisch aktiven Substanzen. Der hepatische Abbau erfolgt überwiegend über CYP1A2. Veränderungen der Aktivität dieses Enzyms können daher sowohl die Koffein-Clearance als auch die Pharmakokinetik anderer CYP1A2-Substrate beeinflussen. Wird das Enzym gehemmt, verlangsamt sich der Koffeinabbau, wodurch Plasmaspiegel ansteigen und typische Effekte wie NervositätTachykardie oder Schlafstörungen auftreten können. Klinisch relevant wird dies insbesondere bei Arzneistoffen, die ebenfalls über CYP1A2 metabolisiert werden. Beispiele sind Clozapin sowie Theophyllin, deren Plasmaspiegel empfindlich auf Veränderungen der CYP1A2-Aktivität reagieren können.

Auch Veränderungen im Koffeinkonsum selbst können pharmakokinetisch relevant sein. Eine deutlich erhöhte oder reduzierte Koffeinaufnahme kann die Exposition von CYP1A2-Substraten verändern und damit therapeutische Effekte oder Nebenwirkungen beeinflussen. Darüber hinaus modulieren genetische Polymorphismen von CYP1A2 die individuelle Metabolisierungsrate von Koffein. Diese interindividuellen Unterschiede können das Ausmaß möglicher Interaktionen mitbestimmen und werden zunehmend im Kontext personalisierter Pharmakotherapie diskutiert.

Rauchen: Enzyminduzierende Wirkung auf CYP1A2

Bei Rauchern wird die Aktivität von CYP1A2 durch Bestandteile des Tabakrauchs gesteigert. Verantwortlich sind vor allem polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, die bei der Verbrennung von Tabak entstehen. Diese Substanzen aktivieren den Aryl-Hydrocarbon-Rezeptor (AhR) in Hepatozyten, was die Expression von CYP1A2 induziert und dadurch die metabolische Kapazität der Leber erhöht. Die Folge ist eine beschleunigte Clearance verschiedener Arzneistoffe. Klinisch relevant ist dies beispielsweise bei Olanzapin, dessen Plasmaspiegel bei Rauchern deutlich niedriger sein können als bei Nichtrauchern.

Besonders bedeutsam ist der umgekehrte Effekt beim Rauchstopp: Wird das Rauchen plötzlich beendet, nimmt die Enzyminduktion innerhalb weniger Tage ab. Dadurch können zuvor stabile Arzneistoffspiegel ansteigen, was das Risiko für Nebenwirkungen erhöht. Diese Dynamik ist insbesondere bei Substanzen mit enger therapeutischer Breite relevant. Wichtig ist dabei: Nicht Nikotin selbst, sondern die Verbrennungsprodukte des Tabakrauchs sind für die Enzyminduktion verantwortlich. Nikotinersatzpräparate zeigen diesen Effekt daher nicht.

Alkohol: Doppelter Einfluss auf den Metabolismus

Alkohol beeinflusst den Arzneistoffmetabolismus auf komplexe Weise, abhängig vom Konsummuster. Akuter Alkoholkonsum hemmt kurzfristig den Abbau anderer Substanzen, da Ethanol bevorzugt metabolisiert wird. Die metabolische Kapazität für andere Arzneistoffe ist dadurch vorübergehend reduziert, was zu erhöhten Plasmaspiegeln führen kann. Chronischer Alkoholkonsum induziert vor allem CYP2E1, das sowohl am Ethanolabbau als auch am Metabolismus bestimmter Arzneistoffe beteiligt ist, darunter Paracetamol. Unter normalen Bedingungen wird Paracetamol überwiegend durch Glucuronidierungund Sulfatierung eliminiert. Nur ein kleiner Teil wird über CYP2E1 oxidativ zu N-Acetyl-p-benzochinonimin (NAPQI) metabolisiert, einem hochreaktiven, hepatotoxischen Zwischenprodukt, das in der Leber durch Glutathion entgiftet wird.

 

Bei chronischem Alkoholkonsum steigt die CYP2E1-Aktivität, sodass mehr Paracetamol über den oxidativen Weg zu NAPQI abgebaut wird. Gleichzeitig können die Glutathionreserven reduziert sein, wodurch weniger toxischer Metabolit neutralisiert wird. Das Risiko einer hepatozellulären Schädigung bis hin zur akuten Leberinsuffizienz steigt – teilweise bereits bei Dosen, die bei anderen Patienten als therapeutisch gelten. Besonders kritisch ist die Kombination aus chronischem Alkoholkonsum und wiederholter oder hochdosierter Paracetamol-Einnahme. Auch andere CYP2E1-substratabhängige Arzneistoffe können in ihrer Pharmakokinetik betroffen sein.

Über den Tellerrand: Grapefruit und pflanzliche Interaktionspartner

Nicht nur Genussmittel beeinflussen den Arzneistoffmetabolismus. Auch bestimmte Lebensmittel und pflanzliche Produkte können relevante pharmakokinetische und pharmakodynamische Interaktionen verursachen.

Ein klassisches Beispiel ist die Grapefruit. Sie enthält Furanocumarine wie Bergamottin, die CYP3A4 in der intestinalen Mukosa irreversibel hemmen. Dadurch wird der präsystemische Metabolismus (First-Pass-Effekt) reduziert, was die orale Bioverfügbarkeit zahlreicher Arzneistoffe erhöhen kann. Klinisch relevant ist dies beispielsweise bei Simvastatin, dessen Plasmaspiegel durch Grapefruitsaft deutlich ansteigen können. Die Enzymhemmung hält über mehrere Stunden an, sodass bereits geringe Mengen ausreichen, um die Pharmakokinetik zu beeinflussen.

Auch pflanzliche Präparate können als Interaktionspartner relevant sein. Extrakte aus Ginkgo biloba zeigen thrombozytenaggregationshemmende Effekte, vermutlich über eine Hemmung des Platelet-Activating Factor (PAF). In Kombination mit Antikoagulanzien oder Thrombozytenaggregationshemmern kann sich dadurch das Blutungsrisiko erhöhen.

An alles gedacht?

Alltagskonsum wird in der Anamnese häufig unsystematisch erfasst. Während verschreibungspflichtige Medikamente größtenteils zuverlässig angegeben werden, bleiben Konsumgewohnheiten und frei verkäufliche Präparate oft unerwähnt. Für die klinische Praxis ist es daher sinnvoll, gezielt und konkret nach typischen Interaktionspartnern zu fragen. Dazu zählen insbesondere koffeinhaltige Getränke, Tabak- und Alkoholkonsum sowie die Einnahme pflanzlicher Präparate oder Nahrungsergänzungsmittel. Auch vermeintlich „natürliche“ Produkte können pharmakologisch relevante Effekte haben und in Wechselwirkungen eingreifen.

Klinisch entscheidend ist dabei weniger der Konsum an sich als vielmehr Veränderungen im Konsumverhalten – etwa ein Rauchstopp, stark schwankender Koffeinkonsum oder die neu begonnene Einnahme pflanzlicher Präparate. Diese Faktoren können die Pharmakokinetik und -dynamik von Arzneistoffen relevant beeinflussen und sollten bei unerwarteten Wirkungen oder Nebenwirkungen stets mitbedacht werden.

 

Quellen:

Nehlig: Interindividual Differences in Caffeine Metabolism and Factors Driving Caffeine Consumption. Pharmacol Rev, 2018. DOI: 10.1124/pr.117.014407.

Izzo et al.: Interactions between herbal medicines and prescribed drugs: an updated systematic review. Drugs, 2009. DOI: 10.2165/11317010.

Dahan et al.: Food–drug interaction: grapefruit juice augments drug bioavailability — mechanism, extent and relevance. Eur J Clin Nutr,2004. DOI: 10.1038/sj.ejcn.1601736.

Prescott: Paracetamol, alcohol and the liver. Br J Clin Pharmacol, 2000. DOI: 10.1046/j.1365‑2125.2000.00167.x.

Barrangou‑Poueys‑Darlas et al.: CYP1A2 and tobacco interaction: a major pharmacokinetic challenge during smoking cessation. Drug Metab Rev, 2021. DOI: 10.1080/03602532.2020.1859528.

 

Longitudinal-Studie begleitet fast 70 Jahre über 10.000 Probanden – „Fluorid im Trinkwasser schadet dem IQ von Kindern nicht!“

Forschende der Universität Minnesota haben erneut die Zusammenhänge zwischen der Trinkwasser-Fluoridierung, dem IQ von Jugendlichen und der Kognition im Lebensverlauf anhand repräsentativer Daten aus dem US-Bundesstaat Wisconsin untersucht.

Mindestens 21 US-Bundesstaaten haben laut der National Conference of State Legislatures bisher Gesetzesentwürfe zum Fluoridverbot eingebracht. Utah und Florida waren die ersten, die entsprechende Verbote verabschiedeten; beide traten im vergangenen Jahr in Kraft.

Als Begründung, warum die Trinkwasserfluoridierung in Teilen der USA gestoppt wurde, diente zumeist eine kürzlich durchgeführte Analyse, die einen Zusammenhang zwischen Fluoridbelastung und einem verminderten IQ von Jugendlichen hergestellt hat. Qualität und Aussagekraft dieser Studie wurden jedoch grundlegend infrage gestellt, insbesondere weil sich das Team um Kyla W. Taylor auf extrem hohe Fluoriddosierungen – weit über die für die Diskussionen um die Trinkwasserfluoridierung relevanten Werte – bezog. Keine der Outcomes stammte aus bevölkerungsrepräsentativen Stichproben; die meisten zitierten Studien berücksichtigten nicht die Selektion der Studienteilnehmer; keine basierte auf in den USA erhobenen Daten.

Die Ergebnisse auf einen Blick

  1. Es gibt keine Belege für einen Zusammenhang zwischen der Fluoridierung des Trinkwassers und dem IQ von Kindern.
  2. Es gibt auch keine Belege für einen Zusammenhang zwischen der Fluoridierung des Trinkwassers und der kognitiven Leistungsfähigkeit zu verschiedenen Zeitpunkten im späteren Leben.

  3. Die Ergebnisse bestätigen Erkenntnisse aus früheren Untersuchungen, die ebenfalls eine nationale Stichprobe verwendeten, jedoch Schulleistungstests anstelle tatsächlicher IQ-Werte berücksichtigten.

Die Evidenz zur Assoziation zwischen dem IQ von Jugendlichen und der Fluoridbelastung in den für die Trinkwasseraufbereitung empfohlenen Konzentrationen ist uneinheitlich.

Prof. John Robert Warren vom College of Liberal Arts der University of Michigan hatte kürzlich die erste Analyse zum Zusammenhang zwischen Trinkwasseraufbereitung und Kognition über den gesamten Lebensverlauf vorgelegt. Er und seine Kollegen sind auch die ersten, die bevölkerungsrepräsentative Daten aus USA untersuchten und mögliche Störfaktoren berücksichtigten. Sie fanden keine Hinweise auf negative Assoziationen zwischen Trinkwasseraufbereitung und kognitiven Fähigkeiten von Jugendlichen oder Erwachsenen.

Nun wollten sie ihre Analysen in zwei Punkten verbessern. Erstens: Während sie in ihrer ersten Arbeit die Folgen der Fluoridexposition auf die schulischen Leistungen von Jugendlichen geschätzt haben, modelliert ihre aktuelle Studie die Effekte auf den IQ von Jugendlichen. Zweitens: Während sie zuvor annehmen mussten, dass Schüler der Sekundarstufe ihr gesamtes Leben im Umfeld ihrer Schule verbringen, berücksichtigt ihre neue Arbeit auch die geografische Mobilität während der Kindheit (und damit eine gleichbleibende Behandlung).

Materialen und Methoden

Für ihre Studie nutzten die Wissenschaftler Daten der Wisconsin Longitudinal Study (WLS), die eine Zufallsstichprobe von 10.317 Highschool-Absolventen von 1957 bis 2026 begleitete. Über diese Datenbank, die auch alle Schuladressen enthält, konnten sie feststellen, wo die Probanden über die Zeit hinweg lebten. Sie identifizierten zudem die Trinkwasser-Exposition (community water fluoridation, CWF) der Studienteilnehmer bis zum Alter von 14 Jahren – also vor dem Zeitpunkt, zu dem üblicherweise IQ-Tests durchgeführt werden – anhand von Informationen zu CWF-Praktiken und dem natürlichen Fluoridgehalt in unbehandeltem Brunnenwasser.

Schüler wurden als von Geburt an exponiert eingestuft, wenn mindestens ein unbehandelter Brunnen in ihrem Landkreis einen natürlich ausreichenden Fluoridgehalt aufwies. Andernfalls wurden sie ab dem Jahr, in dem ihre Gemeinde mit der Trinkwasserfluoridierung begann, als CWF-exponiert eingestuft.

„Da die Fluoridkonzentrationen im Trinkwasser der US-amerikanischen Kommunen deutlich niedriger sind, sind fast alle bisherigen Erkenntnisse aus diesen internationalen Studien für die öffentliche Debatte in den USA irrelevant.“

Studienleiter Prof. John Robert Warren vom College of Liberal Arts der University of Michigan

Der IQ von Jugendlichen wurde in der neunten und dritten Klasse mithilfe des standardisierten Henmon-Nelson-Tests an den Schulen ermittelt. Die Kognition im Alter von 53, 64 und 72 Jahren wurde mithilfe Wechsler-Intelligenzskala für Erwachsene (WAIS) gemessen. Die Kognition im Alter von 80 Jahren wurde via eines modifizierten Telefoninterviews zur Erfassung des kognitiven Status (TICSm) erfasst.

Der IQ wurde jetzt mithilfe von Tests ermittelt

Die Kontrollvariablen wurden 1957 erhoben und umfassen die elterliche Bildung, den Beruf des Vaters, das Familieneinkommen und die Gemeindegröße. Berücksichtigt wurden auch die schulischen Mittelwerte als Indikatoren für den sozioökonomischen Hintergrund der Familien. Leider wurden im Rahmen der WLS keine Informationen zur Zahnpflege im Jugendalter oder zu anderen Fluoridquellen als dem Trinkwasser erhoben.

Im Ergebnis gibt es keine Belege für einen Zusammenhang zwischen der Trinkwasser-Fluoridierung und dem IQ von Kindern. Es gibt auch keine Belege für einen Zusammenhang zwischen der Fluoridierung des Trinkwassers und der kognitiven Leistungsfähigkeit zu verschiedenen Zeitpunkten im späteren Leben. Die Studie bestätigt demnach Erkenntnisse aus früheren Untersuchungen, die auch eine nationale Stichprobe verwendeten, aber Schulleistungstests anstelle tatsächlicher IQ-Werte heranzogen.

Utah und Florida trafen eine Entscheidung auf der Basis fehlerhafter Studien

„Utah, Florida und viele andere Kommunen haben sich aufgrund fehlerhafter Studien, die die Auswirkungen hoher Fluoriddosen auf die Intelligenz untersuchten, für die Entfernung von Fluorid aus dem Trinkwasser entschieden“, sagte Studienleiter Warren. „Da die Fluoridkonzentrationen im Trinkwasser der US-amerikanischen Kommunen deutlich niedriger sind, sind fast alle bisherigen Erkenntnisse aus diesen internationalen Studien für die öffentliche Debatte in den USA irrelevant.“

„Im Gegensatz zu den Studien, die in den jüngsten Entscheidungen zur Beendigung der Trinkwasserfluoridierung in Utah, Florida und anderen Bundesstaaten zitiert wurden, finden wir keine Hinweise darauf, dass die Trinkwasserfluoridierung negativ mit dem IQ von Jugendlichen oder der kognitiven Leistungsfähigkeit im Erwachsenenalter zusammenhängt“, bilanzieren die Forschenden.

Ihre Ergebnisse „liefern keine Argumente für die Behauptung, dass die Fluoridierung des Trinkwassers in der Gemeinde einen schädlichen Einfluss auf den IQ von Kindern oder auf die Kognition von Erwachsenen hat“, bekräftigt Mitautorin Gina Rumore, Co-Direktorin des Demography and Economics of Aging Coordinating Center der Universität Minnesota.

Die Forschung wurde vom National Institute on Aging, dem Vilas Estate Trust, der National Science Foundation und der Spencer Foundation unterstützt.

Warren, John Robert, Municipal water fluoridation, adolescent IQ, and cognition across the life course: Evidence from the Wisconsin Longitudinal Study, Proceedings of the National Academy of Sciences (2026). DOI: 10.1073/pnas.2536005123

Neuropsychologische Studie der Universität Konstanz : Zucker beeinträchtigt die Entspannungsfähigkeit

Wie wirkt sich Zucker auf Entspannungsübungen aus? Eine neue Studie der Universität Konstanz bringt aufschlussreiche Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen dem Blutzucker und dem autonomen Nervensystem.

Der Traubenzucker vor der Klassenarbeit, das Stück Schokolade vor einer wichtigen Verhandlung, der Müsliriegel vor dem Marathon: Dass Zucker ein wichtiger Faktor bei der Bewältigung von Stresssituationen ist, gilt mittlerweile als gesichert. Bei Zufuhr von Zucker reagiert der Körper stärker auf Stress, indem er mehr Cortisol ausschüttet und auch die Herzrate länger erhöht bleibt. In akuten Gefahrensituationen steht so mehr Energie zur Verfügung. Die negativen langfristigen Folgen davon sind ebenfalls gut bekannt: ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Ein voller Magen ist schon mal kontraproduktiv

Bislang weniger erforscht war, wie sich die Einnahme von Zucker auf Entspannung auswirkt. Diese Frage untersuchten nun Forschende um Jens Pruessner, Professor für Neuropsychologie an der Universität Konstanz. „Entspannungsübungen wirken nicht so gut bei vollem Magen“, resümiert Pruessner.

Die Konstanzer Arbeitsgruppe wollte verstehen, wie die körperlichen Energiesysteme an Entspannung beteiligt sind und wie sich einzelne stoffwechselbezogene Faktoren darauf auswirken – zum Beispiel der Blutzuckerspiegel. Das autonome Nervensystem, zu dem Sympathikus und Parasympathikus gehören, steuert verschiedene Prozesse in unserem Organismus, wie etwa die Herzfrequenz oder die Atmung.

CT-Scans von 37 ägyptischen Mumien analysiert : Korrelation zwischen Mund- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist über 4.000 Jahre alt!

Wenn es um unsere Zähne und unser Herz geht, können uns ägyptische Mumien viel erzählen: CT-Scans von 37 Mumien zeigen eine starke Korrelation zwischen oralen Erkrankungen und Arteriosklerose. Die Risikogruppe hat sich im Lauf der Jahrtausende jedoch gewandelt. Während früher Frauen stärker von Arteriosklerose und Parodontitis betroffen waren, sind es heute die Männer.

Aus einer Gruppe von 137 Mumien wählten Forschende von Vanderbilt Health in Tennessee (USA) eine Untergruppe aus, die folgende Kriterien erfüllte: Verfügbarkeit eines digitalen CT-Scans, Alter über 18 Jahre, eindeutiges Geschlecht und eindeutige Konsensdiagnose einer atherosklerotischen Gefäßerkrankung. Die ausgewählten 37 Mumien wurden auf Karies oder periapikale Aufhellungen untersucht. Zusätzlich wurde in der dreidimensionalen Rekonstruktion des CT-Bildes der Abstand zwischen Schmelz-Zement-Grenze und Alveolarkamm gemessen.

Methode

Zu den Zähnen mit Karies zählten sowohl solche, die vermutlich aufgrund von Karies abgebrochen waren, als auch solche, die nach dem Bruch Karies entwickelten. Bei intakten Zähnen wurde das Vorhandensein von Karies anhand unregelmäßiger Aufhellungen im Schmelz und im Dentin festgestellt. Aufgrund des verwendeten Bildgebungsverfahrens war die Erkennung von beginnender und früher Karies jedoch unwahrscheinlich.Periapikale Aufhellungen im Oberkiefer 

Die Anzahl periapikaler Aufhellungen und die Anzahl kariöser Zähne korrelierten in unbereinigten Modellen jeweils positiv mit der Anzahl kalzifizierter Gefäßbetten (periapikale Aufhellungen: geschätzt [SE] 0,066 [0,022], p < 0,010; Karies: geschätzt [SE] 0,065 [0,017], p < 0,010). Nach Adjustierung für Alter und Geschlecht waren diese Zusammenhänge jedoch nicht mehr statistisch signifikant (periapikale Aufhellungen: geschätzt [SE] 0,044 [0,028], p = 0,113; Karies: geschätzt [SE] 0,021 [0,020], p = 0,304).

In den adjustierten Modellen war ein höheres Alter signifikant mit einer höheren Anzahl verkalkter Gefäßbetten assoziiert (periapikale Aufhellungen: geschätzt [SE] 0,446 [0,134], p < 0,010; Karies: geschätzt [SE] 0,472 [0,140], p < 0,010). Das männliche Geschlecht war dagegen mit einer geringeren Anzahl assoziiert (periapikale Aufhellungen: geschätzt [SE] -0,695 [0,273], p = 0,011; Karies: geschätzt [SE] -0,558 [0,263], p = 0,034).

Ebenso war die mittlere CEJ/AC-Messung pro Mumie im unbereinigten Modell positiv mit der Anzahl kalzifizierter Gefäßbetten assoziiert (Schätzwert [SE] = 0,297 [0,139]; p = 0,040), jedoch nicht statistisch signifikant nach Adjustierung für Alter und Geschlecht (Schätzwert [SE] = 0,097 [0,158]; p = 0,543). In den adjustierten Modellen zeigte sich, dass ein höheres Alter signifikant mit einer höheren Anzahl kalzifizierter Gefäßbetten assoziiert war (Schätzwert [SE]: 0,816 [0,260]; p < 0,010), während das männliche Geschlecht mit einer geringeren Anzahl assoziiert war (Schätzwert [SE]: –1,20 [0,496]; p = 0,021).

Früher zählten Frauen zur ­Risikogruppe – heute Männer!

Mithilfe einer einfachen Poisson-Regression konnte im unbereinigten Modell ein positiver Zusammenhang zwischen dem oralen Entzündungsscore und der Anzahl kalzifizierter Gefäßbetten nachgewiesen werden (Schätzwert [SE]: 0,197 [0,046]; p < 0,010). Nach Adjustierung für Alter und Geschlecht war dieser Zusammenhang jedoch nicht mehr statistisch signifikant (Schätzwert [SE]: 0,137 [0,079]; p = 0,080). Das männliche Geschlecht war mit einer geringeren Anzahl kalzifizierter Gefäßbetten assoziiert (Schätzwert [SE]: −0,642 [0,262]; p = 0,014).

Im Ergebnis stellten die Wissenschaftler fest, dass Karies und Parodontitis in dieser alten Kohorte weit verbreitet waren und mit Hinweisen auf verkalkte Blutgefäße – einem dauerhaften Marker für Herz-Kreislauf-Erkrankungen – korrelierten. Dabei wiesen die Männer seltener verkalkte Gefäßbetten auf als die Frauen. Heute beobachtet man genau das Gegenteil: Die Schwere von Arteriosklerose und Parodontitis ist bei Frauen weniger ausgeprägt.

„Atherosklerose und Zahnerkrankungen scheinen beides entzündliche Prozesse zu sein, die mit dem chronologischen Alter zusammenhängen, sowohl bei Menschen, die heute leben, als auch bei Menschen, die vor 4.000 Jahren in Ägypten gelebt haben“, so Katherine Van Schaik, Erstautorin der Studie und Assistenzprofessorin für Radiologie bei Vanderbilt Health. „Studien wie diese können dazu beitragen, mechanistisch ausgerichtete Untersuchungen der Biologie des Alterns zu ermöglichen.“

„Historische Überreste bieten eine einzigartige Gelegenheit, die menschliche Biologie abseits moderner Eingriffe zu erforschen. Die Untersuchung der Biologie des menschlichen Alterns und von Krankheitsprozessen zu Zeitpunkten, die 4.000 Jahre auseinanderliegen, kann Aufschluss über die grundlegendsten Aspekte dieser Mechanismen geben.“

Fazit

Fazit der Forschenden: „Unsere Arbeit bietet einen detaillierten Einblick in die Mundgesundheit einer kleinen Gruppe von alten Ägyptern. Im Einklang mit den Arbeiten anderer Wissenschaftler zeigen unsere Ergebnisse das wahrscheinlich hohe Alter immunologischer und physiologischer Prozesse und liefern Belege für langjährige Mundkrankheiten, die sich bis in die heutige Bevölkerung erstrecken.“

Witt AA, Smith DK, Thompson RC, Thomas GS, Sutherland ML, Sutherland JD, Michalik DE, Rowan CJ, Van Schaik KD. Imaging the past: Dental pathologies and cardiovascular disease in Egyptian mummified remains. J Am Dent Assoc. 2026 Jan 30:S0002-8177(25)00691-9. doi: 10.1016/j.adaj.2025.11.013. Epub ahead of print. PMID: 41618943.

ASS: Ein Dinosaurier gegen Metastasen

Aspirin® ist als Schmerzmittel und Plättchenhemmer altbekannt. Doch der Klassiker hält noch Überraschungen bereit: In niedriger Dosis kappt ASS biochemische Verbindung zwischen Blutplättchen und T-Zellen – und mobilisiert das Immunsystem gegen Metastasen.Seit den 1970er-Jahren beobachten Forscher immer wieder, dass sich bei Mäusen unter Acetylsalicylsäure (ASS) weniger Lungenmetastasen bilden.

Epidemiologische Untersuchungen und randomisierte Studien zum Metastasierungsrisiko bei unterschiedlichen Krebsarten haben jedoch kein einheitliches Bild zum Nutzen geliefert – die Datenlage blieb widersprüchlich. „Mausmodelle bilden die Komplexität metastasierter Erkrankungen nicht vollständig ab“, weiß Dr. Harvey Roweth, Krebs-Biologe an der Universität Reading, UK. „Außerdem verwenden Forscher in diesen Studien überwiegend Melanomzellen, die in die Lunge metastasieren.“ Das schränke die Übertragbarkeit ein. 

Doch wer profitiert aus onkologischem Blickwinkel von ASS und wer nicht? Hier setzen Analysen im New England Journal of Medicine an, die Ergebnisse experimenteller Arbeiten in Nature aufgreifen. Wissenschaftler beschreiben einen bislang unbekannten immunologischen Mechanismus.

Blutplättchen als Treiber der Metastasierung

Die Erkenntnis: Thrombozyten leisten weit mehr als nur einen Beitrag zur Hämostase. Sie reagieren auf Gewebeschädigungen, setzen Botenstoffe frei und greifen in Entzündungs- und Immunprozesse ein. Aktiviert sich in ihnen die Cyclooxygenase-1 (COX-1), entsteht unter anderem Thromboxan A₂ (TXA2). Dieser Botenstoff wirkt nicht nur auf andere Blutplättchen, sondern bindet auch an Rezeptoren auf T-Zellen. Über eine Aktivierung des Proteins ARHGEF1 hemmt TXA2 zytotoxische T-Zellen und unterdrückt ihre Fähigkeit, Tumorzellen zu erkennen sowie zu eliminieren. Besonders bei Tumoren mit Neoantigenen – also solchen mit für das Immunsystem gut erkennbaren Mutationen – spielt dieser Mechanismus eine entscheidende Rolle. Die Immunüberwachung gerät ins Stocken. ASS blockiert die Synthese von TXA2 und entzieht Tumorzellen damit einen wichtigen Schutzmechanismus gegenüber der körpereigenen Immunabwehr.

Schutz vor Metastasen: Niedrige ASS-Dosen reichen aus

Wie belastbar dieser Zusammenhang ist, zeigen Tierexperimente aus der Nature-Publikation: Erhielten Mäuse ein TXA2-Analogon, stieg ihr Risiko für Metastasen deutlich an. Wurde jedoch ASS in pharmakologisch relevanter Dosierung über das Trinkwasser verabreicht, sank die Metastasenrate bei den Kontrolltieren klar. Die Daten legen nahe, dass die Hemmung der TXA2-Signalachse einen zentralen Mechanismus der Tumorausbreitung beeinflusst. Das könnte erklären, warum ASS in bestimmten Settings das Metastasen-Risiko verringern kann. Die Effekte treten schon bei einer täglichen Menge von 75 bis 100 mg auf – also genau in jener Dosierung, die routinemäßig zur kardiovaskulären Prävention eingesetzt wird.

Der Mechanismus dahinter lässt sich pharmakologisch erklären: ASS hemmt das Enzym COX-1 irreversibel. Da Thrombozyten keinen Zellkern besitzen, sind sie nicht in der Lage, dieses Enzym neu zu bilden. Die Blockade bleibt über die gesamte Lebensdauer eines Blutplättchens bestehen, also für rund zehn Tage. Schon eine einmal tägliche niedrige Dosis reicht aus, um die Produktion von Thromboxan A₂ dauerhaft zu unterdrücken. Für schmerzstillende oder antientzündliche Effekte sind höhere Dosierungen erforderlich. Größere Mengen hemmen zusätzlich COX-2 in anderen Geweben und entfalten so die bekannten Effekte.

Die Rolle der Thrombozyten reicht über die T-Zell-Hemmung hinaus. Aktivierte Blutplättchen fördern im Tumorumfeld die COX-2-Expression in stromalen Zellen und verstärken Proliferation, Angiogenese und Migration. ASS wirkt damit potenziell auf zwei Ebenen: Es begrenzt COX-2-abhängige Tumorprogression und hebt zugleich eine durch Thrombozyten vermittelte immunologische Bremse auf.

Wer könnte besonders profitieren?

Diese Mechanismen liefern mögliche Erklärungen, warum epidemiologische Studien und klinische Untersuchungen zum Teil unterschiedliche Effekte zeigen. Patienten mit stark immunogenen Tumoren profitieren wohl besonders deutlich von ASS. In der CAPP2-Studie verringerte eine langfristige Behandlung mit dem Arzneistoff bei Patienten mit Lynch-Syndrom signifikant die Inzidenz mismatch-repair-defizienter (dMMR) Karzinome. Und in einer Kohortenstudie ging eine hohe Expression von HLA-Klasse-I-Antigenen im Primärtumor mit einem verbesserten Überleben unter ASS einher. Zudem hat eine randomisierte Studie gezeigt, dass Patienten mit PIK3CA-mutierten kolorektalen Karzinomen nach einer Resektion von einer dreijährigen Therapie mit niedrig dosiertem ASS profitieren: Das Rezidivrisiko sank nahezu um die Hälfte. Die Daten lassen hoffen, dass Biomarker dazu beitragen könnten, den Nutzen von ASS zu prognostizieren.

Drug Repurposing mit Hürden

Alles in allem schließt die biologische Erklärung mehr als nur eine Wissenslücke. Sie eröffnet neue Indikationen für ASS: Beim Drug Repurposing werden bereits zugelassene Arzneimittel gezielt für andere Erkrankungen weiterentwickelt. Angesichts weltweit steigender Krebsinzidenzen und begrenzter finanzieller Ressourcen in vielen Gesundheitssystemen könnten preiswert verfügbare Wirkstoffe einen erheblichen Beitrag leisten. Nur fehlen bislang wirtschaftliche Anreize für große pharmazeutische Investitionen in entsprechende klinische Studien. Genau hier befindet sich die Achillesferse des Ansatzes: Nicht wissenschaftliche Hürden, sondern unternehmerische Interessen könnten darüber entscheiden, ob das Potenzial des Drug Repurposing bei Aspirin® ausgeschöpft wird.

Quellen

Langley et al.: Understanding How Aspirin Prevents Metastasis. New England Journal of Medicine, 2026. doi: 10.1056/NEJMcibr2502386

Yang et al.: Aspirin prevents metastasis by limiting platelet TXA2 suppression of T cell immunity. Nature, 2025. doi: 10.1038/s41586-025-08626-7

Parodontitis: Tumorgefahr im Taschenformat

Rauchen, zunehmendes Alter und schlechte Luft sind typische Risikofaktoren für Lungenkrebs. Doch eine weitere Gefahrenquelle sitzt ausgerechnet im Mund: Zeit, der Parodontitis auf den Zahn zu fühlen.

Lungenkrebs gilt weltweit weiterhin als die zweithäufigste Krebserkrankung und zugleich als die häufigste Ursache für krebsbedingte Todesfälle. Je genauer man hinschaut, desto deutlicher wird, dass die Krankheit nicht nur in der Lunge beginnt. Manchmal beginnt sie deutlich weiter oben – im Mund. Ein alter Bekannter der Zahnmedizin rückt dabei immer stärker in den Fokus der Ursachen: die Parodontitis. Was lange als rein lokales Problem der Mundhöhle galt, entpuppt sich zunehmend als systemischer Störfaktor mit weitreichenden Folgen.

Mehrere Studien (hierhierhierhierhier und hier) haben bereits gezeigt, dass ein Zusammenhang zwischen Parodontitis und Lungenkrebs besteht – selbst dann, wenn klassische Risikofaktoren wie Alter oder Tabakkonsum berücksichtigt werden. Die Frage ist also nicht mehr, ob es eine Verbindung gibt, sondern wie relevant sie tatsächlich ist und was wir daraus lernen können.

Was wir längst wissen – und was wir übersehen

Eine aktuelle Untersuchung, die Daten der Health, Aging, and Body Composition Studie (Health ABC) nutzt, bringt hier Klarheit. Besonders hervorzuheben ist die untersuchte Bevölkerungsgruppe von älteren Erwachsenen zwischen 70 und 79 Jahren. Damit rückt eine Alterskohorte in den Fokus, die in früheren Studien oft unterrepräsentiert war. Hinzu kommt ein entscheidender methodischer Vorteil: Die Bewertung der Mundgesundheit umfasste eine vollständige parodontale Untersuchung und eine Untersuchung des Weich-und Hartgewebes durchgeführt von ausgebildeten Parodontologen.

Die Ergebnisse sind klar formuliert: Personen, bei denen mindestens zehn Prozent der Messstellen eine Sondierungstiefe von sechs Millimetern oder mehr aufwiesen, hatten ein signifikant höheres Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken oder daran zu sterben. Tiefe Zahnfleischtaschen sind damit nicht nur ein Zeichen fortgeschrittener Parodontitis, sondern offenbar auch ein Marker für systemische Risiken. Im Mittelpunkt der Studienergebnisse steht nicht der klinische Attachmentverlust, der vor allem vergangene Krankheitsprozesse widerspiegelt, sondern die Sondierungstiefe als Marker für ein aktives Entzündungsgeschehen. Parodontale Taschen mit einer Sondierungstiefe (PD) ≥ 6 mm weisen normalerweise ein erhöhtes Entzündungsniveau auf und können Quellen proinflammatorischer Mediatoren sein, die alle zu systemischen Entzündungen beitragen können.

Vom Zahnfleisch ins Tumormilieu

Genau hier setzen die biologischen Erklärungsmodelle an: Aus pathophysiologischer Sicht ist eine Parodontitis mit einer systemischen Erhöhung proinflammatorischer Mediatoren wie Interleukin-6, Tumornekrosefaktor-α und C-reaktivem Protein verbunden. Diese Mediatoren sind in der Onkologie als Modulatoren tumorfördernder Signalwege etabliert und stehen mit einer erhöhten Lungenkrebsinzidenz in Verbindung. Chronische systemische Entzündungen infolge von Parodontitis können also zur Karzinogenese beitragen, indem sie reaktive Sauerstoff- und Stickstoffspezies induzieren und tumorfördernde Signalwege, einschließlich NF-κB, aktivieren. In der Lunge, einem Organ, das ohnehin durch Umweltfaktoren wie Rauch besonders vulnerabel ist, können diese Prozesse fatale Folgen haben. Daraus ergibt sich, dass erhöhte Ausgangswerte von IL-6 und CRP mit einem gesteigerten Lungenkrebsrisiko verbunden sind.

Ein weiterer relevanter Mechanismus ist die bakterielle Translokation. Tiefe parodontale Taschen beherbergen ein dysbiotisches subgingivales Mikrobiom mit pathogenen Spezies wie Porphyromonas gingivalis und Fusobacterium nucleatum. Durch Mikroaspiration können diese Bakterien in die Lunge gelangen und dort ein chronisch entzündliches Mikromilieu etablieren, das Tumorwachstum begünstigt. Der Nachweis parodontaler Pathogene in Lungenkrebsgewebe stützt diese Hypothese zusätzlich.

Die Gefahr in der Zahnfleischtasche

Der Zusammenhang zwischen Zahnverlust und Lungenkrebs erfordert daher eine differenzierte Interpretation. Während eine reduzierte Anzahl natürlicher Zähne bei Lungenkrebspatienten häufiger beobachtet wird, ist Zahnverlust in einzelnen Analysen mit einer geringeren Lungenkrebsinzidenz assoziiert. Dies legt nahe, dass nicht der Zahnverlust per se, sondern das Fortbestehen entzündlich aktiver parodontaler Läsionen von Bedeutung ist. Die Entfernung persistierender Entzündungsherde könnte somit die systemische Entzündungsbelastung reduzieren.

Parodontitis sollte nicht ausschließlich als zahnmedizinische Erkrankung verstanden werden, sondern als potenziell relevanter Bestandteil systemischer Entzündungsprozesse. Eine frühzeitige Erkennung und adäquate Therapie parodontaler Entzündungen könnte daher einen Beitrag zur Reduktion systemischer Risiken leisten und sollte sowohl in der zahnärztlichen als auch in der internistischen Versorgung stärker berücksichtigt werden.

Prävention beginnt am Gingivasaum

Es ist es an der Zeit, Mundgesundheit noch mehr als Bestandteil der allgemeinen Gesundheitsvorsorge zu betrachten. Die Mehrzahl entzündlicher Prozesse in der Mundhöhle beginnt im Bereich des marginalen Gingivalsaums und in den Approximalräumen. Dort bildet sich bakterieller Biofilm, der bei Verbleiben eine immunologische Reaktion auslöst. Eine systematische Reinigung des Gingivalsaums mit weichen Borsten und adäquater Technik ist erforderlich, um die bakterielle Last dauerhaft zu reduzieren. Regelmäßige zahnärztliche Kontrollen sowie professionelle Zahnreinigungen dienen der frühzeitigen Diagnostik und Therapie parodontaler Veränderungen. Aus zahnärztlicher Sicht wissen wir, dass die parodontale Pflege weit mehr ist als eine Frage des Zahnerhalts. Sie hat das Potenzial, ein Baustein der Krebsprävention zu sein. Manchmal beginnt Prävention eben dort, wo man sie „täglich übersieht“: zwischen Zahn und Zahnfleisch.

 

Quellen:

Baima et al.: Periodontitis and Risk of Cancer: Mechanistic Evidence. Periodontology, 2024. doi: 10.1111/prd.12540

Mai et al.: History of Periodontal Disease Diagnosis and Lung Cancer Incidence in the Women’s Health Initiative Observational Study. Cancer Causes & Control, 2014. doi: 10.1007/s10552-014-0405-3

Michaud et al.: Periodontal Disease, Tooth Loss, and Cancer Risk. Epidemiologic Reviews, 2017. doi: 10.1093/epirev/mxx006

Verma et al.: Correlation Between Chronic Periodontitis and Lung Cancer: A Systematic Review With Meta-Analysis. Cureus, 2023. doi: 10.7759/cureus.36476

Wang et al.: Relationship Between Periodontal Disease and Lung Cancer: A Systematic Review and Meta-Analysis. Journal of Periodontal Research, 2020. doi: 10.1111/jre.12772

Zeng et al.: Periodontal Disease and Incident Lung Cancer Risk: A Meta-Analysis of Cohort Studies. Journal of Periodontology, 2016. doi:

10.1902/jop.2016.150597

Vitamin D in der Schwangerschaft

Schlüssel zur Kariesprävention bei Kleinkindern?

Der Vitamin-D-Status in der Schwangerschaft hat offenbar einen entscheidenden Einfluss auf die Zahngesundheit von Kindern. Das fanden Forschende heraus, als sie in einer Kohortenstudie die Zahnentwicklung von Kindern bis ins Vorschulalter beobachteten.

Frühkindliche Karies stellt weltweit ein erhebliches Public-Health-Problem dar. Die Erkrankung betrifft bereits sehr junge Kinder und erreicht in vielen Ländern alarmierende Prävalenzen: Global liegt sie bei knapp 24 Prozent unter Dreijährigen und über 57 Prozent bei Kindern zwischen drei und sechs Jahren. In China, wo die Studie erstellt wurde, zeigen nationale Daten sogar einen Anstieg auf fast 72 Prozent bei unter Fünfjährigen. Frühkindliche Karies beeinträchtigt nicht nur die Zahngesundheit, sondern auch das Kauvermögen, Aussehen, schulische Leistungen und das allgemeine Wohlbefinden – mit entsprechend hoher Belastung für Familien und Gesundheitssysteme.

Die Wurzeln der Erkrankung reichen oft bis in die Schwangerschaft zurück, da die Mineralisierung der Milchzähne bereits im zweiten und dritten Trimester beginnt. Vitamin D spielt in dieser Entwicklungsphase eine entscheidende Rolle und ein mütterlicher Vitamin-D-Mangel kann zu Schmelzdefekten und einer erhöhten Kariesanfälligkeit des Kindes führen.

Forschende untersuchen daher in einer Studie, veröffentlicht in JAMA Network open, wie sich die mütterlichen Vitamin-D-Spiegel in verschiedenen Trimestern auf das spätere Kariesrisiko der Kinder auswirken.

Vor allem zweites und drittes Trimenon relevant

In der groß angelegten Kohortenstudie mit 4109 Mutter-Kind-Paaren aus den Jahren 2011 bis 2021 wurde den Frauen zu verschiedenen Zeitpunkten Blut abgenommen und die Plasmakonzentrationen von 25-Hydroxyvitamin D2 und 25-Hydroxyvitamin D3 gemessen. Die Kinder wurden in den ersten 30 Monaten halbjährlich, und bis zum fünften Lebensjahr jährlich klinisch untersucht.

Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Zusammenhang:

  • Niedrige Konzentrationen von Vitamin D, insbesondere im mittleren und späten Schwangerschaftsdrittel, gingen mit einem erhöhten Risiko für frühkindliche Karies einher.
  • 23,4 Prozent der Kinder mit Karies: Von den untersuchten Kindern entwickelten 960 Karies, während 3149 kariesfrei blieben.
  • Mit jedem Anstieg des Vitamin-D-Spiegels verringerte sich statistisch signifikant die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind an frühkindlicher Karies erkrankte.

Effekte auf mehreren Ebenen

Als möglichen biologischen Mechanismus für den schützenden Effekt von Vitamin D nennen die Autorinnen und Autoren die Regulation des Calcium- und Phosphathaushalts, der für die Mineralisation von Zahnschmelz und Dentin entscheidend ist. Ameloblasten und Odontoblasten exprimieren Vitamin-D-Rezeptoren, die die Bildung von Schmelzmatrixproteinen steuern, während Vitamin D zusätzlich die immunologische Abwehr gegen kariesverursachende Bakterien stärkt. Neuere Studien deuten darauf hin, dass Vitamin D auch epigenetische Effekte auf Gene der Zahnentwicklung ausübt und die Barrierefunktion der Mundschleimhaut verbessert, wodurch die Zähne zusätzlich geschützt werden.

Aber: Fehlende Daten

Es wurden aber auch einige Limitationen der Studie beschrieben, die die Aussagekraft einschränken: Es fehlten zum einen Daten zu beeinflussenden Faktoren wie die Vitamin-D-Zufuhr der Kinder, Fluoridnutzung oder die Zuckeraufnahme. Und auch die familiäre Kariesgeschichte und die Anzahl von Zahnarztbesuchen ist nicht grundlegend erfasst. Daher plädieren die Forschenden für weitere, groß angelegte Studien zu dem Thema.

Plädoyer für entsprechende Vorsorge

Die Autorinnen und Autoren unterstreichen die Bedeutung einer ausreichenden Vitamin-D-Versorgung bereits vor und während der gesamten Schwangerschaft, insbesondere in den kritischen Phasen der Zahnmineralisation, um die Kariesanfälligkeit der Kinder zu reduzieren. Höhere mütterliche Vitamin-D-Spiegel, besonders im mittleren und späten Drittel, schützen Kinder statistisch signifikant vor frühkindlicher Karies und senken deren Schweregrad. Daher raten die Forschenden, Vitamin-D-Messungen und eine gezielte Supplementierung in die routinemäßige Schwangerschaftsvorsorge zu integrieren.

 

Originalpublikation:
Xu N, Chen Z, Wang B, et al. Vitamin D Levels During Pregnancy and Dental Caries in Offspring. JAMA Netw Open. 2025;8(12):e2546166. doi:10.1001/jamanetworkopen.2025.46166

Neue Leitlinie: Intraoralscan in der Zahnmedizin

Es gibt eine neue Leitlinie zu „Intraoralscan in der Zahnmedizin“. Sie soll der Definition von prinzipiellen Rahmenbedingungen bei der Anwendung von Intraoralscannern innerhalb der Zahnmedizin und der Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie dienen und dazu auch konkrete Handlungsempfehlungen aufzeigen.

Die von der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) herausgegebene Leitlinie auf S2k-Niveau richtet sich vornehmlich an Zahnärzte, Fachzahnärzte aller Fachdisziplinen, Ärzte für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie sowie Zahntechniker und Zahnmedizinische Fachangestellte. Patientenzielgruppe sind sowohl Erwachsene als auch Kinder und Jugendliche.

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick (im Wortlaut der Leitlinie):

Empfehlung 1 (neu/2025): Folgende klinische Parameter sollten während des Scanvorgangs beachtet werden, da sie die Qualität des Scanergebnisses positiv beeinflussen:

  • Trockenes Arbeitsumfeld
  • Vermeidung von Streulicht
  • Ausreichende Mundöffnung
  • Adäquate Sichtbarkeit relevanter Strukturen (z. B. Präparationsgrenze)
  • Adäquate Scanbarkeit/Zugänglichkeit relevanter Strukturen (z. B. Approximalbereiche, Scanbodys, Zahnersatz-Materialien)

Empfehlung 4 (neu/2025): Anwender sollten sich bei der Wahl des Intraoralscanners hinsichtlich der Leistungsfähigkeit und Möglichkeiten der Datenweiterverarbeitung ausführlich informieren.

Statement 3 (neu/2025): Bei der Anwendung von Intraoralscannern gelten dieselben Anforderungen an die Ergebnisqualität der Arbeitsunterlagen wie für analoge Abformungen.

Empfehlung 11 (neu/2025): Für die Qualität des Endergebnisses einer zahnärztlichen Behandlung auf Basis eines Intraoralscans sind neben dem grundlegenden Intraoralscan auch die Qualität der Schnittstellen sowie die Leistungsfähigkeit der weiterführenden Technologien entscheidend und sollten kritisch geprüft werden.

Zur Leitlinie:

S2k-Leitlinie „Intraoralscan in der Zahnmedizin“

 

Deutsche Gesellschaft für Zahn- Mund- und Kieferheilkunde: Zucker fördert Entzündungen – trotz Zähneputzen

Selbst eine sorgfältige Zahnpflege könne die negativen Folgen eines hohen Zuckerkonsums nicht vollständig ausgleichen, betont die Deutsche Gesellschaft für Zahn- Mund- und Kieferheilkunde mit Verweis auf aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse.

Zucker sei nicht nur ein Auslöser für Karies – er treibe Entzündungen im Mund und im gesamten Körper an. Zwar sei Karies in Deutschland dank Präventionsprogrammen und Fluoridierung deutlich zurückgegangen, doch auch bei guter Mundhygiene könne ein dauerhaft hoher Zuckerkonsum Zahnfleischentzündungen begünstigen und stehe zudem in engem Zusammenhang mit Volkskrankheiten wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Adipositas.

„Die Daten zeigen klar, dass wir Prävention breiter denken müssen“, stellte DGZMK-Präsident Prof. Dr. Dr. Peter Proff klar. „Wenn Ernährungsfaktoren entzündliche Erkrankungen beeinflussen, brauchen wir neben individueller Aufklärung auch strukturelle Maßnahmen, die den Zuckerkonsum in der Bevölkerung wirksam reduzieren. Mundgesundheit ist Teil der Allgemeingesundheit – und Prävention bedeutet mehr als Mundhygiene.“

Mundgesundheit wird vor allem durch Ernährung beeinflusst
„Eine gute Mundhygiene ist durchaus effektiv“, verdeutlichte Prof. Dr. Johan Wölber, Ernährungsmediziner und Leiter des Bereichs Parodontologie am Universitätsklinikum Dresden. „Doch Zähneputzen ist evolutionsbiologisch betrachtet ein junges kulturelles Hilfsmittel. Die Mundgesundheit wird grundsätzlich vor allem aber durch unsere Ernährung beeinflusst.“

Die viel zitierte „Steinzeit-Studie“ [Baumgartner et al., 2009] zeige: Das klassische Modell „mehr Plaque gleich mehr Entzündung“ lasse sich unter bestimmten Ernährungsbedingungen nicht bestätigen. In dieser Studie verzichteten Probanden vier Wochen lang auf moderne Mundhygiene, ernährten sich aber ohne raffinierten Zucker und stark verarbeitete Kohlenhydrate. Obwohl sich mehr Zahnbelag bildete, gingen Zahnfleischbluten und Entzündungszeichen deutlich zurück.

Auch Analysen historischer Zahnsteinproben belegen der DGZMK zufolge, dass sich das Mundmikrobiom mit der Industrialisierung und steigendem Zuckerkonsum deutlich verändert hat [Alt et al., 2022]. Zahnbelag sei aus biologischer Sicht normal – die dauerhaft hohe Zuckerexposition hingegen nicht.

Weniger Zucker – weniger Zahnfleischentzündung

Die DGZMK verweist auch auf eine aktuelle wissenschaftliche Übersichtsarbeit mit Metaanalyse [Woelber et al., 2023], wonach die Reduktion freier Zucker signifikant mit weniger Zahnfleischentzündung verbunden ist. Bereits 2019 hatte demnach eine klinische Studie nachgewiesen, dass eine vierwöchige zuckerarme, entzündungshemmende Ernährung Zahnfleischbluten deutlich senken kann – selbst ohne Zahnpflege [Woelber et al., 2019].

Zucker wirke dabei doppelt: Im Mund fördere er Stoffwechselprozesse von Bakterien. Gleichzeitig löse er im Körper Blutzuckerspitzen aus, die entzündliche Reaktionen verstärken. Chronische, niedriggradige Entzündung gelten heute als gemeinsamer Risikofaktor für Parodontitis, Typ-2-Diabetes, Fettleibigkeit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sowie sogar für Tumor- und Demenzerkrankungen.

Dank der modernen Zahnmedizin seien 78 Prozent der Zwölfjährigen in Deutschland heute kariesfrei [DMS 6], zugleich konsumiere die Bevölkerung durchschnittlich rund 100 Gramm Zucker pro Tag – 4-mal so viel wie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen [Fischbacher et al., 2025].

„Es ist heute möglich, kariesfreie Zähne zu haben und dennoch ernährungsbedingte Gesundheitsrisiken zu entwickeln“, betonte Wölber. „Wenn wir über Mundgesundheit sprechen, müssen wir auch über Ernährung sprechen.“

Eine Sensibilisierung für übermäßigen Zuckerkonsum wäre konsequent

Vor diesem Hintergrund sieht auch die DGZMK gesundheitspolitischen Handlungsbedarf in Sachen einer Reduktion von Zucker in Softgetränken. Während das Vereinigte Königreich nach Einführung einer Zuckersteuer den Zuckergehalt in Softdrinks um 29 Prozent senkte, blieb Deutschland mit freiwilligen Vereinbarungen bei einer Reduktion von nur zwei Prozent [von Philipsborn et al., 2023].

„Wir haben gesellschaftlich gelernt, Tabakkonsum kritisch zu hinterfragen“, bilanzierte Wölber. „Rauchen ist heute nicht mehr normal. Eine ähnliche Sensibilisierung für übermäßigen Zuckerkonsum wäre der nächste konsequente Schritt.“

[1] Baumgartner S, Imfeld T, Schicht O, Rath C, Persson RE, Persson GR. The impact of the stone age diet on gingival conditions in the absence of oral hygiene. J Periodontol. 2009 May;80(5):759-68. doi: 10.1902/jop.2009.080376.
[2] Alt KW, Al-Ahmad A, Woelber JP. Nutrition and Health in Human Evolution-Past to Present. Nutrients. 2022 Aug 31;14(17):3594. doi: 10.3390/nu1417359
[3] Woelber JP, Gebhardt D, Hujoel PP. Free sugars and gingival inflammation: A systematic review and meta-analysis. J Clin Periodontol. 2023 Sep;50(9):1188-1201. doi: 10.1111/jcpe.13831.
[4] Woelber JP, Gärtner M, Breuninger L, Anderson A, König D, Hellwig E, Al-Ahmad A, Vach K, Dötsch A, Ratka-Krüger P, Tennert C. The influence of an anti-inflammatory diet on gingivitis. A randomized controlled trial. J Clin Periodontol. 2019 Apr;46(4):481-490. doi: 10.1111/jcpe.13094.
[5] IDZ (Institut der Deutschen Zahnärzte): 6. Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS 6). Köln, 2025. Verfügbar unter:
[6] Fischbacher et al.: „Zuckersteuer – Wie lange können wir es uns noch leisten, nichts zu tun?“, Aktuel Ernährungsmed 2025; 50: 29-35, Thieme
[7] Jevdjevic M, Trescher AL, Rovers M, Listl S. The caries-related cost and effects of a tax on sugar-sweetened beverages. Public Health. 2019 Apr;169:125-132. doi: 10.1016/j.puhe.2019.02.010.
[8] von Philipsborn P, Huizinga O, Leibinger A, Rubin D, Burns J, Emmert-Fees K, Pedron S, Laxy M, Rehfuess E. Interim Evaluation of Germany’s Sugar Reduction Strategy for Soft Drinks: Commitments versus Actual Trends in Sugar Content and Sugar Sales from Soft Drinks. Ann Nutr Metab. 2023;79(3):282-290. doi: 10.1159/000529592.