Dem Schnarchen auf den Zahn gefühlt

Schlechter Schlaf durch Schnarchen? Ausgerechnet der Zahnarzt könnte der Schlüssel zu ruhigeren Nächten sein. Schon eine simple Schiene kann Obstruktion und Aussetzern effektiv entgegenwirken.

Schnarchen ist weit mehr als nur ein nächtliches Geräusch. Es kann die Schlafqualität beeinträchtigen, die Gesundheit beeinflussen und auch manchmal Beziehungen belasten. Denn erholsamer Schlaf ist entscheidend für körperliche und mentale Regeneration und unser Organismus kann Energie für den nächsten Tag tanken. In manchen Fällen kann Schnarchen zudem auf eine obstruktive Schlafapnoe hinweisen und sollte deshalb nicht einfach ignoriert werden. Und genau hier wird es für uns Zahnmediziner spannend.

Was hat die Zahnmedizin mit gutem Schlaf zu tun? Der Unterkiefer und die umgebenden Weichgewebe haben direkten Einfluss auf die Weite und Stabilität des oberen Atemwegs. Mit individuell angefertigten mandibulären Protrusionsschienen können wir den Unterkiefer während des Schlafs nach vorne positionieren und dadurch den Atemweg stabilisieren.

UPS gegen das Schnarchen – kommt das an?

Unterkieferprotrusionsschienen(UPS), oft auch als Mandibular Advancement Devices (MAD) oder Oral Appliances (OA) bezeichnet, sind eine etablierte Therapieoption bei schlafbezogenen Atemstörungen. Durch die kontrollierte Vorverlagerung des Unterkiefers wird Spannung auf das suprahyoidale Gewebe übertragen und führt zu einer luminalen Vergrößerung und Stabilisierung des Atemweges auf Höhe des Velums, des Zungengrundes und der Epiglottis. Mehrere Studien zeigen, dass sowohl bei Patienten mit primärem Schnarchen als auch bei Patienten mit obstruktiver Schlafapnoe (OSA) das Schnarchen durch die Therapie mit einer UPS deutlich verbessert werden konnte im Vergleich zu Nasentherapie, Mundtaping und Seitenlage.

Hervorzuheben ist, dass selbst bei mittelgradiger bis schwerer OSA eine UPS wirksam sein kann. Der durchschnittliche Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI) sank und bei ca. 91,8 % der Teilnehmer lag nach der Behandlung keine oder nur noch eine leichte Schlafapnoe vor. Auch Schnarchen und Tagesmüdigkeit verbesserten sich deutlich.

Aber wie viel Protrusion braucht ein Schnarcher?

Um die Frage der Protrusion zu klären, untersuchte eine Studie aus 2026Patienten, bei denen unter Drug-Induced Sleep Endoscopy (DISE) der Unterkiefer mithilfe eines Mandibular Positioners schrittweise vorverlagert wurde. Der Ansatz ist interessant, denn so lässt sich direkt beobachten, bei welcher Position sich die Atemwegsobstruktion verbessert. Diese Position kann anschließend als Orientierung für die individuelle Einstellung der UPS dienen.

Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Effekt, denn der AHI sank im Mittel von 32,3 auf 7,2 Ereignisse pro Stunde. Die Ergebnisse unterstreichen, dass eine sorgfältige Auswahl geeigneter Patienten, beispielsweise mithilfe einer DISE, eine wichtige Rolle spielen kann. Für die zahnärztliche Praxis ist vor allem eine Erkenntnis relevant: Nicht die maximal mögliche Protrusion ist das Ziel, sondern die individuell wirksame Position. Eine gezielte Titration kann dazu beitragen, Wirksamkeit und Verträglichkeit miteinander zu verbinden.

Macht das Schienendesign einen Unterschied?

Eine aktuelle Studie zeigt eindrucksvoll, welchen Einfluss die individuelle Gestaltung einer oralen Schiene auf das Schnarchen haben kann. Dabei kam eine individuell gefertigte Schiene mit unterschiedlich langen Zungenkompressoren zum Einsatz. Die Ergebnisse zeigten besonders bei Patienten mit ausgeprägtem Schnarchen, dass die längste Variante des Zungenkompressors die Schnarchaktivität um etwa 85 % reduzierte. Selbst bei Patienten mit einer geringeren Ausgangsschnarchrate wurden Reduktionen von rund 66 bis 69 % beobachtet.

 

Eine weitere aktuelle randomisierte Pilotstudie vergleicht zwei unterschiedliche Unterkieferprotrusionsschienen bei Patienten mit OSA. Verglichen wurden dabei ein Shark-fin UPS und ein Silensor UPS. Beide Schienen verbesserten die Atemsituation während des Schlafs. Auch bei anderen Faktoren zeigten sich Unterschiede, zum Beispiel bei der Schnarchlautstärke, der Tagesschläfrigkeit, der Schlafqualität und dem Tragekomfort. Besonders interessant für die tägliche Praxis war die Möglichkeit, die Schienen unterschiedlich fein einzustellen. Das Shark-fin MAD konnte in sehr kleinen Schritten von 0,25 mm angepasst werden, während das Silensor MAD in 1-mm-Schritten eingestellt wurde. Daraus wird sichtbar: Je genauer wir die Position des Unterkiefers verändern können, desto besser können wir den individuellen therapeutischen Bereich des Patienten finden. Gerade bei der Eingewöhnung und Feinjustierung kann das einen wichtigen Unterschied machen.

Und wie verändert sich eigentlich das Schlafverhalten?

Eine Fallstudie untersuchte das Schlafverhalten von Patienten vor Beginn und 60 Tage nach einer Therapie mit einer UPS. Nach Eingliederung der UPS nahm die Gesamtschlafzeit zu. Gleichzeitig wurden längere Phasen des tieferen NREM-Schlafs (Non-Rapid Eye Movement) beobachtet, also jener Schlafstadien, die für die nächtliche Erholung eine wichtige Rolle spielen. Auch bei den sogenannten Arousals, kurzen Aktivierungen des Gehirns während des Schlafs, zeigten sich Veränderungen, insbesondere im Zusammenhang mit Atemereignissen und Schnarchen. Die Wirkung einer UPS lässt sich wohl nicht allein daran beurteilen, ob das Schnarchen leiser wird. Entscheidend ist vielmehr das gesamte Zusammenspiel von Schlafdauer, Schlafstadien und nächtlicher Atmung.

Was können wir daraus für die tägliche Praxis mitnehmen?

Bei Patienten, die aufgrund von Schnarchen in die Praxis kommen, sollte zunächst zwischen einem primären Schnarchen und einer möglicherweise bislang nicht diagnostizierten OSA unterschieden werden. Eine gezielte Anamnese und standardisierte Screeningverfahren können dabei helfen, das individuelle OSA-Risiko einzuschätzen. Besonders etabliert haben sich zwei Tests, die auch in der Zahnmedizin Hinweise geben können: Der STOP-BANG-Fragebogen erfasst typische Risikofaktoren für eine OSA. Von Schnarchen und Atemaussetzern bis hin zu BMI, Alter, Halsumfang und Bluthochdruck. So lässt sich das OSA-Risiko schnell und unkompliziert einschätzen. Die Epworth Sleepiness Scale (ESS) konzentriert sich auf die Tagesschläfrigkeit und fragt typische Alltagssituationen ab, in denen vermehrte Müdigkeit auftreten kann. Gerade in der Zahnmedizin können beide Fragebögen unkompliziert in die Anamnese integriert werden und können helfen, Patienten mit einem möglichen OSA-Risiko frühzeitig zu erkennen und gegebenenfalls zur weiteren schlafmedizinischen Abklärung zu überweisen.

Besteht die Indikation für eine UPS, sollte diese individuell angepasst und schrittweise titriert werden. Ziel ist nicht die maximal mögliche, sondern die geringste wirksame Unterkiefervorverlagerung, mit der eine relevante Reduktion des Schnarchens bei guter Verträglichkeit erreicht wird. Individuell gefertigte UPS stellen damit eine wirksame und praxisnahe Behandlungsoption für primäres Schnarchen dar – vorausgesetzt, die Schiene wird präzise titriert und vom Patienten langfristig gerne getragen.

Für uns Zahnärzte bietet die Schnarchtherapie mit UPS eine sinnvolle Erweiterung des Behandlungsspektrums. Damit wird die Zahnmedizin Teil eines interdisziplinären Behandlungskonzepts, das ein sehr einfaches Ziel verfolgt: weniger Schnarchen, erholsamen Schlaf und dadurch eine bessere Lebensqualität. Wer hätte gedacht, dass manchmal eine bessere Nacht tatsächlich auf dem Zahnarztstuhl beginnt.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Unterkieferprotrusionsschienen (UPS) verlagern den Unterkiefer nach vorne und stabilisieren so den oberen Atemweg
  • Studien zeigen deutliche Verbesserungen bei primärem Schnarchen und auch bei mittelgradiger bis schwerer obstruktiver Schlafapnoe
  • Nicht die maximale, sondern die individuell wirksame Protrusion ist entscheidend – eine gezielte Titration verbindet Wirksamkeit und Verträglichkeit
  • Das Schienendesign (z. B. Länge des Zungenkompressors, Einstellgenauigkeit) beeinflusst den Therapieerfolg deutlich
  • STOP-BANG-Fragebogen und Epworth Sleepiness Scale helfen, das OSA-Risiko auch in der zahnärztlichen Praxis frühzeitig einzuschätzen

 

Hypertonie und Zähne

Hypertonikern auf den Zahn gefühlt

Entzündungen im Mundraum stehen seit Langem im Verdacht, auch die Gesundheit des Herz-Kreislauf-Systems zu beeinflussen. Doch gilt ein solcher Zusammenhang auch für Karies und Hypertonie? – eine aktuelle Studie klärt auf.

Lässt sich möglicherweise anhand des Zustands der Zähne erkennen, ob ein Patient unter Bluthochdruck leidet? Dieser Frage gingen Wissenschaftler um Karpal Singh Sohal in ihrer Untersuchung an einer universitären Zahnklinik in Daressalam, Tansania, nach.

Das Ergebnis: Zwar fanden sich bei Patientinnen und Patienten mit Hypertonie tendenziell höhere Karieswerte, eine statistisch signifikante Beziehung zwischen dem Schweregrad der Zahnerkrankung und Bluthochdruck ließ sich damit jedoch nicht nachweisen.

Jeder dritte Zahnarztpatient hatte Bluthochdruck

Für ihre Querschnittstudie untersuchten die Wissenschaftler insgesamt 1.365 erwachsene Patientinnen und Patienten im Alter zwischen 18 und 90 Jahren. Frauen waren dabei deutlich häufiger vertreten als Männer. Das Geschlechterverhältnis betrug etwa 1,74 zu 1.

Neben soziodemografischen Angaben erfassten die Forschenden den Zahnstatus der Teilnehmenden nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Zur Beurteilung der Karieserfahrung verwendeten sie den sogenannten DMFT-Index, der die Anzahl kariöser, aufgrund von Karies fehlender und gefüllter Zähne sowie die Gesamtzahl der Zähne berücksichtigt. Zusätzlich wurde bei allen Teilnehmenden der Blutdruck gemessen. Um zufällige Schwankungen zu reduzieren, bildeten die Untersucher jeweils den Mittelwert aus drei Messungen.

Die Ergebnisse verdeutlichen zunächst die erhebliche Krankheitslast innerhalb der untersuchten Patientengruppe: Bei 592 Personen (43,4 Prozent) stellten die Wissenschaftler eine besonders ausgeprägte Karies fest. Gleichzeitig wiesen 457 Teilnehmende (33,5 Prozent) einen erhöhten Blutdruck beziehungsweise eine Hypertonie auf. Damit war etwa jeder dritte untersuchte Zahnarztpatient von Bluthochdruck betroffen.

Schwacher Zusammenhang ohne prognostischen Nutzen

Bei der statistischen Auswertung zeigte sich zunächst ein kleiner Unterschied: Patientinnen und Patienten mit Hypertonie hatten im Durchschnitt etwas höhere DMFT-Werte als Teilnehmende ohne Bluthochdruck. Allerdings fiel der statistische Zusammenhang ausgesprochen schwach aus. Der Korrelationskoeffizient betrug lediglich r = 0,145 (p = 0,01).

Entscheidend war jedoch ein anderer Befund, wie die Autoren weiter schreiben. Zwischen dem Schweregrad der Karies und dem Vorliegen einer Hypertonie bestand keine nachweisbare statistisch signifikante Beziehung (p ≥ 0,05). Damit ließ sich die ursprüngliche Vermutung der Wissenschaftler nicht bestätigen. Eine besonders ausgeprägte Karies war in dieser Untersuchung kein verlässlicher Indikator dafür, dass ein Patient oder eine Patientin gleichzeitig unter Bluthochdruck litt, und umgekehrt.

Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass beide Erkrankungen bestimmte soziodemografische Risikofaktoren teilen. Ein paralleles Auftreten müsse deshalb nicht zwangsläufig auf einen unmittelbaren biologischen Zusammenhang zurückzuführen sein.

Was bedeuten die Ergebnisse für die Praxis?

Die Aussagekraft der Untersuchung sei aber auch durch ihr Studiendesign begrenzt, erklären die Autoren zum Abschluss. Da es sich um eine Querschnittstudie handelt, ließen sich weder zeitliche noch kausale Beziehungen zwischen Karies und Hypertonie bestimmen. Hinzu komme, dass ausschließlich Patientinnen und Patienten einer universitären Zahnklinik untersucht wurden. Die Ergebnisse lassen sich deshalb womöglich nicht ohne Weiteres auf die Allgemeinbevölkerung übertragen.

Dennoch liefere die Arbeit aber einen wichtigen Hinweis für die klinische Einordnung, denn der Zustand der Zähne allein eigne sich offenbar nicht dazu, Patientinnen und Patienten mit Bluthochdruck zuverlässig zu identifizieren, wie es heißt.

Fazit

Karies und Hypertonie können bei denselben Patientinnen und Patienten auftreten und haben in der Regel gemeinsame Risikofaktoren. Aus dem Ausmaß der Zahnschäden lasse sich indes nicht zuverlässig auf einen Blutdruck schließen. Die Autoren kommen daher zu dem Schluss, dass der Schweregrad einer Karies nicht als Prädiktor für das Vorliegen einer Hypertonie angewendet werden könne.

 

Originalpublikation: Sohal KS et al., Can the Severity of Dental Caries Predict Hypertension in Adult Patients? Health Science Reports. 2026. DOI: 10.1002/hsr2.72336

 

Sind Kunststofffüllungen doch nicht so unbedenklich?

Kunststofffüllungen gelten als ästhetisch ansprechende und bewährte Alternative zu Amalgam. Doch ganz unbedenklich sind sie möglicherweise nicht. Eine aktuelle Übersichtsarbeit zeigt, dass aus den Kompositen u. a. Mikro- und Nanoplastik freigesetzt werden können.

Kompositmaterialien gehören weltweit zu den am häufigsten eingesetzten Werkstoffen für Zahnfüllungen. Sie bestehen aus einer organischen Kunststoffmatrix und anorganischen Füllstoffen, die für Stabilität und Abriebfestigkeit sorgen. Allerdings können bei unvollständiger Aushärtung, durch chemischen Abbau oder mechanischen Verschleiß Bestandteile des Materials in die Mundhöhle gelangen, erklären die Autoren in ihrer Übersichtsarbeit.

Das Forschungsteam hat die möglichen toxikologischen Auswirkungen dieser Substanzen näher untersucht. Für die im Fachjournal Frontiers in Public Healthveröffentlichte Arbeit werteten die Wissenschaftler Studien aus, die zwischen Januar 1990 und September 2025 erschienen waren. Im Mittelpunkt standen Untersuchungen zur Freisetzung von Kunststoffbestandteilen und deren Nachweis in biologischen Proben sowie mögliche lokale und systemische Gesundheitseffekte.

Chemische Substanzen gelangen in Speichel und Blut

Besondere Aufmerksamkeit widmeten die Autoren den Monomeren Bis-GMA, TEGDMA, HEMA und UDMA sowie Bisphenol A (BPA). Diese Substanzen können aus Kompositfüllungen freigesetzt werden und teilweise über die Mundschleimhaut oder den Verdauungstrakt in den Organismus gelangen.

Laboruntersuchungen zeigten zuvor, dass einzelne Monomere konzentrationsabhängig zellschädigende, entzündungsfördernde und genotoxische Wirkungen entfalten können. Zu den beschriebenen Mechanismen zählen oxidativer Stress, eine Verminderung der intrazellulären Glutathionkonzentration und die Aktivierung des programmierten Zelltods.

Auch klinische Untersuchungen belegten eine Freisetzung. In einer Studie stieg beispielsweise die BPA-Konzentration im Speichel unmittelbar nach dem Einbringen einer Kunststofffüllung auf durchschnittlich 385 ng/ml. Bereits eine Stunde später war sie auf 88,2 ng/ml und nach 24 Stunden auf 1,85 ng/ml gesunken.

Den Autoren zufolge handelt es sich somit überwiegend um eine kurzfristige Exposition. BPA werde mit einer biologischen Halbwertszeit von etwa sechs Stunden relativ rasch ausgeschieden.

Hinweise auf systemische Effekte – aber keine gesicherten Gesundheitsschäden

Dass Kunststoffbestandteile über die Mundhöhle hinaus nachweisbar sind, zeigen Biomonitoring-Studien. BPA und verwandte Substanzen wurden unter anderem in Urin, Blut, Muttermilch, Nabelschnurblut und Plazenta untersucht beziehungsweise nachgewiesen, wie es weiter heißt.

Besonders diskutiert werde das hormonell wirksame Potenzial von BPA. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hatte die tolerierbare tägliche Aufnahmemenge 2023 drastisch auf 0,2 ng/kg Körpergewicht gesenkt.

Einzelne Untersuchungen beschrieben zudem Veränderungen immunologischer Parameter bei Kindern sowie Hinweise auf DNA-Schädigungen in Blutzellen. Allerdings seien die Ergebnisse sehr heterogen. Andere Studien fanden nach dem Einbringen von Kompositfüllungen weder einen signifikanten Anstieg der BPA-Konzentration im Blut noch Veränderungen z. B. bei männlichen Geschlechtshormonen.

Entscheidend sei deshalb, zwischen einer nachweisbaren Exposition und einem tatsächlich bestehenden Gesundheitsrisiko zu unterscheiden. Die Autoren betonen, dass bislang keine überzeugenden klinischen Belege für relevante systemische Gesundheitsschäden durch die unter üblichen Bedingungen freigesetzten Mengen vorlägen.

Mikroplastik als zusätzliche Belastungsquelle?

Neben chemischen Substanzen rücke zunehmend ein weiteres Problem in den Fokus: Durch Abrieb, Hydrolyse und Materialalterung können Kompositfüllungen Mikro- und Nanoplastikpartikel freisetzen.

Experimentelle Untersuchungen lieferten hierzu erste Hinweise auf entzündliche und genotoxische Effekte solcher Partikel. Wie viele davon tatsächlich aus Zahnfüllungen in den menschlichen Organismus gelangen und welche gesundheitlichen Folgen daraus entstehen könnten, sei jedoch bislang kaum untersucht.

Die Autoren sehen hier erheblichen Forschungsbedarf, insbesondere hinsichtlich einer langfristigen Exposition.

Richtige Verarbeitung reduziert die Belastung

Aus den Ergebnissen lassen sich dennoch praktische Konsequenzen ableiten, schreiben die Autoren. Eine ausreichende Polymerisation gelte als entscheidender Faktor, um die Freisetzung nicht ausgehärteter Monomere zu begrenzen. Auch die sorgfältige Oberflächenbearbeitung, eine effektive Trockenlegung sowie das Ausspülen der Mundhöhle nach der Behandlung können die Exposition weiter reduzieren.

Besondere Aufmerksamkeit empfehlen die Wissenschaftler bei Kindern, Schwangeren und zahnmedizinischem Personal, das regelmäßig mit nicht ausgehärteten Materialien in Kontakt kommt.

Fazit

Kunststofffüllungen können biologisch aktive Substanzen und Kunststoffpartikel freisetzen. Während die kurzfristige Exposition gut dokumentiert sei, fehlten belastbare Daten zu langfristigen systemischen Gesundheisrisiken. Die Autoren sprechen sich deshalb nicht grundsätzlich gegen Kompositmaterialien aus, sondern plädieren vielmehr für eine möglichst expositionsarme Verarbeitung und weitere klinische Langzeitstudien.

 

Originalpublikation: Eliasz W et al., Dental composite-resin materials and oral-systemic health: clinical toxicology insights. Front Public Health 2026; 14: 1860620

Xylit erhöht Kardio-Risiko

Birkenzucker statt Haushaltszucker – vermeintlich die gesündere Wahl. Doch jetzt gibt es neue unbequeme Daten: Das Süßungsmittel könnte dem Herzen mehr schaden als bislang gedacht. 

Eine neue Studie sorgt für Aufsehen: Der Verzehr von Xylit könnte mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen einhergehen. Darauf deutet eine Langzeitanalyse von Patientendaten aus Kanada und Europa hin. Durchgeführt wurde die Untersuchung von einem Forschungsteam der Berliner Charité. Die Ergebnisse wurden auf dem diesjährigen Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) in München vorgestellt.

Bunte Welt der Süßungsmittel

Zuckerersatzstoffe sind Substanzen, die Lebensmitteln einen süßen Geschmack verleihen und als Alternative zu herkömmlichen Zuckerarten (z. B. Haushalts- und Rohrzucker) oder natürlich süßenden Zutaten (z. B. Honig oder Ahornsirup) eingesetzt werden. In der Praxis unterscheidet man zwei Gruppen von Zuckerersatzstoffen, die unter dem Oberbegriff „Süßungsmittel“ zusammengefasst werden. Dazu gehören zum einen die nicht nutritiven Süßstoffe (NNS), die keine verwertbare Energie liefern, aber eine hohe Süßkraft besitzen. Sie können daher nur in sehr geringen Mengen eingesetzt werden. Typische Vertreter sind Aspartam, Cyclamat, Sucralose und Steviolglykoside. Davon abgegrenzt werden die mehrwertigen Zuckeralkohole (Polyole), die herkömmliche Zuckerarten mengenmäßig ersetzen können und deren Energiegehalt bei etwa 2,4 kcal pro Gramm liegt. Zu dieser Kategorie gehören die Zuckeralkohole Xylit, Sorbit, Mannit, Maltit, Lactit, Isomalt und Polyglycitolsirup. Als kalorienhaltige Süßungsmittel müssen sie in die Brennwertberechnung einbezogen werden (Ausnahme: Erythrit hat mit 0,2 kcal pro Gramm nahezu keine Kalorien).

Süßungsmittel können aus Pflanzen gewonnen, chemisch synthetisiert oder biotechnologisch hergestellt werden. In der Europäischen Union sind derzeit 21 Süßungsmittel als Lebensmittelzusatzstoffe zugelassen, 13 nicht nutritive Süßstoffe (E 950–E 969) und 8 Zuckeralkohole (E 420–E 421; E 952–E 968). Sie wurden von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und der amerikanischen Zulassungsagentur (FDA) allgemein als sicher anerkannt und zugelassen („GRAS“-Status: generally recognized as safe). In der Zutatenliste von verpackten Lebensmitteln müssen Süßungsmittel mit ihrem Stoffnamen oder ihrer E-Nummer aufgeführt werden.

Süßungsmittel gelten als vermeintlich gesündere Alternative zu herkömmlichen Zuckerarten bzw. natürlich süßenden Zutaten und werden auch so beworben. Ein Trugschluss, wie sich nun herausstellt. Die vorliegende Studie der Berliner Wissenschaftler legt nahe, dass mit dem Konsum des trendigen Zuckerersatzstoffs Xylit ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen einhergehen könnte.

Zweifel an der Unbedenklichkeit

Die Wissenschaftler um M. Witkowski analysierten die Daten von 17.710 Teilnehmern aus zwei prospektiven Beobachtungsstudien. Aus der kanadischen Langzeituntersuchung „Canadian Longitudinal Study on Aging (CLSA)“ stammten 7.651 Probanden und aus einer britischen Teilkohorte der „European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition (EPIC)-Norfolk“ gingen 10.059 Probanden in die Analyse ein. Untersucht wurde der Zusammenhang zwischen den Xylit-Plasmakonzentrationen und den neu aufgetretenen schweren kardiovaskulären Ereignissen, definiert als Tod, Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Personen mit Xylit-Werten im obersten Viertel der Messungen hatten ein signifikant höheres Risiko für schwere unerwünschte kardiovaskuläre Ereignisse im Vergleich zu Personen mit Xylit-Spiegeln im untersten Quartil. In der CLSA-Kohorte lag das relative Risiko für ein schweres unerwünschtes kardiovaskuläres Ereignis während der sechsjährigen Nachbeobachtung bei den Personen mit den höchsten Werten um 47 % höher als bei den Personen mit den niedrigsten Werten (adjustierte HR 1,47; 95-%-KI 1,15–1,86; p = 0,002). Dabei wurde für etablierte Risikofaktoren wie Alter, Geschlecht, Raucherstatus, Blutfettwerte, Diabetes und Bluthochdruck adjustiert. In der EPIC-Norfolk-Kohorte war das relative Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse während der 30-jährigen Nachbeobachtung bei den Personen mit den höchsten Werten um 18 % höher als bei den Personen mit den niedrigsten Werten (adjustierte HR 1,18; 95-%-KI 1,09–1,27; p < 0,0001).

In der Gesamtauswertung fanden die Forscher zudem eine dosisabhängige Beziehung: Mit steigenden Xylit-Konzentrationen nahm auch die Häufigkeit von Herzinfarkten, Schlaganfällen und kardiovaskulären Todesfällen zu. Der Zusammenhang blieb auch nach Berücksichtigung zahlreicher Störfaktoren bestehen.

Befunde geben Anlass zur Sorge

Die vorliegenden Ergebnisse stehen in Einklang mit Befunden aus früheren Studien der gleichen Arbeitsgruppe. In einer kleineren Kohorte mit 1.157 Menschen mit bestehenden Herz-Kreislauf-Risiken konnte bereits 2023 gezeigt werden, dass hohe Xylit-Konzentrationen im Blut zu einer deutlich höheren Rate schwerwiegender kardiovaskulärer Ereignisse in den folgenden drei Jahren führten. Der Befund wurde in einer zweiten Kohorte mit 2.149 Menschen, die sich wegen Herz-Kreislauf-Problemen zu einer kardiologischen Untersuchung vorgestellt hatten, bestätigt. Das relative Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse während der 3-jährigen Nachbeobachtung war bei den Personen im obersten Terzil um 57 % höher als bei den Personen im untersten Drittel (adjustierte HR 1,57; 95-%-KI 1,12–2,21; p < 0,01).

Einfluss der Zähne auf Verdauung, Lebens¬qualität und Psyche

Zähne und Kiefer sind neben der Nahrungszerkleinerung auch an zentralen Funktionen wie Kauen, Schlucken und Sprechen beteiligt. Einschränkungen der Mundgesundheit können daher auch mit Verdauung, Lebensqualität und psychosozialem Wohlbefinden zusammenhängen, teilt die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) anlässlich des Tages der Zahngesundheit am 25. September mit.

Wissenschaftliche Untersuchungen weisen nach Angaben der Fachgesellschaft auf Zusammenhänge zwischen einer verminderten Kauleistung und Beschwerden des Magen-Darm-Trakts hin. Bei Menschen mit Fehlbiss seien darüber hinaus Veränderungen der Verdauung sowie eine verzögerte Magenentleerung beobachtet worden. Eine funktionierende Kaufunktion könnte damit über die Mundhöhle hinaus von Bedeutung sein.

Fehlstellungen können Lebensqualität beeinflussen

Zahn- und Kieferfehlstellungen betreffen jedoch nicht ausschließlich funktionelle Aspekte. Da insbesondere Augen und Mund die Wahrnehmung eines Gesichts prägen, können sichtbare Auffälligkeiten an Zähnen und Kiefer auch die soziale Wahrnehmung beeinflussen. Negative Reaktionen anderer Menschen können wiederum Auswirkungen auf Selbstwahrnehmung und emotionales Wohlbefinden haben.

Studien zeigen der DGZMK zufolge Zusammenhänge zwischen Zahn- und Kieferfehlstellungen und geringerem Selbstwertgefühl, Mobbingerfahrungen sowie eingeschränkter Lebensqualität. Daraus lasse sich allerdings nicht ableiten, dass jede Fehlstellung zwangsläufig psychische Belastungen verursache. Entscheidend seien vielmehr das Ausmaß der wahrgenommenen Auffälligkeit und die individuellen sozialen Erfahrungen.

Langzeitdaten weisen auf erhöhtes Zahnverlustrisiko hin

Auch langfristige Auswirkungen bestimmter Fehlstellungen auf die Mundgesundheit werden untersucht. Im Greifswalder EFAFU-Projekt beobachtete ein interdisziplinäres Team aus Zahn- und Humanmedizin über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren mögliche gesundheitliche Folgen. Nach Angaben der DGZMK zeigte sich dabei, dass bestimmte Zahnfehlstellungen mit einem erhöhten Risiko für Zahnverlust verbunden waren.

Die Befunde unterstreichen nach Einschätzung der Fachgesellschaft, dass Zahn- und Kieferfehlstellungen nicht ausschließlich unter ästhetischen Gesichtspunkten betrachtet werden sollten. Neben der Kaufunktion können auch Mundgesundheit, Lebensqualität und Wohlbefinden betroffen sein.

Fazit

Mundgesundheit umfasst damit deutlich mehr als die Gesundheit einzelner Zähne. Kauen, Schlucken und Sprechen gehören zu elementaren körperlichen Funktionen, während Zähne und Kiefer zugleich Aussehen, Kommunikation und soziale Interaktion mitprägen.

Die von der DGZMK angeführten Befunde weisen darauf hin, dass Erkrankungen und Fehlstellungen funktionelle und psychosoziale Folgen haben können. Der Erhalt einer guten Mundgesundheit sei deshalb eine Aufgabe verschiedener zahnmedizinischer Disziplinen – von Kieferorthopädie und Prothetik über Chirurgie bis zur Parodontologie.

 

Originalquelle: Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde e.V.

Enorale Zoster-Manifestation als Warnsignal

Atypische Manifestationen des Herpes zoster können ein früher Hinweis auf eine bislang unerkannte Immunsuppression sein. Darauf weist dieser Fallbericht hin, der im Rahmen des 68. Kongresses der Deutschen STI-Gesellschaft in Berlin vorgestellt wurde.

Den Autoren zufolge stellt sich eine 55-jährige transgeschlechtliche Patientin mit seit fünf Tagen bestehenden einseitigen Belägen im Bereich von Zunge und Rachen sowie einer schmerzhaften Zungenschwellung und Dysphagie vor. Vorerkrankungen seien nicht bekannt, anamnestisch ergeben sich keine Hinweise auf relevante Noxen oder Medikamenteneinnahmen.

Klinisch zeigen sich im Versorgungsgebiet des Nervus trigeminus (V2/V3 rechts) weißlich-gelbliche, teils pseudomembranöse Beläge mit fötidem Geruch. Die Zunge ist erythematös geschwollen, pharyngeal bestehen zusätzlich Vesikel, während das übrige Integument unauffällig bleibt.

Virologische Diagnostik und Zufallsbefund HIV

Mittels PCR kann eine Infektion mit Varizella-Zoster-Virus gesichert werden. Parallel wird eine ulzerative Stomatitis bei oraler Candidose diagnostiziert. Andere virale Ursachen, darunter Herpes-simplex-Viren, MPXV sowie Coxsackie-Viren, werden ausgeschlossen.

Im Rahmen der weiterführenden Diagnostik zeigt sich jedoch eine bislang nicht bekannte HIV-Infektion mit einer Viruslast von 276.000 Kopien/ml sowie einer ausgeprägten CD4-T-Zell-Lymphopenie von 0,25/µl (17 Prozent). Ergänzende serologische Untersuchungen, unter anderem auf Kryptokokken, Treponema pallidum, Toxoplasmose sowie Hepatitis B und C, bleiben negativ.

Komplexer klinischer Verlauf unter Therapie

Initial erhält die Patientin eine intravenöse antivirale Therapie mit Aciclovir sowie eine antimykotische Behandlung mit Amphotericin B und antiseptische Mundspülungen. Im weiteren Verlauf kommt es allerdings zu einer akuten Verschlechterung der Nierenfunktion mit einem Kreatininanstieg auf 6,54 mg/dl und einer GFR < 15 ml/min, woraufhin die Aciclovir-Dosis angepasst und eine intravenöse Flüssigkeitstherapie eingeleitet wird. Eine Dialyseindikation besteht indes nicht. Sonographisch zeigt sich ein Harnstau zweiten Grades, der eine Katheteranlage erforderlich macht.

Aufgrund einer vorübergehenden Verwirrtheit erfolgt eine neurologische Abklärung mit unauffälligem Schädel-CT, während in der Liquordiagnostik oligoklonale Banden nachgewiesen werden. Nach klinischer Stabilisierung beginnt die Patientin eine antiretrovirale Therapie mit Dolutegravir, Darunavir und Ritonavir. Bis zur Entlassung sinkt die Viruslast auf 176.000 Kopien/ml, gleichzeitig bessern sich die Nierenfunktion sowie die neurologische Symptomatik.

Früher Hinweis auf Immunsuppression

Die Autoren betonen, dass erosive Veränderungen der Mundschleimhaut und das klinische Bild einer Stomatitis eine sorgfältige differenzialdiagnostische Abklärung erfordern. Neben häufigen Ursachen sollten auch seltene Entitäten berücksichtigt werden, darunter eine isoliert enorale Manifestation eines Herpes zoster.

Insbesondere bei bestehender oder bislang nicht diagnostizierter Immundefizienz könne die Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus atypisch verlaufen und als frühes klinisches Zeichen fungieren.

Fazit

Der Fall verdeutliche, dass ungewöhnliche oder isolierte orale Zoster-Manifestationen als potenzieller Hinweis auf eine zugrundeliegende Immunsuppression gewertet werden sollten. Den Autoren zufolge sollte bei atypischen Verläufen frühzeitig eine HIV-Diagnostik in die initiale Abklärung einbezogen werden, um eine Infektion rechtzeitig zu erkennen und frühestmöglich zu behandeln.

 

Originalquelle: Sammons M.K. et al., P02: Enorale Herpes zoster-Manifestationen als Ersthinweis auf eine Immunsuppression. 68. Kongress der Deutschen STI-Gesellschaft 2026, Berlin

 

Mini-Roboter soll Zahnbehandlungen vereinfachen

Ein kleiner Dentalroboter könnte zukünftig die Zähne automatisiert für eine Krone vorbereiten. Mit seiner Hilfe ließe sich die Anzahl der Termine pro Zahnbehandlung reduzieren, teilt die Universität Basel mit.

Der Dentalroboter, den Forschende am Departement of Biomedical Engineering der Uni Basel entwickelt haben, ist etwa so groß wie ein Weinkorken; er misst nur 43 mal 26 mal 28 Millimeter. Motoren und Steuerung befinden sich außerhalb und sind mit dem Roboter über biegsame Antriebswellen, Kabel und Schläuche verbunden. „Die Größe ist so designt, dass er bequem in den geöffneten Mund passt“, erklärt Dr. Yukiko Tomooka,

Der kleine Helfer mit dem Namen „MIR“ (für „Miniature Intraoral Robot“) soll Zähne künftig exakt nach einem digitalen Plan präparieren. Die Vision: Nach einem Scan beim ersten Termin könnten Zahnärztinnen und -ärzte genau planen, in welcher Form der Roboter das Zahnmaterial abtragen soll, und die Krone direkt bestellen – nicht erst nach dem zweiten Termin. Der Scan dient nicht nur zur Planung der Krone, sondern auch für eine individuell angepasste Zahnschiene, auf welcher der Mini-Dentalroboter befestigt wird. „Selbst wenn der Patient den Kopf drehen sollte, bewegt sich der MIR mit“, so Tomooka.

Dentalroboter arbeitet bemerkenswert präzise

Die Forschenden testeten den Prototypen ihres Roboters laut Mitteilung der Uni Basel an Zahnmodellen aus Kunstharz und einer Keramik mit ähnlicher Härte wie Zahnschmelz. Die Präparation führt der Roboter in zwei Schritten durch: Zunächst reduziert er mit einem breiten Bohrer die Zahnoberfläche, trägt also Material von oben ab. Im zweiten Schritt bearbeitet ein längerer, dünnerer Bohrer die Zahnseiten. „Bemerkenswert“ sei dabei, wie präzise der Dentalroboter bereits arbeitet, obwohl er bisher keine Sensoren trägt, um seine Position direkt zu messen oder sogar zu korrigieren, so die Uni. In Tests habe der Positionsfehler bei unter 0,2 Millimetern gelegen „und dürfte sich mit Sensoren und Positionskorrektur nochmal deutlich verringern“.

Neben der Präzision haben die Forschenden auch die Kräfte gemessen, die beim Fräsen entstehen: Diese blieben in den Versuchen unter fünf Newton – das entspricht ungefähr der Gewichtskraft einer Flasche Wasser von 0,5 Litern. Zudem untersucht das Team die Geräuschentwicklung des Systems, um dessen Praxistauglichkeit besser beurteilen zu können. In einem nächsten Schritt wollen die Forschenden Sensoren und eine Kamera in den Roboter einbauen, damit das System seine Position und den Behandlungsverlauf überwachen kann.

Originalpublikation:

Yukiko Tomooka et al., Miniature Intraoral Robot (MIR) for Minimally Invasive Tooth Preparation, IEEE Transactions on Medical Robotics and Bionics (2026), doi: https://doi.org/10.1109/TMRB.2026.3682629

Quelle: Universität Basel

 

Koloskopie: Dem Tod (k)ein Schnippchen schlagen

Die Darmspiegelung gilt als Goldstandard in puncto Krebsvorsorge. Jetzt wird ihre Wirksamkeit infrage gestellt. Denn auch, wenn die Zahl der Erkrankten sinkt – die Todesfälle reduziert das nicht.

Die Koloskopie gilt seit Jahrzehnten als Goldstandard der Darmkrebsvorsorge. Fachgesellschaften gingen bislang davon aus, dass sie nicht nur die Zahl der Neuerkrankungen deutlich senkt, sondern auch Todesfälle verhindern kann. Diese Einschätzung stützte sich vor allem auf Beobachtungsstudien und Modellrechnungen. Hochwertige randomisierte Studien waren rar. Genau hier setzt die internationale NordICC-Studie (Northern-European Initiative on Colorectal Cancer Trial) an; Ergebnisse wurden jetzt in The Lancet veröffentlicht.

Zwar bestätigt die Untersuchung, dass Darmspiegelung dazu beitragen können, Darmkrebs zu verhindern. Doch einige Fragen bleiben: Wie stark lässt sich die Sterblichkeit durch die Vorsorge tatsächlich senken und welche Rolle sollte die Koloskopie künftig in Screeningprogrammen spielen?

Praxisnahes Studiendesign

Ein Blick auf Details: An der NordICC-Studie nahmen insgesamt mehr als 84.000 symptomfreie Frauen und Männer im Alter von 55 bis 64 Jahren aus Norwegen, Polen und Schweden teil. Sie wurden randomisiert entweder einer Gruppe zugeteilt, die eine Einladung zur Darmspiegelung erhielt, oder einer Kontrollgruppe ohne Screening-Angebot. Der Beobachtungszeitraum erstreckte sich über 13 Jahre. Bemerkenswert ist, dass nur 42 Prozent der eingeladenen Personen die Untersuchung tatsächlich wahrgenommen haben. Gerade das macht die Studie besonders praxisnah: Sie bildet die Realität von Screeningprogrammen wesentlich besser ab als kontrollierte Studien mit außergewöhnlich motivierten Probanden und hoher Beteiligung.

Erkenntnis 1: Weniger Darmkrebs durch Vorsorge – mit Unterschieden

Nach 13 Jahren ist in der Gruppe mit Screening-Einladung seltener Darmkrebs aufgetreten, das war zu erwarten. Das Erkrankungsrisiko lag bei 1,46 Prozent gegenüber 1,80 Prozent in der Kontrollgruppe. Dies entspricht einer relativen Risikoreduktion von 19 Prozent. Anders ausgedrückt: Rund 294 Personen mussten zu einer Darmspiegelung eingeladen werden, um innerhalb von 13 Jahren einen Fall von Darmkrebs zu verhindern

 

Bei Männern sank das Darmkrebsrisiko um 23 Prozent, bei Frauen lediglich um 13 Prozent. Hier war der Effekt statistisch nicht signifikant. Während die Koloskopie bei den 60- bis 64-Jährigen das Darmkrebsrisiko relativ um 25 Prozent senkte (1,68 Prozent vs. 2,25 Prozent), zeigte sich bei den 55- bis 59-Jährigen nur eine Risikoreduktion von relativ 9 Prozent (1,26 Prozent vs. 1,38 Prozent), die statistisch nicht signifikant war.

Erkenntnis 2: Kein klarer Vorteil bei der Sterblichkeit

Überraschenderweise zeigte sich jedoch kein statistisch signifikanter Rückgang der Darmkrebs-Mortalität. In der Screening-Gruppe starben 0,41 Prozent der Teilnehmer an Darmkrebs, in der Kontrollgruppe 0,47 Prozent. Dieser Unterschied war statistisch nicht signifikant. Auch bei der Gesamtsterblichkeit fanden Wissenschaftler praktisch keine Unterschiede zwischen beiden Gruppen. Die Wahrscheinlichkeit, innerhalb des Beobachtungszeitraums zu sterben, lag in beiden Gruppen bei rund 16 Prozent. Diese Ergebnisse stehen teilweise im Gegensatz zu früheren Studien mit anderen Screeningverfahren, etwa Stuhltests auf okkultes Blut, die teilweise deutliche Rückgänge der Darmkrebssterblichkeit gezeigt hatten.

Bessere Therapien verändern die Bedeutung der Vorsorge

Nach Ansicht der Gastroenterologin Aasma Shaukat, New York University, liegt die wichtigste Erkenntnis möglicherweise nicht in der begrenzten Wirkung des Screenings, sondern in Fortschritten der modernen Onkologie. Als die NordICC-Studie vor rund zwei Jahrzehnten geplant worden war, erwarteten die Forscher deutlich höhere Mortalitätsraten durch Darmkrebs. Tatsächlich lag die Darmkrebssterblichkeit in der Kontrollgruppe nach 13 Jahren jedoch nur etwa halb so hoch wie ursprünglich prognostiziert. Gleichzeitig entsprach die Zahl der Neuerkrankungen weitgehend den Erwartungen.

Shaukat erklärt den marginalen Effekt auf die Mortalität mit Verbesserungen in der Chirurgie, Arzneimitteltherapie und Nachsorge. Damit seien die Überlebenschancen von Patienten mit Darmkrebs erheblich verbessert worden, schreibt sie. Wenn immer mehr Patienten auch nach einer Diagnose erfolgreich behandelt werden, sinkt zwangsläufig der zusätzliche Nutzen, den ein Screening hinsichtlich der Sterblichkeit noch erzielen kann.

Konsequenzen für die Gesundheitspolitik

Koloskopien sind deswegen aber nicht nutzlos. Im Gegenteil: Die Untersuchungen verhindern nachweislich zahlreiche Darmkrebs-Fälle und ersparen vielen Menschen belastende Behandlungen sowie langfristige gesundheitliche Folgen. Dennoch ist die Frage legitim, wie groß der tatsächliche Nutzen im Verhältnis zu Aufwand, Kosten und verfügbaren Ressourcen ist. In Zeiten begrenzter Gesundheitsbudgets könnte es in manchen Ländern sinnvoll sein, andere Präventionsmaßnahmen stärker zu berücksichtigen. Etwa Programme zur Tabakkontrolle, Bekämpfung von Adipositas, Förderung eines gesunden Lebensstils oder zur Optimierung der Onkologie.

Alles in allem liefert die NordICC-Studie einen wichtigen Realitätscheck für die Darmkrebsvorsorge. Die Darmspiegelung bleibt ein wirksames Instrument zur Krebsprävention. Die neuen Daten zeigen jedoch, dass ihre Vorteile differenzierter betrachtet werden müssen als lange Zeit angenommen: Sie verhindert Krebsfälle zuverlässig. Ihr Einfluss auf die Sterblichkeit scheint im Zeitalter moderner Therapien jedoch geringer zu sein als erwartet.

 

Quellen

Kaminski et al.: Long-term effects of colonoscopy screening on colorectal cancer incidence and mortality: A multicountry, population-based randomised controlled trial. The Lancet, 2026. doi: 10.1016/S0140-6736(26)00508-8

Shaukat: Colonoscopy, cancer prevention, and the new arithmetic of benefit. The Lancet, 2026. doi: 10.1016/S0140-6736(26)00794-4

 

Brust- und Hodenkrebs: Steigt mit der Cannabisnutzung auch das Krebsrisiko?

Die Inzidenz von Brust-, Hoden- und anderen Krebsarten stieg in den letzten Jahrzehnten bei jungen Menschen in den USA und Kanada deutlich an. Mögliche Erklärungen umfassen Lebensstilfaktoren, Adipositas und genetische Prädisposition, doch eine neue Studie fokussierte sich nun auf einen anderen Faktor: die zunehmende Nutzung von Cannabis.

Die zunehmende Legalisierung und Nutzung von Cannabis könnte mit dem Anstieg von Brust- und Hodenkrebs bei jungen Erwachsenen zusammenhängen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse von Krebsregisterdaten aus den USA und Kanada, die in Academia Oncology veröffentlicht wurde.

Für die Studie untersuchten die Forschenden die Entwicklung der Krebsinzidenz bei jungen Menschen in Nordamerika und verglichen diese mit der Ausweitung der Cannabis-Legalisierung. Im Fokus standen Brustkrebs bei Frauen im Alter von 20 bis 34 Jahren sowie Hodenkrebs bei Männern zwischen 15 und 39 Jahren. Die US-Daten stammten aus dem Krebsregisterprogramm SEER (Surveillance, Epidemiology, and End Results), für Kanada wurden Daten des Institute for Health Metrics and Evaluation ausgewertet.

Paralleler Anstieg von Krebsfällen und Cannabis-Legalisierung

  • Die Forschenden fanden eine deutliche Korrelation zwischen den jährlichen Veränderungen der Brust- und Hodenkrebsinzidenz mit der Ausweitung der Legalisierung (Pearson-Korrelationskoeffizient r = 0,95).
  • Zudem stiegen die Erkrankungsraten in Staaten mit legalem Cannabis deutlich stärker an als in Staaten ohne entsprechende Gesetzgebung.
  • Bei Brustkrebs nahm die Inzidenz in den Legalisierungsstaaten um insgesamt 26 Prozent zu, verglichen mit 17 Prozent in den übrigen Staaten. Auch bei Hodenkrebs fiel der Anstieg mit 24 Prozent gegenüber 14 Prozent deutlich stärker aus.
  • Die statistische Analyse zeigte für beide Tumorarten signifikante jährliche Zuwachsraten in den Cannabis-Legalisierungsstaaten. In Staaten ohne Legalisierung verlief der Anstieg schwächer; für Hodenkrebs zeigte sich dort über längere Zeiträume sogar keine signifikante Zunahme.
  • Noch ausgeprägter war die Entwicklung in Kanada. Dort stiegen die Inzidenzen von Brust- und Hodenkrebs in den untersuchten Altersgruppen stärker als in den USA. Die Autoren sehen darin einen möglichen Hinweis auf die frühere und umfassendere Liberalisierung des Cannabiskonsums in Kanada.
  • Darüber hinaus fanden sie sowohl in Kanada als auch in den USA Zusammenhänge zwischen der Häufigkeit von Cannabisgebrauchsstörungen in verschiedenen Altersgruppen und den jeweiligen Krebsraten.

Cannabis als möglicher Risikofaktor

„Die Erkenntnisse aus unserer Studie zeigen, dass Cannabis ein potenzieller ätiologischer Faktor ist, der zur steigenden Inzidenz von Brustkrebs bei jungen Frauen und Hodenkrebs bei älteren Jugendlichen und jungen erwachsenen Männern beiträgt“, wird die Erstautorin Dr. Johnson in einer Mitteilung in ASCO Post zitiert. „Und es beunruhigt, dass die krebserregende Wirkung von Cannabis auf junge Menschen schnell zu sein scheint und innerhalb weniger Jahre nach der Exposition gegenüber diesem Medikament zu Krebs führt.“

Johnson erklärt, dass Cannabis zum einen als endokriner Disruptor gelte, zudem hätten experimentelle Arbeiten auf genotoxische und möglicherweise krebserregende Effekte von Cannabinoiden hingewiesen.

Forderung nach weiterer Forschung

Die Autoren sehen Hinweise darauf, dass Cannabis ein bislang unterschätzter Risikofaktor für bestimmte Tumorerkrankungen sein könnte. Gleichzeitig betonen die Forschenden, dass die Studie keinen kausalen Zusammenhang beweisen kann. Die Analyse basiert auf Bevölkerungsdaten und zeigt statistische Assoziationen, nicht jedoch, dass Cannabis unmittelbar die Ursache der beobachteten Tumoren ist. Andere Einflussfaktoren könnten die Ergebnisse ebenfalls mit beeinflusst haben. Dennoch sehen die Autoren angesichts der zunehmenden Verbreitung hochpotenter Cannabisprodukte und der fortschreitenden Legalisierung Handlungsbedarf. Das mögliche Krebsrisiko von Cannabis verdiene eine umfassende wissenschaftliche und gesundheitspolitische Bewertung.

Originalpublikation:
Johnson RH, Speckhart A, Chien F, et al: Emerging evidence links cannabis use to increased risk of breast and testicular cancer in young Americans. Acad Oncol https://doi.org/10.20935/acadonco7758, 2026.

 

Diabetes ist mit Zahn- und Implantatverlust verbunden

Menschen mit Diabetes haben ein erhöhtes Risiko für Parodontitis und Zahnverlust. Auch das Risiko für Entzündungen und Knochenverlust an Zahnimplantaten war höher. Dies sind die Ergebnisse einer Analyse aus Schweden.

Die Studie – eine Dissertation an der Uni Göteborg –­ basiert der Uni zufolge „auf einem umfassenden Datensatz aus sieben schwedischen Registern, der einen langen Zeitraum abdeckt und einen hohen Grad an Vollständigkeit aufweist“. Im Vergleich zu früheren Studien sei „die Stichprobe auffallend groß, insbesondere für Typ-1-Diabetes“, so die Uni. Konkret befasst sich die Arbeit mit dem Zusammenhang zwischen Diabetes und oralen Erkrankungen wie Parodontitis, Zahnverlust und Periimplantitis.

Ergebnisse: Zahnverlust und Diabetes

Die Analyse ergab, dass Menschen mit Typ-1-Diabetes und schlechter Blutzuckerkontrolle ein erhöhtes Risiko für Parodontitis und Zahnverlust hatten, verglichen mit einer Kontrollgruppe ohne Diabetes. Bei Personen mit kontinuierlich guter Blutzuckerkontrolle waren jedoch keine derartigen Unterschiede festzustellen. Bei Typ-2-Diabetes war das Risiko für Parodontitis und Zahnverlust unabhängig von der Blutzuckerkontrolle erhöht. Der Zusammenhang war am stärksten, wenn die Blutzuckerkontrolle schlecht war. Umgekehrt war Parodontitis bei beiden Diabetes-Typen mit einem erhöhten Risiko für diabetesbedingte Augen- und Nierenkomplikationen verbunden.

Bei vorhandenen Zahnimplantaten haben Diabetiker ein höheres Risiko für Periimplantitis und Implantatverlust: Das Risiko eines vollständigen Zahnverlusts war besonders hoch bei Diabetikern, die zudem sozioökonomisch benachteiligt waren (geringeres Einkommen, kürzere Schulbildung).

Fazit: Zahnpflege Teil der Diabetes-Prävention

Die Dissertation untermauert nach Ansicht der Uni frühere Belege für einen Zusammenhang zwischen Diabetes und Munderkrankungen und „betont die Bedeutung einer engen Zusammenarbeit zwischen Gesundheits- und Zahnpflegeanbietern“. Die konkreten Erkenntnisse zu Zahnimplantaten seien hingegen „neuartig“. „In der Zahnmedizin sind sich die meisten des Zusammenhangs zwischen Diabetes und beeinträchtigter Mundgesundheit bewusst. Unsere Daten stützen die Auffassung, dass Zahnpflege Teil von Diabetes-Präventionsstrategien sein sollte“, erklärt die Autorin Dr. Anna Trullenque Eriksson.

Die Ergebnisse im Detail:

Typ-1-Diabetes (Analysen basierend auf 86.273 Personen; Durchschnittsalter 43 Jahre)

  • 33,9 % hatten über einen Zeitraum von 10 Jahren einen oder mehrere Zähne verloren (25,3 % bei denjenigen mit guter Blutzuckerkontrolle; 43,5 % bei denjenigen mit schlechter Kontrolle). In der Vergleichsgruppe ohne Diabetes kam es bei 29,0 % zu Zahnverlust.
  • 3,1 % hatten über einen Zeitraum von zehn Jahren fünf oder mehr Zähne verloren (gute Kontrolle: 1,0 %; schlechte Kontrolle: 5,6 %). Der entsprechende Wert für die Vergleichsgruppe lag bei 1,9 %.

Typ-2-Diabetes (Analysen basierend auf 786.305 Personen; Durchschnittsalter 60 Jahre)

  • 46,1 % hatten über einen Zeitraum von 10 Jahren einen oder mehrere Zähne verloren (44,0 % bei denjenigen mit guter Blutzuckerkontrolle; 54,9 % bei denjenigen mit schlechter Kontrolle). Bei den passenden Kontrollpersonen ohne Diabetes kam es bei 37,8 % zu Zahnverlust.
  • 7,0 % hatten über einen Zeitraum von zehn Jahren fünf oder mehr Zähne verloren (gute Kontrolle: 5,7 %; schlechte Kontrolle: 12,6 %). Der entsprechende Wert für die Kontrollgruppe lag bei 3,7 %.

Originalpublikation:

Thesis: Periodontal research using nationwide registry data

Quelle: Universität Göteborg

 

DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner