ASS: Ein Dinosaurier gegen Metastasen

Aspirin® ist als Schmerzmittel und Plättchenhemmer altbekannt. Doch der Klassiker hält noch Überraschungen bereit: In niedriger Dosis kappt ASS biochemische Verbindung zwischen Blutplättchen und T-Zellen – und mobilisiert das Immunsystem gegen Metastasen.Seit den 1970er-Jahren beobachten Forscher immer wieder, dass sich bei Mäusen unter Acetylsalicylsäure (ASS) weniger Lungenmetastasen bilden.

Epidemiologische Untersuchungen und randomisierte Studien zum Metastasierungsrisiko bei unterschiedlichen Krebsarten haben jedoch kein einheitliches Bild zum Nutzen geliefert – die Datenlage blieb widersprüchlich. „Mausmodelle bilden die Komplexität metastasierter Erkrankungen nicht vollständig ab“, weiß Dr. Harvey Roweth, Krebs-Biologe an der Universität Reading, UK. „Außerdem verwenden Forscher in diesen Studien überwiegend Melanomzellen, die in die Lunge metastasieren.“ Das schränke die Übertragbarkeit ein. 

Doch wer profitiert aus onkologischem Blickwinkel von ASS und wer nicht? Hier setzen Analysen im New England Journal of Medicine an, die Ergebnisse experimenteller Arbeiten in Nature aufgreifen. Wissenschaftler beschreiben einen bislang unbekannten immunologischen Mechanismus.

Blutplättchen als Treiber der Metastasierung

Die Erkenntnis: Thrombozyten leisten weit mehr als nur einen Beitrag zur Hämostase. Sie reagieren auf Gewebeschädigungen, setzen Botenstoffe frei und greifen in Entzündungs- und Immunprozesse ein. Aktiviert sich in ihnen die Cyclooxygenase-1 (COX-1), entsteht unter anderem Thromboxan A₂ (TXA2). Dieser Botenstoff wirkt nicht nur auf andere Blutplättchen, sondern bindet auch an Rezeptoren auf T-Zellen. Über eine Aktivierung des Proteins ARHGEF1 hemmt TXA2 zytotoxische T-Zellen und unterdrückt ihre Fähigkeit, Tumorzellen zu erkennen sowie zu eliminieren. Besonders bei Tumoren mit Neoantigenen – also solchen mit für das Immunsystem gut erkennbaren Mutationen – spielt dieser Mechanismus eine entscheidende Rolle. Die Immunüberwachung gerät ins Stocken. ASS blockiert die Synthese von TXA2 und entzieht Tumorzellen damit einen wichtigen Schutzmechanismus gegenüber der körpereigenen Immunabwehr.

Schutz vor Metastasen: Niedrige ASS-Dosen reichen aus

Wie belastbar dieser Zusammenhang ist, zeigen Tierexperimente aus der Nature-Publikation: Erhielten Mäuse ein TXA2-Analogon, stieg ihr Risiko für Metastasen deutlich an. Wurde jedoch ASS in pharmakologisch relevanter Dosierung über das Trinkwasser verabreicht, sank die Metastasenrate bei den Kontrolltieren klar. Die Daten legen nahe, dass die Hemmung der TXA2-Signalachse einen zentralen Mechanismus der Tumorausbreitung beeinflusst. Das könnte erklären, warum ASS in bestimmten Settings das Metastasen-Risiko verringern kann. Die Effekte treten schon bei einer täglichen Menge von 75 bis 100 mg auf – also genau in jener Dosierung, die routinemäßig zur kardiovaskulären Prävention eingesetzt wird.

Der Mechanismus dahinter lässt sich pharmakologisch erklären: ASS hemmt das Enzym COX-1 irreversibel. Da Thrombozyten keinen Zellkern besitzen, sind sie nicht in der Lage, dieses Enzym neu zu bilden. Die Blockade bleibt über die gesamte Lebensdauer eines Blutplättchens bestehen, also für rund zehn Tage. Schon eine einmal tägliche niedrige Dosis reicht aus, um die Produktion von Thromboxan A₂ dauerhaft zu unterdrücken. Für schmerzstillende oder antientzündliche Effekte sind höhere Dosierungen erforderlich. Größere Mengen hemmen zusätzlich COX-2 in anderen Geweben und entfalten so die bekannten Effekte.

Die Rolle der Thrombozyten reicht über die T-Zell-Hemmung hinaus. Aktivierte Blutplättchen fördern im Tumorumfeld die COX-2-Expression in stromalen Zellen und verstärken Proliferation, Angiogenese und Migration. ASS wirkt damit potenziell auf zwei Ebenen: Es begrenzt COX-2-abhängige Tumorprogression und hebt zugleich eine durch Thrombozyten vermittelte immunologische Bremse auf.

Wer könnte besonders profitieren?

Diese Mechanismen liefern mögliche Erklärungen, warum epidemiologische Studien und klinische Untersuchungen zum Teil unterschiedliche Effekte zeigen. Patienten mit stark immunogenen Tumoren profitieren wohl besonders deutlich von ASS. In der CAPP2-Studie verringerte eine langfristige Behandlung mit dem Arzneistoff bei Patienten mit Lynch-Syndrom signifikant die Inzidenz mismatch-repair-defizienter (dMMR) Karzinome. Und in einer Kohortenstudie ging eine hohe Expression von HLA-Klasse-I-Antigenen im Primärtumor mit einem verbesserten Überleben unter ASS einher. Zudem hat eine randomisierte Studie gezeigt, dass Patienten mit PIK3CA-mutierten kolorektalen Karzinomen nach einer Resektion von einer dreijährigen Therapie mit niedrig dosiertem ASS profitieren: Das Rezidivrisiko sank nahezu um die Hälfte. Die Daten lassen hoffen, dass Biomarker dazu beitragen könnten, den Nutzen von ASS zu prognostizieren.

Drug Repurposing mit Hürden

Alles in allem schließt die biologische Erklärung mehr als nur eine Wissenslücke. Sie eröffnet neue Indikationen für ASS: Beim Drug Repurposing werden bereits zugelassene Arzneimittel gezielt für andere Erkrankungen weiterentwickelt. Angesichts weltweit steigender Krebsinzidenzen und begrenzter finanzieller Ressourcen in vielen Gesundheitssystemen könnten preiswert verfügbare Wirkstoffe einen erheblichen Beitrag leisten. Nur fehlen bislang wirtschaftliche Anreize für große pharmazeutische Investitionen in entsprechende klinische Studien. Genau hier befindet sich die Achillesferse des Ansatzes: Nicht wissenschaftliche Hürden, sondern unternehmerische Interessen könnten darüber entscheiden, ob das Potenzial des Drug Repurposing bei Aspirin® ausgeschöpft wird.

Quellen

Langley et al.: Understanding How Aspirin Prevents Metastasis. New England Journal of Medicine, 2026. doi: 10.1056/NEJMcibr2502386

Yang et al.: Aspirin prevents metastasis by limiting platelet TXA2 suppression of T cell immunity. Nature, 2025. doi: 10.1038/s41586-025-08626-7

Parodontitis: Tumorgefahr im Taschenformat

Rauchen, zunehmendes Alter und schlechte Luft sind typische Risikofaktoren für Lungenkrebs. Doch eine weitere Gefahrenquelle sitzt ausgerechnet im Mund: Zeit, der Parodontitis auf den Zahn zu fühlen.

Lungenkrebs gilt weltweit weiterhin als die zweithäufigste Krebserkrankung und zugleich als die häufigste Ursache für krebsbedingte Todesfälle. Je genauer man hinschaut, desto deutlicher wird, dass die Krankheit nicht nur in der Lunge beginnt. Manchmal beginnt sie deutlich weiter oben – im Mund. Ein alter Bekannter der Zahnmedizin rückt dabei immer stärker in den Fokus der Ursachen: die Parodontitis. Was lange als rein lokales Problem der Mundhöhle galt, entpuppt sich zunehmend als systemischer Störfaktor mit weitreichenden Folgen.

Mehrere Studien (hierhierhierhierhier und hier) haben bereits gezeigt, dass ein Zusammenhang zwischen Parodontitis und Lungenkrebs besteht – selbst dann, wenn klassische Risikofaktoren wie Alter oder Tabakkonsum berücksichtigt werden. Die Frage ist also nicht mehr, ob es eine Verbindung gibt, sondern wie relevant sie tatsächlich ist und was wir daraus lernen können.

Was wir längst wissen – und was wir übersehen

Eine aktuelle Untersuchung, die Daten der Health, Aging, and Body Composition Studie (Health ABC) nutzt, bringt hier Klarheit. Besonders hervorzuheben ist die untersuchte Bevölkerungsgruppe von älteren Erwachsenen zwischen 70 und 79 Jahren. Damit rückt eine Alterskohorte in den Fokus, die in früheren Studien oft unterrepräsentiert war. Hinzu kommt ein entscheidender methodischer Vorteil: Die Bewertung der Mundgesundheit umfasste eine vollständige parodontale Untersuchung und eine Untersuchung des Weich-und Hartgewebes durchgeführt von ausgebildeten Parodontologen.

Die Ergebnisse sind klar formuliert: Personen, bei denen mindestens zehn Prozent der Messstellen eine Sondierungstiefe von sechs Millimetern oder mehr aufwiesen, hatten ein signifikant höheres Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken oder daran zu sterben. Tiefe Zahnfleischtaschen sind damit nicht nur ein Zeichen fortgeschrittener Parodontitis, sondern offenbar auch ein Marker für systemische Risiken. Im Mittelpunkt der Studienergebnisse steht nicht der klinische Attachmentverlust, der vor allem vergangene Krankheitsprozesse widerspiegelt, sondern die Sondierungstiefe als Marker für ein aktives Entzündungsgeschehen. Parodontale Taschen mit einer Sondierungstiefe (PD) ≥ 6 mm weisen normalerweise ein erhöhtes Entzündungsniveau auf und können Quellen proinflammatorischer Mediatoren sein, die alle zu systemischen Entzündungen beitragen können.

Vom Zahnfleisch ins Tumormilieu

Genau hier setzen die biologischen Erklärungsmodelle an: Aus pathophysiologischer Sicht ist eine Parodontitis mit einer systemischen Erhöhung proinflammatorischer Mediatoren wie Interleukin-6, Tumornekrosefaktor-α und C-reaktivem Protein verbunden. Diese Mediatoren sind in der Onkologie als Modulatoren tumorfördernder Signalwege etabliert und stehen mit einer erhöhten Lungenkrebsinzidenz in Verbindung. Chronische systemische Entzündungen infolge von Parodontitis können also zur Karzinogenese beitragen, indem sie reaktive Sauerstoff- und Stickstoffspezies induzieren und tumorfördernde Signalwege, einschließlich NF-κB, aktivieren. In der Lunge, einem Organ, das ohnehin durch Umweltfaktoren wie Rauch besonders vulnerabel ist, können diese Prozesse fatale Folgen haben. Daraus ergibt sich, dass erhöhte Ausgangswerte von IL-6 und CRP mit einem gesteigerten Lungenkrebsrisiko verbunden sind.

Ein weiterer relevanter Mechanismus ist die bakterielle Translokation. Tiefe parodontale Taschen beherbergen ein dysbiotisches subgingivales Mikrobiom mit pathogenen Spezies wie Porphyromonas gingivalis und Fusobacterium nucleatum. Durch Mikroaspiration können diese Bakterien in die Lunge gelangen und dort ein chronisch entzündliches Mikromilieu etablieren, das Tumorwachstum begünstigt. Der Nachweis parodontaler Pathogene in Lungenkrebsgewebe stützt diese Hypothese zusätzlich.

Die Gefahr in der Zahnfleischtasche

Der Zusammenhang zwischen Zahnverlust und Lungenkrebs erfordert daher eine differenzierte Interpretation. Während eine reduzierte Anzahl natürlicher Zähne bei Lungenkrebspatienten häufiger beobachtet wird, ist Zahnverlust in einzelnen Analysen mit einer geringeren Lungenkrebsinzidenz assoziiert. Dies legt nahe, dass nicht der Zahnverlust per se, sondern das Fortbestehen entzündlich aktiver parodontaler Läsionen von Bedeutung ist. Die Entfernung persistierender Entzündungsherde könnte somit die systemische Entzündungsbelastung reduzieren.

Parodontitis sollte nicht ausschließlich als zahnmedizinische Erkrankung verstanden werden, sondern als potenziell relevanter Bestandteil systemischer Entzündungsprozesse. Eine frühzeitige Erkennung und adäquate Therapie parodontaler Entzündungen könnte daher einen Beitrag zur Reduktion systemischer Risiken leisten und sollte sowohl in der zahnärztlichen als auch in der internistischen Versorgung stärker berücksichtigt werden.

Prävention beginnt am Gingivasaum

Es ist es an der Zeit, Mundgesundheit noch mehr als Bestandteil der allgemeinen Gesundheitsvorsorge zu betrachten. Die Mehrzahl entzündlicher Prozesse in der Mundhöhle beginnt im Bereich des marginalen Gingivalsaums und in den Approximalräumen. Dort bildet sich bakterieller Biofilm, der bei Verbleiben eine immunologische Reaktion auslöst. Eine systematische Reinigung des Gingivalsaums mit weichen Borsten und adäquater Technik ist erforderlich, um die bakterielle Last dauerhaft zu reduzieren. Regelmäßige zahnärztliche Kontrollen sowie professionelle Zahnreinigungen dienen der frühzeitigen Diagnostik und Therapie parodontaler Veränderungen. Aus zahnärztlicher Sicht wissen wir, dass die parodontale Pflege weit mehr ist als eine Frage des Zahnerhalts. Sie hat das Potenzial, ein Baustein der Krebsprävention zu sein. Manchmal beginnt Prävention eben dort, wo man sie „täglich übersieht“: zwischen Zahn und Zahnfleisch.

 

Quellen:

Baima et al.: Periodontitis and Risk of Cancer: Mechanistic Evidence. Periodontology, 2024. doi: 10.1111/prd.12540

Mai et al.: History of Periodontal Disease Diagnosis and Lung Cancer Incidence in the Women’s Health Initiative Observational Study. Cancer Causes & Control, 2014. doi: 10.1007/s10552-014-0405-3

Michaud et al.: Periodontal Disease, Tooth Loss, and Cancer Risk. Epidemiologic Reviews, 2017. doi: 10.1093/epirev/mxx006

Verma et al.: Correlation Between Chronic Periodontitis and Lung Cancer: A Systematic Review With Meta-Analysis. Cureus, 2023. doi: 10.7759/cureus.36476

Wang et al.: Relationship Between Periodontal Disease and Lung Cancer: A Systematic Review and Meta-Analysis. Journal of Periodontal Research, 2020. doi: 10.1111/jre.12772

Zeng et al.: Periodontal Disease and Incident Lung Cancer Risk: A Meta-Analysis of Cohort Studies. Journal of Periodontology, 2016. doi:

10.1902/jop.2016.150597

Vitamin D in der Schwangerschaft

Schlüssel zur Kariesprävention bei Kleinkindern?

Der Vitamin-D-Status in der Schwangerschaft hat offenbar einen entscheidenden Einfluss auf die Zahngesundheit von Kindern. Das fanden Forschende heraus, als sie in einer Kohortenstudie die Zahnentwicklung von Kindern bis ins Vorschulalter beobachteten.

Frühkindliche Karies stellt weltweit ein erhebliches Public-Health-Problem dar. Die Erkrankung betrifft bereits sehr junge Kinder und erreicht in vielen Ländern alarmierende Prävalenzen: Global liegt sie bei knapp 24 Prozent unter Dreijährigen und über 57 Prozent bei Kindern zwischen drei und sechs Jahren. In China, wo die Studie erstellt wurde, zeigen nationale Daten sogar einen Anstieg auf fast 72 Prozent bei unter Fünfjährigen. Frühkindliche Karies beeinträchtigt nicht nur die Zahngesundheit, sondern auch das Kauvermögen, Aussehen, schulische Leistungen und das allgemeine Wohlbefinden – mit entsprechend hoher Belastung für Familien und Gesundheitssysteme.

Die Wurzeln der Erkrankung reichen oft bis in die Schwangerschaft zurück, da die Mineralisierung der Milchzähne bereits im zweiten und dritten Trimester beginnt. Vitamin D spielt in dieser Entwicklungsphase eine entscheidende Rolle und ein mütterlicher Vitamin-D-Mangel kann zu Schmelzdefekten und einer erhöhten Kariesanfälligkeit des Kindes führen.

Forschende untersuchen daher in einer Studie, veröffentlicht in JAMA Network open, wie sich die mütterlichen Vitamin-D-Spiegel in verschiedenen Trimestern auf das spätere Kariesrisiko der Kinder auswirken.

Vor allem zweites und drittes Trimenon relevant

In der groß angelegten Kohortenstudie mit 4109 Mutter-Kind-Paaren aus den Jahren 2011 bis 2021 wurde den Frauen zu verschiedenen Zeitpunkten Blut abgenommen und die Plasmakonzentrationen von 25-Hydroxyvitamin D2 und 25-Hydroxyvitamin D3 gemessen. Die Kinder wurden in den ersten 30 Monaten halbjährlich, und bis zum fünften Lebensjahr jährlich klinisch untersucht.

Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Zusammenhang:

  • Niedrige Konzentrationen von Vitamin D, insbesondere im mittleren und späten Schwangerschaftsdrittel, gingen mit einem erhöhten Risiko für frühkindliche Karies einher.
  • 23,4 Prozent der Kinder mit Karies: Von den untersuchten Kindern entwickelten 960 Karies, während 3149 kariesfrei blieben.
  • Mit jedem Anstieg des Vitamin-D-Spiegels verringerte sich statistisch signifikant die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind an frühkindlicher Karies erkrankte.

Effekte auf mehreren Ebenen

Als möglichen biologischen Mechanismus für den schützenden Effekt von Vitamin D nennen die Autorinnen und Autoren die Regulation des Calcium- und Phosphathaushalts, der für die Mineralisation von Zahnschmelz und Dentin entscheidend ist. Ameloblasten und Odontoblasten exprimieren Vitamin-D-Rezeptoren, die die Bildung von Schmelzmatrixproteinen steuern, während Vitamin D zusätzlich die immunologische Abwehr gegen kariesverursachende Bakterien stärkt. Neuere Studien deuten darauf hin, dass Vitamin D auch epigenetische Effekte auf Gene der Zahnentwicklung ausübt und die Barrierefunktion der Mundschleimhaut verbessert, wodurch die Zähne zusätzlich geschützt werden.

Aber: Fehlende Daten

Es wurden aber auch einige Limitationen der Studie beschrieben, die die Aussagekraft einschränken: Es fehlten zum einen Daten zu beeinflussenden Faktoren wie die Vitamin-D-Zufuhr der Kinder, Fluoridnutzung oder die Zuckeraufnahme. Und auch die familiäre Kariesgeschichte und die Anzahl von Zahnarztbesuchen ist nicht grundlegend erfasst. Daher plädieren die Forschenden für weitere, groß angelegte Studien zu dem Thema.

Plädoyer für entsprechende Vorsorge

Die Autorinnen und Autoren unterstreichen die Bedeutung einer ausreichenden Vitamin-D-Versorgung bereits vor und während der gesamten Schwangerschaft, insbesondere in den kritischen Phasen der Zahnmineralisation, um die Kariesanfälligkeit der Kinder zu reduzieren. Höhere mütterliche Vitamin-D-Spiegel, besonders im mittleren und späten Drittel, schützen Kinder statistisch signifikant vor frühkindlicher Karies und senken deren Schweregrad. Daher raten die Forschenden, Vitamin-D-Messungen und eine gezielte Supplementierung in die routinemäßige Schwangerschaftsvorsorge zu integrieren.

 

Originalpublikation:
Xu N, Chen Z, Wang B, et al. Vitamin D Levels During Pregnancy and Dental Caries in Offspring. JAMA Netw Open. 2025;8(12):e2546166. doi:10.1001/jamanetworkopen.2025.46166

Neue Leitlinie: Intraoralscan in der Zahnmedizin

Es gibt eine neue Leitlinie zu „Intraoralscan in der Zahnmedizin“. Sie soll der Definition von prinzipiellen Rahmenbedingungen bei der Anwendung von Intraoralscannern innerhalb der Zahnmedizin und der Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie dienen und dazu auch konkrete Handlungsempfehlungen aufzeigen.

Die von der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) herausgegebene Leitlinie auf S2k-Niveau richtet sich vornehmlich an Zahnärzte, Fachzahnärzte aller Fachdisziplinen, Ärzte für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie sowie Zahntechniker und Zahnmedizinische Fachangestellte. Patientenzielgruppe sind sowohl Erwachsene als auch Kinder und Jugendliche.

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick (im Wortlaut der Leitlinie):

Empfehlung 1 (neu/2025): Folgende klinische Parameter sollten während des Scanvorgangs beachtet werden, da sie die Qualität des Scanergebnisses positiv beeinflussen:

  • Trockenes Arbeitsumfeld
  • Vermeidung von Streulicht
  • Ausreichende Mundöffnung
  • Adäquate Sichtbarkeit relevanter Strukturen (z. B. Präparationsgrenze)
  • Adäquate Scanbarkeit/Zugänglichkeit relevanter Strukturen (z. B. Approximalbereiche, Scanbodys, Zahnersatz-Materialien)

Empfehlung 4 (neu/2025): Anwender sollten sich bei der Wahl des Intraoralscanners hinsichtlich der Leistungsfähigkeit und Möglichkeiten der Datenweiterverarbeitung ausführlich informieren.

Statement 3 (neu/2025): Bei der Anwendung von Intraoralscannern gelten dieselben Anforderungen an die Ergebnisqualität der Arbeitsunterlagen wie für analoge Abformungen.

Empfehlung 11 (neu/2025): Für die Qualität des Endergebnisses einer zahnärztlichen Behandlung auf Basis eines Intraoralscans sind neben dem grundlegenden Intraoralscan auch die Qualität der Schnittstellen sowie die Leistungsfähigkeit der weiterführenden Technologien entscheidend und sollten kritisch geprüft werden.

Zur Leitlinie:

S2k-Leitlinie „Intraoralscan in der Zahnmedizin“

 

Deutsche Gesellschaft für Zahn- Mund- und Kieferheilkunde: Zucker fördert Entzündungen – trotz Zähneputzen

Selbst eine sorgfältige Zahnpflege könne die negativen Folgen eines hohen Zuckerkonsums nicht vollständig ausgleichen, betont die Deutsche Gesellschaft für Zahn- Mund- und Kieferheilkunde mit Verweis auf aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse.

Zucker sei nicht nur ein Auslöser für Karies – er treibe Entzündungen im Mund und im gesamten Körper an. Zwar sei Karies in Deutschland dank Präventionsprogrammen und Fluoridierung deutlich zurückgegangen, doch auch bei guter Mundhygiene könne ein dauerhaft hoher Zuckerkonsum Zahnfleischentzündungen begünstigen und stehe zudem in engem Zusammenhang mit Volkskrankheiten wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Adipositas.

„Die Daten zeigen klar, dass wir Prävention breiter denken müssen“, stellte DGZMK-Präsident Prof. Dr. Dr. Peter Proff klar. „Wenn Ernährungsfaktoren entzündliche Erkrankungen beeinflussen, brauchen wir neben individueller Aufklärung auch strukturelle Maßnahmen, die den Zuckerkonsum in der Bevölkerung wirksam reduzieren. Mundgesundheit ist Teil der Allgemeingesundheit – und Prävention bedeutet mehr als Mundhygiene.“

Mundgesundheit wird vor allem durch Ernährung beeinflusst
„Eine gute Mundhygiene ist durchaus effektiv“, verdeutlichte Prof. Dr. Johan Wölber, Ernährungsmediziner und Leiter des Bereichs Parodontologie am Universitätsklinikum Dresden. „Doch Zähneputzen ist evolutionsbiologisch betrachtet ein junges kulturelles Hilfsmittel. Die Mundgesundheit wird grundsätzlich vor allem aber durch unsere Ernährung beeinflusst.“

Die viel zitierte „Steinzeit-Studie“ [Baumgartner et al., 2009] zeige: Das klassische Modell „mehr Plaque gleich mehr Entzündung“ lasse sich unter bestimmten Ernährungsbedingungen nicht bestätigen. In dieser Studie verzichteten Probanden vier Wochen lang auf moderne Mundhygiene, ernährten sich aber ohne raffinierten Zucker und stark verarbeitete Kohlenhydrate. Obwohl sich mehr Zahnbelag bildete, gingen Zahnfleischbluten und Entzündungszeichen deutlich zurück.

Auch Analysen historischer Zahnsteinproben belegen der DGZMK zufolge, dass sich das Mundmikrobiom mit der Industrialisierung und steigendem Zuckerkonsum deutlich verändert hat [Alt et al., 2022]. Zahnbelag sei aus biologischer Sicht normal – die dauerhaft hohe Zuckerexposition hingegen nicht.

Weniger Zucker – weniger Zahnfleischentzündung

Die DGZMK verweist auch auf eine aktuelle wissenschaftliche Übersichtsarbeit mit Metaanalyse [Woelber et al., 2023], wonach die Reduktion freier Zucker signifikant mit weniger Zahnfleischentzündung verbunden ist. Bereits 2019 hatte demnach eine klinische Studie nachgewiesen, dass eine vierwöchige zuckerarme, entzündungshemmende Ernährung Zahnfleischbluten deutlich senken kann – selbst ohne Zahnpflege [Woelber et al., 2019].

Zucker wirke dabei doppelt: Im Mund fördere er Stoffwechselprozesse von Bakterien. Gleichzeitig löse er im Körper Blutzuckerspitzen aus, die entzündliche Reaktionen verstärken. Chronische, niedriggradige Entzündung gelten heute als gemeinsamer Risikofaktor für Parodontitis, Typ-2-Diabetes, Fettleibigkeit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sowie sogar für Tumor- und Demenzerkrankungen.

Dank der modernen Zahnmedizin seien 78 Prozent der Zwölfjährigen in Deutschland heute kariesfrei [DMS 6], zugleich konsumiere die Bevölkerung durchschnittlich rund 100 Gramm Zucker pro Tag – 4-mal so viel wie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen [Fischbacher et al., 2025].

„Es ist heute möglich, kariesfreie Zähne zu haben und dennoch ernährungsbedingte Gesundheitsrisiken zu entwickeln“, betonte Wölber. „Wenn wir über Mundgesundheit sprechen, müssen wir auch über Ernährung sprechen.“

Eine Sensibilisierung für übermäßigen Zuckerkonsum wäre konsequent

Vor diesem Hintergrund sieht auch die DGZMK gesundheitspolitischen Handlungsbedarf in Sachen einer Reduktion von Zucker in Softgetränken. Während das Vereinigte Königreich nach Einführung einer Zuckersteuer den Zuckergehalt in Softdrinks um 29 Prozent senkte, blieb Deutschland mit freiwilligen Vereinbarungen bei einer Reduktion von nur zwei Prozent [von Philipsborn et al., 2023].

„Wir haben gesellschaftlich gelernt, Tabakkonsum kritisch zu hinterfragen“, bilanzierte Wölber. „Rauchen ist heute nicht mehr normal. Eine ähnliche Sensibilisierung für übermäßigen Zuckerkonsum wäre der nächste konsequente Schritt.“

[1] Baumgartner S, Imfeld T, Schicht O, Rath C, Persson RE, Persson GR. The impact of the stone age diet on gingival conditions in the absence of oral hygiene. J Periodontol. 2009 May;80(5):759-68. doi: 10.1902/jop.2009.080376.
[2] Alt KW, Al-Ahmad A, Woelber JP. Nutrition and Health in Human Evolution-Past to Present. Nutrients. 2022 Aug 31;14(17):3594. doi: 10.3390/nu1417359
[3] Woelber JP, Gebhardt D, Hujoel PP. Free sugars and gingival inflammation: A systematic review and meta-analysis. J Clin Periodontol. 2023 Sep;50(9):1188-1201. doi: 10.1111/jcpe.13831.
[4] Woelber JP, Gärtner M, Breuninger L, Anderson A, König D, Hellwig E, Al-Ahmad A, Vach K, Dötsch A, Ratka-Krüger P, Tennert C. The influence of an anti-inflammatory diet on gingivitis. A randomized controlled trial. J Clin Periodontol. 2019 Apr;46(4):481-490. doi: 10.1111/jcpe.13094.
[5] IDZ (Institut der Deutschen Zahnärzte): 6. Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS 6). Köln, 2025. Verfügbar unter:
[6] Fischbacher et al.: „Zuckersteuer – Wie lange können wir es uns noch leisten, nichts zu tun?“, Aktuel Ernährungsmed 2025; 50: 29-35, Thieme
[7] Jevdjevic M, Trescher AL, Rovers M, Listl S. The caries-related cost and effects of a tax on sugar-sweetened beverages. Public Health. 2019 Apr;169:125-132. doi: 10.1016/j.puhe.2019.02.010.
[8] von Philipsborn P, Huizinga O, Leibinger A, Rubin D, Burns J, Emmert-Fees K, Pedron S, Laxy M, Rehfuess E. Interim Evaluation of Germany’s Sugar Reduction Strategy for Soft Drinks: Commitments versus Actual Trends in Sugar Content and Sugar Sales from Soft Drinks. Ann Nutr Metab. 2023;79(3):282-290. doi: 10.1159/000529592.

Magnetpartikelbildgebung

Neue Bildgebung erstmals am Menschen getestet

Vor 131 Jahren hatte der Physiker Wilhelm Conrad Röntgen in Würzburg erstmals Röntgenstrahlung genutzt, um die Hand seiner Frau zu durchleuchten. Nun waren es abermals Forschende aus Würzburg, die eine neue Bildgebung testeten: Einer von ihnen hielt seinen Arm für die neue Methode hin – die Magnetpartikelbildgebung (MPI).

 

Forschende der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und des Universitätsklinikums Würzburg haben erstmals die Magnetpartikelbildgebung (MPI) am Menschen eingesetzt. Das neuartige Verfahren ermöglicht eine strahlungsfreie Darstellung von Blutgefäßen in Echtzeit und könnte künftig neue Möglichkeiten für diagnostische und interventionelle Eingriffe eröffnen. In einer Machbarkeitsdemonstration stellten die Forschenden Gefäße im Arm des Physikers Dr. Patrick Vogel dar – dieser war einer der Forschenden selbst.

„Wenn man eine neue Bildgebung erstmals am Menschen erprobt, möchte man natürlich selbst erfahren, wie sich das anfühlt. Für mich war es daher selbstverständlich, auch als erster Proband zur Verfügung zu stehen“, berichtet Vogel, der maßgeblich an der Entwicklung der Technologie beteiligt war.

Gefäße im Arm sichtbar gemacht

In der Studie, die momentan als Peer-Review-Artikel zu lesen ist, injizierten die Forschenden klinisch zugelassene Eisenoxid-Nanopartikel und erfassten deren Verteilung mit dem speziell entwickelten MPI-Scanner. Zum Vergleich führten sie zusätzlich eine digitale Subtraktionsangiografie (DSA) durch, die derzeitige Standardmethode zur Gefäßdarstellung mittels Röntgenstrahlung.

Mithilfe der MPI konnten sowohl oberflächliche als auch tiefere Venen des Arms einschließlich ihrer Verzweigungen dargestellt werden. Die Bildrate lag bei zwei Bildern pro Sekunde und damit im Bereich etablierter angiografischer Verfahren.

„Die Bilder zeigen, dass wir die relevanten Gefäßstrukturen und den Blutfluss in Echtzeit darstellen können“, erklärt der Radiologe Dr. Viktor Hartung vom Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie des Universitätsklinikums Würzburg. „Das eröffnet perspektivisch neue Möglichkeiten für interventionelle Eingriffe – ohne Strahlenbelastung.“

Nanopartikel statt Strahlung

Die Magnetpartikelbildgebung gehört zu einer neuen Generation bildgebender Verfahren und nutzt weder Röntgenstrahlung noch radioaktive Tracer. Stattdessen werden winzige magnetische Eisenoxid-Nanopartikel als Kontrastmittel in die Blutbahn injiziert und anschließend mithilfe spezieller Magnetfelder bildlich dargestellt.

Ein entscheidender Vorteil: Das Verfahren registriert ausschließlich die Nanopartikel selbst, während das umliegende Gewebe kein Hintergrundsignal erzeugt. Dadurch entstehen auch ohne ionisierende Strahlung besonders kontrastreiche Bilder mit hoher zeitlicher Auflösung.

Meilenstein nach zwei Jahrzehnten Forschung

Die erste Anwendung am Menschen markiert für die Würzburger Forschenden einen wichtigen Meilenstein nach rund 20 Jahren Entwicklungsarbeit, in denen sie physikalische Grundlagen erforschten, experimentelle Scanner bauten und die Technologie schrittweise in ein klinisches Umfeld überführten.
„Dass wir diese Technologie nun erstmals am Menschen demonstrieren konnten, ist ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur klinischen Anwendung der Magnetpartikelbildgebung“, betont Vogel. „Damit zeigen wir, dass MPI nicht nur im Labor funktioniert, sondern auch unter realen klinischen Bedingungen eingesetzt werden kann.“

 

Originalpublikation:
P. Vogel, T. Kampf, M.A. Rückert, J. Günther, T. Reichl, T.A. Bley, V.C. Behr, P. Gruschwitz , V. Hartung,
First in-vivo human magnetic particle imaging, Preprint, https://arxiv.org/pdf/2603.12010 (derzeit im Peer-Revie-Prozess) 

Diese Tipps helfen im Umgang mit ängstlichen Patienten!

Angst vor den Instrumenten, Schmerzen oder dem Kontrollverlust? Zum Glück gibt es für Zahnärztinnen und Zahnärzte etliche Strategien, um die Nerven ihrer Patienten zu beruhigen. Diese Tipps geben Experten.

Christina Pastan, Assistenzprofessorin für Endodontie und Leiterin des Bereichs Mind-Body-Wellness, und ihr Kollege Edward Lahey, Leiter der Abteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie an der Tufts University School of Dental Medicine, in Boston, Massachusetts, USA, erklären, wie man Patienten helfen kann, ihre Angst vor dem Zahnarztbesuch zu überwinden.

Diese Strategien empfehlen sie:

  • Ermutigen Sie Ihre Patienten, ihre Ängste Ihnen gegenüber offen anzusprechen. Nehmen Sie die vorgetragenen Bedenken ernst und erklären Sie jeden Schritt der Behandlung sowie alle Möglichkeiten der Schmerzlinderung. Das Ansprechen von Unsicherheit – selbst in letzter Minute – kann verhindern, dass die Furcht eskaliert.
  • Bitten Sie die Patienten, Ihnen ihre vollständige Krankengeschichte mitzuteilen, denn sie gibt Aufschluss über die Strategien zur Angstbewältigung in der Vergangenheit. Außerdem ist es für den behandelnden Zahnarzt natürlich wichtig, alle Medikamente zu kennen, die ein Patient regelmäßig einnimmt, um mögliche Wechselwirkungen zu vermeiden.

  • Wenn Patienten am Tag ihres Besuchs nervös sind, bitten Sie sie, ihre Sorgen, frühere Erfahrungen beim Zahnarzt und Bedenken bezüglich ihrer Medikamente im Vorfeld mit klarem Kopf aufzuschreiben, denn man ist bekanntlich nicht in Bestform, wenn man Angst hat.

  • Geben Sie ihnen zu verstehen, dass sie sich nicht wie das Opfer auf dem Stuhl fühlen sollen, im Gegenteil: Der Patient ist der wichtigste Part der Interaktion.

  • Bitten Sie ängstliche Patienten, die Augen zu schließen. Bei Eingriffen an Fuß oder Arm kann man den Kopf wegdrehen. Das ist bei zahnärztlichen Behandlungen nicht möglich. Das Schließen der Augen kann die visuelle Belastung – zum Beispiel bei Injektionen – reduzieren.

  • Leiten Sie furchtsame Patienten an, durch die Nase zu atmen. Zahnärztliche Instrumente können die Mundatmung erschweren und Panik auslösen. Wer doppelt so lange aus- wie einatmet, aktiviert das parasympathische Nervensystem – dadurch beruhigt sich der Herzschlag und die Atmung vertieft sich.

  • Strahlen Sie Zuversicht aus und präsentieren Sie einen Behandlungsplan: Vertrauen wirkt beruhigend.

  • Patienten fühlen sich manchmal in eine Entscheidung gezwungen. Signalisieren Sie Ihren Patienten: Es ist nie zu spät, Fragen zu stellen, auch nicht während des Termins!

  • Eltern sollten ihre eigene Angst im Griff behalten, weil sie sich leicht auf das Kind übertragen kann.

Diabetesdiagnostik beim Zahnarzttermin ist sehr sinnvoll!

King’s College London untersucht Nutzen eines Chairside-Bluttests zur Diabetes-Früherkennung

Bei einem Drittel der Patienten, die in Großbritannien eine zahnärztliche Kontrolluntersuchung absolvierten, wurde ein HbA1c-Wert im Diabetes- oder Prädiabetes-Bereich festgestellt – ohne dass sie von ihrer Erkrankung wussten.

Schätzungen zufolge könnten in Großbritannien rund 1,3 Millionen Menschen mit einem unentdeckten Diabetes Typ 2 leben. Eine neue Studie des King’s College London hat deshalb den möglichen Nutzen eines Chairside-Bluttests zur Diabetes-Früherkennung in der Zahnarztpraxis untersucht.

In der bislang größten britischen Studie dieser Art wurde bei Patienten des Guy’s and St Thomas‘ NHS Foundation Trust während routinemäßiger zahnärztlicher Termine der HbA1c-Wert mittels eines Bluttests ermittelt. Dieser Test misst den durchschnittlichen Blutzuckerspiegel der letzten acht bis zwölf Wochen (Langzeitblutzucker) und dient der Diabetesdiagnostik.

Für die Studie wurde die medizinische und zahnärztliche Anamnese von insgesamt 911 Patienten erhoben. Der HbA1c-Test wurde direkt am Behandlungsstuhl durchgeführt und mit den parodontalen klinischen Daten korreliert. Höhere HbA1c-Spiegel wurden insbesondere bei Patienten mit schwererer Parodontitis beobachtet.

Von den 911 Patienten waren 6,0 Prozent parodontal gesund, 11,3 Prozent litten an Gingivitis und 82,7 Prozent an Parodontitis im Stadium I bis IV. 104 Patienten gaben an, an Diabetes Typ 2 erkrankt zu sein. Der mittlere HbA1c-Wert betrug 5,71 ± 0,94 Prozent. Unter Ausschluss derjenigen, die angaben, an Diabetes Typ 2 erkrankt zu sein, befanden sich 227 Personen (28,7 Prozent) im Prädiabetes-Bereich (HbA1c-Wert zwischen 5,7 und 6,3 Prozent) und 58 Personen (7,3 Prozent) im Diabetes-Bereich.

Die HbA1c-Werte stiegen von der Diagnose parodontale Gesundheit (5,43 ± 0,51 Prozent) über die Gingivitis (5,51 ± 0,91 Prozent) bis zur Parodontitis (5,76 ± 0,97 Prozent) an (p = 0,004). Die adjustierte lineare Regression zeigte einen signifikanten Zusammenhang zwischen Alter und HbA1c (p < 0,001) sowie einen grenzwertigen Zusammenhang mit der Parodontitis-Diagnose (p = 0,054).

Die meisten Patienten waren von den hohen HbA1c-Werten überrascht

Erstautor Prof. Mark Ide hebt den Nutzen des Bluttests heraus: „Wenn der Test hohe HbA1c-Werte aufdeckt, können Patienten ihren Hausarzt konsultieren, um sich weiter untersuchen zu lassen. Dies ist etwas, was sie vielleicht ohne das Screening beim Zahnarzt nicht getan hätten. Die meisten Patienten in unserer Studie waren überrascht, dass sie erhöhte HbA1c-Spiegel hatten, und hatten keine Ahnung, dass sie Prä-Diabetes oder Diabetes haben könnten.“

In diesem Sinne, so die Schlussfolgerung der Studienautoren, bietet das Screening in der Zahnarztpraxis eine gute Gelegenheit, bislang unentdeckten Diabetes zu diagnostizieren.

Ide M. et al., Association between HbA1c chairside values and periodontitis, Journal of Dentistry, Volume 167, 2026, 106563, ISSN 0300-5712, https://doi.org/10.1016/j.jdent.2026.106563.

„Zahnsanierung vor Herzklappenersatz“

Die S2k-Leitlinie „Zahnsanierung vor Herzklappenersatz“ wurde aktualisiert. Die dritte Fassung der Empfehlungssammlung enthält nun acht neue Empfehlungen sowie zwei neue Statements. Zum ersten Mal ist beispielsweise „der optimale Zeitpunkt der konsiliarischen Beurteilung vor dem Herzklappenersatz und die Dauer sowie Frequenz der zahnärztlichen Kontrollen nach Herzklappenersatz definiert“ worden.

Unter „Zahnsanierung vor Herzklappenersatz“ wird in der Leitlinie, die unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (DGMKG) und der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) erstellt wurde, „eine oder mehrere Maßnahmen zur Elimination akuter und/ oder chronischer Entzündungsgeschehen verstanden mit dem Ziel einer Behandlungsfreiheit nach dem Herzklappenersatz für mindestens sechs Monate“.

Zielgruppe

Die Leitlinie richtet sich vornehmlich an Zahnärzte (Fachzahnärzte für Oralchirurgie/ Fachzahnärzte für Parodontologie/ spezialisierte Zahnärzte für Endodontologie, Parodontologie und Implantologie) sowie Fachärzte für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und Fachärzte für Herzchirurgie. Sie ist aber auch als Information für Kardiologen gedacht.

Themen

Um Redundanzen zu vermeiden, wurde die Leitlinie den Autoren zufolge in Teilen neu gegliedert: Themen der nun vorliegenden Leitlinie sind beispielsweise die „Inzidenz dentogener Endokarditiden nach Herzklappenersatz“, die „Mundhöhle als Quelle einer Endokarditis nativer und ersetzter Herzklappen“, der „Einfluss der Technik des Herzklappenersatzes (offenchirurgisch versus interventionell kathetergestützt) auf die Inzidenz und Verteilung der bakteriellen Besiedlung einer Endokarditis“, „evidenzbasierte Kriterien zur Erhaltungswürdigkeit von Zähnen“, die „evidenzbasierte Diagnostik (klinisch/radiologisch) als Mindestanforderung zur Beurteilung der Erhaltungswürdigkeit von Zähnen“ oder der „Einfluss der oralen Hygiene auf die Inzidenz der bakteriellen Endokarditis“.

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick:

Für die Risiko-Stratifizierung und die Behandlungsempfehlung sollten die Dokumente zur Anamnese und zur spezifischen kardialen Vorgeschichte zur Verfügung stehen.

Als notwendige Untersuchungen zur Therapieentscheidung sollen durchgeführt werden:

  • Inspektion,
  • Sensibilitätstest der Zähne,
  • Kontrolle der Sondierungstiefen (empfohlen: PSI), wenn nicht durch vorangegangene Untersuchungen festgestellt wurde, dass eine sanierungsbedürftige Parodontitis vorliegt,
  • Röntgenuntersuchung unter vollständiger Darstellung der Zähne inklusive der periapikalen Region und Darstellung relevanter umgebender anatomischer Strukturen, ggf. unter Einbeziehung früherer Aufnahmen zur Verlaufskontrolle.

Alle beteiligten Disziplinen sollten gemeinsam und interdisziplinär eine geeignete, patientenindividuelle Vorgehensweise festlegen und dabei alle potentiell relevanten Versorgungsaspekte abwägen.

Um die Mundhygiene der Patienten vor Herzklappenersatz zu optimieren, sollen individuell angepasste Techniken und Hilfsmittel empfohlen werden. Die Patienten sollten die richtige Anwendung dieser Hilfsmittel ggf. mit professioneller Unterstützung und Übungen erlernen.

Es sollte, wenn es die allgemeine und kardiale Krankheitssituation des Patienten zulässt, ein ausreichendes Intervall (bei Eröffnung der Schleimhaut, wenn möglich, 10 bis 30 Tage) zwischen indiziertem Herzklappenersatz und dennoch notwendiger Zahnsanierung beachtet werden.

Nach einem Herzklappenersatz sollten die Patienten zur regelmäßigen zahnärztlichen Nachsorge (Recall-System) beim behandelnden Zahnarzt, Oralchirurgen oder Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen für das erste postinterventionelle Jahr möglichst vierteljährlich einbestellt werden, um die alltäglichen Bakteriämieraten so gering wie möglich zu halten und um den Erfolg häuslicher Mundhygienemaßnahmen (Zähneputzen und Interdentalhygiene) zu überprüfen.

Bei invasiven dentalen Prozeduren sollte und bei moderaten dentalen Prozeduren kann eine Antibiotikaprophylaxe erfolgen.

Clindamycin kann häufigere und schwerwiegendere Nebenwirkungen hervorrufen als andere Antibiotika, die für eine Antibiotikaprophylaxe verwendet werden. Bei einer Unverträglichkeit von Penicillin oder Ampicillin sollte somit Cephalexin, Azithromycin/Clarithromycin, Doxycyclin oder Cefazolin/Ceftriaxon verordnet werden.

Zur Leitlinie:

DGMKG, DGZMK: „Zahnsanierung vor Herzklappenersatz“, Langfassung 2025, Version 3.0, AWMF-Registriernummer: 007-096

Wundheilung: Kuscheln kuriert

Zärtlichkeit tut nicht nur der Seele gut: Körperliche Nähe kann Heilungsprozesse fördern. Besonders kleine Wunden heilen dank Oxytocin schneller. Gehen Umarmungen also buchstäblich unter die Haut?

Dass stabile Beziehungen gesund sind, gilt heute als gut belegt. Menschen mit verlässlichen sozialen Bindungen leben im Durchschnitt längererkranken seltener und scheinen Belastungen und Stress besser zu verkraften. Doch große Bevölkerungsstudien zeigen meist „nur“ statistische Assoziationen. Damit bleibt eine entscheidende Frage offen: Wie genau wirkt sich körperliche Nähe physiologisch auf den Gesundheitszustand aus?

Genau dieser Mechanismus stand im Zentrum einer klinischen Studie, die ein Forschungsteam unter Leitung der Medizinischen Fakultät Heidelberg und des Universitätsklinikums Heidelberg gemeinsam mit Partnern aus Zürich, Freiburg und Chile durchgeführt hat. Ihre Ergebnisse: Körperliche Zuwendung innerhalb der Partnerschaft kann die Heilung kleiner Hautwunden messbar beschleunigen – besonders, wenn Teilnehmer zusätzlich Oxytocin erhalten. Da es sich um eine randomisierte Placebo-kontrollierte klinische Studie handelt, sind dabei nicht nur Assoziationen, sondern auch kausale Rückschlüsse möglich: Nähe und Zuwendung wirken demnach nicht nur „gefühlt“ positiv, sondern können Heilungsprozesse im Körper nachweisbar unterstützen.Das Kuschelhormon im RealitätscheckZum Hintergrund: Oxytocin ist ein Molekül, das oft als „Kuschelhormon“ bezeichnet wird. In der Wissenschaft gilt es als Botenstoff bei sozialer Bindung, Vertrauen und zur Stressregulation. Seit Jahren diskutieren Forscher, ob Oxytocin positive Beziehungserfahrungen in körperliche Vorteile übersetzt. Bisher gab es jedoch kaum belastbare Daten zur Frage, ob Oxytocin beim Menschen tatsächlich körperliche Prozesse beeinflusst, etwa die Wundheilung. Tierstudien deuteten darauf hin, lieferten aber kein klares Bild. Nun liegen erstmals Resultate einer aufwändigen Humanstudie vor.Für ihre Untersuchung rekrutierten Forscher 80 junge, gesunde, heterosexuelle Paare mit einem Durchschnittsalter von rund 28 Jahren. Insgesamt nahmen damit 160 Personen an der Studie teil. Im Labor erhielten sie kleine, standardisierte Hautverletzungen am Unterarm: sogenannte Suction-Blister-Wunden. Diese künstlich erzeugte Hautblasen entstehen durch Unterdruck (Suction). Dabei wird die Epidermis durch Sog von der darunterliegenden Dermis abgehoben. Es bildet sich eine Blase, gefüllt mit Wundflüssigkeit. Diese Methode ist in der Forschung etabliert, weil sie reproduzierbar ist und weil der Heilungsverlauf zuverlässig dokumentiert werden kann.

Kuscheln als Intervention

Nach dieser kontrollierten Ausgangssituation startete das eigentliche Projekt. Die Teilnehmer erhielten über mehrere Tage hinweg zweimal täglich ein Nasenspray – entweder mit Oxytocin oder ein wirkstofffreies Placebo. Weder die Paare noch die Forscher wussten, wer welches Spray bekam. Zusätzlich wurde die Hälfte der Teilnehmer zu einer kurzen, strukturierten Kommunikationsübung angeleitet, dem sogenannten Partner Appreciation Task, einem standardisierten Interaktionsformat für Paare.

Das vielleicht spannendste Element der Studie spielte sich jedoch nicht im Labor ab, sondern im Alltag. Mehrmals täglich dokumentierten die Teilnehmer per Smartphone, ob sie Kontakt mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin hatten – und in welcher Form. Dabei reichte das Spektrum von alltäglichen Gesprächen bis hin zu Konfliktsituationen. Besonders im Fokus standen zärtliche Berührungen und Sexualität. Parallel dazu erfasste das Forschungsteam die Stressbelastung subjektiv durch Selbstauskünfte und objektiv über Speichelproben zur Cortisol-Messung.

Der Schlüssel liegt im Zusammenspiel

Weder Oxytocin allein noch die Kommunikationsübung für sich genommen beschleunigten die Wundheilung in statistisch signifikanter Weise. Ein messbarer Effekt trat erst auf, wenn Oxytocin mit positiven sozialen Interaktionen zusammenkam. In den Hauptanalysen zeigte sich, dass Paare, die Oxytocin erhielten und zusätzlich an der strukturierten Wertschätzungsaufgabe teilnahmen, eine bessere Wundheilung aufwiesen als die Kontrollgruppen. Noch deutlicher wurde dieser Zusammenhang jedoch außerhalb des Labors – in der Alltagsrealität der Teilnehmer. Wenn die Oxytocin-Gabe mit Intimität zusammenfiel, also mit häufigen zärtlichen Berührungen und Sexualität, war die Wunde messbar weniger belastet und heilte schneller ab.

Die Forscher konnten nicht nur die Wundheilung erfassen, sondern auch den Stress der Teilnehmer im Alltag. Und auch hier zeigte sich ein Muster, das in dieselbe Richtung weist. Besonders auffällig waren die Cortisolwerte: Mehr Sexualität ging mit niedrigeren Cortisolspiegeln einher – ein deutlicher Hinweis darauf, dass intime Nähe den Körper biochemisch tatsächlich entlasten kann. Das ist relevant, weil Stress als einer der wichtigsten Gegenspieler der Wundheilung gilt. Er beeinflusst Immunreaktionen, bremst Regenerationsprozesse und kann entzündliche Abläufe verstärken. Wenn Nähe also Stress verringert, könnte genau darin ein indirekter Mechanismus liegen, über den partnerschaftliche Beziehungen buchstäblich „heilend“ wirken.

Die Auswertung spricht dafür, dass Intimität vor allem dann entsteht, wenn Menschen bereits entspannter sind: Eine niedrigere Stresswahrnehmung ging häufig zärtlichen Kontakten und Sexualität voraus. Das widerspricht nicht unbedingt der Vorstellung, dass Menschen in belastenden Situationen Nähe suchen. Es zeigt aber, wie sehr Intimität offenbar auch ein Gefühl von Sicherheit und Ruhe braucht.

Was sich daraus (noch) nicht ableiten lässt

So faszinierend die Ergebnisse auch sind, sie müssen mit der nötigen Vorsicht eingeordnet werden. Die Autoren weisen selbst auf mehrere Einschränkungen hin: So wurde die Wundheilung nur zu zwei Zeitpunkten gemessen. Auch nahmen nur junge, gesunde Paare an der Studie teil. Methodisch ist das sinnvoll, weil so medizinische Störfaktoren ausgeschlossen wurden. Gleichzeitig bedeutet das aber auch, dass sich die Resultate nicht ohne Weiteres auf ältere Menschen, chronisch Erkrankte oder Personen ohne stabile Partnerschaft übertragen lassen.

Hinzu kommt, dass die beobachteten Effekte insgesamt moderat ausfielen. Sie ändern nichts an dem medizinischen Grundprinzip, dass die Wundheilung ein hochkomplexer Prozess ist, der von Ernährung, Immunsystem, Infektionen, Schlaf und vielen weiteren Faktoren beeinflusst wird. Dennoch machen die Daten etwas sichtbar, das im Gesundheitssystem oft unterschätzt wird: Beziehungen sind ein ernstzunehmender Einflussfaktor für die Gesundheit.

Quellen:

Cohen et al.: Social ties and susceptibility to the common cold. JAMA, 1997. doi: 10.1001/jama.1997.03540480040036

Holt-Lunstad et al.: Social Relationships and Mortality Risk: A Meta-analytic Review. PLOS Medicine, 2010. doi: 10.1371/journal.pmed.1000316

House et al.: Social Relationships and Health. Science, 1988. doi: 10.1126/science.3399889

Schneider et al.: Intranasal Oxytocin and Physical Intimacy for Dermatological Wound Healing and Neuroendocrine Stress. JAMA Psychiatry, 2025. doi: 10.1001/jamapsychiatry.2025.3705

MacDonald et al.: Performing Suction Blister Skin Biopsies. Curr Protoc., 2025. doi: 10.1002/cpz1.1073

Olff et al.: The role of oxytocin in social bonding, stress regulation and mental health: an update on the moderating effects of context and interindividual differences. Psychoneuroendocrinology, 2013. doi: 10.1016/j.psyneuen.2013.06.019

Vitalo et al.: Nest Making and Oxytocin Comparably Promote Wound Healing in Isolation Reared Rats. PLOS One, 2009. doi: 10.1371/journal.pone.0005523