Wundheilung: Kuscheln kuriert

Zärtlichkeit tut nicht nur der Seele gut: Körperliche Nähe kann Heilungsprozesse fördern. Besonders kleine Wunden heilen dank Oxytocin schneller. Gehen Umarmungen also buchstäblich unter die Haut?

Dass stabile Beziehungen gesund sind, gilt heute als gut belegt. Menschen mit verlässlichen sozialen Bindungen leben im Durchschnitt längererkranken seltener und scheinen Belastungen und Stress besser zu verkraften. Doch große Bevölkerungsstudien zeigen meist „nur“ statistische Assoziationen. Damit bleibt eine entscheidende Frage offen: Wie genau wirkt sich körperliche Nähe physiologisch auf den Gesundheitszustand aus?

Genau dieser Mechanismus stand im Zentrum einer klinischen Studie, die ein Forschungsteam unter Leitung der Medizinischen Fakultät Heidelberg und des Universitätsklinikums Heidelberg gemeinsam mit Partnern aus Zürich, Freiburg und Chile durchgeführt hat. Ihre Ergebnisse: Körperliche Zuwendung innerhalb der Partnerschaft kann die Heilung kleiner Hautwunden messbar beschleunigen – besonders, wenn Teilnehmer zusätzlich Oxytocin erhalten. Da es sich um eine randomisierte Placebo-kontrollierte klinische Studie handelt, sind dabei nicht nur Assoziationen, sondern auch kausale Rückschlüsse möglich: Nähe und Zuwendung wirken demnach nicht nur „gefühlt“ positiv, sondern können Heilungsprozesse im Körper nachweisbar unterstützen.Das Kuschelhormon im RealitätscheckZum Hintergrund: Oxytocin ist ein Molekül, das oft als „Kuschelhormon“ bezeichnet wird. In der Wissenschaft gilt es als Botenstoff bei sozialer Bindung, Vertrauen und zur Stressregulation. Seit Jahren diskutieren Forscher, ob Oxytocin positive Beziehungserfahrungen in körperliche Vorteile übersetzt. Bisher gab es jedoch kaum belastbare Daten zur Frage, ob Oxytocin beim Menschen tatsächlich körperliche Prozesse beeinflusst, etwa die Wundheilung. Tierstudien deuteten darauf hin, lieferten aber kein klares Bild. Nun liegen erstmals Resultate einer aufwändigen Humanstudie vor.Für ihre Untersuchung rekrutierten Forscher 80 junge, gesunde, heterosexuelle Paare mit einem Durchschnittsalter von rund 28 Jahren. Insgesamt nahmen damit 160 Personen an der Studie teil. Im Labor erhielten sie kleine, standardisierte Hautverletzungen am Unterarm: sogenannte Suction-Blister-Wunden. Diese künstlich erzeugte Hautblasen entstehen durch Unterdruck (Suction). Dabei wird die Epidermis durch Sog von der darunterliegenden Dermis abgehoben. Es bildet sich eine Blase, gefüllt mit Wundflüssigkeit. Diese Methode ist in der Forschung etabliert, weil sie reproduzierbar ist und weil der Heilungsverlauf zuverlässig dokumentiert werden kann.

Kuscheln als Intervention

Nach dieser kontrollierten Ausgangssituation startete das eigentliche Projekt. Die Teilnehmer erhielten über mehrere Tage hinweg zweimal täglich ein Nasenspray – entweder mit Oxytocin oder ein wirkstofffreies Placebo. Weder die Paare noch die Forscher wussten, wer welches Spray bekam. Zusätzlich wurde die Hälfte der Teilnehmer zu einer kurzen, strukturierten Kommunikationsübung angeleitet, dem sogenannten Partner Appreciation Task, einem standardisierten Interaktionsformat für Paare.

Das vielleicht spannendste Element der Studie spielte sich jedoch nicht im Labor ab, sondern im Alltag. Mehrmals täglich dokumentierten die Teilnehmer per Smartphone, ob sie Kontakt mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin hatten – und in welcher Form. Dabei reichte das Spektrum von alltäglichen Gesprächen bis hin zu Konfliktsituationen. Besonders im Fokus standen zärtliche Berührungen und Sexualität. Parallel dazu erfasste das Forschungsteam die Stressbelastung subjektiv durch Selbstauskünfte und objektiv über Speichelproben zur Cortisol-Messung.

Der Schlüssel liegt im Zusammenspiel

Weder Oxytocin allein noch die Kommunikationsübung für sich genommen beschleunigten die Wundheilung in statistisch signifikanter Weise. Ein messbarer Effekt trat erst auf, wenn Oxytocin mit positiven sozialen Interaktionen zusammenkam. In den Hauptanalysen zeigte sich, dass Paare, die Oxytocin erhielten und zusätzlich an der strukturierten Wertschätzungsaufgabe teilnahmen, eine bessere Wundheilung aufwiesen als die Kontrollgruppen. Noch deutlicher wurde dieser Zusammenhang jedoch außerhalb des Labors – in der Alltagsrealität der Teilnehmer. Wenn die Oxytocin-Gabe mit Intimität zusammenfiel, also mit häufigen zärtlichen Berührungen und Sexualität, war die Wunde messbar weniger belastet und heilte schneller ab.

Die Forscher konnten nicht nur die Wundheilung erfassen, sondern auch den Stress der Teilnehmer im Alltag. Und auch hier zeigte sich ein Muster, das in dieselbe Richtung weist. Besonders auffällig waren die Cortisolwerte: Mehr Sexualität ging mit niedrigeren Cortisolspiegeln einher – ein deutlicher Hinweis darauf, dass intime Nähe den Körper biochemisch tatsächlich entlasten kann. Das ist relevant, weil Stress als einer der wichtigsten Gegenspieler der Wundheilung gilt. Er beeinflusst Immunreaktionen, bremst Regenerationsprozesse und kann entzündliche Abläufe verstärken. Wenn Nähe also Stress verringert, könnte genau darin ein indirekter Mechanismus liegen, über den partnerschaftliche Beziehungen buchstäblich „heilend“ wirken.

Die Auswertung spricht dafür, dass Intimität vor allem dann entsteht, wenn Menschen bereits entspannter sind: Eine niedrigere Stresswahrnehmung ging häufig zärtlichen Kontakten und Sexualität voraus. Das widerspricht nicht unbedingt der Vorstellung, dass Menschen in belastenden Situationen Nähe suchen. Es zeigt aber, wie sehr Intimität offenbar auch ein Gefühl von Sicherheit und Ruhe braucht.

Was sich daraus (noch) nicht ableiten lässt

So faszinierend die Ergebnisse auch sind, sie müssen mit der nötigen Vorsicht eingeordnet werden. Die Autoren weisen selbst auf mehrere Einschränkungen hin: So wurde die Wundheilung nur zu zwei Zeitpunkten gemessen. Auch nahmen nur junge, gesunde Paare an der Studie teil. Methodisch ist das sinnvoll, weil so medizinische Störfaktoren ausgeschlossen wurden. Gleichzeitig bedeutet das aber auch, dass sich die Resultate nicht ohne Weiteres auf ältere Menschen, chronisch Erkrankte oder Personen ohne stabile Partnerschaft übertragen lassen.

Hinzu kommt, dass die beobachteten Effekte insgesamt moderat ausfielen. Sie ändern nichts an dem medizinischen Grundprinzip, dass die Wundheilung ein hochkomplexer Prozess ist, der von Ernährung, Immunsystem, Infektionen, Schlaf und vielen weiteren Faktoren beeinflusst wird. Dennoch machen die Daten etwas sichtbar, das im Gesundheitssystem oft unterschätzt wird: Beziehungen sind ein ernstzunehmender Einflussfaktor für die Gesundheit.

Quellen:

Cohen et al.: Social ties and susceptibility to the common cold. JAMA, 1997. doi: 10.1001/jama.1997.03540480040036

Holt-Lunstad et al.: Social Relationships and Mortality Risk: A Meta-analytic Review. PLOS Medicine, 2010. doi: 10.1371/journal.pmed.1000316

House et al.: Social Relationships and Health. Science, 1988. doi: 10.1126/science.3399889

Schneider et al.: Intranasal Oxytocin and Physical Intimacy for Dermatological Wound Healing and Neuroendocrine Stress. JAMA Psychiatry, 2025. doi: 10.1001/jamapsychiatry.2025.3705

MacDonald et al.: Performing Suction Blister Skin Biopsies. Curr Protoc., 2025. doi: 10.1002/cpz1.1073

Olff et al.: The role of oxytocin in social bonding, stress regulation and mental health: an update on the moderating effects of context and interindividual differences. Psychoneuroendocrinology, 2013. doi: 10.1016/j.psyneuen.2013.06.019

Vitalo et al.: Nest Making and Oxytocin Comparably Promote Wound Healing in Isolation Reared Rats. PLOS One, 2009. doi: 10.1371/journal.pone.0005523

Semaglutid: Pfunde runter, Penis rauf?

GLP-1-Analoga beeinflussen nicht nur Gewicht und Stoffwechsel positiv, sondern auch die Sexualität. Doch die Effekte auf Libido und erektile Dysfunktion sind nicht einheitlich. Was ist belegt, was ist unklar?

 

GLP-1-Rezeptoragonisten wurden ursprünglich zur Behandlung von Typ-2-Diabetes entwickelt, haben sich jedoch längst als zentrale Säule der modernen Adipositas-Therapie entwickelt. Sie fördern die Gewichtsreduktionverbessern die Insulinsensitivitätwirken antiinflammatorisch und senken das kardiovaskuläre Risiko. Genau diese vielfältigen Effekte beeinflussen auch Mechanismen, die für unsere sexuelle Funktion von zentraler Bedeutung sind – darunter den Hormonhaushalt, die Gefäßfunktion und die fein austarierte Regulation der Hypothalamus-Hypophysen-Achse.

Steigender Testosteron-Spiegel

Testosteron ist der wichtigste hormonelle Treiber der männlichen Libido. Sein Spiegel scheint sich unter GLP-1-RA zu normalisieren. Die bislang umfassendste Evidenz liefert eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse in Andrology. Forscher haben sieben klinische Studien mit insgesamt 680 übergewichtigen oder adipösen Männern, überwiegend mit Typ-2-Diabetes, ausgewertet. Ihr Ergebnis: Unter GLP-1-RA kam es zu einem signifikanten Anstieg des Gesamt-Testosterons und des freien Testosterons, begleitet von höheren Spiegeln des Sexualhormon-bindenden Globulins (SHBG), des luteinisierenden Hormons (LH) und follikelstimulierenden Hormons (FSH). Das Gewicht, der Body Mass Index (BMI), der Taillenumfang (TU) und der HbA1c-Wert gingen, wie zu erwarten, nach unten. Die Autoren fanden dabei eine negative Korrelation zwischen Gewichtsverlust und Testosteronanstieg: Je stärker die Gewichtsabnahme ausfiel, desto ausgeprägter war der hormonelle Effekt.

Ein direkter stimulierender Effekt auf Leydig-Zellen, sprich interstitielle Zellen der Hoden, lässt sich aus den Daten aber nicht ableiten. Vielmehr könnte es sich um eine „Entlastung“ der hormonellen Achse handeln – aufgrund einer niedrigeren Aromatase-Aktivität im Fettgewebe, weniger Entzündung und einer besseren Insulinsensitivität. Damit wäre der Testosteron-Anstieg keine primäre pharmakologische Wirkung von GLP-1-RA, sondern eine Folge anderer Mechanismen.

Erektile Dysfunktionen bessern sich

Weitere Publikationen befassen sich mit der erektilen Dysfunktion (ED). Sie zählt zu den häufigen, aber vielfach unterschätzten mikrovaskulären Komplikationen des Diabetes mellitus. Schätzungen zufolge sind bis zu drei von vier Männern mit Diabetes betroffen. Das Risiko steigt mit zunehmendem Alter und mit der Dauer der Erkrankung.

Eine in Andrology veröffentlichte retrospektive Kohortenstudie schloss Männer mit Typ-2-Diabetes und erektiler Dysfunktion ein, die entweder Metformin allein oder Metformin plus GLP-1-RA bekommen hatten. In der GLP-1-RA-Gruppe verbesserten sich sowohl der IIEF-5-Score als auch die Testosteronwerte signifikant, unabhängig von vielen Begleitfaktoren. Der IIEF-5-Score (International Index of Erectile Function) ist ein kurzer, standardisierter Fragebogen zur Beurteilung der erektilen Funktion. Auch hier gilt, dass die Studie keine Kausalität belegt. Wahrscheinlich spielen verbesserte Endothelfunktionen, der Gewichtsverlust, die bessere glykämische Kontrolle und der steigende Androgenspiegel zusammen. Damit sind GLP-1-RA keine spezifischen Therapeutika für Patienten mit erektiler Dysfunktion. Vielmehr wirken sie, so die Vermutung der Autoren, indirekt.

 

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Übersichtsarbeit in Biomolecules: Die meisten experimentellen und klinischen Studien sprechen für einen positiven Effekt auf die erektile Funktion, vor allem bei Männern mit metabolischer Belastung. Nur deuten einzelne Berichte darauf hin, dass es unter GLP-1-RA auch zu Verschlechterungen der erektilen Dysfunktion kommen kann; die Gründe sind unklar.

Libido, Körperbild, Psyche – die weichen Faktoren

Ein Aspekt, der in Studien oft zu kurz kommt, ist die Libido. Daten aus Nutzerberichten zeigen, dass manche Anwender nach der Einnahme von GLP-1-RA eine Zunahme der Libido berichten (oft in Verbindung mit Gewichtsverlust und verbessertem Körperbild), während andere über eine Abnahme des sexuellen Verlangens klagen. Die Angaben wurden von verschiedenen sozialen Plattformen erhoben und ausgewertet.

GLP-1-RA wirken zentral im Gehirn auf Sättigung, Belohnung und Impulskontrolle. Eine explorative Analyselegt nahe, dass GLP-1-Analoga zentrale Belohnungs- und Motivationsnetzwerke beeinflussen können. Dass diese Signalwege auch sexuelles Verlangen modulieren, ist neurobiologisch plausibel, bislang aber kaum systematisch untersucht.

Widersprüchliche Effekte bei Frauen

Die Studien befassten sich vor allem mit Männern. Bislang gibt es kaum Evidenz zu möglichen Effekten GLP-1-basierter Therapien auf die weibliche Sexualität. Zwei Fallberichte zeigen, dass die Wirkstoffe auch negative Folgen haben können.

In Sexual Medicine berichten Ärzte von einer 71-jährige postmenopausalen Patientin. Bei ihr entwickelte sich kurz nach Beginn ihrer Behandlung mit Liraglutid und später mit Semaglutid eine Anorgasmie. Zuvor hatte sie ein erfülltes Sexualleben. Umfangreiche internistische, neurologische und gynäkologische Untersuchungen blieben ohne Befund. Der zeitliche Zusammenhang spricht dafür, dass GLP-1-RA die Probleme ausgelöst haben. Als mögliche Ursachen diskutieren die Autoren periphere Effekte auf die glatte Muskulatur und die genitale Durchblutung. Auch eine zentrale Wirkung im Hypothalamus, wo GLP-1-Rezeptoren an der Regulation von Dopamin- und Noradrenalin-Signalwegen sowie von Lust- und Belohnungsprozessen beteiligt sind, halten sie für möglich. Nach der Umstellung auf Tirzepatid sind die Beschwerden rasch abgeklungen.

Ein weiterer Fallbericht beschreibt eine 36-jährige Frau mit Adipositas Grad III, bei der es unter Tirzepatid zu einem deutlichen Rückgang der sexuellen Lust, vaginaler Trockenheit und Orgasmusstörungen gekommen ist. Auch hier besserten sich die Beschwerden nach Absetzen des Medikaments. Sie traten nach erneuter Gabe wieder auf. Diskutiert werden neben hormonellen und metabolischen Veränderungen insbesondere neuroendokrine und psychologische Faktoren, etwa Veränderungen der zentralen Belohnungsverarbeitung, Stressreaktionen oder indirekte Effekte rascher Gewichtsveränderungen.

Die Sexualität bei GLP-RA ansprechen

Damit bleibt als Fazit: Semaglutid und andere GLP-1-RA bzw. duale Agonisten wirken sich auf die Sexualität aus – meist, aber nicht immer positiv. Die Datenlage spricht vor allem bei Männern mit Adipositas und metabolischen Störungen für Verbesserungen des Testosteronspiegels und der erektilen Funktion, überwiegend als Folge von Gewichtsverlust und optimierter Stoffwechsellage. Bei Frauen wiederum deuten Fallberichte auf mögliche Probleme hin. Es lohnt sich, bei den Therapien das Thema Sexualität aktiv anzusprechen, realistische Erwartungen zu vermitteln und bei anhaltenden Beschwerden differenziert nach hormonellen, medikamentösen und psychosozialen Ursachen zu suchen, aber auch an Effekte der Therapie zu denken.

Studie Fluorid im Trinkwasser ist kein Risiko für Neugeborene

Fluorid im Trinkwasser steht seit Jahren in der Kritik. Eine internationale Studie mit Daten von 11,5 Millionen US-Geburten liefert nun Entwarnung: Weder Geburtsgewicht noch Frühgeburtenrate oder Schwangerschaftsdauer wurden durch die Trinkwasserfluoridierung negativ beeinflusst.

Während in der Schweiz seit den 1980er-Jahren vor allem fluoridiertes Speisesalz zur breiten Prävention eingesetzt wird, verfolgen die USA einen anderen Ansatz. Dort wird Fluorid seit dem Ende der 1940er-Jahre schrittweise auf kommunaler Ebene dem Trinkwasser zugesetzt. Heute erreiche diese Maßnahme mehr als 60 Prozent der US-Bevölkerung. Kritiker befürchten jedoch mögliche gesundheitliche Folgen, insbesondere für ungeborene Kinder, wie es in einer Mitteilung der Universität Basel heißt.

Analyse von 11,5 Millionen Geburten

Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung der Universität Basel hat diese Sorge nun systematisch überprüft. Grundlage der Untersuchung waren Daten von rund 11,5 Millionen Geburten in den USA, erhoben über einen Zeitraum von 21 Jahren. Analysiert wurde, ob die Einführung der Trinkwasserfluoridierung mit Veränderungen beim Geburtsgewicht, der Schwangerschaftsdauer oder dem Risiko für Frühgeburten einherging.

Das Ergebnis sei klar: Es fanden sich keine negativen Effekte. „Wir konnten keinerlei messbare Unterschiede feststellen“, erklärt Erstautor Benjamin Krebs. Die Resultate wurden im Fachjournal JAMA Network Open veröffentlicht.

Methodisch saubere Vergleiche

Die Forschenden nutzten Daten aus mehr als 670 US-Counties, die zwischen 1968 und 1988 erhoben wurden. Sie verglichen Geburten vor und nach der Einführung von Fluorid im Trinkwasser und setzten diese Entwicklungen in Beziehung zu Regionen ohne Fluoridierung. Auf diese Weise ließen sich regionale Besonderheiten und allgemeine zeitliche Trends statistisch herausrechnen.

Als zentraler Endpunkt diente das Geburtsgewicht, ein etablierter Indikator für die Gesundheit von Neugeborenen. Auch Frühgeburtenraten und die Dauer der Schwangerschaft wurden berücksichtigt. In keinem dieser Parameter zeigte sich jedoch ein negativer Einfluss der Fluoridexposition.

Politische Debatte in den USA

Die Ergebnisse erscheinen vor dem Hintergrund einer aufgeheizten politischen Diskussion besonders relevant. In den USA stehen Maßnahmen der öffentlichen Gesundheitsvorsorge aktuell zunehmend unter Druck. Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. lobte jüngst den Bundesstaat Utah, der die Trinkwasserfluoridierung verboten hatte, und forderte eine Neubewertung entsprechender Empfehlungen.

Genau hier setze die Studie an. Bevölkerungsweite Maßnahmen müssten regelmäßig und mit geeigneten Methoden überprüft werden, betont Krebs. Einzelne Studien, die Fluorid als schädlich darstellten, beruhten häufig auf Korrelationen und erlaubten keine kausalen Schlüsse.

Unterstützung für bestehende Empfehlungen

Mit ihrer großangelegten Analyse liefern die Forschenden nun allerdings belastbare Evidenz. Die Trinkwasserfluoridierung gehe nicht mit gesundheitlichen Nachteilen für Neugeborene einher. Damit stützten die Ergebnisse die bisherigen Empfehlungen zur Fluoridnutzung als effektive und sichere Maßnahme der Kariesprävention auf Bevölkerungsebene, so die Autoren abschließend.

 

Originalpublikation: Krebs B et al., Community Water Fluoridation and Birth Outcomes. JAMA Network Open 2026. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2025.54686

 

Zahnstein als Schlüssel zur Ernährung

Eisenzeitlicher Zahnstein eröffnet Einblicke in frühe Ernährung

Winzige Proteinspuren im Zahnstein von Menschen aus der Eisenzeit enthüllen erstmals direkt, was das Reitervolk der Skythen wirklich zu sich nahm – darunter vor allem auch Milch von Rindern, Schafen, Ziegen und sogar Pferden.

Ein internationales Forschungsteam hat einen seltenen direkten Einblick in die Ernährungsgewohnheiten der Skythen gewonnen. Mithilfe moderner biomolekularer Methoden konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nachweisen, dass das bedeutende Nomadenvolk der Eisenzeit Milchprodukte von verschiedenen Wiederkäuern – und zumindest vereinzelt auch von Pferden – konsumierte. Die Ergebnisse tragen zu einem differenzierteren Bild der skythischen Lebensweise bei.

Ein vielfältigeres Bild der Skythen

Die Skythen gelten seit Langem als Inbegriff nomadischer Reitervölker, die zwischen dem 1. Jahrtausend v. Chr. große Teile der eurasischen Steppe prägten. Neuere archäologische und bioanthropologische Studien haben dieses Bild jedoch relativiert.

Demnach handelte es sich nicht um eine homogene Bevölkerungsgruppe, sondern um eine multiethnische Gesellschaft mit unterschiedlichen regionalen Wurzeln. Neben mobiler Viehzucht spielten offenbar auch Ackerbau, zeitweise Sesshaftigkeit und komplexe soziale Strukturen eine Rolle.

Zahnstein als Schlüssel zur Ernährung

Vor diesem Hintergrund analysierte ein Forschungsteam unter Leitung der Universität Basel und der Universität Zürich Zahnsteinproben von 28 Individuen aus den Fundorten Bilsk und Mamai-Gora in der heutigen Ukraine. Zahnstein wirke wie ein biologisches Langzeitarchiv, schreiben die Autoren. Während er sich über Jahre bildet, schließe er auch mikroskopisch kleine Reste der verzehrten Nahrung ein.

Mithilfe paläoproteomischer Analysen identifizierten die Forschenden erhaltene Proteine, die Rückschlüsse auf konsumierte Lebensmittel erlaubten. Der Fokus lag dabei auf Milchproteinen, die sich bestimmten Tierarten eindeutig zuordnen ließen.

Milch von Rind, Schaf, Ziege – und Pferd

Die Ergebnisse, veröffentlicht im Fachjournal PLOS One, belegen den Verzehr von Milch und verarbeiteten Milchprodukten von Rindern, Schafen und Ziegen. Besonders bemerkenswert sei der Nachweis von Pferdemilchproteinen in einer Probe. Zwar war aus historischen Quellen bekannt, dass Steppenvölker Stutenmilch nutzten, ein direkter biochemischer Beleg fehlte allerdings bislang.

Dass Pferdemilch nur bei einer Person nachgewiesen wurde, werfe aber auch neue Fragen auf. Möglich seien methodische Gründe wie die schlechtere Erhaltung bestimmter Proteine, aber auch kulturelle Erklärungen – etwa eine selektive Nutzung von Pferdemilch oder soziale Unterschiede innerhalb einer Gemeinschaft, so die Forschenden.

Neue Perspektiven für die Forschung

Die Studie zeige zugleich das methodische Potenzial von Zahnsteinanalysen. Da sich Zahnbelag lebenslang anreichere, erlaube er einen unmittelbaren Blick auf tatsächlich konsumierte Nahrungsmittel – unabhängig von archäologischen Funden oder schriftlichen Überlieferungen.

Die Autorinnen und Autoren betonten jedoch, dass es sich um einen ersten Schritt handele. Um regionale Unterschiede, soziale Faktoren und zeitliche Veränderungen besser zu verstehen, seien Analysen an deutlich größeren Stichproben aus verschiedenen Regionen der eurasischen Steppe notwendig.

Insgesamt unterstreichen die Ergebnisse jedoch, dass die Ernährung der Skythen komplexer und vielfältiger war als bislang angenommen, und dass selbst unscheinbare biologische Archive wie Zahnstein neue Kapitel ihrer Geschichte öffnen können, erklären die Autoren zum Abschluss.

 

Originalpublikation: Pecnik J et al., Paleo-proteomic analysis of Iron Age dental calculus provides direct evidence of Scythian reliance on ruminant dairy. PLOS One 2026. doi: 10.1371/journal.pone.0339464

 

KI erkennt Tumoren durch Speicheltests

SERS-AI-LUA-getriebene Speichel-Diagnose von Kopf- und Halskrebs mit graphenunterstützten plasmonischen Nanokorallen

Hyo Jeong Seo et al. Adv Sci (Weinh).Dezember 2025.

Die frühzeitige Erkennung von Kopf- und Halskrebs (HNC) bleibt aufgrund des Mangels an zuverlässigen nicht-invasiven Biomarkern eine wichtige Herausforderung. Diese Studie stellt eine graphenunterstützte plasmonische Nanokorallenplattform vor, gekoppelt mit einem künstlich-intelligenten linearen Entmischungsalgorithmus zur Diagnose von HNC aus Speichel und zur Identifizierung zugehöriger metabolischer Biomarker. Die Nanokorallenstrukturen, die durch einen spontanen Goldwachstumsmechanismus auf Graphenvorlagen gebildet werden, zeigen eine starke plasmonische Verstärkung und selektive Adsorption flüchtiger Metaboliten. Raman-Signale, die aus dem Speichel von HNC-Patienten und gesunden Personen gewonnen werden, werden mit einem logistischen Regressionsmodell analysiert, wobei eine Klassifikationsgenauigkeit von 98 % erreicht wird. Um potenzielle metabolische Biomarker zu identifizieren, werden Kandidatenmetaboliten zunächst anhand der spektralen Ähnlichkeit mit dem Pearson-Korrelationskoeffizienten ausgewählt. Anschließend wird die nichtnegative Kleinste-Quadrat-Methode angewandt, um diese Auswahl zu verfeinern und die endgültige Menge an Biomarker-Kandidaten zu extrahieren. Dieser Ansatz identifiziert 15 potenzielle metabolische Biomarker, und ihre klinische Relevanz wird durch den Vergleich mit den Ergebnissen früherer klinischer Studien bestätigt. Diese Studie führt nicht nur eine hochsensible, nicht-invasive Diagnoseplattform für HNC ein, sondern schafft auch einen robusten Rahmen für die Entdeckung von Raman-basierten Biomarkern, mit potenzieller Anwendbarkeit, die eine Bewertung in anderen biofluidbasierten Krankheitsmodellen in zukünftigen Studien rechtfertigt.

© 2025 Der Autor(en). Advanced Science veröffentlicht von Wiley-VCH GmbH.

Parodontitis Prophylaxe

Neuartige „Mikrobiom Zahnpasta“ soll gezielt Parodontitis-Erreger stoppen

Parodontitis ist weit verbreitet und kann gravierende Folgen für die Gesundheit haben. Fraunhofer-Forschende haben eine Substanz entdeckt, die gezielt nur die Keime ausbremst, die Parodontitis auslösen. Ein „Spin-off“-Unternehmen der Forschungsorganisation hat nun eine „Mikrobiom Zahnpasta“ mit der Substanz auf den Markt gebracht.

Das orale Mikrobiom beherbergt mehr als 700 verschiedene Bakterienarten. Einige wenige können Parodontitis verursachen, die innerhalb der Plaque vor allem am Zahnfleischrand haften und dort Entzündungen (Gingivitis) verursachen. Wie die Fraunhofer-Gesellschaft mitteilt haben Forschende des Instituts für Zelltherapie und Immunologie (IZI) am Standort Halle eine Substanz identifiziert, die gezielt schädliche Parodontitis-Erreger wie Porphyromonas gingivalis blockiert, andere „gute“ Keime der Mundflora aber verschont. Ihr Name: Guanidinoethylbenzylamino Imidazopyridine Acetat.

„Sie tötet die Gingivitis-Erreger nicht einfach ab, sondern blockiert nur deren Wachstum“, wird Prof. Stephan Schilling, Leiter der IZI-Außenstelle Molekulare Wirkstoffbiochemie und Therapieentwicklung, in der Mitteilung zitiert. Diese könnten dann ihre giftige Wirkung nicht entfalten, gesunde Keime könnten ihnen sonst verwehrte Nischen besetzen. „So hilft der Stoff im Einklang mit den gesunden Bakterien, das mikrobielle Gleichgewicht im Mund sanft aufzubauen und stabil zu halten.“

Von der Idee zum Endprodukt

Die selektive Substanz ist sogar bereits Bestandteil einer marktreifen Zahnpasta: Der Mitteilung zufolge ist bereits im Jahr 2018 in Halle das Fraunhofer-Spin-off PerioTrap Pharmaceuticals GmbH gegründet worden. Die Firma habe in Zusammenarbeit mit zwei Fraunhofer-Instituten die nun verfügbare „Mikrobiom-Zahnpasta“ entwickelt. „Das Produkt dient der Vorbeugung von Parodontitis. Wie eine normale Zahnpasta enthält es aber auch Putzstoffe und Fluorid zur Vorbeugung von Karies“, so Dr. Mirko Buchholz von PerioTrap.

Bald: Pflege-Gel für Praxen – und für Tiere

Die Arbeit an der Technologie gehe nun weiter. Für den Einsatz in der Zahnarztpraxis habe man ein Pflege-Gel entwickelt, das nach der professionellen Zahnreinigung appliziert wird. Es soll pathogene Bakterien blockieren, die Mundflora stabilisieren und so das Zahnfleisch gesund halten. Außerdem würden die Forschenden derzeit ein Mundwasser entwickeln. Zahnpflegeprodukte für Hunde und Katzen stünden auch auf der Agenda.

Hintergrund: Pflegeprodukte und Mundflora

 Herkömmliche Mundpflegeprodukte, etwa als Mundspülungen mit Alkohol oder mit dem Antiseptikum Chlorhexidin, töten laut Fraunhofer-Mitteilung zwar die Pathogene, aber auch alle anderen Keime. Wenn sich die Mundflora nach der Behandlung wieder aufbaut, hätten pathogene Keime wie Porphyromonas gingivalis einen Startvorteil, „weil sie sich auf entzündetem Zahnfleisch besonders gut vermehren können“. Dadurch kippe die Mundflora schnell wieder aus dem natürlichen Gleichgewicht in eine Dysbiose – die Krankheit kehre dann immer wieder zurück.

Weitere Informationen:

Zur „Mikrobiom Zahnpasta“ auf der Unternehmenswebseite

Mikronährstoffe und Parodontitis

Welche Rolle können Mikronährstoffe in der Prävention und unterstützenden Therapie von Parodontitis spielen? Weshalb ein ausreichender Mikronährstoffstatus die Immunabwehr stärkt, die Regeneration von Zahnfleisch und Kieferknochen unterstützt und entzündungshemmend wirkt.

Parodontitis ist eine chronische Entzündung des Zahnhalteapparates, die unbehandelt zu Zahnfleischrückgang, Knochenabbau und schließlich zu Zahnverlust führen kann. Ausgangspunkt sind bakterielle Beläge, doch entscheidend für die Krankheitsentstehung ist die individuell ausgeprägte Immun- und Entzündungsreaktion. Eine fehlgesteuerte, übermäßige oder unzureichend kontrollierte Immunantwort trägt maßgeblich zur Gewebeschädigung bei.

Rolle der Mikronährstoffe

Mikronährstoffe spielen eine zentrale Rolle für die Gesundheit des Zahnhalteapparates sowie für die Prävention und unterstützende Therapie von Parodontitis. Sie fördern essentielle biologische Prozesse wie die Immunfunktion, den antioxidativen Schutz, Entzündungsregulation und Gewebeheilung. Vitamin C und D unterstützen die Regeneration von Zahnfleisch und Kieferknochen, während Zink und Omega‑3-Fettsäuren direkt entzündungshemmend wirken. Vitamin A trägt zusätzlich zur Schleimhautregeneration, Speichelproduktion und Abwehr oraler Infektionen bei.

Klinische Befunde

Ein ausreichender Mikronährstoffstatus stärkt die Immunabwehr, unterstützt die Regeneration von Zahnfleisch und Kieferknochen und wirkt entzündungshemmend. Studien zeigen, dass Patienten mit Parodontitis häufig niedrigere Spiegel essenzieller Mikronährstoffe wie Vitamin C und Vitamin D aufweisen, was die Anfälligkeit für entzündliche Prozesse im Zahnhalteapparat erhöhen kann. Eine gezielte, ergänzende Versorgung mit Mikronährstoffen kann die konventionelle Parodontitistherapie – einschließlich Scaling, Root Planing und chirurgischer Maßnahmen – wirkungsvoll unterstützen, indem sie Heilungsprozesse beschleunigt, Entzündungen moduliert und die Widerstandskraft des Gewebes verbessert. Besonders Risikogruppen wie ältere Menschen, Raucher oder Patienten mit chronischen Erkrankungen profitieren von einer optimalen Mikronährstoffversorgung, da bei ihnen Defizite häufiger auftreten und die regenerative Kapazität des Gewebes eingeschränkt sein kann.

Praktische Empfehlungen zur Ernährung

Für die Praxis empfiehlt sich eine ausgewogene, vielfältige Ernährung, die reich an Obst, Gemüse, Nüssen, Vollkornprodukten und fettem Fisch ist. Diese Lebensmittel liefern essenzielle Mikronährstoffe wie Vitamine, Mineralstoffe und Omega‑3‑Fettsäuren, die das Immunsystem stärken, Entzündungen modulieren und die Geweberegeration unterstützen. Bei nachgewiesenem Mikronährstoffmangel oder erhöhtem Bedarf sollte eine gezielte, individuell abgestimmte Supplementierung unter ärztlicher oder zahnärztlicher Anleitung erfolgen, um die Versorgung optimal sicherzustellen und Heilungsprozesse nach parodontalen Therapien zu fördern.

Supplementierung und Point-of-Care-Tests

In zahnärztlichen Praxen können Point-of-Care-Tests (PoC) eingesetzt werden, um den Status wichtiger Mikronährstoffe und relevanter Gesundheitsmarker schnell und unkompliziert zu bestimmen. So lassen sich beispielsweise Vitamin‑D-Schnelltests zur Erfassung des 25‑OH‑Vitamin‑D-Spiegels einsetzen, CRP-PoC-Tests zur Einschätzung entzündlicher Prozesse und Blutzucker- oder HbA1c-PoC-Tests zur Kontrolle des Glukosestatus, da Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes Risikofaktoren für Parodontitis darstellen. Durch diese Tests können Defizite und Risikokonstellationen frühzeitig erkannt werden, sodass Präventions- und Therapiestrategien individuell abgestimmt werden können. Auf dieser Grundlage lässt sich die Supplementierung gezielt planen, die Geweberegeneration fördern, die Abwehrkräfte stärken und Entzündungen reduzieren.

Lifestyle-Faktoren

Weitere Lifestyle-Faktoren – darunter Rauchvermeidung, regelmäßige körperliche Aktivität und eine ausreichende Sonnenlichtexposition zur Förderung der körpereigenen Vitamin‑D-Synthese – tragen ebenfalls entscheidend zur Prävention und unterstützenden Therapie der Parodontitis bei. Diese Maßnahmen wirken synergistisch mit einer ausgewogenen Ernährung und einer bedarfsgerechten Mikronährstoffversorgung, indem sie das Immunsystem stärken, Entzündungen modulieren und die Geweberegeneration unterstützen. Ergänzt durch regelmäßige zahnärztliche Kontrollen, professionelle Zahnreinigung und gezielte ernährungsbezogene Maßnahmen, bilden sie ein umfassendes Konzept zur langfristigen Erhaltung der Mundgesundheit und zur Reduktion parodontaler Risikofaktoren.

Fazit

Mikronährstoffe sind ein zentraler Baustein in der Prävention und unterstützenden Therapie von Parodontitis. Eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung, ergänzt durch gezielte, bedarfsgerechte Supplementierung, fördert nicht nur die Mundgesundheit, sondern stärkt auch das Immunsystem und die allgemeine körperliche Widerstandskraft – denn: bunt essen – Entzündungen vergessen.

Nikotin in all seinen Formen ist giftig für Herz und Blutgefäße!

Nikotin ist immer Gift für Herz und Blutgefäße, warnt die European Society of Cardiology (ESC) und präsentiert heute zwölf evidenzbasierte Belege für die Herz-Kreislauf-Toxizität von Nikotin – unabhängig vom Konsumweg.

Nikotin ist giftig für Herz und Blutgefäße, unabhängig davon, ob es über E-Zigaretten, Nikotinbeutel, Shishas oder Zigaretten aufgenommen wird. Dies geht aus einem Expertenkonsens unter der Federführung der ESC hervor, der heute im European Heart Journal publiziert wurde.

„Der nächste Herzinfarkt, der nächste Schlaganfall, der nächste Herz-Kreislauf-Todesfall wird möglicherweise nicht durch eine Zigarette verursacht, sondern durch eine aromatisierte E-Zigarette, einen Nikotinbeutel oder eine Wasserpfeife in einem Café.“

Hauptautor Prof. Thomas Münzel vom Universitätsklinikum Mainz

Die Veröffentlichung erfolgte nach der überarbeiteten Tabaksteuerrichtlinie der Europäischen Kommission, die erstmals eine Mindeststeuer auf E-Liquids, erhitzten Tabak und Nikotinbeutel einführt.

Der Bericht berücksichtigt die Ergebnisse der gesamten Fachliteratur

Der Bericht fasst die Ergebnisse der gesamten Fachliteratur zusammen und berücksichtigt erstmals die Schädlichkeit aller Nikotinprodukte, nicht nur des Rauchens.

 

Hyperglykämie: Mikrobiom-Verschiebung bei Typ-2-Diabetes

Bei Typ-2-Diabetes kann Hyperglykämie die Zuckerkonzentration im Speichel erhöhen. Das kann das supragingivale Mikrobiom in Richtung kariogener Stoffwechselaktivität verschieben.

Forschende der Universität Osaka haben Hinweise darauf gefunden, dass bei Menschen mit Typ-2-Diabetes Zucker, der aus dem Blut in den Speichel übertritt und zu einem Anstieg von Glukose und Fruktose im Speichel führt das orale Mikrobiom so verändern kann, dass kariesassoziierte Keime begünstigt würden. Dadurch könne das Risiko für Karies und Plaqueakkumulation steigen. Eine bessere Blutzuckerkontrolle habe diese Effekte den Daten zufolge abgeschwächt.

Die Arbeitsgruppe berichtet, dass Hyperglykämie nicht nur zu erhöhtem Zuckergehalt im Urin, sondern auch im Speichel führen könne. Diese Blutzuckermigration in den Speichel gehe demnach mit einer Verschiebung der mikrobiellen Zusammensetzung und der Stoffwechselaktivität im oralen Biofilm einher.

„Wir haben eine neuartige Methode zur nicht-zielgerichteten metabolomischen Profilierung von Drüsenspeichel entwickelt, die intakte Metabolitenprofile vor der Modifikation durch das orale Mikrobiom bewahrt“, erklärt Studienautorin Masae Kuboniwa. „Dadurch konnten wir die Veränderungen dieser Metaboliten zwischen Blut und Speichel sowie ihre nachfolgenden Veränderungen nach der Exposition gegenüber dem oralen Mikrobiom verstehen.“

Für die Analysen hat das Team Metabolitenprofile aus Speichelproben der sublingualen und submandibulären Drüsen genutzt, um Informationen über den Stoffwechselstatus möglichst ohne den Einfluss vorhandener Bakterien zu erhalten. Diese Proben haben die Forschenden mit Vollspeichel- und Plasmaproben von Personen mit und ohne Typ-2-Diabetes verglichen. Dabei stellten sie fest, dass Hyperglykämie den Übertritt von Fruktose und Glukose aus dem Blut in den Speichel induziert. Über mikrobielle Sequenzierung haben sie anschließend die möglichen Folgen dieser Migration für das orale Mikrobiom beschrieben.

„Der Anstieg dieser Metaboliten im Speichel führte zu Veränderungen im oralen Mikrobiom, wodurch kariogene Bakterien wie Streptococcus mutans vermehrt auftraten und die Häufigkeit gesundheitsfördernder Arten wie Streptococcus sanguinis abnahm, wodurch sich der Stoffwechsel des oralen Biofilms in Richtung Glykolyse und Kohlenhydratabbau verlagerte“, sagt Studienautor Akito Sakanaka. „Diese Verschiebung in der mikrobiellen Population erhöht die Säureproduktion […].“

Blutzuckerkontrolle als Hebel

Wesentlich sei zudem gewesen, dass eine verbesserte Blutzuckerkontrolle den Transfer von Zucker – insbesondere Fruktose – aus dem Plasma in den Speichel reduziert habe. Dadurch habe sich das beobachtete Ungleichgewicht im Mikrobiom abgeschwächt; die Autorinnen und Autoren leiteten daraus ab, dass eine konsequente glykämische Kontrolle auch im Kontext der Kariesprävention relevant sein könnte. Ein Co-Kultur-Biofilm-Experiment mit S. mutans und S. sanguinis habe ergänzend gezeigt, dass der Anteil von S. mutans in einem nährstoffreichen Medium mit Fruktose deutlich zugenommen habe. Das deute darauf hin, dass die Kombination aus Glukose und Fruktose S. mutans unter Co-Kulturbedingungen begünstigen könne.

Die Ergebnisse zeigen Zusammenhänge zwischen glykämischer Kontrolle, Zuckergehalt im Speichel, Mikrobiom-Profil und klinischen Parametern. Ob eine bessere Blutzuckereinstellung tatsächlich das Kariesrisiko verringern kann, müssten Interventionsstudien aber gezielt prüfen.

Sakanaka A, Furuno M, Ishikawa A et al. Diabetes alters the supragingival microbiome through plasma-to-saliva migration of glucose and fructose. Microbiome. 2025 Dec 4. doi: 10.1186/s40168-025-02256-x. Epub ahead of print. PMID: 41345979.

Zärtlichkeit könnte die Heilung von Wunden fördern

Zuwendung kann buchstäblich unter die Haut gehen: Studienergebnisse geben Hinweise darauf, dass Oxytocin die Wundheilung fördern könnte.

Eine internationale Forschungsgruppe unter Federführung der Medizinischen Fakultät und des Universitätsklinikums Heidelberg hat herausgefunden, dass kleine Hautwunden bei Paaren schneller heilen, wenn Oxytocin verabreicht wurde und zugleich viel körperliche Nähe im Alltag berichtet wurde. Gleichzeitig zeigten sich niedrigere Cortisolwerte im Speichel.

In einer randomisierten, doppelblinden Studie untersuchte die Arbeitsgruppe dafür 80 Paare im Durchschnittsalter von rund 28 Jahren und verabreichte ihnen entweder per Nasenspray das als „Kuschelhormon“ bekannte Hormon Oxytocin oder ein Placebo. Zusätzlich wurde die Hälfte der Paare zu positiven, wertschätzenden Gesprächen angeregt, die den Austausch von Nähe und Zuwendung fördern sollten.

Beobachtete Effekte sind moderat

Das zentrale Ergebnis: Weder Oxytocin allein noch die Gespräche für sich genommen hatten einen Einfluss auf die Heilung. Erst die Kombination – die Verabreichung von Oxytocin sowie positive Interaktion und/oder alltägliche Zuwendung und körperliche Nähe – waren mit einer schnelleren Wundheilung und niedrigeren Stresshormonwerten assoziiert. Die Autorinnen und Autoren betonen zudem, dass die Effekte moderat waren und nicht in jeder Sensitivitätsanalyse gleich robust ausfielen.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Zuwendung im Alltag messbare Effekte auf den Körper hat. Sie beschleunigt in Kombination mit Oxytocin sogar die Heilung kleiner Wunden. Das verdeutlicht, wie eng Verhalten und Hormonsystem zusammenarbeiten und wie stark dieses Zusammenspiel die körperliche Gesundheit in nahen, liebevollen Beziehungen beeinflussen kann“, erläutert Studienleiterin Prof. Beate Ditzen.

Zusammenspiel von Nähe, Hormonen und Hautregeneration

Die Wundheilung wurde bei allen 160 teilnehmenden Personen unmittelbar, nach 24 Stunden sowie nach sieben Tagen dokumentiert und von geschultem Personal beurteilt. Während dieser Woche nahmen beide Partner in einem doppelblinden Design zweimal täglich entweder Oxytocin oder ein Placebo als Nasenspray ein und übten bis zu dreimal die positiven Gespräche.

Dazu hatten sie vorab eine Anleitung zu gegenseitiger verbaler Wertschätzung in einer Beziehung erhalten. Parallel dokumentierten die Paare über mehrere Tage ihr Stressempfinden und intime körperliche Nähe wie liebevolle Berührungen, Zärtlichkeiten oder Sexualität. Zusätzlich wurden Speichelproben analysiert, um die Menge des Stresshormons Cortisol zu bestimmen.

Wundheilungs-Effekt vor allem in der Kombination sichtbar

Die Daten zeigten klar: Die schnellste Heilung und die niedrigsten Stresswerte traten bei Paaren auf, die Oxytocin erhielten und zugleich im Alltag besonders zugewandt und zärtlich miteinander waren. Oxytocin allein beziehungsweise die Verhaltensintervention durch die Gespräche allein beeinflussten die Wundheilung hingegen nicht.

Die Studie liefert Hinweise darauf, dass positive soziale Interaktionen wie Berührungen und körperliche Nähe sich offenbar nicht nur gut anfühlen, sondern möglicherweise biologische Heilungsprozesse beeinflussen können. Gleichzeitig betont das Forschungsteam, dass es sich um gesunde, junge Probanden handelte und die Effekte moderat waren. Oxytocin sei also kein eigenständiges Heilmittel, sondern scheint als Hormon zu wirken, das die positiven Effekte von Nähe und guten Beziehungserfahrungen auf den Körper überträgt. Für klare klinische Empfehlungen seien weitere, größere Studien notwendig.