ASS: Ein Dinosaurier gegen Metastasen
Aspirin® ist als Schmerzmittel und Plättchenhemmer altbekannt. Doch der Klassiker hält noch Überraschungen bereit: In niedriger Dosis kappt ASS biochemische Verbindung zwischen Blutplättchen und T-Zellen – und mobilisiert das Immunsystem gegen Metastasen.Seit den 1970er-Jahren beobachten Forscher immer wieder, dass sich bei Mäusen unter Acetylsalicylsäure (ASS) weniger Lungenmetastasen bilden.
Epidemiologische Untersuchungen und randomisierte Studien zum Metastasierungsrisiko bei unterschiedlichen Krebsarten haben jedoch kein einheitliches Bild zum Nutzen geliefert – die Datenlage blieb widersprüchlich. „Mausmodelle bilden die Komplexität metastasierter Erkrankungen nicht vollständig ab“, weiß Dr. Harvey Roweth, Krebs-Biologe an der Universität Reading, UK. „Außerdem verwenden Forscher in diesen Studien überwiegend Melanomzellen, die in die Lunge metastasieren.“ Das schränke die Übertragbarkeit ein.
Doch wer profitiert aus onkologischem Blickwinkel von ASS und wer nicht? Hier setzen Analysen im New England Journal of Medicine an, die Ergebnisse experimenteller Arbeiten in Nature aufgreifen. Wissenschaftler beschreiben einen bislang unbekannten immunologischen Mechanismus.
Blutplättchen als Treiber der Metastasierung
Die Erkenntnis: Thrombozyten leisten weit mehr als nur einen Beitrag zur Hämostase. Sie reagieren auf Gewebeschädigungen, setzen Botenstoffe frei und greifen in Entzündungs- und Immunprozesse ein. Aktiviert sich in ihnen die Cyclooxygenase-1 (COX-1), entsteht unter anderem Thromboxan A₂ (TXA2). Dieser Botenstoff wirkt nicht nur auf andere Blutplättchen, sondern bindet auch an Rezeptoren auf T-Zellen. Über eine Aktivierung des Proteins ARHGEF1 hemmt TXA2 zytotoxische T-Zellen und unterdrückt ihre Fähigkeit, Tumorzellen zu erkennen sowie zu eliminieren. Besonders bei Tumoren mit Neoantigenen – also solchen mit für das Immunsystem gut erkennbaren Mutationen – spielt dieser Mechanismus eine entscheidende Rolle. Die Immunüberwachung gerät ins Stocken. ASS blockiert die Synthese von TXA2 und entzieht Tumorzellen damit einen wichtigen Schutzmechanismus gegenüber der körpereigenen Immunabwehr.
Schutz vor Metastasen: Niedrige ASS-Dosen reichen aus
Wie belastbar dieser Zusammenhang ist, zeigen Tierexperimente aus der Nature-Publikation: Erhielten Mäuse ein TXA2-Analogon, stieg ihr Risiko für Metastasen deutlich an. Wurde jedoch ASS in pharmakologisch relevanter Dosierung über das Trinkwasser verabreicht, sank die Metastasenrate bei den Kontrolltieren klar. Die Daten legen nahe, dass die Hemmung der TXA2-Signalachse einen zentralen Mechanismus der Tumorausbreitung beeinflusst. Das könnte erklären, warum ASS in bestimmten Settings das Metastasen-Risiko verringern kann. Die Effekte treten schon bei einer täglichen Menge von 75 bis 100 mg auf – also genau in jener Dosierung, die routinemäßig zur kardiovaskulären Prävention eingesetzt wird.
Der Mechanismus dahinter lässt sich pharmakologisch erklären: ASS hemmt das Enzym COX-1 irreversibel. Da Thrombozyten keinen Zellkern besitzen, sind sie nicht in der Lage, dieses Enzym neu zu bilden. Die Blockade bleibt über die gesamte Lebensdauer eines Blutplättchens bestehen, also für rund zehn Tage. Schon eine einmal tägliche niedrige Dosis reicht aus, um die Produktion von Thromboxan A₂ dauerhaft zu unterdrücken. Für schmerzstillende oder antientzündliche Effekte sind höhere Dosierungen erforderlich. Größere Mengen hemmen zusätzlich COX-2 in anderen Geweben und entfalten so die bekannten Effekte.
Die Rolle der Thrombozyten reicht über die T-Zell-Hemmung hinaus. Aktivierte Blutplättchen fördern im Tumorumfeld die COX-2-Expression in stromalen Zellen und verstärken Proliferation, Angiogenese und Migration. ASS wirkt damit potenziell auf zwei Ebenen: Es begrenzt COX-2-abhängige Tumorprogression und hebt zugleich eine durch Thrombozyten vermittelte immunologische Bremse auf.
Wer könnte besonders profitieren?
Diese Mechanismen liefern mögliche Erklärungen, warum epidemiologische Studien und klinische Untersuchungen zum Teil unterschiedliche Effekte zeigen. Patienten mit stark immunogenen Tumoren profitieren wohl besonders deutlich von ASS. In der CAPP2-Studie verringerte eine langfristige Behandlung mit dem Arzneistoff bei Patienten mit Lynch-Syndrom signifikant die Inzidenz mismatch-repair-defizienter (dMMR) Karzinome. Und in einer Kohortenstudie ging eine hohe Expression von HLA-Klasse-I-Antigenen im Primärtumor mit einem verbesserten Überleben unter ASS einher. Zudem hat eine randomisierte Studie gezeigt, dass Patienten mit PIK3CA-mutierten kolorektalen Karzinomen nach einer Resektion von einer dreijährigen Therapie mit niedrig dosiertem ASS profitieren: Das Rezidivrisiko sank nahezu um die Hälfte. Die Daten lassen hoffen, dass Biomarker dazu beitragen könnten, den Nutzen von ASS zu prognostizieren.
Drug Repurposing mit Hürden
Alles in allem schließt die biologische Erklärung mehr als nur eine Wissenslücke. Sie eröffnet neue Indikationen für ASS: Beim Drug Repurposing werden bereits zugelassene Arzneimittel gezielt für andere Erkrankungen weiterentwickelt. Angesichts weltweit steigender Krebsinzidenzen und begrenzter finanzieller Ressourcen in vielen Gesundheitssystemen könnten preiswert verfügbare Wirkstoffe einen erheblichen Beitrag leisten. Nur fehlen bislang wirtschaftliche Anreize für große pharmazeutische Investitionen in entsprechende klinische Studien. Genau hier befindet sich die Achillesferse des Ansatzes: Nicht wissenschaftliche Hürden, sondern unternehmerische Interessen könnten darüber entscheiden, ob das Potenzial des Drug Repurposing bei Aspirin® ausgeschöpft wird.
QuellenLangley et al.: Understanding How Aspirin Prevents Metastasis. New England Journal of Medicine, 2026. doi: 10.1056/NEJMcibr2502386 Yang et al.: Aspirin prevents metastasis by limiting platelet TXA2 suppression of T cell immunity. Nature, 2025. doi: 10.1038/s41586-025-08626-7 |
