Entzündungen im Mund setzen auch den Ovarien zu

Infertilität

Chronische orale Entzündungen wie Parodontitis wurden bereits mit verschiedenen systemischen Erkrankungen in Verbindung gebracht. Darüber hinaus können sie direkt die weibliche Fertilität beeinflussen. Wie genau, das war bisher nicht ausreichend verstanden. In einem Tiermodell mit Mäusen und Titanimplantaten kamen Forschende den Ursachen auf den Grund.

 

Die Studie von Forschenden der Hebrew University of Jerusalem und des Hebrew University-Hadassah Medical Center fand heraus, dass eine anhaltende orale Entzündung systemische Immunreaktionen auslösen kann, die bis zu den Eierstöcken reichen und dort die Eizellreifung sowie die ovarielle Funktion beeinträchtigen. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Journal of Dental Research veröffentlicht.

Mausmodell mit Zahnimplantaten

Untersucht wurde in einem Mausmodell eine chronische Entzündungsreaktion im Zusammenhang mit Zahnimplantaten – ein Szenario, das auch klinisch häufig vorkommt. Den Tieren wurden zunächst Zähne extrahiert und anschließend Titanimplantate eingesetzt. Vier Wochen später analysierten die Autoren lokale und systemische Immunreaktionen sowie Auswirkungen auf Ovarien, Eizellen und Fertilität.

Zum Einsatz kamen unter anderem Durchflusszytometrie, quantitative PCR, ELISA, Immunfluoreszenz sowie histologische Untersuchungen der Ovarien.

Entzündliche Signale breiten sich systemisch aus

Die Implantation führte zu einer verstärkten lokalen Entzündungsreaktion in der periimplantären Mukosa. Gleichzeitig stieg die Expression entzündlicher Zytokine in Lymphknoten und Milz an. Parallele Veränderungen fanden sich auch in den Ovarien. Dort beobachteten die Forschenden eine veränderte Zytokinexpression sowie Verschiebungen in den Populationen von Immunzellen. Diese immunologischen Veränderungen gingen mit erhöhtem oxidativem Stress im Ovargewebe einher. In der Folge war die Follikelentwicklung beeinträchtigt, und auch die Qualität der Eizellen nahm ab.

Verminderte Geburtenrate im Tiermodell

Die biologischen Veränderungen hatten auch direkte Auswirkungen auf die Fortpflanzung. Unter chronischen Entzündungsbedingungen sank die Geburtenrate der Tiere deutlich. Darüber hinaus fanden die Forschenden Hinweise auf tiefgreifende zelluläre Veränderungen in den Eizellen. Diese wiesen DNA-Schäden und epigenetische Veränderungen auf, die laut den Autoren an Prozesse der reproduktiven Alterung erinnern. Dies könnte erklären, wie chronische Entzündungen den Verlust der Fruchtbarkeit beschleunigen.

Klinische Studien sollten folgen

„Entzündungen werden oft als lokales Geschehen betrachtet, aber unsere Ergebnisse zeigen, dass sie systemische Folgen bis hin zum Reproduktionssystem haben können“, erklärte Studienleiter Prof. Michael Klutstein. Die Daten deuteten darauf hin, dass chronische orale Entzündungen ein bislang unterschätzter Faktor weiblicher Infertilität sein könnten. Die Studie liefere damit einen weiteren Hinweis darauf, dass Mundgesundheit möglicherweise eine größere Rolle für die reproduktive Gesundheit spielt als bislang angenommen.

Nach Einschätzung der Autoren sind nun klinische Untersuchungen notwendig, um zu klären, inwieweit sich die Beobachtungen aus dem Tiermodell auf den Menschen übertragen lassen. Sollten sich die Ergebnisse bestätigen, könnten sich neue Ansätze für Diagnostik und Therapie ergeben – etwa durch antiinflammatorische oder antioxidative Behandlungsstrategien zur Verbesserung der Fertilität.

 

Originalpublikation:
P. Kles, S. Ameho, […], and A. Wilensky +10, Chronic Oral Inflammation Impairs Female Reproduction in a Murine Model, Journal of Dental Research, OnlineFirst, https://doi.org/10.1177/00220345251412768

 

Longevity: Botschaften aus der Mundhöhle

Gesundheitsgurus optimieren Schlaf, Ernährung und Herzratenvariabilität – und vergessen dabei konsequent den Mund. Dabei spuckt genau der gerade ziemlich interessante Antworten auf einige Longevity-Fragen aus.

Longevity ist derzeit überall: Podcasts, Kongresse, Internisten und Lifestyle-Medizin werden nicht müde, das Thema durchzukauen. Dabei geht es längst nicht mehr primär darum, das Leben zu verlängern, sondern vor allem darum, die gesund verbrachten Lebensjahre – die sogenannte Healthspan – zu maximieren. Das Ziel ist, Alterungsprozesse biologisch günstig zu beeinflussen, chronische Entzündungen zu reduzieren und funktionelle Fähigkeiten möglichst lange zu erhalten. Während in diesem Zusammenhang vor allem kardiovaskuläre, metabolische und neurodegenerative Prozesse intensiv untersucht werden, rückt zunehmend auch die Mundhöhle in den Fokus.

Die Zahnmedizin befindet sich aktuell in einem bemerkenswerten Wandel; weg von einer rein lokal-restaurativen Zahnmedizin hin zu einem integralen Bestandteil moderner Präventions– und Systemmedizin. Die Mundhöhle wird heute nicht mehr isoliert betrachtet, sondern als hochaktives biologisches System mit engem Einfluss auf Entzündung, Stoffwechsel, Immunregulation und funktionelles Altern gesehen. Dass orale Gesundheit essenziell für gesundes Altern ist, überrascht nicht, da schließlich die Mastikation, Sprache, soziale Interaktion und Ernährung unmittelbar von ihr abhängen.

Inflammaging und Parodontitis

Biologisch ist Altern unter anderem durch chronische niedriggradige Entzündungsprozesse geprägt, das sogenannte „Inflammaging“. Genau hier wird die Relevanz der Mundhöhle besonders deutlich. Sie zählt zu den mikrobiell komplexesten und immunologisch aktivsten Regionen des menschlichen Körpers. Chronische orale Erkrankungen, insbesondere die Parodontitis, können über bakterielle Dysbiose, endotheliale Aktivierung und persistierende Zytokinfreisetzung eine dauerhafte systemische Entzündungsbelastung erzeugen. Die Vorstellung, Parodontitis sei lediglich ein lokales Problem des Zahnhalteapparates, wird aus heutiger Sicht nicht mehr unterstützt. Vielmehr zeigen zahlreiche Studien Zusammenhänge zwischen parodontalen Entzündungen und kardiovaskulären Erkrankungen, Diabetes mellitus, dem metabolischen Syndrom und Sarkopenie sowie neurodegenerativen Erkrankungen. Proinflammatorische Mediatoren wie Interleukin-6TNF-α oder CRPspielen dabei sowohl in der Parodontologie als auch in zentralen Mechanismen des biologischen Alterns eine wesentliche Rolle.

Oral Frailty: Funktioneller Abbau im Mund

In diesem Zusammenhang gewinnt auch das Konzept der sogenannten „oral frailty“ zunehmend an Bedeutung. Beschrieben wird dadurch der altersassoziierte Verlust oraler funktioneller Integrität, etwa durch reduzierte Kaufunktion, verminderte Okklusionskraft, DysphagieXerostomieoder eingeschränkte orofaziale Motorik. Was früher häufig als beinahe unvermeidliche Begleiterscheinung des Alters betrachtet wurde, wird heute deutlich anders gesehen. Aktuelle Arbeiten (hier und hier) zeigen, dass die orale Frailty signifikant mit Sarkopenie, kognitivem Abbau, Demenz, Pflegebedürftigkeit und erhöhter Mortalität assoziiert ist. Der Zustand der Mundhöhle scheint anders als bisher angenommen erstaunlich viel darüber zu verraten, wie resilient ein Organismus insgesamt altert.

Kauen ums Altern

Auch die funktionelle Dentition erhält in diesem Kontext eine neue Bedeutung. Entscheidend ist nicht allein die Anzahl der vorhandenen Zähne, sondern die effiziente Kaufähigkeit und damit die Fähigkeit zu einer adäquaten Nährstoffaufnahme. Studien zeigen (hier und hier), dass funktionelle Zahnpaare mit erhöhter Lebenserwartung korrelieren, während Zahnverlust eher mit erhöhter Mortalität in Verbindung gebracht werden kann. Im klinischen Alltag wird das oft unterschätzt: Wer schlecht kauen kann, ernährt sich häufig schlechter, verliert Muskelmasse und funktionelle Reserven – ein zentraler Mechanismus im Frailty-Syndrom.

Parallel dazu erlebt das orale Mikrobiom geradezu eine wissenschaftliche Renaissance. Die Mundhöhle beherbergt eines der komplexesten mikrobiellen Ökosysteme des Körpers. Dysbiotische Veränderungen der oralen Flora werden mittlerweile mit atherosklerotischen Prozessen, metabolischen Erkrankungen, neuroinflammatorischen Mechanismen und Autoimmunerkrankungen in Verbindung gebracht. Was vor wenigen Jahren noch futuristisch klang, entwickelt sich zunehmend zu einem spannenden Forschungsfeld, nämlich der Entwicklung sogenannter „oral aging clocks“, bei denen mikrobielle Signaturen genutzt werden könnten, um biologisches Alter und Frailty-Risiken besser einzuschätzen.

Speicheldiagnostik – die Liquid Biopsy der Zukunft?

Ähnlich dynamisch entwickelt sich auch die Speicheldiagnostik. Speichel wird heute längst nicht mehr nur als diagnostisches Nebenprodukt betrachtet, sondern zunehmend als nichtinvasive Biomarkerplattform für systemische Alterungsprozesse verstanden: Speichelbasierte extrazelluläre Vesikel (sEVs), inflammatorische Marker wie IL-10, IL-6, IL-1β oder CRP sowie proteomische und metabolomische Signaturen (u. a. Oxidationsmarker, Polyamine, Lipidperoxidationsprodukte) zeigen enge Zusammenhänge mit biologischem Alter, Oral Frailty und systemischer inflammatorischer Last. Sie könnten künftig eine präzisere Einschätzung biologischer Alterungsprozesse ermöglichen. Des Weiteren korrelieren Veränderungen von MMP-8– und TIMP-Profilen im Speichel mit parodontaler Progression und systemischer Inflammation. Dadurch könnten frühe systemische Risikoprofile abgebildet werden (hierhierhier und hier).

Parallel dazu entwickeln sich intraorale Biosensoren und KI-gestützte Diagnostiksysteme rasant weiter. Ziel ist die Echtzeitmessung inflammatorischer und metabolischer Marker direkt im oralen Milieu. Damit bewegt sich auch die Zahnmedizin zunehmend in Richtung daten- und biomarkerbasierter Präzisionsmedizin.

Mundhygiene nicht nur um der Zähne willen

Aktuelle Studien (hierhier und hier) bestätigen, dass langfristige orale Gesundheit vor allem auf konsequenter Biofilmkontrolle, regelmäßiger Fluoridexposition oder Alternativen und entzündungsfreien parodontalen Verhältnissen basiert. Es wird gezeigt, dass elektrische Zahnbürsten sowie tägliche Interdentalreinigung Plaque und Gingivitis signifikant effektiver reduzieren als alleinige manuelle Zahnreinigung. Ergänzend tragen geringe Zuckerfrequenz, ausreichender Speichelfluss und Rauchverzicht wesentlich zur Prävention von Karies, Parodontitis und Zahnverlust bei.

Dennoch deutet vieles auf einen Paradigmenwechsel innerhalb der Zahnmedizin hin. Die Mundhöhle wird dabei zunehmend nicht mehr als isolierter Bereich betrachtet, sondern als wichtige Schnittstelle zwischen Umwelt, Mikrobiom, Immunsystem und allgemeiner Gesundheit. Ziel ist nicht nur die Behandlung oraler Erkrankungen, sondern die aktive Mitgestaltung eines gesunden, funktionellen und resilienten Alterns. Ehrlich gesagt, das haben wir Zahnmediziner doch immer schon ein bisschen geahnt.

 

Quellen:

Patel et al.: Oral health for healthy ageing. Lancet Healthy Longevity. 2021. doi: 10.1016/S2666-7568(21)00142-2

Sahab et al.: Oral Health and Healthy Ageing: A Systematic Review of Longitudinal Studies. Gerodontology. 2025. doi: 10.3390/dj13070303

Duan et al.: Tooth loss progression and mortality among older adults. BMC Geriatrics. 2025. doi: 10.1186/s12877-025-06419-1

Foo et al.: Oral frailty and outcomes: A scoping review. Proceedings of Singapore Healthcare. 2025. doi: 10.1177/20101058251355290

Yu et al.: Oral frailty in older adults: risk factors, adverse outcomes, and interventions. BMC Geriatrics. 2026. doi: 10.1186/s12877-026-07470-2

Watanabe et al.: Oral health for achieving longevity. Geriatrics & Gerontology International. 2020. doi: 10.1111/ggi.13921

Martínez-García et al.: Periodontal Inflammation and Systemic Diseases: An Overview. Front Physiol. 2021. doi: 10.3389/fphys.2021.709438

Nurkolis et al.: Can salivary and skin microbiome become a biodetector for aging-associated diseases? Current insights and future perspectives. Frontiers in Aging. 2024. doi: 10.3389/fragi.2024.1462569

Regueira-Iglesias et al.: The salivary microbiome as a diagnostic biomarker of periodontitis: a 16S multi-batch study before and after batch correction. Frontiers in Cellular and Infection Microbiology. 2024. doi: 10.3389/fcimb.2024.1405699

Cui et al.: New frontiers in salivary extracellular vesicles: transforming diagnostics, monitoring, and therapeutics in oral and systemic diseases. Journal of Nanobiotechnology. 2024. doi: 10.1186/s12951-024-02443-2

Zhao et al.: Advancements and Challenges in Salivary Metabolomics for Early Detection and Monitoring of Systemic Diseases. 2025. doi: 10.1002/mco2.70395

Relvas et al.: Salivary IL-1β, IL-6, and IL-10 Are Key Biomarkers of Periodontitis Severity. Int J Mol Sci., 2024. doi: 10.3390/ijms25158401

Albagieh et al.: Evaluation of Salivary Diagnostics: Applications, Benefits, Challenges, and Future Prospects in Dental and Systemic Disease Detection. Cureus. 2025. doi: 10.7759/cureus.77520

Unterbrink et al.: Fluoride-Free Toothpastes for Caries Prevention: A Systematic Review of Clinical Evidence on Active Ingredients. Clin Cosmet Investig Dent. 2026. doi: 10.2147/CCIDE.S586895

Seuntjens et al.: Plaque scores after 1 or 2 minutes of toothbrushing – A systematic review and meta-analysis. Int J Dent Hygiene. 2025. doi: 10.1111/idh.12840

Gandhi et al.: Efficacy of oral irrigators compared to other interdental aids for managing peri-implant diseases: a systematic review. BDJ Open, 2025. doi: 10.1038/s41405-025-00301-3

Allergie gegen Lokalanästhetika mit simplem Test abklären

Lokalanästhetika gehören zum Alltag in der Kinderzahnheilkunde. Bei Beschwerden nach der Injektion wird rasch eine Allergie vermutet – echte SoforttyReaktionen sind jedoch selten. Eine Studie zeigt, wie sich der Verdacht zuverlässig klären lässt.

Die Forschenden analysierten die Daten von 88 Kindern im Alter von durchschnittlich 8,5 Jahren, die zwischen Januar 2019 und August 2024 nach vermuteten unmittelbaren Reaktionen auf Lokalanästhetika vorgestellt wurden.

Auffällig war jedoch, dass in 67 Prozent der Fälle das konkret verwendete Präparat nicht eindeutig dokumentiert war. Bei bekanntem Wirkstoff handelte es sich am häufigsten um Articain oder Lidocain – zwei in der Zahnmedizin gängige Substanzen, wie die Autoren schreiben.

Schrittweise Teststrategie

Die Diagnostik folgte einem klaren, dreistufigen Schema. Zunächst führten die Ärzte einen Haut-Prick-Test durch. Fiel dieser negativ aus, schloss sich ein Intradermaltest in einer 1:10-Verdünnung an. War auch dieser unauffällig, wurde abschließend ein subkutaner Provokationstest vorgenommen.

Dieses stufenweise Vorgehen sollte das Risiko minimieren und gleichzeitig eine sichere Aussage ermöglichen, erklären die Autoren ihr Vorgehen.

Intradermaltest mit hoher Sicherheit

Bei 11 der 88 Kinder (12,5 Prozent) zeigte der Intradermaltest eine positive Reaktion. Am häufigsten betraf dies Articain, seltener Prilocain oder Lidocain.

Noch entscheidender für die Praxis sei jedoch ein anderer Wert: Der Intradermaltest in 1:10-Verdünnung hatte nämlich eine sehr hohe negative Vorhersagekraft von 99 Prozent. War also der Test negativ, konnte mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine echte Soforttyp-Allergie ausgeschlossen werden.

Viele vermeintliche „Allergien“ beruhten nach Aussage der Autoren auf ganz anderen Ursachen, wie etwa Angstreaktionen, vasovagalen Synkopen oder toxischen Effekten. Ohne klare Diagnostik führe ein einmal geäußerter Allergieverdacht häufig zu langfristigen Einschränkungen bei künftigen Behandlungen.

Bedeutung für die Praxis

„Die Ergebnisse sprechen dafür, unser beschriebenes Stufenschema standardisiert anzuwenden. Besonders der Intradermaltest in 1:10-Verdünnung nach negativem Prick-Test erweist sich als zentraler Baustein der Diagnostik“, fassen die Autoren zum Abschluss kurz zusammen.

Auch bei Kindern mit schwerer Reaktionsanamnese, einschließlich anaphylaktischer Symptome, zeigt sich dieses Vorgehen als praktikabel und verlässlich. Eine strukturierte Teststrategie könne letztlich dabei helfen, echte Allergien sicher zu identifizieren und gleichzeitig unnötige Therapieeinschränkungen zu vermeiden.

 

Originalpublikation: Aslan S et al., Evaluation of diagnostic tests for immediate-type allergic reactions to amide group local anesthetics in children. PAI 2025; 36(4): e70085 

Bohren zwecklos: Dieser Zahnschmerz kam von Herzen

Eine 76-jährige Frau stellt sich mit persistierenden Schmerzen im Gingivabereich der Zähne 33 und 34 vor, die wiederholt von stechenden thorakalen Beschwerden begleitet werden. Nach etwa fünf bis sechs Minuten klingen die Schmerzen jeweils spontan ab, wie die Autoren des Falls im Fachmagazin Frontiers in Pain Research schreiben.

Die Beschwerden beginnen Monate zuvor als lokalisierter Gingivaschmerz, wie die Patientin angibt. Mehrere zahnärztliche Maßnahmen, darunter Extraktionen und prothetische Versorgung (Befundsituation), führten jedoch zu keiner Besserung. Klinisch und radiologisch gibt es keinen Hinweis auf eine odontogene Ursache. Auch initiale internistische Abklärungen mit EKG, Langzeit-EKG, Echokardiografie und Thorax-CT bleiben ohne richtungsweisenden Befund, erklären die Autoren weiter.

Mangels objektivierbarer Befunde stellen die Ärzte die Diagnose einer atypischen Odontalgie und leiten eine antidepressive Therapie ein. Ein klinischer Effekt stellt sich allerdings nicht ein. Parallel persistieren die Schmerzen unverändert fort.

Wendepunkt: Belastungsabhängige Symptomatik

Im weiteren Verlauf zeigt sich jedoch eine klare Dynamik: Die Patientin berichtet, dass Zahnschmerz und thorakale Beschwerden zunehmend belastungsabhängig auftreten, etwa beim Gehen oder Treppensteigen, und sich in Ruhe rasch zurückbilden. Analgetika zeigen weiterhin keine ausreichende Wirkung.

Diese Entwicklung markiert rückblickend den entscheidenden diagnostischen Wendepunkt, obgleich wiederholte kardiologische Basisuntersuchungen zunächst weiterhin unauffällig bleiben, schreiben die Autoren.

Diagnose erst durch spezialisierte Bildgebung

Erst eine weiterführende kardiologische Bildgebung bringt die Ursache schließlich ans Licht: Es zeigen sich hochgradige Stenosen (90–99 Prozent) sowohl der linken Vorderwandarterie als auch der rechten Koronararterie sowie ein linksventrikulärer Thrombus (Originalbefund). Mittels Koronarangiografie stellen die Ärzte die Diagnose einer instabilen Angina pectoris.

Die Patientin wird daraufhin umgehend herzchirurgisch versorgt. Es erfolgt eine linksventrikuläre Rekonstruktion zur Thrombusentfernung sowie eine koronare Bypassoperation.

Vollständige Beschwerdefreiheit nach kardialer Therapie

Nach dem Eingriff verschwinden sowohl die Zahnschmerzen als auch die thorakalen Beschwerden vollständig. Auch im Langzeitverlauf über mehr als ein Jahr zeigt sich kein Rezidiv.

Klinische Einordnung: Zahnschmerz als Warnzeichen einer Angina pectoris

Der Fall verdeutliche aus Sicht der Autoren eine seltene, aber klinisch relevante Form des übertragenen Schmerzes: einen Zahnschmerz kardialer Genese. Pathophysiologisch liege eine Konvergenz kardialer nozizeptiver Signale mit trigeminalen Afferenzen zugrunde, wodurch myokardiale Ischämie als orofazialer Schmerz fehlinterpretiert werde, ordnen die Autoren die möglichen Zusammenhänge näher ein.

Besonders relevant sei die diagnostische Verzögerung im vorliegenden Fall: Trotz typischer Warnsignale wie Belastungsabhängigkeit und fehlendes Ansprechen auf zahnärztliche Maßnahmen wird die kardiale Ursache erst spät erkannt.

Bedeutung für die Praxis

Die Autoren betonen abschließend, dass bei unklaren Zahnschmerzen mit begleitenden thorakalen Symptomen insbesondere bei älteren Patientinnen und Patienten frühzeitig eine kardiologische Abklärung erfolgen sollte. Entscheidend sei dabei weniger die Schmerzqualität als vielmehr das Muster: Belastungsabhängigkeit, fehlende dentale Ursachen und Therapieresistenz gelten demnach als zentrale Warnhinweise.

 

Originalpublikation: Maeda C et al., Case Report: A case of toothache of cardiac origin with a long-term clinical course. Frontiers in Pain Research 2025; 6:1625582

Natürlich tödlich: Schattenseiten der Alternativmedizin

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Karzinom“ verschwindet unter Antibiotika

Ein junger Mann wird mit dem Verdacht auf ein Oropharynxkarzinom zur weiteren Diagnostik stationär aufgenommen. Erst seine Vorgeschichte gibt Hinweise darauf, dass eine Biopsie der großen Zungengrundläsion wohl nicht vonnöten ist.

Ein 29-jähriger Mann stellt sich nach Überweisung durch seinen Hausarzt in einer HNO-Klinik vor, da er seit rund drei Monaten unter Ohrenschmerzen und Schmerzen beim Schlucken leidet. Zusätzlich berichtet er über wechselnd ausgeprägte rechtsseitige zervikale Lymphknotenschwellungen sowie eine Episode mit blutigem Auswurf. Allgemeinsymptome wie Fieber, Nachtschweiß, Hautausschläge oder ungewollter Gewichtsverlust verneint der Mann. Seine medizinische Vorgeschichte umfasst eine oropharyngeale Chlamydieninfektion, zudem besteht eine Raucheranamnese von fünf Packungsjahren, täglicher Marihuanakonsum sowie gelegentlicher Alkoholkonsum.

Ulzerierende Läsion plus Lymphknoten

Bei der klinischen Untersuchung zeigen sich mehrere vergrößerte, derbe, nicht druckschmerzhafte zervikale Lymphknoten rechts mit einer Größe von bis zu etwa drei Zentimetern, berichten die Autoren des Fallberichts in der Fachzeitschrift Case Reports in Otolaryngology. Zusätzlich tastet sich eine derbe Raumforderung am rechten Zungengrund, die sich in der flexiblen Laryngoskopie als etwa vier Zentimeter große ulzerierende Läsion darstellt. Aufgrund des Befundes besteht zunächst der Verdacht auf ein Malignom des Oropharynx.

Die kontrastmittelgestützte CT des Halses bestätigt multiple vergrößerte zervikale Lymphknoten beidseits auf Level II, rechts bis 22 mm und links bis 16 mm groß, jedoch ohne zentrale Nekrosen. Weitere auffällige Veränderungen im Bereich von Pharynx oder Larynx finden sich nicht.

Infektionsdiagnostik zeigt den wahren Hintergrund

Während die Planung einer Biopsie erfolgt, werden ergänzend serologische Untersuchungen auf infektiöse Ursachen durchgeführt. Dabei fällt ein positiver Treponemen-Antikörpertest auf: Der RPR-Titer beträgt 1:64, womit die Diagnose einer Syphilis gestellt werden kann. Ein HIV-Test bleibt negativ.

Der Patient erhält daraufhin leitliniengerecht eine empirische Therapie mit intramuskulärem Penicillin G gemäß den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation. Bereits innerhalb von zwei Wochen bilden sich die Beschwerden sowie die zervikale Lymphadenopathie vollständig zurück. Aufgrund der raschen klinischen Besserung entscheidet sich der Patient gegen die geplante Biopsie und für engmaschige Verlaufskontrollen.

Drei Wochen nach Therapiebeginn sinkt der RPR-Titer deutlich von 1:64 auf 1:2. Die erneute klinische Untersuchung und Kontrolllaryngoskopie zeigen eine stabile Rückbildung der Läsion am Zungengrund. Da sowohl die Raumforderung als auch die Lymphadenopathie komplett regredient sind, wird auf eine Gewebeentnahme verzichtet.

Der große Imitator 

Der Fall zeigt, dass Syphilis – gerne auch als „Großer Imitator“ bezeichnet – im Kopf-Hals-Bereich klinisch ein Oropharynxkarzinom nachahmen kann. Die Autoren ordnen den Befund am ehesten einer sekundären Syphilis zu, da hohe RPR-Titer, das Fehlen eines klassischen Primäraffekts und die ausgeprägte Lymphadenopathie dafür sprechen. Die Läsion am Zungengrund könne dabei Ausdruck einer lymphatischen Beteiligung oder eines Condyloma lata gewesen sein. Die sekundäre Syphilis entsteht durch die systemische Ausbreitung der Infektion und kann sich unter anderem mit Hautausschlägen an Handflächen und Fußsohlen, Fieber, Abgeschlagenheit, Condylomata lata und generalisierter Lymphadenopathie manifestieren. Eine tertiäre Syphilis betrifft hingegen vor allem das Herz-Kreislauf- oder Nervensystem und kann granulomatöse Gewebeveränderungen (Gummen) verursachen.

Differenzialdiagnostisch kommen bei ulzerierenden Läsionen und zervikaler Lymphadenopathie unter anderem Plattenepithelkarzinome, Lymphome, atypische Mykobakteriosen, Sarkoidose oder Lupus erythematodes infrage.

Die Diagnose der Syphilis erfolgt primär serologisch.

Infektiöse Ursachen im Blick behalten

Sexuell übertragbare Infektionen sind wieder auf dem Vormarsch und sind auch in der Differenzialdiagnose von Kopf-Hals-Läsionen relevant – insbesondere vor dem Hintergrund steigender Inzidenzen sowohl der Syphilis als auch HPV-assoziierter Oropharynxkarzinome. Die Autoren betonen, dass sexuell aktive Patientinnen und Patienten mit Risikofaktoren daher auch auf infektiöse Ursachen wie Syphilis untersucht werden sollten.

Eine frühe Abklärung könne invasive Maßnahmen vermeiden, da die Erkrankung unter Penicillintherapie meist rasch regredient sei, raten die Autoren abschließend.

 

Originalpublikation:
Serena F. Pu, Kevin J. Carlson, Jonathan R. Mark, Benjamin J. Rubinstein, Oropharyngeal Syphilis Presenting as Tongue Base Ulcer With Lymphadenopathy, Case Reports in Otolaryngology
First published: 19 May 2026, https://doi.org/10.1155/crot/2673365

 

Honig: die wohl süßeste Kariesprävention

Honig gilt bereits seit Jahrhunderten als Naturheilmittel. Eine aktuelle Übersichtsarbeit im FachjournalCureus untersuchte nun systematisch, ob die antibakteriellen Eigenschaften des Honigs auch zur Prävention von Zahnkaries beitragen können – mit durchaus differenziert zu betrachtendem Ergebnis.

Zahnkaries ist eine multifaktorielle, biofilmvermittelte Erkrankung, bei der insbesondere säurebildende Bakterien wie Streptococcus mutans eine zentrale Rolle spielen. Vor diesem Hintergrund analysierte die vorliegende Übersichtsarbeit die potenzielle Rolle von Honig als ergänzendes Mittel in der präventiven Zahnmedizin.

Den Autoren zufolge weise Honig eine komplexe Zusammensetzung mit über 200 bioaktiven Substanzen auf, darunter Wasserstoffperoxid, Polyphenole und antimikrobielle Peptide. In vitro konnte bis dato wiederholt gezeigt werden, dass Honig das Wachstum kariogener Bakterien hemmen und die Bildung von Biofilmen reduzieren könne. Besonders wirksam erscheinen bestimmte Honigsorten wie Manuka-, Buchweizen- oder Honigtauhonig, wobei die antibakterielle Aktivität stark von Herkunft, Konzentration und Zusammensetzung abhänge, so die Autoren weiter.

Ein wesentlicher Wirkmechanismus scheint die Bildung von Wasserstoffperoxid zu sein, dessen enzymatische Inaktivierung die antibakterielle Wirkung deutlich reduziere. Zusätzlich tragen sogenannte exosomenähnliche Vesikel im Honig zur Membranschädigung von Bakterien bei und verstärken auf diese Weise zusätzlich den antimikrobiellen Effekt.

Wirkung auf Biofilm und Plaque

Neben der direkten antibakteriellen Aktivität zeige Honig auch Effekte auf dentale Biofilme. In experimentellen Studien konnte die metabolische Aktivität von Bakterien in bestehenden Biofilmen reduziert werden, während die Gesamtstruktur des Biofilms weitgehend erhalten blieb. Die Ergebnisse legen aus Sicht der Autoren nahe, dass Honig vor allem präventiv wirke, indem er die initiale Biofilmbildung hemmt, weniger jedoch bestehende Biofilme auflöst.

Klinische Studien lieferten allerdings bislang eher ein heterogenes Bild. Einige randomisierte Studien berichteten über eine Reduktion der Plaque, der bakteriellen Last und Gingivitis durch honigbasierte Mundspüllösungen. Allerdings zeigte sich konsistent, dass etablierte Antiseptika wie Chlorhexidin überlegen waren.

Interessant sei zudem die Beobachtung, dass Honig trotz seines Zuckergehalts eine weniger ausgeprägte und kürzer anhaltende pH-Absenkung verursache als beispielsweise die Saccharose. Die Autoren interpretieren dies als Hinweis auf ein möglicherweise geringeres kariogenes Potenzial im Vergleich zu herkömmlichen Zuckern.

Einfluss auf Zahnschmelz: Uneinheitliche Datenlage

Die Auswirkungen von Honig auf die Zahnhartsubstanz sind überdies bislang nicht eindeutig geklärt. In vitro zeigten einige Studien eine Verbesserung der Schmelzhärte und eine Reduktion der Oberflächenrauigkeit nach Anwendung honighaltiger Präparate, mit Effekten vergleichbar zum Fluorid.

Demgegenüber berichteten andere Untersuchungen über eine potenzielle Demineralisierung, insbesondere unter Bedingungen mit niedrigen pH-Werten und bakterieller Fermentation. Entscheidend scheine hierbei jedoch auch der Kontext zu sein: Faktoren wie Speichel, Expositionsdauer und mikrobielle Aktivität beeinflussten maßgeblich die Wirkung auf den Zahnschmelz.

Limitationen und klinische Relevanz

Ein zentrales Problem der aktuellen Evidenz liege in der fehlenden Standardisierung der untersuchten Honigprodukte. Unterschiede in botanischer Herkunft, physikochemischen Eigenschaften und Darreichungsform erschwerten die Vergleichbarkeit der Studien und limitierten letztlich die Übertragbarkeit auf die klinische Praxis, erklären die Autoren.

Zudem handele es sich überwiegend um Kurzzeitstudien oder experimentelle Designs. Langfristige klinische Daten zur Kariesinzidenz fehlten weitgehend. Die Autoren betonen daher zum Abschluss die Notwendigkeit gut konzipierter randomisierter Studien mit standardisierten Endpunkten und längeren Beobachtungszeiträumen.

Fazit

Die vorliegenden Daten legen nahe, dass Honig über relevante antibakterielle und antibiofilmaktive Eigenschaften verfügt und somit als ergänzendes Mittel in der oralen Prävention in Betracht gezogen werden könnte. Seine klinische Wirksamkeit bleibe jedoch hinter etablierten Maßnahmen wie Fluoridierung und Chlorhexidin zurück.

Aufgrund der heterogenen Datenlage und potenziell auch schmelzschädigender Effekte unter bestimmten Bedingungen sei ein routinemäßiger Einsatz in der Kariesprävention derzeit dennoch nicht gerechtfertigt.

 

Originalpublikation: Valente P et al., The Role of Honey in Dental Caries Prevention: A Narrative Review. Cureus 2026; 18(4): e106948

Darmbakterium half bei Übergewicht

Ein Nahrungsergänzungsmittel aus einem Darmbakterium half Menschen mit Übergewicht, nach dem Abnehmen ihr neues Gewicht besser zu halten als mit einem Placebo. Das ist das Ergebnis einer randomisiert kontrollierten Studie aus den Niederlanden, auf die das Science Media Center Germany (SMC) nun hinweist.

Für die Studie, die im Fachjournal „Nature Medicine“ veröffentlicht wurde, verwendeten die Forschenden laut SMC-Angaben einen Stamm des Darmbakteriums Akkermansia muciniphila, welches sie pasteurisierten, um es gegen Temperatur, Sauerstoff und Säure stabiler zu machen, ohne die Wirkung zu verlieren. A. muciniphila wird wissenschaftlich als Indikator für Darmgesundheit untersucht.

Methodik: 8 Wochen Diät, dann Bakterien

Das getestete Bakterienpräparat stammte vom Hersteller „The Akkermansia Company“. Die bei der Firma angestellten Forschenden untersuchten in der aktuellen Studie, ob ihr Akkermansia -Nahrungsergänzungsmittel „MucT” tatsächlich eine Wirkung auf das Körpergewicht hat.

Die Studie begann den Angaben zufolge mit 90 erwachsenen Probanden. Alle hatten Übergewicht oder Adipositas ohne Diabetes Typ 2 und ohne Darmerkrankungen. Alle Teilnehmenden, die nach einer achtwöchigen Diät mit täglich 900 Kilokalorien mindestens acht Prozent ihres Gewichts abgenommen hatten (84 Personen) wurden dann zufällig in zwei Gruppen für eine Erhaltungsphase eingeteilt: Eine Gruppe bekam 24 Wochen lang dreimal täglich das Bakterienpräparat als Kapsel (MucT-Gruppe), die andere ein Placebo. Während dieser Zeit sollten die Teilnehmenden versuchen, ihr Gewicht zu halten und bekamen als Hilfestellung eine regelmäßige Ernährungsberatung. Primärer Endpunkt war die Gewichtsveränderung während der Erhaltungsphase. Zusätzlich untersuchten die Forschenden noch Stuhlproben, Stoffwechselparameter wie den Blutzuckerspiegel, und Proben aus dem Fettgewebe der Teilnehmenden.

„Bakterien“-Gruppe hält Gewicht besser  

Die Ergebnisse: Die MucT-Gruppe nahm mit durchschnittlich 1,2 Kilogramm statistisch signifikant (P-Wert 0,012) weniger Gewicht wieder zu als die Placebogruppe mit 3,2 Kilogramm. 16 Teilnehmende der MucT-Gruppe nahmen sogar weiterhin Gewicht ab, in der Placebogruppe nur zwei. „MucT“ hatte auch einen positiven Einfluss auf die Insulinsensitivität. Eine Subgruppenanalyse zeigte: Menschen mit weniger A. muciniphila im Stuhl profitierten besonders von der Behandlung mit „MucT“. Schwerwiegende Nebenwirkungen durch die Behandlung wurde nicht beobachtet.

Fazit: „ein relevantes Ergebnis“

Das Science Media Center Germany hat Fachleute in Deutschland um eine Einschätzung der Ergebnisse gebeten. „Die Forschungsarbeit ist methodisch sehr hochwertig, aber aufgrund der kleinen Fallzahl und der sehr spezifischen Testbedingungen nicht generalisierbar. Es braucht weitere Studien, um das Ergebnis bestätigen zu können. Eine automatische Empfehlung für Nahrungsergänzungsmittel ergibt sich daraus nicht“, sagt beispielsweise Dr. Stefan Kabisch vom Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD).

Zudem müsse man betonen, „dass der Wirkungsnachweis eben nur für dieses spezielle Studiendesign gilt: nämlich für den Gewichtserhalt nach einer Formuladiät bei mittelalten Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas, aber ohne Typ-2-Diabetes.“ Der Wirkungsnachweis gelte nicht für die Gewichtsreduktion selbst und auch nicht für den Gewichtserhalt nach anderen Diäten. „Es gilt auch nur für exakt diese Bakterien in dieser Variante und dieser Dosierung.“

Prof. Dr. Stephan Bischoff, Leiter des Instituts für Ernährungsmedizin und Prävention an der Uni Hohenheim sagte dem SMC: „MucT ist ein erstes Nahrungssupplement, für das eine Wirkung auf den Gewichtserhalt nach erfolgreicher Gewichtsreduktion bei Erwachsenen mit Adipositas in einer wissenschaftlichen Studie gezeigt werden konnte. Das ist ein relevantes Ergebnis, weil Gewichtserhalt eine der großen Herausforderungen in der Adipositasbehandlung ist, für die es nur begrenzt wirksame Konzepte gibt.“

Therapieempfehlungen?

„Wer darüber nachdenkt, pasteurisiertes A. muciniphila zur Gewichtserhaltung einzunehmen, sollte wissen: Es handelt sich bislang um ein Nahrungsergänzungsmittel ohne Zulassung als Medikament, für das eine einzige kontrollierte Studie mit moderatem Effekt und erheblichen Interessenkonflikten vorliegt“, sagte PD Dr. Rima Chakaroun, Fachärztin für Innere Medizin am Uniklinikum Leipzig. „Auf dieser Grundlage eine allgemeine Empfehlung auszusprechen, wäre wissenschaftlich nicht vertretbar. Die Daten legen nahe, dass Personen mit bereits niedrigem endogenen Akkermansia-Spiegel am stärksten profitieren könnten. Aber eine Stuhltestung auf Akkermansia ist weder standardisiert noch klinisch etabliert.“

Quelle: Science Media Center Germany (SMC)

Originalpublication:

Mount S et al. (2026): Pasteurized Akkermansia muciniphila MucT for weight loss maintenance in people with overweight and obesity: a controlled randomized trial. Nature Medicine. DOI: 10.1038/s41591-026-04394-7.

 

Verbesserte Mundhygiene senkt das Risiko nosokomialer Pneumonien

Eine im Durchschnitt 1,5 mal täglich durchgeführte Mundhygiene unter Anleitung einer geschulten Pflegekraft senkt das Risiko nosokomialer Pneumonien um 60 Prozent. Das ergab eine große australischen Studie.

Eine auf der Tagung „Global 2026“ der European Society of Clinical Microbiology and Infectious Diseases (ESCMID) in München vorgestellte Studie zeigte, wie eine durch vergleichsweise einfache Verbesserung der Mundhygiene bei stationär untergebrachten Klinikpatienten das Risiko nosokomialer, nicht beatmungsassoziierter Pneumonien drastisch gesenkt werden konnte.

Die sogenannte HAPPEN-Studie (Hospital Acquired Pneumonia Prevention), an der über 8.000 Patienten beteiligt sind, ist der ESCMID zufolge die bislang einzige multizentrische randomisierte kontrollierte Studie (RCT) im Krankenhausumfeld, die diesen Ansatz evaluiert.

Erreger gelangen vom Mundraum in die Lunge

Studienleiter Prof. Brett Mitchell von der Avondale University in Australien erklärt, warum eine verbesserte Mundhygiene das Risiko einer Lungenentzündung verringern kann: „Eine nosokomiale Lungenentzündung entsteht typischerweise dadurch, dass Flüssigkeiten aus Mund oder Rachen in die Lunge gelangen.“

Krankenhausbedingte Atemwegserreger würden häufiger bei Patienten nachgewiesen, die ihre Speichelsekrete nicht selbstständig abhusten können. Man gehe davon aus, dass diese Infektionen hauptsächlich durch die körpereigene Mundflora und weniger durch Übertragung von Mensch zu Mensch verursacht werden. Mitchell: „Eine verbesserte Mundhygiene trägt dazu bei, diese Erreger im Mund zu reduzieren und somit potenziell das Risiko einer nachfolgenden Infektion zu senken.“

Inzidenz sank von 1,00 auf 0,41 Fälle pro 100 stationäre Behandlungstage

Die HAPPEN-Studie ist eine multizentrische, gestufte Cluster-RCT (randomisierte, kontrollierte Studie) auf neun Stationen in drei australischen Krankenhäusern über einen Zeitraum von zwölf Monaten bis August 2025. Auf jeder Station wurde die Intervention alle drei Monate eingeführt. Insgesamt nahmen 8.870 Patienten an der Studie teil, von denen sich 4.347 während des Interventionszeitraums auf Station befanden.

n der Interventionsphase erhielten die Patienten bei der Aufnahme eine Zahnbürste, Zahnpasta, Informationsmaterialien und Zugang zu zusätzlichen Online-Ressourcen. Das Gesundheitspersonal wurde vor Ort geschult und erhielt ebenfalls Zugang zu Online-Ressourcen sowie praktische Unterstützung zur Verbesserung der Mundpflege. Die Kontrollgruppe entsprach der üblichen Praxis.

Das Programm führte zu einer deutlichen Verbesserung der Mundhygiene bei Krankenhauspatienten. Der Anteil der Patienten, die Mundpflege erhielten, stieg von 15,9 Prozent in der Kontrollgruppe auf 61,5 Prozent in der Interventionsgruppe. Überprüfungen ergaben, dass die Mundpflege durchschnittlich 1,5 Mal täglich durchgeführt wurde. Die Teilnahme an der Intervention ging mit einer statistisch signifikanten Reduktion des Risikos für nosokomiale Pneumonie einher. Die Inzidenz sank von 1,00 auf 0,41 Fälle pro 100 stationäre Behandlungstage – was einer Reduktion von etwa 60 Prozent entspricht.

Mundhygiene ist bedeutsam für die Infektionsprävention

Mit Blick auf die Zukunft erklärte Mitchell: „Die Leitlinien erkennen bereits die Bedeutung der Mundpflege bei der Prävention von nosokomialer Pneumonie an, doch die Evidenz für diese Empfehlungen war bisher begrenzt. Unsere Studie liefert nun aussagekräftige Erkenntnisse aus dem Krankenhausumfeld. Der nächste Schritt besteht darin, besser zu verstehen, wie strukturierte Programme effektiv implementiert und auf allen Krankenhausstationen nachhaltig etabliert werden können.“

Hier geht’s zur HAPPEN-Studie.

Bei Nierenschwäche sollte frühzeitig zum Zahnarzt überwiesen werden

Eine Niereninsuffizienz hat bereits in frühen Stadien signifikante Auswirkungen auf die Mundgesundheit. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie unter Leitung von Zahnmedizinern und Medizinern der RWTH Aachen. Deshalb sollten Nephrologen und Zahnärzte frühzeitig interdisziplinär zusammenarbeiten.

Die oralen Schäden im Endstadium einer chronischen Nierenerkrankung (Stadium 5) sind bereits von zahlreichen Studien untersucht worden. Für die früheren Phasen der Erkrankung wurde der Schwergrad der Mundgesundheitsprobleme hingegen noch nicht systematisch analysiert, schreiben die Autoren einer vor Kurzem im „International Dental Journal“ erschienenen Studie zu oralen Folgen der chronischen Nierenerkrankung.

Diese Lücke soll nun geschlossen werden – insbesondere im Hinblick auf die notwendige interdisziplinäre Zusammenarbeit von Nephrologen und Zahnmedizinern bei betroffenen Patienten. Ziel der Arbeit war es, orale Parameter in den Erkrankungsstadien 1–4 zu evaluieren, um frühzeitige degenerative Prozesse zu erkennen und Grundlagen für nierenspezifische Zahnbehandlungen zu schaffen.

Signifikante Veränderungen in der Mundhöhle

Die Autoren führten eine Literaturrecherche in den Datenbanken PubMed, Web of Science, ClinicalTrials.gov und Cochrane bis Juni 2025 durch. Aus 1.584 Treffern wurden 24 Studien in die quantitative Metaanalyse eingeschlossen. Die Auswertung zeigte signifikante Defizite bei Niereninsuffizienz-Patienten im Vergleich zu Gesunden:

  • Zahnbeläge: Betroffene wiesen eine deutlich stärkere Plaque- und Zahnsteinakkumulation auf.
  • Entzündungen: Es zeigte sich eine ausgeprägte Zahnfleischentzündung mit erhöhten Werten im Gingiva-Index und vermehrter Blutung bei Sondierung (Bleeding on Probing, BOP).

  • Speichel: Patienten hatten einen signifikant höheren Speichel-pH-Wert bei gleichzeitig stark reduzierter Speichelflussrate.

Orale Schäden frühzeitig behandeln

Im Ergebnis stellen die Autoren fest: „Es besteht ein starker Zusammenhang zwischen chronischer Nierenerkrankung (CKD) im Früh- und Spätstadium und verstärkter oraler Entzündung, Plaquebildung und reduzierter Speichelflussrate“. Sie empfehlen eine frühzeitige zahnmedizinische Integration in die Behandlung: „Um eine Verschlechterung der Zahngesundheit dieser Patienten zu verhindern, ist eine frühzeitige Überweisung an einen Zahnarzt im Verlauf der Erkrankung unerlässlich. Basierend auf dem Wissen über die Auswirkungen der CKD auf die Mundgesundheit wird der Zahnarzt anschließend ein individuelles Kontrollintervall für den jeweiligen Patienten festlegen“.

Niederau C. et al., Oral Health in Early and Advanced Stages (1-4) of Chronic Kidney Disease: A Systematic Review and Meta-Analysis, International Dental Journal, Volume 76, Issue 4, 2026, ISSN 0020-6539, https://doi.org/10.1016/j.identj.2026.109610