Enorale Zoster-Manifestation als Warnsignal

Atypische Manifestationen des Herpes zoster können ein früher Hinweis auf eine bislang unerkannte Immunsuppression sein. Darauf weist dieser Fallbericht hin, der im Rahmen des 68. Kongresses der Deutschen STI-Gesellschaft in Berlin vorgestellt wurde.

Den Autoren zufolge stellt sich eine 55-jährige transgeschlechtliche Patientin mit seit fünf Tagen bestehenden einseitigen Belägen im Bereich von Zunge und Rachen sowie einer schmerzhaften Zungenschwellung und Dysphagie vor. Vorerkrankungen seien nicht bekannt, anamnestisch ergeben sich keine Hinweise auf relevante Noxen oder Medikamenteneinnahmen.

Klinisch zeigen sich im Versorgungsgebiet des Nervus trigeminus (V2/V3 rechts) weißlich-gelbliche, teils pseudomembranöse Beläge mit fötidem Geruch. Die Zunge ist erythematös geschwollen, pharyngeal bestehen zusätzlich Vesikel, während das übrige Integument unauffällig bleibt.

Virologische Diagnostik und Zufallsbefund HIV

Mittels PCR kann eine Infektion mit Varizella-Zoster-Virus gesichert werden. Parallel wird eine ulzerative Stomatitis bei oraler Candidose diagnostiziert. Andere virale Ursachen, darunter Herpes-simplex-Viren, MPXV sowie Coxsackie-Viren, werden ausgeschlossen.

Im Rahmen der weiterführenden Diagnostik zeigt sich jedoch eine bislang nicht bekannte HIV-Infektion mit einer Viruslast von 276.000 Kopien/ml sowie einer ausgeprägten CD4-T-Zell-Lymphopenie von 0,25/µl (17 Prozent). Ergänzende serologische Untersuchungen, unter anderem auf Kryptokokken, Treponema pallidum, Toxoplasmose sowie Hepatitis B und C, bleiben negativ.

Komplexer klinischer Verlauf unter Therapie

Initial erhält die Patientin eine intravenöse antivirale Therapie mit Aciclovir sowie eine antimykotische Behandlung mit Amphotericin B und antiseptische Mundspülungen. Im weiteren Verlauf kommt es allerdings zu einer akuten Verschlechterung der Nierenfunktion mit einem Kreatininanstieg auf 6,54 mg/dl und einer GFR < 15 ml/min, woraufhin die Aciclovir-Dosis angepasst und eine intravenöse Flüssigkeitstherapie eingeleitet wird. Eine Dialyseindikation besteht indes nicht. Sonographisch zeigt sich ein Harnstau zweiten Grades, der eine Katheteranlage erforderlich macht.

Aufgrund einer vorübergehenden Verwirrtheit erfolgt eine neurologische Abklärung mit unauffälligem Schädel-CT, während in der Liquordiagnostik oligoklonale Banden nachgewiesen werden. Nach klinischer Stabilisierung beginnt die Patientin eine antiretrovirale Therapie mit Dolutegravir, Darunavir und Ritonavir. Bis zur Entlassung sinkt die Viruslast auf 176.000 Kopien/ml, gleichzeitig bessern sich die Nierenfunktion sowie die neurologische Symptomatik.

Früher Hinweis auf Immunsuppression

Die Autoren betonen, dass erosive Veränderungen der Mundschleimhaut und das klinische Bild einer Stomatitis eine sorgfältige differenzialdiagnostische Abklärung erfordern. Neben häufigen Ursachen sollten auch seltene Entitäten berücksichtigt werden, darunter eine isoliert enorale Manifestation eines Herpes zoster.

Insbesondere bei bestehender oder bislang nicht diagnostizierter Immundefizienz könne die Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus atypisch verlaufen und als frühes klinisches Zeichen fungieren.

Fazit

Der Fall verdeutliche, dass ungewöhnliche oder isolierte orale Zoster-Manifestationen als potenzieller Hinweis auf eine zugrundeliegende Immunsuppression gewertet werden sollten. Den Autoren zufolge sollte bei atypischen Verläufen frühzeitig eine HIV-Diagnostik in die initiale Abklärung einbezogen werden, um eine Infektion rechtzeitig zu erkennen und frühestmöglich zu behandeln.

 

Originalquelle: Sammons M.K. et al., P02: Enorale Herpes zoster-Manifestationen als Ersthinweis auf eine Immunsuppression. 68. Kongress der Deutschen STI-Gesellschaft 2026, Berlin

 

Mini-Roboter soll Zahnbehandlungen vereinfachen

Ein kleiner Dentalroboter könnte zukünftig die Zähne automatisiert für eine Krone vorbereiten. Mit seiner Hilfe ließe sich die Anzahl der Termine pro Zahnbehandlung reduzieren, teilt die Universität Basel mit.

Der Dentalroboter, den Forschende am Departement of Biomedical Engineering der Uni Basel entwickelt haben, ist etwa so groß wie ein Weinkorken; er misst nur 43 mal 26 mal 28 Millimeter. Motoren und Steuerung befinden sich außerhalb und sind mit dem Roboter über biegsame Antriebswellen, Kabel und Schläuche verbunden. „Die Größe ist so designt, dass er bequem in den geöffneten Mund passt“, erklärt Dr. Yukiko Tomooka,

Der kleine Helfer mit dem Namen „MIR“ (für „Miniature Intraoral Robot“) soll Zähne künftig exakt nach einem digitalen Plan präparieren. Die Vision: Nach einem Scan beim ersten Termin könnten Zahnärztinnen und -ärzte genau planen, in welcher Form der Roboter das Zahnmaterial abtragen soll, und die Krone direkt bestellen – nicht erst nach dem zweiten Termin. Der Scan dient nicht nur zur Planung der Krone, sondern auch für eine individuell angepasste Zahnschiene, auf welcher der Mini-Dentalroboter befestigt wird. „Selbst wenn der Patient den Kopf drehen sollte, bewegt sich der MIR mit“, so Tomooka.

Dentalroboter arbeitet bemerkenswert präzise

Die Forschenden testeten den Prototypen ihres Roboters laut Mitteilung der Uni Basel an Zahnmodellen aus Kunstharz und einer Keramik mit ähnlicher Härte wie Zahnschmelz. Die Präparation führt der Roboter in zwei Schritten durch: Zunächst reduziert er mit einem breiten Bohrer die Zahnoberfläche, trägt also Material von oben ab. Im zweiten Schritt bearbeitet ein längerer, dünnerer Bohrer die Zahnseiten. „Bemerkenswert“ sei dabei, wie präzise der Dentalroboter bereits arbeitet, obwohl er bisher keine Sensoren trägt, um seine Position direkt zu messen oder sogar zu korrigieren, so die Uni. In Tests habe der Positionsfehler bei unter 0,2 Millimetern gelegen „und dürfte sich mit Sensoren und Positionskorrektur nochmal deutlich verringern“.

Neben der Präzision haben die Forschenden auch die Kräfte gemessen, die beim Fräsen entstehen: Diese blieben in den Versuchen unter fünf Newton – das entspricht ungefähr der Gewichtskraft einer Flasche Wasser von 0,5 Litern. Zudem untersucht das Team die Geräuschentwicklung des Systems, um dessen Praxistauglichkeit besser beurteilen zu können. In einem nächsten Schritt wollen die Forschenden Sensoren und eine Kamera in den Roboter einbauen, damit das System seine Position und den Behandlungsverlauf überwachen kann.

Originalpublikation:

Yukiko Tomooka et al., Miniature Intraoral Robot (MIR) for Minimally Invasive Tooth Preparation, IEEE Transactions on Medical Robotics and Bionics (2026), doi: https://doi.org/10.1109/TMRB.2026.3682629

Quelle: Universität Basel

 

Koloskopie: Dem Tod (k)ein Schnippchen schlagen

Die Darmspiegelung gilt als Goldstandard in puncto Krebsvorsorge. Jetzt wird ihre Wirksamkeit infrage gestellt. Denn auch, wenn die Zahl der Erkrankten sinkt – die Todesfälle reduziert das nicht.

Die Koloskopie gilt seit Jahrzehnten als Goldstandard der Darmkrebsvorsorge. Fachgesellschaften gingen bislang davon aus, dass sie nicht nur die Zahl der Neuerkrankungen deutlich senkt, sondern auch Todesfälle verhindern kann. Diese Einschätzung stützte sich vor allem auf Beobachtungsstudien und Modellrechnungen. Hochwertige randomisierte Studien waren rar. Genau hier setzt die internationale NordICC-Studie (Northern-European Initiative on Colorectal Cancer Trial) an; Ergebnisse wurden jetzt in The Lancet veröffentlicht.

Zwar bestätigt die Untersuchung, dass Darmspiegelung dazu beitragen können, Darmkrebs zu verhindern. Doch einige Fragen bleiben: Wie stark lässt sich die Sterblichkeit durch die Vorsorge tatsächlich senken und welche Rolle sollte die Koloskopie künftig in Screeningprogrammen spielen?

Praxisnahes Studiendesign

Ein Blick auf Details: An der NordICC-Studie nahmen insgesamt mehr als 84.000 symptomfreie Frauen und Männer im Alter von 55 bis 64 Jahren aus Norwegen, Polen und Schweden teil. Sie wurden randomisiert entweder einer Gruppe zugeteilt, die eine Einladung zur Darmspiegelung erhielt, oder einer Kontrollgruppe ohne Screening-Angebot. Der Beobachtungszeitraum erstreckte sich über 13 Jahre. Bemerkenswert ist, dass nur 42 Prozent der eingeladenen Personen die Untersuchung tatsächlich wahrgenommen haben. Gerade das macht die Studie besonders praxisnah: Sie bildet die Realität von Screeningprogrammen wesentlich besser ab als kontrollierte Studien mit außergewöhnlich motivierten Probanden und hoher Beteiligung.

Erkenntnis 1: Weniger Darmkrebs durch Vorsorge – mit Unterschieden

Nach 13 Jahren ist in der Gruppe mit Screening-Einladung seltener Darmkrebs aufgetreten, das war zu erwarten. Das Erkrankungsrisiko lag bei 1,46 Prozent gegenüber 1,80 Prozent in der Kontrollgruppe. Dies entspricht einer relativen Risikoreduktion von 19 Prozent. Anders ausgedrückt: Rund 294 Personen mussten zu einer Darmspiegelung eingeladen werden, um innerhalb von 13 Jahren einen Fall von Darmkrebs zu verhindern

 

Bei Männern sank das Darmkrebsrisiko um 23 Prozent, bei Frauen lediglich um 13 Prozent. Hier war der Effekt statistisch nicht signifikant. Während die Koloskopie bei den 60- bis 64-Jährigen das Darmkrebsrisiko relativ um 25 Prozent senkte (1,68 Prozent vs. 2,25 Prozent), zeigte sich bei den 55- bis 59-Jährigen nur eine Risikoreduktion von relativ 9 Prozent (1,26 Prozent vs. 1,38 Prozent), die statistisch nicht signifikant war.

Erkenntnis 2: Kein klarer Vorteil bei der Sterblichkeit

Überraschenderweise zeigte sich jedoch kein statistisch signifikanter Rückgang der Darmkrebs-Mortalität. In der Screening-Gruppe starben 0,41 Prozent der Teilnehmer an Darmkrebs, in der Kontrollgruppe 0,47 Prozent. Dieser Unterschied war statistisch nicht signifikant. Auch bei der Gesamtsterblichkeit fanden Wissenschaftler praktisch keine Unterschiede zwischen beiden Gruppen. Die Wahrscheinlichkeit, innerhalb des Beobachtungszeitraums zu sterben, lag in beiden Gruppen bei rund 16 Prozent. Diese Ergebnisse stehen teilweise im Gegensatz zu früheren Studien mit anderen Screeningverfahren, etwa Stuhltests auf okkultes Blut, die teilweise deutliche Rückgänge der Darmkrebssterblichkeit gezeigt hatten.

Bessere Therapien verändern die Bedeutung der Vorsorge

Nach Ansicht der Gastroenterologin Aasma Shaukat, New York University, liegt die wichtigste Erkenntnis möglicherweise nicht in der begrenzten Wirkung des Screenings, sondern in Fortschritten der modernen Onkologie. Als die NordICC-Studie vor rund zwei Jahrzehnten geplant worden war, erwarteten die Forscher deutlich höhere Mortalitätsraten durch Darmkrebs. Tatsächlich lag die Darmkrebssterblichkeit in der Kontrollgruppe nach 13 Jahren jedoch nur etwa halb so hoch wie ursprünglich prognostiziert. Gleichzeitig entsprach die Zahl der Neuerkrankungen weitgehend den Erwartungen.

Shaukat erklärt den marginalen Effekt auf die Mortalität mit Verbesserungen in der ChirurgieArzneimitteltherapie und Nachsorge. Damit seien die Überlebenschancen von Patienten mit Darmkrebs erheblich verbessert worden, schreibt sie. Wenn immer mehr Patienten auch nach einer Diagnose erfolgreich behandelt werden, sinkt zwangsläufig der zusätzliche Nutzen, den ein Screening hinsichtlich der Sterblichkeit noch erzielen kann.

Konsequenzen für die Gesundheitspolitik

Koloskopien sind deswegen aber nicht nutzlos. Im Gegenteil: Die Untersuchungen verhindern nachweislich zahlreiche Darmkrebs-Fälle und ersparen vielen Menschen belastende Behandlungen sowie langfristige gesundheitliche Folgen. Dennoch ist die Frage legitim, wie groß der tatsächliche Nutzen im Verhältnis zu Aufwand, Kosten und verfügbaren Ressourcen ist. In Zeiten begrenzter Gesundheitsbudgets könnte es in manchen Ländern sinnvoll sein, andere Präventionsmaßnahmen stärker zu berücksichtigen. Etwa Programme zur Tabakkontrolle, Bekämpfung von Adipositas, Förderung eines gesunden Lebensstils oder zur Optimierung der Onkologie.

Alles in allem liefert die NordICC-Studie einen wichtigen Realitätscheck für die Darmkrebsvorsorge. Die Darmspiegelung bleibt ein wirksames Instrument zur Krebsprävention. Die neuen Daten zeigen jedoch, dass ihre Vorteile differenzierter betrachtet werden müssen als lange Zeit angenommen: Sie verhindert Krebsfälle zuverlässig. Ihr Einfluss auf die Sterblichkeit scheint im Zeitalter moderner Therapien jedoch geringer zu sein als erwartet.

 

Quellen

Kaminski et al.: Long-term effects of colonoscopy screening on colorectal cancer incidence and mortality: A multicountry, population-based randomised controlled trial. The Lancet, 2026. doi: 10.1016/S0140-6736(26)00508-8

Shaukat: Colonoscopy, cancer prevention, and the new arithmetic of benefit. The Lancet, 2026. doi: 10.1016/S0140-6736(26)00794-4

 

Brust- und Hodenkrebs: Steigt mit der Cannabisnutzung auch das Krebsrisiko?

Die Inzidenz von Brust-, Hoden- und anderen Krebsarten stieg in den letzten Jahrzehnten bei jungen Menschen in den USA und Kanada deutlich an. Mögliche Erklärungen umfassen Lebensstilfaktoren, Adipositas und genetische Prädisposition, doch eine neue Studie fokussierte sich nun auf einen anderen Faktor: die zunehmende Nutzung von Cannabis.

Die zunehmende Legalisierung und Nutzung von Cannabis könnte mit dem Anstieg von Brust- und Hodenkrebs bei jungen Erwachsenen zusammenhängen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse von Krebsregisterdaten aus den USA und Kanada, die in Academia Oncology veröffentlicht wurde.

Für die Studie untersuchten die Forschenden die Entwicklung der Krebsinzidenz bei jungen Menschen in Nordamerika und verglichen diese mit der Ausweitung der Cannabis-Legalisierung. Im Fokus standen Brustkrebs bei Frauen im Alter von 20 bis 34 Jahren sowie Hodenkrebs bei Männern zwischen 15 und 39 Jahren. Die US-Daten stammten aus dem Krebsregisterprogramm SEER (Surveillance, Epidemiology, and End Results), für Kanada wurden Daten des Institute for Health Metrics and Evaluation ausgewertet.

Paralleler Anstieg von Krebsfällen und Cannabis-Legalisierung

  • Die Forschenden fanden eine deutliche Korrelation zwischen den jährlichen Veränderungen der Brust- und Hodenkrebsinzidenz mit der Ausweitung der Legalisierung (Pearson-Korrelationskoeffizient r = 0,95).
  • Zudem stiegen die Erkrankungsraten in Staaten mit legalem Cannabis deutlich stärker an als in Staaten ohne entsprechende Gesetzgebung.
  • Bei Brustkrebs nahm die Inzidenz in den Legalisierungsstaaten um insgesamt 26 Prozent zu, verglichen mit 17 Prozent in den übrigen Staaten. Auch bei Hodenkrebs fiel der Anstieg mit 24 Prozent gegenüber 14 Prozent deutlich stärker aus.
  • Die statistische Analyse zeigte für beide Tumorarten signifikante jährliche Zuwachsraten in den Cannabis-Legalisierungsstaaten. In Staaten ohne Legalisierung verlief der Anstieg schwächer; für Hodenkrebs zeigte sich dort über längere Zeiträume sogar keine signifikante Zunahme.
  • Noch ausgeprägter war die Entwicklung in Kanada. Dort stiegen die Inzidenzen von Brust- und Hodenkrebs in den untersuchten Altersgruppen stärker als in den USA. Die Autoren sehen darin einen möglichen Hinweis auf die frühere und umfassendere Liberalisierung des Cannabiskonsums in Kanada.
  • Darüber hinaus fanden sie sowohl in Kanada als auch in den USA Zusammenhänge zwischen der Häufigkeit von Cannabisgebrauchsstörungen in verschiedenen Altersgruppen und den jeweiligen Krebsraten.

Cannabis als möglicher Risikofaktor

„Die Erkenntnisse aus unserer Studie zeigen, dass Cannabis ein potenzieller ätiologischer Faktor ist, der zur steigenden Inzidenz von Brustkrebs bei jungen Frauen und Hodenkrebs bei älteren Jugendlichen und jungen erwachsenen Männern beiträgt“, wird die Erstautorin Dr. Johnson in einer Mitteilung in ASCO Post zitiert. „Und es beunruhigt, dass die krebserregende Wirkung von Cannabis auf junge Menschen schnell zu sein scheint und innerhalb weniger Jahre nach der Exposition gegenüber diesem Medikament zu Krebs führt.“

Johnson erklärt, dass Cannabis zum einen als endokriner Disruptor gelte, zudem hätten experimentelle Arbeiten auf genotoxische und möglicherweise krebserregende Effekte von Cannabinoiden hingewiesen.

Forderung nach weiterer Forschung

Die Autoren sehen Hinweise darauf, dass Cannabis ein bislang unterschätzter Risikofaktor für bestimmte Tumorerkrankungen sein könnte. Gleichzeitig betonen die Forschenden, dass die Studie keinen kausalen Zusammenhang beweisen kann. Die Analyse basiert auf Bevölkerungsdaten und zeigt statistische Assoziationen, nicht jedoch, dass Cannabis unmittelbar die Ursache der beobachteten Tumoren ist. Andere Einflussfaktoren könnten die Ergebnisse ebenfalls mit beeinflusst haben. Dennoch sehen die Autoren angesichts der zunehmenden Verbreitung hochpotenter Cannabisprodukte und der fortschreitenden Legalisierung Handlungsbedarf. Das mögliche Krebsrisiko von Cannabis verdiene eine umfassende wissenschaftliche und gesundheitspolitische Bewertung.

Originalpublikation:
Johnson RH, Speckhart A, Chien F, et al: Emerging evidence links cannabis use to increased risk of breast and testicular cancer in young Americans. Acad Oncol https://doi.org/10.20935/acadonco7758, 2026.

 

Diabetes ist mit Zahn- und Implantatverlust verbunden

Menschen mit Diabetes haben ein erhöhtes Risiko für Parodontitis und Zahnverlust. Auch das Risiko für Entzündungen und Knochenverlust an Zahnimplantaten war höher. Dies sind die Ergebnisse einer Analyse aus Schweden.

Die Studie – eine Dissertation an der Uni Göteborg –­ basiert der Uni zufolge „auf einem umfassenden Datensatz aus sieben schwedischen Registern, der einen langen Zeitraum abdeckt und einen hohen Grad an Vollständigkeit aufweist“. Im Vergleich zu früheren Studien sei „die Stichprobe auffallend groß, insbesondere für Typ-1-Diabetes“, so die Uni. Konkret befasst sich die Arbeit mit dem Zusammenhang zwischen Diabetes und oralen Erkrankungen wie Parodontitis, Zahnverlust und Periimplantitis.

Ergebnisse: Zahnverlust und Diabetes

Die Analyse ergab, dass Menschen mit Typ-1-Diabetes und schlechter Blutzuckerkontrolle ein erhöhtes Risiko für Parodontitis und Zahnverlust hatten, verglichen mit einer Kontrollgruppe ohne Diabetes. Bei Personen mit kontinuierlich guter Blutzuckerkontrolle waren jedoch keine derartigen Unterschiede festzustellen. Bei Typ-2-Diabetes war das Risiko für Parodontitis und Zahnverlust unabhängig von der Blutzuckerkontrolle erhöht. Der Zusammenhang war am stärksten, wenn die Blutzuckerkontrolle schlecht war. Umgekehrt war Parodontitis bei beiden Diabetes-Typen mit einem erhöhten Risiko für diabetesbedingte Augen- und Nierenkomplikationen verbunden.

Bei vorhandenen Zahnimplantaten haben Diabetiker ein höheres Risiko für Periimplantitis und Implantatverlust: Das Risiko eines vollständigen Zahnverlusts war besonders hoch bei Diabetikern, die zudem sozioökonomisch benachteiligt waren (geringeres Einkommen, kürzere Schulbildung).

Fazit: Zahnpflege Teil der Diabetes-Prävention

Die Dissertation untermauert nach Ansicht der Uni frühere Belege für einen Zusammenhang zwischen Diabetes und Munderkrankungen und „betont die Bedeutung einer engen Zusammenarbeit zwischen Gesundheits- und Zahnpflegeanbietern“. Die konkreten Erkenntnisse zu Zahnimplantaten seien hingegen „neuartig“. „In der Zahnmedizin sind sich die meisten des Zusammenhangs zwischen Diabetes und beeinträchtigter Mundgesundheit bewusst. Unsere Daten stützen die Auffassung, dass Zahnpflege Teil von Diabetes-Präventionsstrategien sein sollte“, erklärt die Autorin Dr. Anna Trullenque Eriksson.

Die Ergebnisse im Detail:

Typ-1-Diabetes (Analysen basierend auf 86.273 Personen; Durchschnittsalter 43 Jahre)

  • 33,9 % hatten über einen Zeitraum von 10 Jahren einen oder mehrere Zähne verloren (25,3 % bei denjenigen mit guter Blutzuckerkontrolle; 43,5 % bei denjenigen mit schlechter Kontrolle). In der Vergleichsgruppe ohne Diabetes kam es bei 29,0 % zu Zahnverlust.
  • 3,1 % hatten über einen Zeitraum von zehn Jahren fünf oder mehr Zähne verloren (gute Kontrolle: 1,0 %; schlechte Kontrolle: 5,6 %). Der entsprechende Wert für die Vergleichsgruppe lag bei 1,9 %.

Typ-2-Diabetes (Analysen basierend auf 786.305 Personen; Durchschnittsalter 60 Jahre)

  • 46,1 % hatten über einen Zeitraum von 10 Jahren einen oder mehrere Zähne verloren (44,0 % bei denjenigen mit guter Blutzuckerkontrolle; 54,9 % bei denjenigen mit schlechter Kontrolle). Bei den passenden Kontrollpersonen ohne Diabetes kam es bei 37,8 % zu Zahnverlust.
  • 7,0 % hatten über einen Zeitraum von zehn Jahren fünf oder mehr Zähne verloren (gute Kontrolle: 5,7 %; schlechte Kontrolle: 12,6 %). Der entsprechende Wert für die Kontrollgruppe lag bei 3,7 %.

Originalpublikation:

Thesis: Periodontal research using nationwide registry data

Quelle: Universität Göteborg

 

Bilateral verkürzte Zahnreihe

Erste Leitlinie zur prothetischen Versorgung

Erstmals gibt es eine S3-Leitlinie zur prothetischen Versorgung von bilateral verkürzten Zahnreihen. Sie soll als „evidenz- und konsensbasierte Entscheidungsgrundlage“ praxisrelevante Handlungsempfehlungen formulieren und Informationen zum „Überleben und Risiken der Versorgungsoptionen“ vergleichend darstellen.

vornehmlich an Zahnärzte, Fachzahnärzte für Kieferorthopädie, Fachzahnärzte für Parodontologie, Fachärzte für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und zahnmedizinisches Fachpersonal. Federführende Fachgesellschaften sind die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) und die Deutsche Gesellschaft für Prothetische Zahnmedizin und Biomaterialien (DGPro).

Patientenzielgruppe sind dem Autorenteam zufolge „erwachsene Patienten mit bilateral verkürzter Zahnreihe im Unter- und/oder Oberkiefer, entsprechend der Definition des Shortened Dental Arch nach Käyser“. Daraus ergebe sich, dass für diese Leitlinie die Zahnreihenverkürzung bis maximal zum zweiten Prämolaren betrachtet wird.

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick (im Wortlaut der Leitlinie)

  • Für Patienten mit beidseits verkürzter Zahnreihe, die mit herausnehmbaren Teilprothesen mit Molarenersatz versorgt werden können, soll die Patientenpräferenz (shared decision making) bei der Therapieplanung beachtet werden, da im Vergleich zu festsitzend versorgten bilateral verkürzten Zahnreihen ohne Molarenersatz kein Unterschied in der Verbesserung der mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität (OHRQoL) festzustellen ist.
  • Vor dem Hintergrund des hohen Anteils der Ästhetik an der allgemeinen Patientenzufriedenheit soll bei Patienten mit beidseits verkürzter Zahnreihe, die mittels herausnehmbaren Teilprothesen mit Molarenersatz versorgt werden sollen, ebenso wie bei festsitzend versorgten bilateral verkürzten Zahnreihen ohne Molarenersatz, im Vorfeld der Therapieplanung das Hauptanliegen der Patienten erfasst werden.
  • Je länger sich festsitzender Zahnersatz zur Versorgung der bilateral verkürzten Zahnreihe, im Sinne eines SDA-Konzeptes, in situ befindet, desto höher steigt die Wahrscheinlichkeit eines Pfeilerzahnverlustes, was einen Hauptgrund für das biologische Versagen darstellt, wie auch bei den herausnehmbaren Teilprothesen mit Molarenersatz. Dies soll bei der Planung des Zahnersatzes berücksichtig werden
  • Für Patienten mit beidseits verkürzter Zahnreihe, die im Sinne des SDA-Konzepts festsitzend, ohne Molarenersatz versorgt werden können, soll die Patientenpräferenz (shared decision making) bei der Therapieplanung beachtet werden, da im Vergleich zu herausnehmbaren Teilprothesen mit Molarenersatz kein Unterschied in der Verbesserung der mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität (OHRQoL) festzustellen ist.
  • Aufgrund der auftretenden biologischen Komplikationen bei der Therapie der bilateral verkürzten Zahnreihe mit implantatgetragenem Zahnersatz mit Molarenersatz soll ein entsprechend angepasstes Nachsorgeintervall gewählt werden.
  • Aufgrund der positiven Ergebnisse zur mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität (OHRQoL) bei Versorgungen der bilateral verkürzten Zahnreihe mittels Implantat-gestütztem Zahnersatz, soll im Zuge der Therapieentscheidung über die Anwendung von Implantaten aufgeklärt werden.

Zur Leitlinie:

S3-Leitlinie Prothetische Versorgung der bilateral verkürzten Zahnreihe

 

Entzündungen im Mund setzen auch den Ovarien zu

Infertilität

Chronische orale Entzündungen wie Parodontitis wurden bereits mit verschiedenen systemischen Erkrankungen in Verbindung gebracht. Darüber hinaus können sie direkt die weibliche Fertilität beeinflussen. Wie genau, das war bisher nicht ausreichend verstanden. In einem Tiermodell mit Mäusen und Titanimplantaten kamen Forschende den Ursachen auf den Grund.

 

Die Studie von Forschenden der Hebrew University of Jerusalem und des Hebrew University-Hadassah Medical Center fand heraus, dass eine anhaltende orale Entzündung systemische Immunreaktionen auslösen kann, die bis zu den Eierstöcken reichen und dort die Eizellreifung sowie die ovarielle Funktion beeinträchtigen. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Journal of Dental Research veröffentlicht.

Mausmodell mit Zahnimplantaten

Untersucht wurde in einem Mausmodell eine chronische Entzündungsreaktion im Zusammenhang mit Zahnimplantaten – ein Szenario, das auch klinisch häufig vorkommt. Den Tieren wurden zunächst Zähne extrahiert und anschließend Titanimplantate eingesetzt. Vier Wochen später analysierten die Autoren lokale und systemische Immunreaktionen sowie Auswirkungen auf Ovarien, Eizellen und Fertilität.

Zum Einsatz kamen unter anderem Durchflusszytometrie, quantitative PCR, ELISA, Immunfluoreszenz sowie histologische Untersuchungen der Ovarien.

Entzündliche Signale breiten sich systemisch aus

Die Implantation führte zu einer verstärkten lokalen Entzündungsreaktion in der periimplantären Mukosa. Gleichzeitig stieg die Expression entzündlicher Zytokine in Lymphknoten und Milz an. Parallele Veränderungen fanden sich auch in den Ovarien. Dort beobachteten die Forschenden eine veränderte Zytokinexpression sowie Verschiebungen in den Populationen von Immunzellen. Diese immunologischen Veränderungen gingen mit erhöhtem oxidativem Stress im Ovargewebe einher. In der Folge war die Follikelentwicklung beeinträchtigt, und auch die Qualität der Eizellen nahm ab.

Verminderte Geburtenrate im Tiermodell

Die biologischen Veränderungen hatten auch direkte Auswirkungen auf die Fortpflanzung. Unter chronischen Entzündungsbedingungen sank die Geburtenrate der Tiere deutlich. Darüber hinaus fanden die Forschenden Hinweise auf tiefgreifende zelluläre Veränderungen in den Eizellen. Diese wiesen DNA-Schäden und epigenetische Veränderungen auf, die laut den Autoren an Prozesse der reproduktiven Alterung erinnern. Dies könnte erklären, wie chronische Entzündungen den Verlust der Fruchtbarkeit beschleunigen.

Klinische Studien sollten folgen

„Entzündungen werden oft als lokales Geschehen betrachtet, aber unsere Ergebnisse zeigen, dass sie systemische Folgen bis hin zum Reproduktionssystem haben können“, erklärte Studienleiter Prof. Michael Klutstein. Die Daten deuteten darauf hin, dass chronische orale Entzündungen ein bislang unterschätzter Faktor weiblicher Infertilität sein könnten. Die Studie liefere damit einen weiteren Hinweis darauf, dass Mundgesundheit möglicherweise eine größere Rolle für die reproduktive Gesundheit spielt als bislang angenommen.

Nach Einschätzung der Autoren sind nun klinische Untersuchungen notwendig, um zu klären, inwieweit sich die Beobachtungen aus dem Tiermodell auf den Menschen übertragen lassen. Sollten sich die Ergebnisse bestätigen, könnten sich neue Ansätze für Diagnostik und Therapie ergeben – etwa durch antiinflammatorische oder antioxidative Behandlungsstrategien zur Verbesserung der Fertilität.

 

Originalpublikation:
P. Kles, S. Ameho, […], and A. Wilensky +10, Chronic Oral Inflammation Impairs Female Reproduction in a Murine Model, Journal of Dental Research, OnlineFirst, https://doi.org/10.1177/00220345251412768

 

Longevity: Botschaften aus der Mundhöhle

Gesundheitsgurus optimieren Schlaf, Ernährung und Herzratenvariabilität – und vergessen dabei konsequent den Mund. Dabei spuckt genau der gerade ziemlich interessante Antworten auf einige Longevity-Fragen aus.

Longevity ist derzeit überall: Podcasts, Kongresse, Internisten und Lifestyle-Medizin werden nicht müde, das Thema durchzukauen. Dabei geht es längst nicht mehr primär darum, das Leben zu verlängern, sondern vor allem darum, die gesund verbrachten Lebensjahre – die sogenannte Healthspan – zu maximieren. Das Ziel ist, Alterungsprozesse biologisch günstig zu beeinflussen, chronische Entzündungen zu reduzieren und funktionelle Fähigkeiten möglichst lange zu erhalten. Während in diesem Zusammenhang vor allem kardiovaskuläre, metabolische und neurodegenerative Prozesse intensiv untersucht werden, rückt zunehmend auch die Mundhöhle in den Fokus.

Die Zahnmedizin befindet sich aktuell in einem bemerkenswerten Wandel; weg von einer rein lokal-restaurativen Zahnmedizin hin zu einem integralen Bestandteil moderner Präventions– und Systemmedizin. Die Mundhöhle wird heute nicht mehr isoliert betrachtet, sondern als hochaktives biologisches System mit engem Einfluss auf Entzündung, Stoffwechsel, Immunregulation und funktionelles Altern gesehen. Dass orale Gesundheit essenziell für gesundes Altern ist, überrascht nicht, da schließlich die Mastikation, Sprache, soziale Interaktion und Ernährung unmittelbar von ihr abhängen.

Inflammaging und Parodontitis

Biologisch ist Altern unter anderem durch chronische niedriggradige Entzündungsprozesse geprägt, das sogenannte „Inflammaging“. Genau hier wird die Relevanz der Mundhöhle besonders deutlich. Sie zählt zu den mikrobiell komplexesten und immunologisch aktivsten Regionen des menschlichen Körpers. Chronische orale Erkrankungen, insbesondere die Parodontitis, können über bakterielle Dysbiose, endotheliale Aktivierung und persistierende Zytokinfreisetzung eine dauerhafte systemische Entzündungsbelastung erzeugen. Die Vorstellung, Parodontitis sei lediglich ein lokales Problem des Zahnhalteapparates, wird aus heutiger Sicht nicht mehr unterstützt. Vielmehr zeigen zahlreiche Studien Zusammenhänge zwischen parodontalen Entzündungen und kardiovaskulären Erkrankungen, Diabetes mellitus, dem metabolischen Syndrom und Sarkopenie sowie neurodegenerativen Erkrankungen. Proinflammatorische Mediatoren wie Interleukin-6TNF-α oder CRPspielen dabei sowohl in der Parodontologie als auch in zentralen Mechanismen des biologischen Alterns eine wesentliche Rolle.

Oral Frailty: Funktioneller Abbau im Mund

In diesem Zusammenhang gewinnt auch das Konzept der sogenannten „oral frailty“ zunehmend an Bedeutung. Beschrieben wird dadurch der altersassoziierte Verlust oraler funktioneller Integrität, etwa durch reduzierte Kaufunktion, verminderte Okklusionskraft, DysphagieXerostomieoder eingeschränkte orofaziale Motorik. Was früher häufig als beinahe unvermeidliche Begleiterscheinung des Alters betrachtet wurde, wird heute deutlich anders gesehen. Aktuelle Arbeiten (hier und hier) zeigen, dass die orale Frailty signifikant mit Sarkopenie, kognitivem Abbau, Demenz, Pflegebedürftigkeit und erhöhter Mortalität assoziiert ist. Der Zustand der Mundhöhle scheint anders als bisher angenommen erstaunlich viel darüber zu verraten, wie resilient ein Organismus insgesamt altert.

Kauen ums Altern

Auch die funktionelle Dentition erhält in diesem Kontext eine neue Bedeutung. Entscheidend ist nicht allein die Anzahl der vorhandenen Zähne, sondern die effiziente Kaufähigkeit und damit die Fähigkeit zu einer adäquaten Nährstoffaufnahme. Studien zeigen (hier und hier), dass funktionelle Zahnpaare mit erhöhter Lebenserwartung korrelieren, während Zahnverlust eher mit erhöhter Mortalität in Verbindung gebracht werden kann. Im klinischen Alltag wird das oft unterschätzt: Wer schlecht kauen kann, ernährt sich häufig schlechter, verliert Muskelmasse und funktionelle Reserven – ein zentraler Mechanismus im Frailty-Syndrom.

Parallel dazu erlebt das orale Mikrobiom geradezu eine wissenschaftliche Renaissance. Die Mundhöhle beherbergt eines der komplexesten mikrobiellen Ökosysteme des Körpers. Dysbiotische Veränderungen der oralen Flora werden mittlerweile mit atherosklerotischen Prozessen, metabolischen Erkrankungen, neuroinflammatorischen Mechanismen und Autoimmunerkrankungen in Verbindung gebracht. Was vor wenigen Jahren noch futuristisch klang, entwickelt sich zunehmend zu einem spannenden Forschungsfeld, nämlich der Entwicklung sogenannter „oral aging clocks“, bei denen mikrobielle Signaturen genutzt werden könnten, um biologisches Alter und Frailty-Risiken besser einzuschätzen.

Speicheldiagnostik – die Liquid Biopsy der Zukunft?

Ähnlich dynamisch entwickelt sich auch die Speicheldiagnostik. Speichel wird heute längst nicht mehr nur als diagnostisches Nebenprodukt betrachtet, sondern zunehmend als nichtinvasive Biomarkerplattform für systemische Alterungsprozesse verstanden: Speichelbasierte extrazelluläre Vesikel (sEVs), inflammatorische Marker wie IL-10, IL-6, IL-1β oder CRP sowie proteomische und metabolomische Signaturen (u. a. Oxidationsmarker, Polyamine, Lipidperoxidationsprodukte) zeigen enge Zusammenhänge mit biologischem Alter, Oral Frailty und systemischer inflammatorischer Last. Sie könnten künftig eine präzisere Einschätzung biologischer Alterungsprozesse ermöglichen. Des Weiteren korrelieren Veränderungen von MMP-8– und TIMP-Profilen im Speichel mit parodontaler Progression und systemischer Inflammation. Dadurch könnten frühe systemische Risikoprofile abgebildet werden (hierhierhier und hier).

Parallel dazu entwickeln sich intraorale Biosensoren und KI-gestützte Diagnostiksysteme rasant weiter. Ziel ist die Echtzeitmessung inflammatorischer und metabolischer Marker direkt im oralen Milieu. Damit bewegt sich auch die Zahnmedizin zunehmend in Richtung daten- und biomarkerbasierter Präzisionsmedizin.

Mundhygiene nicht nur um der Zähne willen

Aktuelle Studien (hierhier und hier) bestätigen, dass langfristige orale Gesundheit vor allem auf konsequenter Biofilmkontrolle, regelmäßiger Fluoridexposition oder Alternativen und entzündungsfreien parodontalen Verhältnissen basiert. Es wird gezeigt, dass elektrische Zahnbürsten sowie tägliche Interdentalreinigung Plaque und Gingivitis signifikant effektiver reduzieren als alleinige manuelle Zahnreinigung. Ergänzend tragen geringe Zuckerfrequenz, ausreichender Speichelfluss und Rauchverzicht wesentlich zur Prävention von Karies, Parodontitis und Zahnverlust bei.

Dennoch deutet vieles auf einen Paradigmenwechsel innerhalb der Zahnmedizin hin. Die Mundhöhle wird dabei zunehmend nicht mehr als isolierter Bereich betrachtet, sondern als wichtige Schnittstelle zwischen Umwelt, Mikrobiom, Immunsystem und allgemeiner Gesundheit. Ziel ist nicht nur die Behandlung oraler Erkrankungen, sondern die aktive Mitgestaltung eines gesunden, funktionellen und resilienten Alterns. Ehrlich gesagt, das haben wir Zahnmediziner doch immer schon ein bisschen geahnt.

 

Quellen:

Patel et al.: Oral health for healthy ageing. Lancet Healthy Longevity. 2021. doi: 10.1016/S2666-7568(21)00142-2

Sahab et al.: Oral Health and Healthy Ageing: A Systematic Review of Longitudinal Studies. Gerodontology. 2025. doi: 10.3390/dj13070303

Duan et al.: Tooth loss progression and mortality among older adults. BMC Geriatrics. 2025. doi: 10.1186/s12877-025-06419-1

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Allergie gegen Lokalanästhetika mit simplem Test abklären

Lokalanästhetika gehören zum Alltag in der Kinderzahnheilkunde. Bei Beschwerden nach der Injektion wird rasch eine Allergie vermutet – echte SoforttyReaktionen sind jedoch selten. Eine Studie zeigt, wie sich der Verdacht zuverlässig klären lässt.

Die Forschenden analysierten die Daten von 88 Kindern im Alter von durchschnittlich 8,5 Jahren, die zwischen Januar 2019 und August 2024 nach vermuteten unmittelbaren Reaktionen auf Lokalanästhetika vorgestellt wurden.

Auffällig war jedoch, dass in 67 Prozent der Fälle das konkret verwendete Präparat nicht eindeutig dokumentiert war. Bei bekanntem Wirkstoff handelte es sich am häufigsten um Articain oder Lidocain – zwei in der Zahnmedizin gängige Substanzen, wie die Autoren schreiben.

Schrittweise Teststrategie

Die Diagnostik folgte einem klaren, dreistufigen Schema. Zunächst führten die Ärzte einen Haut-Prick-Test durch. Fiel dieser negativ aus, schloss sich ein Intradermaltest in einer 1:10-Verdünnung an. War auch dieser unauffällig, wurde abschließend ein subkutaner Provokationstest vorgenommen.

Dieses stufenweise Vorgehen sollte das Risiko minimieren und gleichzeitig eine sichere Aussage ermöglichen, erklären die Autoren ihr Vorgehen.

Intradermaltest mit hoher Sicherheit

Bei 11 der 88 Kinder (12,5 Prozent) zeigte der Intradermaltest eine positive Reaktion. Am häufigsten betraf dies Articain, seltener Prilocain oder Lidocain.

Noch entscheidender für die Praxis sei jedoch ein anderer Wert: Der Intradermaltest in 1:10-Verdünnung hatte nämlich eine sehr hohe negative Vorhersagekraft von 99 Prozent. War also der Test negativ, konnte mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine echte Soforttyp-Allergie ausgeschlossen werden.

Viele vermeintliche „Allergien“ beruhten nach Aussage der Autoren auf ganz anderen Ursachen, wie etwa Angstreaktionen, vasovagalen Synkopen oder toxischen Effekten. Ohne klare Diagnostik führe ein einmal geäußerter Allergieverdacht häufig zu langfristigen Einschränkungen bei künftigen Behandlungen.

Bedeutung für die Praxis

„Die Ergebnisse sprechen dafür, unser beschriebenes Stufenschema standardisiert anzuwenden. Besonders der Intradermaltest in 1:10-Verdünnung nach negativem Prick-Test erweist sich als zentraler Baustein der Diagnostik“, fassen die Autoren zum Abschluss kurz zusammen.

Auch bei Kindern mit schwerer Reaktionsanamnese, einschließlich anaphylaktischer Symptome, zeigt sich dieses Vorgehen als praktikabel und verlässlich. Eine strukturierte Teststrategie könne letztlich dabei helfen, echte Allergien sicher zu identifizieren und gleichzeitig unnötige Therapieeinschränkungen zu vermeiden.

 

Originalpublikation: Aslan S et al., Evaluation of diagnostic tests for immediate-type allergic reactions to amide group local anesthetics in children. PAI 2025; 36(4): e70085 

Bohren zwecklos: Dieser Zahnschmerz kam von Herzen

Eine 76-jährige Frau stellt sich mit persistierenden Schmerzen im Gingivabereich der Zähne 33 und 34 vor, die wiederholt von stechenden thorakalen Beschwerden begleitet werden. Nach etwa fünf bis sechs Minuten klingen die Schmerzen jeweils spontan ab, wie die Autoren des Falls im Fachmagazin Frontiers in Pain Research schreiben.

Die Beschwerden beginnen Monate zuvor als lokalisierter Gingivaschmerz, wie die Patientin angibt. Mehrere zahnärztliche Maßnahmen, darunter Extraktionen und prothetische Versorgung (Befundsituation), führten jedoch zu keiner Besserung. Klinisch und radiologisch gibt es keinen Hinweis auf eine odontogene Ursache. Auch initiale internistische Abklärungen mit EKG, Langzeit-EKG, Echokardiografie und Thorax-CT bleiben ohne richtungsweisenden Befund, erklären die Autoren weiter.

Mangels objektivierbarer Befunde stellen die Ärzte die Diagnose einer atypischen Odontalgie und leiten eine antidepressive Therapie ein. Ein klinischer Effekt stellt sich allerdings nicht ein. Parallel persistieren die Schmerzen unverändert fort.

Wendepunkt: Belastungsabhängige Symptomatik

Im weiteren Verlauf zeigt sich jedoch eine klare Dynamik: Die Patientin berichtet, dass Zahnschmerz und thorakale Beschwerden zunehmend belastungsabhängig auftreten, etwa beim Gehen oder Treppensteigen, und sich in Ruhe rasch zurückbilden. Analgetika zeigen weiterhin keine ausreichende Wirkung.

Diese Entwicklung markiert rückblickend den entscheidenden diagnostischen Wendepunkt, obgleich wiederholte kardiologische Basisuntersuchungen zunächst weiterhin unauffällig bleiben, schreiben die Autoren.

Diagnose erst durch spezialisierte Bildgebung

Erst eine weiterführende kardiologische Bildgebung bringt die Ursache schließlich ans Licht: Es zeigen sich hochgradige Stenosen (90–99 Prozent) sowohl der linken Vorderwandarterie als auch der rechten Koronararterie sowie ein linksventrikulärer Thrombus (Originalbefund). Mittels Koronarangiografie stellen die Ärzte die Diagnose einer instabilen Angina pectoris.

Die Patientin wird daraufhin umgehend herzchirurgisch versorgt. Es erfolgt eine linksventrikuläre Rekonstruktion zur Thrombusentfernung sowie eine koronare Bypassoperation.

Vollständige Beschwerdefreiheit nach kardialer Therapie

Nach dem Eingriff verschwinden sowohl die Zahnschmerzen als auch die thorakalen Beschwerden vollständig. Auch im Langzeitverlauf über mehr als ein Jahr zeigt sich kein Rezidiv.

Klinische Einordnung: Zahnschmerz als Warnzeichen einer Angina pectoris

Der Fall verdeutliche aus Sicht der Autoren eine seltene, aber klinisch relevante Form des übertragenen Schmerzes: einen Zahnschmerz kardialer Genese. Pathophysiologisch liege eine Konvergenz kardialer nozizeptiver Signale mit trigeminalen Afferenzen zugrunde, wodurch myokardiale Ischämie als orofazialer Schmerz fehlinterpretiert werde, ordnen die Autoren die möglichen Zusammenhänge näher ein.

Besonders relevant sei die diagnostische Verzögerung im vorliegenden Fall: Trotz typischer Warnsignale wie Belastungsabhängigkeit und fehlendes Ansprechen auf zahnärztliche Maßnahmen wird die kardiale Ursache erst spät erkannt.

Bedeutung für die Praxis

Die Autoren betonen abschließend, dass bei unklaren Zahnschmerzen mit begleitenden thorakalen Symptomen insbesondere bei älteren Patientinnen und Patienten frühzeitig eine kardiologische Abklärung erfolgen sollte. Entscheidend sei dabei weniger die Schmerzqualität als vielmehr das Muster: Belastungsabhängigkeit, fehlende dentale Ursachen und Therapieresistenz gelten demnach als zentrale Warnhinweise.

 

Originalpublikation: Maeda C et al., Case Report: A case of toothache of cardiac origin with a long-term clinical course. Frontiers in Pain Research 2025; 6:1625582