Honig: die wohl süßeste Kariesprävention

Honig gilt bereits seit Jahrhunderten als Naturheilmittel. Eine aktuelle Übersichtsarbeit im FachjournalCureus untersuchte nun systematisch, ob die antibakteriellen Eigenschaften des Honigs auch zur Prävention von Zahnkaries beitragen können – mit durchaus differenziert zu betrachtendem Ergebnis.

Zahnkaries ist eine multifaktorielle, biofilmvermittelte Erkrankung, bei der insbesondere säurebildende Bakterien wie Streptococcus mutans eine zentrale Rolle spielen. Vor diesem Hintergrund analysierte die vorliegende Übersichtsarbeit die potenzielle Rolle von Honig als ergänzendes Mittel in der präventiven Zahnmedizin.

Den Autoren zufolge weise Honig eine komplexe Zusammensetzung mit über 200 bioaktiven Substanzen auf, darunter Wasserstoffperoxid, Polyphenole und antimikrobielle Peptide. In vitro konnte bis dato wiederholt gezeigt werden, dass Honig das Wachstum kariogener Bakterien hemmen und die Bildung von Biofilmen reduzieren könne. Besonders wirksam erscheinen bestimmte Honigsorten wie Manuka-, Buchweizen- oder Honigtauhonig, wobei die antibakterielle Aktivität stark von Herkunft, Konzentration und Zusammensetzung abhänge, so die Autoren weiter.

Ein wesentlicher Wirkmechanismus scheint die Bildung von Wasserstoffperoxid zu sein, dessen enzymatische Inaktivierung die antibakterielle Wirkung deutlich reduziere. Zusätzlich tragen sogenannte exosomenähnliche Vesikel im Honig zur Membranschädigung von Bakterien bei und verstärken auf diese Weise zusätzlich den antimikrobiellen Effekt.

Wirkung auf Biofilm und Plaque

Neben der direkten antibakteriellen Aktivität zeige Honig auch Effekte auf dentale Biofilme. In experimentellen Studien konnte die metabolische Aktivität von Bakterien in bestehenden Biofilmen reduziert werden, während die Gesamtstruktur des Biofilms weitgehend erhalten blieb. Die Ergebnisse legen aus Sicht der Autoren nahe, dass Honig vor allem präventiv wirke, indem er die initiale Biofilmbildung hemmt, weniger jedoch bestehende Biofilme auflöst.

Klinische Studien lieferten allerdings bislang eher ein heterogenes Bild. Einige randomisierte Studien berichteten über eine Reduktion der Plaque, der bakteriellen Last und Gingivitis durch honigbasierte Mundspüllösungen. Allerdings zeigte sich konsistent, dass etablierte Antiseptika wie Chlorhexidin überlegen waren.

Interessant sei zudem die Beobachtung, dass Honig trotz seines Zuckergehalts eine weniger ausgeprägte und kürzer anhaltende pH-Absenkung verursache als beispielsweise die Saccharose. Die Autoren interpretieren dies als Hinweis auf ein möglicherweise geringeres kariogenes Potenzial im Vergleich zu herkömmlichen Zuckern.

Einfluss auf Zahnschmelz: Uneinheitliche Datenlage

Die Auswirkungen von Honig auf die Zahnhartsubstanz sind überdies bislang nicht eindeutig geklärt. In vitro zeigten einige Studien eine Verbesserung der Schmelzhärte und eine Reduktion der Oberflächenrauigkeit nach Anwendung honighaltiger Präparate, mit Effekten vergleichbar zum Fluorid.

Demgegenüber berichteten andere Untersuchungen über eine potenzielle Demineralisierung, insbesondere unter Bedingungen mit niedrigen pH-Werten und bakterieller Fermentation. Entscheidend scheine hierbei jedoch auch der Kontext zu sein: Faktoren wie Speichel, Expositionsdauer und mikrobielle Aktivität beeinflussten maßgeblich die Wirkung auf den Zahnschmelz.

Limitationen und klinische Relevanz

Ein zentrales Problem der aktuellen Evidenz liege in der fehlenden Standardisierung der untersuchten Honigprodukte. Unterschiede in botanischer Herkunft, physikochemischen Eigenschaften und Darreichungsform erschwerten die Vergleichbarkeit der Studien und limitierten letztlich die Übertragbarkeit auf die klinische Praxis, erklären die Autoren.

Zudem handele es sich überwiegend um Kurzzeitstudien oder experimentelle Designs. Langfristige klinische Daten zur Kariesinzidenz fehlten weitgehend. Die Autoren betonen daher zum Abschluss die Notwendigkeit gut konzipierter randomisierter Studien mit standardisierten Endpunkten und längeren Beobachtungszeiträumen.

Fazit

Die vorliegenden Daten legen nahe, dass Honig über relevante antibakterielle und antibiofilmaktive Eigenschaften verfügt und somit als ergänzendes Mittel in der oralen Prävention in Betracht gezogen werden könnte. Seine klinische Wirksamkeit bleibe jedoch hinter etablierten Maßnahmen wie Fluoridierung und Chlorhexidin zurück.

Aufgrund der heterogenen Datenlage und potenziell auch schmelzschädigender Effekte unter bestimmten Bedingungen sei ein routinemäßiger Einsatz in der Kariesprävention derzeit dennoch nicht gerechtfertigt.

 

Originalpublikation: Valente P et al., The Role of Honey in Dental Caries Prevention: A Narrative Review. Cureus 2026; 18(4): e106948

Darmbakterium half bei Übergewicht

Ein Nahrungsergänzungsmittel aus einem Darmbakterium half Menschen mit Übergewicht, nach dem Abnehmen ihr neues Gewicht besser zu halten als mit einem Placebo. Das ist das Ergebnis einer randomisiert kontrollierten Studie aus den Niederlanden, auf die das Science Media Center Germany (SMC) nun hinweist.

Für die Studie, die im Fachjournal „Nature Medicine“ veröffentlicht wurde, verwendeten die Forschenden laut SMC-Angaben einen Stamm des Darmbakteriums Akkermansia muciniphila, welches sie pasteurisierten, um es gegen Temperatur, Sauerstoff und Säure stabiler zu machen, ohne die Wirkung zu verlieren. A. muciniphila wird wissenschaftlich als Indikator für Darmgesundheit untersucht.

Methodik: 8 Wochen Diät, dann Bakterien

Das getestete Bakterienpräparat stammte vom Hersteller „The Akkermansia Company“. Die bei der Firma angestellten Forschenden untersuchten in der aktuellen Studie, ob ihr Akkermansia -Nahrungsergänzungsmittel „MucT” tatsächlich eine Wirkung auf das Körpergewicht hat.

Die Studie begann den Angaben zufolge mit 90 erwachsenen Probanden. Alle hatten Übergewicht oder Adipositas ohne Diabetes Typ 2 und ohne Darmerkrankungen. Alle Teilnehmenden, die nach einer achtwöchigen Diät mit täglich 900 Kilokalorien mindestens acht Prozent ihres Gewichts abgenommen hatten (84 Personen) wurden dann zufällig in zwei Gruppen für eine Erhaltungsphase eingeteilt: Eine Gruppe bekam 24 Wochen lang dreimal täglich das Bakterienpräparat als Kapsel (MucT-Gruppe), die andere ein Placebo. Während dieser Zeit sollten die Teilnehmenden versuchen, ihr Gewicht zu halten und bekamen als Hilfestellung eine regelmäßige Ernährungsberatung. Primärer Endpunkt war die Gewichtsveränderung während der Erhaltungsphase. Zusätzlich untersuchten die Forschenden noch Stuhlproben, Stoffwechselparameter wie den Blutzuckerspiegel, und Proben aus dem Fettgewebe der Teilnehmenden.

„Bakterien“-Gruppe hält Gewicht besser  

Die Ergebnisse: Die MucT-Gruppe nahm mit durchschnittlich 1,2 Kilogramm statistisch signifikant (P-Wert 0,012) weniger Gewicht wieder zu als die Placebogruppe mit 3,2 Kilogramm. 16 Teilnehmende der MucT-Gruppe nahmen sogar weiterhin Gewicht ab, in der Placebogruppe nur zwei. „MucT“ hatte auch einen positiven Einfluss auf die Insulinsensitivität. Eine Subgruppenanalyse zeigte: Menschen mit weniger A. muciniphila im Stuhl profitierten besonders von der Behandlung mit „MucT“. Schwerwiegende Nebenwirkungen durch die Behandlung wurde nicht beobachtet.

Fazit: „ein relevantes Ergebnis“

Das Science Media Center Germany hat Fachleute in Deutschland um eine Einschätzung der Ergebnisse gebeten. „Die Forschungsarbeit ist methodisch sehr hochwertig, aber aufgrund der kleinen Fallzahl und der sehr spezifischen Testbedingungen nicht generalisierbar. Es braucht weitere Studien, um das Ergebnis bestätigen zu können. Eine automatische Empfehlung für Nahrungsergänzungsmittel ergibt sich daraus nicht“, sagt beispielsweise Dr. Stefan Kabisch vom Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD).

Zudem müsse man betonen, „dass der Wirkungsnachweis eben nur für dieses spezielle Studiendesign gilt: nämlich für den Gewichtserhalt nach einer Formuladiät bei mittelalten Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas, aber ohne Typ-2-Diabetes.“ Der Wirkungsnachweis gelte nicht für die Gewichtsreduktion selbst und auch nicht für den Gewichtserhalt nach anderen Diäten. „Es gilt auch nur für exakt diese Bakterien in dieser Variante und dieser Dosierung.“

Prof. Dr. Stephan Bischoff, Leiter des Instituts für Ernährungsmedizin und Prävention an der Uni Hohenheim sagte dem SMC: „MucT ist ein erstes Nahrungssupplement, für das eine Wirkung auf den Gewichtserhalt nach erfolgreicher Gewichtsreduktion bei Erwachsenen mit Adipositas in einer wissenschaftlichen Studie gezeigt werden konnte. Das ist ein relevantes Ergebnis, weil Gewichtserhalt eine der großen Herausforderungen in der Adipositasbehandlung ist, für die es nur begrenzt wirksame Konzepte gibt.“

Therapieempfehlungen?

„Wer darüber nachdenkt, pasteurisiertes A. muciniphila zur Gewichtserhaltung einzunehmen, sollte wissen: Es handelt sich bislang um ein Nahrungsergänzungsmittel ohne Zulassung als Medikament, für das eine einzige kontrollierte Studie mit moderatem Effekt und erheblichen Interessenkonflikten vorliegt“, sagte PD Dr. Rima Chakaroun, Fachärztin für Innere Medizin am Uniklinikum Leipzig. „Auf dieser Grundlage eine allgemeine Empfehlung auszusprechen, wäre wissenschaftlich nicht vertretbar. Die Daten legen nahe, dass Personen mit bereits niedrigem endogenen Akkermansia-Spiegel am stärksten profitieren könnten. Aber eine Stuhltestung auf Akkermansia ist weder standardisiert noch klinisch etabliert.“

Quelle: Science Media Center Germany (SMC)

Originalpublication:

Mount S et al. (2026): Pasteurized Akkermansia muciniphila MucT for weight loss maintenance in people with overweight and obesity: a controlled randomized trial. Nature Medicine. DOI: 10.1038/s41591-026-04394-7.

 

Verbesserte Mundhygiene senkt das Risiko nosokomialer Pneumonien

Eine im Durchschnitt 1,5 mal täglich durchgeführte Mundhygiene unter Anleitung einer geschulten Pflegekraft senkt das Risiko nosokomialer Pneumonien um 60 Prozent. Das ergab eine große australischen Studie.

Eine auf der Tagung „Global 2026“ der European Society of Clinical Microbiology and Infectious Diseases (ESCMID) in München vorgestellte Studie zeigte, wie eine durch vergleichsweise einfache Verbesserung der Mundhygiene bei stationär untergebrachten Klinikpatienten das Risiko nosokomialer, nicht beatmungsassoziierter Pneumonien drastisch gesenkt werden konnte.

Die sogenannte HAPPEN-Studie (Hospital Acquired Pneumonia Prevention), an der über 8.000 Patienten beteiligt sind, ist der ESCMID zufolge die bislang einzige multizentrische randomisierte kontrollierte Studie (RCT) im Krankenhausumfeld, die diesen Ansatz evaluiert.

Erreger gelangen vom Mundraum in die Lunge

Studienleiter Prof. Brett Mitchell von der Avondale University in Australien erklärt, warum eine verbesserte Mundhygiene das Risiko einer Lungenentzündung verringern kann: „Eine nosokomiale Lungenentzündung entsteht typischerweise dadurch, dass Flüssigkeiten aus Mund oder Rachen in die Lunge gelangen.“

Krankenhausbedingte Atemwegserreger würden häufiger bei Patienten nachgewiesen, die ihre Speichelsekrete nicht selbstständig abhusten können. Man gehe davon aus, dass diese Infektionen hauptsächlich durch die körpereigene Mundflora und weniger durch Übertragung von Mensch zu Mensch verursacht werden. Mitchell: „Eine verbesserte Mundhygiene trägt dazu bei, diese Erreger im Mund zu reduzieren und somit potenziell das Risiko einer nachfolgenden Infektion zu senken.“

Inzidenz sank von 1,00 auf 0,41 Fälle pro 100 stationäre Behandlungstage

Die HAPPEN-Studie ist eine multizentrische, gestufte Cluster-RCT (randomisierte, kontrollierte Studie) auf neun Stationen in drei australischen Krankenhäusern über einen Zeitraum von zwölf Monaten bis August 2025. Auf jeder Station wurde die Intervention alle drei Monate eingeführt. Insgesamt nahmen 8.870 Patienten an der Studie teil, von denen sich 4.347 während des Interventionszeitraums auf Station befanden.

n der Interventionsphase erhielten die Patienten bei der Aufnahme eine Zahnbürste, Zahnpasta, Informationsmaterialien und Zugang zu zusätzlichen Online-Ressourcen. Das Gesundheitspersonal wurde vor Ort geschult und erhielt ebenfalls Zugang zu Online-Ressourcen sowie praktische Unterstützung zur Verbesserung der Mundpflege. Die Kontrollgruppe entsprach der üblichen Praxis.

Das Programm führte zu einer deutlichen Verbesserung der Mundhygiene bei Krankenhauspatienten. Der Anteil der Patienten, die Mundpflege erhielten, stieg von 15,9 Prozent in der Kontrollgruppe auf 61,5 Prozent in der Interventionsgruppe. Überprüfungen ergaben, dass die Mundpflege durchschnittlich 1,5 Mal täglich durchgeführt wurde. Die Teilnahme an der Intervention ging mit einer statistisch signifikanten Reduktion des Risikos für nosokomiale Pneumonie einher. Die Inzidenz sank von 1,00 auf 0,41 Fälle pro 100 stationäre Behandlungstage – was einer Reduktion von etwa 60 Prozent entspricht.

Mundhygiene ist bedeutsam für die Infektionsprävention

Mit Blick auf die Zukunft erklärte Mitchell: „Die Leitlinien erkennen bereits die Bedeutung der Mundpflege bei der Prävention von nosokomialer Pneumonie an, doch die Evidenz für diese Empfehlungen war bisher begrenzt. Unsere Studie liefert nun aussagekräftige Erkenntnisse aus dem Krankenhausumfeld. Der nächste Schritt besteht darin, besser zu verstehen, wie strukturierte Programme effektiv implementiert und auf allen Krankenhausstationen nachhaltig etabliert werden können.“

Hier geht’s zur HAPPEN-Studie.

Bei Nierenschwäche sollte frühzeitig zum Zahnarzt überwiesen werden

Eine Niereninsuffizienz hat bereits in frühen Stadien signifikante Auswirkungen auf die Mundgesundheit. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie unter Leitung von Zahnmedizinern und Medizinern der RWTH Aachen. Deshalb sollten Nephrologen und Zahnärzte frühzeitig interdisziplinär zusammenarbeiten.

Die oralen Schäden im Endstadium einer chronischen Nierenerkrankung (Stadium 5) sind bereits von zahlreichen Studien untersucht worden. Für die früheren Phasen der Erkrankung wurde der Schwergrad der Mundgesundheitsprobleme hingegen noch nicht systematisch analysiert, schreiben die Autoren einer vor Kurzem im „International Dental Journal“ erschienenen Studie zu oralen Folgen der chronischen Nierenerkrankung.

Diese Lücke soll nun geschlossen werden – insbesondere im Hinblick auf die notwendige interdisziplinäre Zusammenarbeit von Nephrologen und Zahnmedizinern bei betroffenen Patienten. Ziel der Arbeit war es, orale Parameter in den Erkrankungsstadien 1–4 zu evaluieren, um frühzeitige degenerative Prozesse zu erkennen und Grundlagen für nierenspezifische Zahnbehandlungen zu schaffen.

Signifikante Veränderungen in der Mundhöhle

Die Autoren führten eine Literaturrecherche in den Datenbanken PubMed, Web of Science, ClinicalTrials.gov und Cochrane bis Juni 2025 durch. Aus 1.584 Treffern wurden 24 Studien in die quantitative Metaanalyse eingeschlossen. Die Auswertung zeigte signifikante Defizite bei Niereninsuffizienz-Patienten im Vergleich zu Gesunden:

  • Zahnbeläge: Betroffene wiesen eine deutlich stärkere Plaque- und Zahnsteinakkumulation auf.
  • Entzündungen: Es zeigte sich eine ausgeprägte Zahnfleischentzündung mit erhöhten Werten im Gingiva-Index und vermehrter Blutung bei Sondierung (Bleeding on Probing, BOP).

  • Speichel: Patienten hatten einen signifikant höheren Speichel-pH-Wert bei gleichzeitig stark reduzierter Speichelflussrate.

Orale Schäden frühzeitig behandeln

Im Ergebnis stellen die Autoren fest: „Es besteht ein starker Zusammenhang zwischen chronischer Nierenerkrankung (CKD) im Früh- und Spätstadium und verstärkter oraler Entzündung, Plaquebildung und reduzierter Speichelflussrate“. Sie empfehlen eine frühzeitige zahnmedizinische Integration in die Behandlung: „Um eine Verschlechterung der Zahngesundheit dieser Patienten zu verhindern, ist eine frühzeitige Überweisung an einen Zahnarzt im Verlauf der Erkrankung unerlässlich. Basierend auf dem Wissen über die Auswirkungen der CKD auf die Mundgesundheit wird der Zahnarzt anschließend ein individuelles Kontrollintervall für den jeweiligen Patienten festlegen“.

Niederau C. et al., Oral Health in Early and Advanced Stages (1-4) of Chronic Kidney Disease: A Systematic Review and Meta-Analysis, International Dental Journal, Volume 76, Issue 4, 2026, ISSN 0020-6539, https://doi.org/10.1016/j.identj.2026.109610

Xerostomie

DGIM 2026: Trockener Mund – Wann Xerostomie klinisch relevant ist

Der trockene Mund zählt zu den häufigsten Leitsymptomen in der klinischen Praxis. Die Ursachen reichen von funktionellen Beschwerden bis zu Autoimmunerkrankungen. Entscheidend ist die klare Trennung zwischen subjektiver Xerostomie und objektivierbarer Hyposalivation.

Xerostomie als subjektives Symptom

Der Begriff Xerostomie beschreibt ausschließlich das subjektive Empfinden eines trockenen Mundes. Dieses Symptom ist häufig und betrifft in Bevölkerungsstudien etwa zwanzig Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Entscheidend ist, dass dieses Empfinden nicht zwingend mit einer verminderten Speichelproduktion einhergeht.
Subjektive Beschwerden und objektive Messwerte zeigen nur eine schwache Korrelation, sodass eine alleinige Symptombeschreibung für die ätiologische Einordnung nicht ausreicht.

Objektivierung der Speichelproduktion

Zur Differenzierung zwischen subjektiver Xerostomie und einer tatsächlichen Hyposalivation ist die Messung der Speichelflussrate erforderlich. In der klinischen Praxis kann dies mithilfe eines standardisierten Kautests erfolgen. Als Orientierungswert gelten etwa 3,5 g Speichel innerhalb von zwei Minuten als normal.
Untersuchungen zeigen, dass ein relevanter Anteil symptomatischer Patienten eine normale Speichelproduktion aufweist, während umgekehrt eine objektive Hyposalivation auch ohne ausgeprägte Beschwerden bestehen kann. Symptomatik und Messwert müssen daher unabhängig voneinander bewertet werden.

Häufige Ursachen in der Versorgung

Funktionelle und psychosomatische Faktoren

In der Mehrzahl der Fälle liegt keine organische Erkrankung zugrunde. Häufige Auslöser sind Stress, depressive Erkrankungen oder vegetative Dysregulationen. Die Mundtrockenheit ist dabei oft Teil eines generalisierten Trockenheitsgefühls mit begleitenden Symptomen wie trockenen Augen oder Fatigue.

H3 Medikamente und Allgemeinerkrankungen

Eine echte Reduktion der Speichelproduktion findet sich häufig unter medikamentöser Therapie, insbesondere bei

Auch Polypharmazie im höheren Lebensalter stellt einen relevanten Risikofaktor dar.

Sjögren-Syndrom als Differenzialdiagnose

An ein Sjögren‑Syndrom sollte bei persistierender Mundtrockenheit in Kombination mit trockenen Augen oder systemischen Beschwerden gedacht werden. Die serologische Diagnostik umfasst insbesondere Autoantikörper gegen SSA/Ro und SSB/La. Ein relevanter Anteil der Patienten bleibt seronegativ. In diesen Fällen kann eine Speicheldrüsenbiopsie zur Diagnosesicherung beitragen. Aufgrund der begrenzten Spezifität muss der histologische Befund stets im klinischen Kontext interpretiert werden.

Therapeutische Konsequenzen

Allgemeinmaßnahmen

Unabhängig von der Ursache profitieren viele Patienten von Basismaßnahmen, darunter:

  • ausreichende Flüssigkeitszufuhr,
  • Meiden trockener Raumluft,
  • regelmäßiges Kauen zur Speichelstimulation,
  • konsequente Mund- und Zahnhygiene mit zahnärztlicher Kontrolle.

Xerostomie ist mit einem erhöhten Risiko für Karies und orale Infektionen assoziiert.

Medikamentöse Therapie beim Sjögren-Syndrom

Bei gesichertem Sjögren‑Syndrom stellt Pilocarpin die bislang wirksamste symptomatische Therapie dar. Als muskarinerger Agonist steigert es die Speichelproduktion deutlich, erfordert jedoch aufgrund möglicher cholinerger Nebenwirkungen ein langsames Auftitrieren.
Immunsuppressiva, einschließlich DMARDs, zeigten bislang keinen konsistenten Effekt auf die Drüsenfunktion.

Perspektiven zukünftiger Therapien

Neue Therapieansätze zielen auf die B‑Zell‑Modulation, da diese eine zentrale Rolle in der Pathogenese des Sjögren‑Syndroms spielt. In aktuellen Studien zeigten selektierte Patientengruppen mit erhaltener Restdrüsenfunktion Verbesserungen der Speichelproduktion. Eine Zulassung neuer Substanzen wird erwartet.

Fazit für die Praxis

Die Xerostomie ist ein häufiges, jedoch unspezifisches Symptom. Entscheidend ist die strukturierte Abklärung mit klarer Trennung zwischen subjektiver Beschwerde und objektiver Hyposalivation. Funktionelle Ursachen und Medikamente stehen im Vordergrund, während das Sjögren‑Syndrom nur bei passender Klinik gezielt abgeklärt werden sollte. In vielen Fällen führen bereits Basismaßnahmen zu einer relevanten Symptomlinderung.

Alkoholabhängigkeit und Adipositas

Studie: Semaglutid senkt Alkoholkonsum deutlich

Eine wöchentliche Semaglutid-Injektion konnte in einer randomisierten Studie aus Dänemark den Alkoholkonsum bei Menschen mit Alkoholabhängigkeit und Adipositas deutlich senken: Unter Semaglutid reduzierte sich „die Anzahl der Tage mit starkem Alkoholkonsum in den letzten 30 Tagen um durchschnittlich etwa 12 Tage“, teilt der Elsevier Verlag (London) mit, der die Studie im Fachblatt The Lancetveröffentlicht hat.

In der Placebo-Gruppe betrug die beobachtete Reduzierung den Angaben zufolge etwa acht Tage. Die Studie mit 108 Erwachsenen mit Adipositas, die sich wegen Alkoholabhängigkeit in Behandlung begeben hatten, fand in einem Zentrum für psychische Gesundheit in Dänemark statt. Allen Teilnehmern wurde zudem eine kognitive Verhaltenstherapie angeboten. Jeweils die Hälfte der Teilnehmer erhielt eine wöchentliche Dosis Semaglutid oder ein Placebo. Die Studie ist laut Verlag die erste randomisierte kontrollierte Studie, die untersucht, ob GLP-1-Präparate den Alkoholkonsum bei Patienten mit Adipositas senken können, welche sich wegen einer Alkoholabhängigkeit in Behandlung begeben.

Ergebnis: Deutlicher Unterschied

Zu Beginn der Studie hatten die Patienten in den letzten 30 Tagen durchschnittlich 17 Tage mit starkem Alkoholkonsum, so der Verlag. Nach sechs Monaten zeigte sich ein deutlicher Unterschied: In der Semaglutid-Gruppe wurde im Durchschnitt an etwa fünf Tagen von 30 Tagen stark getrunken. In der Placebo-Gruppe waren es neun Tage. Zudem hatten die Teilnehmer zu Beginn der Studie im Durchschnitt etwa 2200 g Alkohol in den vorangegangenen 30 Tagen konsumiert, was nach sechs Monaten unter Semaglutid auf etwa 650 g/30 Tage und unter Placebo auf 1175 g/30 Tage sank.

Einschränkung: kleine Studie

Die Autoren weisen dem Verlag zufolge auf „wichtige Einschränkungen“ wie die geringe Teilnehmerzahl und das Fehlen einer Nachbeobachtung hin. Dennoch zeige die – unter anderem vom dänischen Pharmaunternehmen Novo Nordisk finanzierte – Studie „die wachsende Evidenz für den Einsatz von GLP-1-Analoga bei Alkoholabhängigkeit“, von der angesichts der weltweiten Prävalenz von Alkoholabhängigkeit und Adipositas potenziell Millionen Menschen weltweit betroffen seien.

Originalpublikation:

Mette Kruse Klausen et al., Once-weekly semaglutide versus placebo in patients with alcohol use disorder and comorbid obesity: a randomised, double-blind, placebo-controlled trial (https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(26)00305-3/fulltext)

Neue Leitlinie zu Zahnimplantaten bei antiresorptiver Therapie

Es gibt eine neue S3-Leitlinie „Zahnimplantate bei medikamentöser Behandlung mit Knochenantiresorptiva (inkl. Bisphosphonate)“. Die nun vorliegende Fassung adressiert den beteiligten Fachgesellschaften zufolge eine „bislang bestehende Lücke im Bereich der kaufunktionellen Rehabilitation“.

Die Leitlinie richtet sich neben den betroffenen Patienten an Zahnärzte, Zahnärzte mit Tätigkeitsschwerpunkt Implantologie, Fachzahnärzte für Oralchirurgie sowie Fachärzte für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie. Federführende Fachgesellschaften sind die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) und die Deutsche Gesellschaft für Implantologie im Zahn-, Mund- und Kieferbereich (DGI).

Ziel der überarbeiteten Handlungsempfehlungen ist es laut den Fachgesellschaften, „einen therapeutischen Korridor für den praktisch tätigen Implantologen zu formulieren, indem Bereiche soliden und abgesicherten Wissens beschrieben werden und andererseits Bereiche offengehalten werden, in denen bislang noch keine definitive Stellungnahmen formuliert werden können, da die wissenschaftliche Datenlage unzureichend ist“.

Nichts Neues, aber mehr Evidenz

Nach aktualisierter Literaturrecherche sind die Empfehlungen der Leitlinie nun „durch deutlich mehr Evidenz gestützt als dies bei der ersten Version der Fall war“, schreiben die Autoren. Praktische Folgen hat das aber nicht: „Selbst vor dem Hintergrund dieser stärkeren Evidenz ergeben sich keine relevanten inhaltlichen Änderungen in den Empfehlungen und Statements“.

Zur Leitlinie:

S3-Leitlinie Zahnimplantate bei medikamentöser Behandlung mit Knochenantiresorptiva (inkl. Bisphosphonate)

 

Darmkrebs-Screening: Hat die Koloskopie ausgedient?

Sowohl die Koloskopie als auch der FIT (fäkaler immunchemischer Test) sind etabliertere Screening-Werkzeuge für die Früherkennung eines kolorektalen Karzinoms. Ob der FIT die Darmspiegelung in einer älter werdenden Bevölkerung womöglich künftig ersetzen könne, darüber sprach Prof. Christian Pox aus Bremen beim diesjährigen DGIM-Kongress in Wiesbaden.

Erfahrungsgemäß ist die Akzeptanz der Darmspiegelung in der Bevölkerung nicht sonderlich hoch und begegnet immer wieder Vorbehalten, weswegen der FIT (fäkaler immunchemischer Test) als Alternative angeboten wird. Und auch vor dem Hintergrund einer alternden Bevölkerung sowie den Überlegungen, das Alter für Darmspiegelungen zu Vorsorgezwecken auf 45 Jahre zu senken, gewinnt der FIT – auch iFOBT (immunological Faecal Occult Blood Test) genannt – an Bedeutung.

Die COLONPREV-Studie aus dem vergangenen Jahr, publiziert in The Lancet, verglich aus diesem Grund die Vorsorge-Koloskopie mit der alle zwei Jahre durchgeführten FIT über 10 Jahre (5 Tests). „Die Ergebnisse der Studie sind nicht so berauschend“, leitete Prof. Pox, der auch an der Erstellung der Leitlinie zum Kolorektalen Karzinom beteiligt war, seinen Vortrag ein.

In die Studie wurden 57.404 Patientinnen und Patienten zwischen 50 und 69 Jahren aus Spanien eingeschlossen und auf zwei Gruppen randomisiert, die entweder zur Koloskopie oder zum FIT eingeladen wurden. Von diesen nahmen 31,1 Prozent die Einladung zu einer Darmspiegelung wahr, 39,9 Prozent unterzogen sich den regelmäßigen FIT.

Non-Inferiority des FIT

  • Es zeigte sich, dass der FIT der Koloskopie nicht unterlegen war.
  • Durch die Koloskopie wurden 68,6 Prozent der entdecken Tumore im Stadium 1 diagnostiziert, mithilfe des FIT waren es 52,8 Prozent. „Beim FIT wurden die Tumore also erst in weiter fortgeschrittenen Stadien entdeckt“, betont der Gastroenterologe.
  • In der Koloskopie-Kohorte konnten ferner mehr Vorläuferläsionen gefunden werden.
  • Die Inzidenz eines KRK betrug in der Koloskopie-Gruppe 0,85 Prozent, wohingegen sie in der FIT-Gruppe bei 1,28 Prozent lag.
  • Teilnehmende der Koloskopie-Gruppe hatten in der per-Protokoll-Analyse – also in der Gruppe derjenigen, die das Studienprotokoll vollständig eingehalten hatten – eine KRK-assoziierte 10-Jahres-Mortalität von 0,02 Prozent, die der FIT-Kohorte betrug 0,11 Prozent.
  • Die Komplikationsrate betrug 1,1 Prozent nach Darmspiegelung und 0,8 Prozent nach FIT.

Pox setzt ein Zwischenfazit: Der populationsbedingte Effekt von FIT und Koloskopie auf die KRK-bedingte Mortalität und Inzidenz sei weitgehend vergleichbar. Die per-Protokoll-Analyse zeige jedoch Vorteile für die Mortalität und Inzidenz, wobei der Vorteil durch die bessere Teilnahmerate beim FIT-Screening aufgehoben werde. Das zeige sich auch in einem Modellversuch von Seergev et al., der ein Mehrstufen-Simulationsmodell verwendete, um die Effektivität der Screeningverfahren zu vergleichen. Mit dem Ergebnis: Beide in Deutschland angebotenen Verfahren seien hochwirksam und ähnlich effektiv.

Was heißt das für die Praxis? 

Die Koloskopie alleine erreiche nie ausreichend Menschen, um einen schützenden Effekt zu erreichen. Daher seien die Empfehlungen der Leitlinie – eine Koloskopie alle zehn Jahre oder FIT alle ein bis zwei Jahre – ein zielführender Weg. Zumal: „Irgendwann wird der FIT schließlich positiv und dann folgt die Darmspiegelung.“

Auch die NordICC-Studie spreche für eine Darmspiegelung, da sie eine 30-prozentige Reduktion der Inzidenz des KRK nachweisen konnte. Außerdem sei seit Einführung des Koloskopie-Screenings die Inzidenz des KRK um 30 Prozent gesunken und auch die Sterberate konnte deutlich reduziert werden.

Zusammenfassung

Zusammenfassend betonte Pox: „Die Koloskopie ist weiterhin zeitgemäß“, auch wenn die Effekte von FIT und Koloskopie nach zehn Jahren weitgehend vergleichbar seien. Denn abgesehen davon, dass die per-Protokoll-Analyse Vorteile hinsichtlich Mortalität und Inzidenz zeigte, habe die Koloskopie auch die höchste Sensibilität und Spezifität für Neoplasien. Ferner sehe man den Vorteil eines längeren Wiederholungsintervalls – womöglich sogar nur alle 15 Jahre –, denn an die Wiederholung des FIT alle zwei Jahre müsse auch gedacht werden. Noch sei zudem nicht klar, ob der FIT eine Möglichkeit der Primärprävention biete. Im Gegensatz zur Darmspiegelung sei ein primärpräventiver Effekt dort eindeutig nachgewiesen.

Sinnvoll, so Pox, ist das Angebot beider Verfahren, denn am Ende sei die Teilnahmerate von entscheidender Bedeutung. „The best screening is the one that gets done“, sagte der Professor zu Abschluss des Vortrags.

 

Vortrag „Ist die Koloskopie noch zeitgemäß?“, 132. Kongress der DGIM, 18. bis 21. April, Wiesbaden. 

Thiamazol löst schwere orale Komplikation aus

Thiamazol ist ein etabliertes Thyreostatikum mit bekanntem Risiko für hämatologische Nebenwirkungen, insbesondere Agranulozytose. Während systemische Manifestationen gut beschrieben sind, werden orale Komplikationen nur selten berichtet. Der Fallbericht einer 42-jährigen Patientin, die beinahe einige Zähne verloren hätte, zeigt jedoch die Relevanz der Kenntnis.

Eine 42-jährige Patientin aus Tunesien stellt sich in der Abteilung für Oralmedizin und Oralchirurgie mit kürzlich aufgetretenen Läsionen am Zahnfleisch sowie einem weißlichen Belag am harten Gaumen vor. Sie berichtet über plötzlich einsetzende, stark schmerzhafte Wunden mit brennendem Charakter (VAS 8/10), Parästhesien der Oberlippe sowie deutlicher Einschränkung von Kauen und Schlucken. Drei Monate zuvor war eine thyreostatische Therapie mit Thiamazol begonnen worden, ferner nimmt sie aufgrund von Vorhofflimmern Betablocker und Marcumar ein.

Ausgeprägte Stomatitis und geschwollene Lymphknoten

Bei der Untersuchung zeigen sich livide, hämorrhagisch imponierende Areale der Gingiva – vereinbar mit einer möglichen Überantikoagulation unter Vitamin-K-Antagonisten – sowie nekrotische Ulzerationen im Eckzahn- und Prämolarenbereich des Oberkiefers. Ferner ist ein submandibulärer lymphknoten deutlich vergrößert. Traumatische Ursachen werden verneint.

Differenzialdiagnostisch erwägen die Behandelnden initial eine invasive infektiöse Stomatitis oder einen neoplastischer Prozess. Daher erfolgen umgehend ein großes Blutbild und eine Biopsie. Nach Rücksprache mit den behandelnden Fachärzten werden sowohl die Antikoagulation als auch Thiamazol pausiert, zusätzlich erhält die Patientin Analgetika, eine antiseptische Mundspülung mit Chlorhexidin sowie eine antibiotische Therapie mit Amoxicillin.

Fortschreitende Nekrose legt den Knochen frei

Fünf Tage später kommt es zur Progression mit freiliegendem Knochen im anterioeren Oberkiefer, bedingt durch die fortschreitende Gingivanekrose. Die Panoramaschichtaufnahme zeigt keine weiteren ossären Auffälligkeiten und auch eine CT-Untersuchung schließt eine knöcherne Destruktion im Bereich von Kieferhöhle oder Nasenboden aus. Histopathologisch finden sich weder Pilzhyphen noch granulomatöse oder vaskulitische Veränderungen, jedoch eine unspezifische ulzerierende Entzündungsreaktion. Parallel tritt eine schmerzhafte, nicht heilende Hautulzeration mit zentraler Nekrose am rechten Unterarm auf.

Das Blutbild zeigt eine ausgeprägte Neutropenie (Leukozyten 2.000/µL, absolute Neutrophilenzahl 380/µL), HIV- und Syphilis-Serologien sind allerdings negativ. Immunologisch werden ANCA-Antikörper (anti-MPO, anti-PR3) nachgewiesen, ohne korrelierende histologische Vaskulitiszeichen. Ferner sind erhöhte Anti-Thyreoperoxidase-Antikörper zu finden, vereinbar mit einer autoimmunen Thyreoiditis.

Die Befunde sprechen für eine medikamenteninduzierte neutropenische Gingivaulzeration unter Thiamazol. Das Thyreostatikum wird endgültig abgesetzt und durch Propylthiouracil ersetzt, wodurch sich innerhalb von fünf Tagen eine deutliche Erholung der Neutrophilenzahl zeigt.

Die Behandelnden leiten nun eine systemische Kortikosteroidtherapie mit Prednison ein. Die kutane Ulzeration wird lokal antiseptisch behandelt und heilt unter Normalisierung der Neutrophilenwerte sukzessive ab.

Langsame Heilung

Nach drei Wochen sind in Form von itraoralem Granulationsgewebe erste Anzeichen der Heilung zu erkennen, jedoch bei persistierender Lockerung Grad I im Frontzahnbereich – eine parodontalchirurgische Therapie mit Bindegewebstransplantat und koronaler Verschiebelappenplastik wird durchgeführt.  Im weiteren Verlauf nach acht Monaten ist die Patientin mit dem Heilungsverlauf zufrieden (Anm: Originalbilder sind in der Publikation zu finden).

Hintergrund: Nektotisierende Stomatitis durch Thiamazol

Thiamazol ist ein etabliertes Thyreostatikum zur Behandlung der Hyperthyreose, das jedoch in seltenen Fällen mit schweren Nebenwirkungen wie Agranulozytose assoziiert ist. Orale Manifestationen sind selten und werden den Autoren zufolge häufig fehlinterpretiert. Im vorliegenden Fall kam es zu einer ausgeprägten nekrotsierenden Stomatitis mit Knochenbeteiligung.

Als Risikofaktoren für eine antithyreotikainduzierte Agranulozytose gelten unter anderem höheres Lebensalter, weibliches Geschlecht, der Zeitraum seit Therapiebeginn sowie genetische Prädispositionen. Besonders häufig tritt die Agranulozytose in den ersten Wochen bis drei Monaten nach Therapiebeginn auf. Auch bestimmte HLA-Allele (HLA-B38:02 oder HLA-B27:05) wurden mit einer erhöhten Anfälligkeit in Verbindung gebracht.

Pathophysiologisch werden zwei Mechanismen diskutiert:

  • Direkte zytotoxische Effekte, vermittelt über oxidative Metaboliten (Myeloperoxidase- und Cytochrom-P450-System), die eine Apoptose von Neutrophilen induzieren können.
  • Immunvermittelte Prozesse mit Bildung von ANCA-Antikörpern gegen neutrophile Granulozyten.

Die ANCA-Positivität (anti-MPO, anti-PR3) der Patientin unterstützt den immunologischen Mechanismus, auch wenn histologisch keine Vaskulitis nachweisbar war. Vergleichbare Konstellationen sind in der Literatur beschrieben, schreiben die Autorinnen und Autoren.

Die initiale klinische Präsentation ähnelte verschiedenen Differenzialdiagnosen, darunter die nekrotisierende ulzerierende Gingivitis, invasive Infektionen oder maligne Prozesse.

Therapeutisches Vorgehen

Die zentrale Maßnahme ist das sofortige Absetzen des auslösenden Medikaments. Die Kausalitätsbewertung kann mithilfe standardisierter Instrumente wie der Naranjo-Skala oder des WHO-UMC-Systems erfolgen – im vorliegenden Fall ergab sich dem Autorenteam zufolge eine „wahrscheinliche“ Arzneimittelreaktion. Eine erneute Exposition ist bei schweren Reaktionen unbedingt zu vermeiden.

Begleitend sind eine systemische antibiotische Therapie, antiseptische Mundspülungen, konsequente Plaquekontrolle sowie eine suffiziente Schmerztherapie erforderlich. Die systemische Korrektur der Neutropenie besitzt außerdem oberste Priorität. Zudem sind engmaschige klinische Kontrollen notwendig, um sekundäre Infektionen frühzeitig zu erkennen.

Sensibilisierung für seltene Nebenwirkung

Der Fall unterstreicht die Bedeutung einer hohen diagnostischen Wachsamkeit bei ungeklärten Gingivanekrosen. Bei Patientinnen und Patienten unter thyreostatischer Therapie können orale Läsionen ein erstes Warnsignal darstellen. Eine frühzeitige Erkennung und eine multidisziplinäre Behandlung sind entscheidend, um schwere Komplikationen zu vermeiden, mahnen die Autorinnen und Autoren. Sie plädieren daher für eine engmaschige klinische Überwachung bei Verwendung von Thiamazol und sensibilisieren insbesondere Zahnärztinnen und Zahnärzte für diese seltene, aber relevante Differenzialdiagnose.

 

Originalpublikation:
Medhioub, H., Belkacem, R., Bouslama, G. et al. From antithyroid therapy to oral necrosis: oral manifestations of methimazole-induced agranulocytosis: a case report. J Med Case Reports (2026). https://doi.org/10.1186/s13256-026-05880-9

 

Neue Leitlinie: Intraoralscan in der Zahnmedizin

Es gibt eine neue Leitlinie zu „Intraoralscan in der Zahnmedizin“. Sie soll der Definition von prinzipiellen Rahmenbedingungen bei der Anwendung von Intraoralscannern innerhalb der Zahnmedizin und der Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie dienen und dazu auch konkrete Handlungsempfehlungen aufzeigen.

Die von der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) herausgegebene Leitlinie auf S2k-Niveau richtet sich vornehmlich an Zahnärzte, Fachzahnärzte aller Fachdisziplinen, Ärzte für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie sowie Zahntechniker und Zahnmedizinische Fachangestellte. Patientenzielgruppe sind sowohl Erwachsene als auch Kinder und Jugendliche.

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick (im Wortlaut der Leitlinie):

Empfehlung 1 (neu/2025): Folgende klinische Parameter sollten während des Scanvorgangs beachtet werden, da sie die Qualität des Scanergebnisses positiv beeinflussen:

  • Trockenes Arbeitsumfeld
  • Vermeidung von Streulicht
  • Ausreichende Mundöffnung
  • Adäquate Sichtbarkeit relevanter Strukturen (z. B. Präparationsgrenze)
  • Adäquate Scanbarkeit/Zugänglichkeit relevanter Strukturen (z. B. Approximalbereiche, Scanbodys, Zahnersatz-Materialien)

Empfehlung 4 (neu/2025): Anwender sollten sich bei der Wahl des Intraoralscanners hinsichtlich der Leistungsfähigkeit und Möglichkeiten der Datenweiterverarbeitung ausführlich informieren.

Statement 3 (neu/2025): Bei der Anwendung von Intraoralscannern gelten dieselben Anforderungen an die Ergebnisqualität der Arbeitsunterlagen wie für analoge Abformungen.

Empfehlung 11 (neu/2025): Für die Qualität des Endergebnisses einer zahnärztlichen Behandlung auf Basis eines Intraoralscans sind neben dem grundlegenden Intraoralscan auch die Qualität der Schnittstellen sowie die Leistungsfähigkeit der weiterführenden Technologien entscheidend und sollten kritisch geprüft werden.

Zur Leitlinie:

S2k-Leitlinie „Intraoralscan in der Zahnmedizin“